Früher war er bloß ein Ärgernis, heute weiß unsere Autorin: Der weibliche Zyklus ist beeindruckend. Ein Tagebuch von Blutung bis Blutung.

Text
Lissi Pörnbacher 

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Jen Lewism
»The Beauty in Blood«

Ich wusste, sie würde kommen. In den vergangenen Tagen hat sie sich überdeutlich angekündigt: Auf meiner Haut malten Pickel ein impressionistisches Bild. Ich fühlte mich aufgebläht und unzufrieden. Mein Freund seufzte ein paar Mal genervt, weil ich ihn mit zweifelnden Fragen zu unserer Beziehung löcherte. Ich hätte also ahnen müssen, dass bald der erste Tag meiner Periode anbrechen würde. Und dennoch bin ich, so wie jeden Monat aufs Neue, überrascht von der Blutung. Das liegt daran, dass ich mich nie groß mit meinem Zyklus beschäftigt hatte – höchstens, wenn meine Tage sich verspäteten, um dann endlich mit einer Welle der Erleichterung meine Unterwäsche zu ruinieren.

Damit bin ich nicht alleine. Nichtwissen über die Menstruation scheint beinahe so verbreitet wie Nichtwissen über Quantenmechanik. Und mit ihm etliche Mythen und Vorurteile: Menstruierende Menschen würden Bären anlocken oder Haie (und nein, auch im Fall der Haie gibt es dazu keine aussagekräftigen Daten). Menstruationsblut sei giftig, darum würden Blumen schneller verwelken, wenn menstruierende Personen in der Nähe wären. Der römische Gelehrte Plinius der Ältere schrieb sogar, Bäume, auf denen menstruierende Frauen saßen, würden ihre Früchte verlieren, der Glanz von Spiegeln werde durch ihren Blick matt und Hunde, die Menstruationsblut lecken, würden wütend und ihre Bisse giftig. Ein Vorurteil hält sich besonders hartnäckig: Kurz vor der Menstruation seien Betroffene übel gelaunt, genervt, gereizt oder ständig am Heulen. Verantwortlich dafür sind angeblich: die Hormone.

Kein Wunder also, dass am Anfang dieses Textes die Frage stand: Transformiere ich mich im Laufe meines Zyklus wirklich in ein unzufriedenes, emotional unausgeglichenes Wesen – und machen mich die Hormone dazu?

Ich setze mir ein Ziel: In den kommenden vier Wochen will ich meinen nächsten Zyklus beobachten, mir anschauen, wie meine Leistung und meine Stimmungen sich ändern. Ich will aufschreiben, was mir auffällt, mit Expertinnen sprechen und verstehen.

Tag 1: Schon bevor ich am Morgen einen Fuß auf den Boden setze, weiß ich, es ist so weit. Meine Beine schmerzen, als würden sie zusammengepresst. Mein Unterleib krampft. Mir ist schlecht. Tag 1 ist angebrochen und ich würde mich am liebsten verkriechen. Dabei hatte ich mir etwas Schönes vorgenommen: Ich wollte durch die Stadt spazieren und meinen letzten Urlaubstag in Norwegen genießen. Ich zwinge mich zum Spazier-Teil. Der Genuss bleibt aus. Ich hasse Reisen, wenn ich meine Tage habe.

Nichtwissen über die Menstruation scheint beinahe so verbreitet wie Nichtwissen über Quantenmechanik.

Tag 2: Damit ich das Auf und Ab meiner Hormone verstehen kann, muss ich einen Schritt zurückgehen: Was genau passiert eigentlich im Körper während meines Menstruationszyklus? (Alle, die ihren Zyklus bereits gut kennen und wissen, wie er abläuft, können bei Tag 4 weiterlesen.)

Der Zyklus beginnt mit Tag 1 der Regelblutung und dauert ungefähr 28 Tage. Es gibt auch längere und kürzere Zyklen, alles zwischen 22 und 35 Tagen gilt als normal. Das variiert nicht nur von Person zu Person – auch bei mir kann die Dauer schwanken. Mal habe ich einen 25-Tage-Zyklus, gefolgt von einem 33-tägigen. Die erste Hälfte, also typischerweise Tag 1 bis 14, heißt follikuläre Phase: In den Eierstöcken bildet sich ein Follikel, ein bläschenartiges Gebilde. Darin reift eine Eizelle heran. In der Mitte des Zyklus, also rund um Tag 14, kommt es zum Eisprung: Der Follikel platzt auf, die Eizelle löst sich heraus und wandert in den Eileiter. Wird die Eizelle befruchtet, wandert sie weiter in die Gebärmutter und nistet sich dort ein. Nach dem Eisprung beginnt mit Tag 15 bis 28 die zweite Hälfte des Zyklus, die luteale Phase: Dabei bildet sich aus dem geplatzten Follikel der Gelbkörper. Wurde das Ei nicht befruchtet, schrumpft der Gelbkörper nach und nach. Die Hormone, die während des Zyklus ausgeschüttet werden, fallen dann ab. Das löst die nächste Blutung aus.

Doch der Zyklus findet nicht allein im Uterus und in den Eierstöcken statt. Er beginnt im Gehirn: Der Hypothalamus steuert die vegetativen Vorgänge im Körper. Er reguliert also, was nicht willentlich gesteuert werden kann, etwa den Schlaf-Wach-Rhythmus, die Körpertemperatur, Hunger- und Durstgefühl. Und er gibt den Takt vor für den Zyklus. Im Hypothalamus wird das Gonadotropin-Releasing-Hormon (GnRH) freigesetzt. Dieses Hormon beeinflusst wiederum die Ausschüttung eines weiteren Hormons in einem anderen Teil des Gehirns: der Hypophyse. Dort wird das follikelstimulierende Hormon (FSH) freigesetzt. Dank FSH beginnt ein Follikel zu wachsen. Und während er wächst, produziert er Östrogen. Bis zur Zyklusmitte steigt der Östrogenspiegel an und löst eine Kaskade von Reaktionen im Körper aus.

Tag 4: Die Blutung lässt nach und ich bin motiviert, rauszugehen. Mit leichten Schritten laufe ich durch den Wald und fühle mich stark. Die Schmerzen sind vorüber und die besten Tage meines Zyklus liegen vor mir. Und die sind aufregend: Alltägliches langweilt mich schnell und ich habe den Drang, Neues zu erleben. Ich höre nur Songs, die ich noch nicht kenne. Ich sehne mich nach Berggipfeln, weil sich von dort ganz automatisch die Perspektive ändert. Wäre die Zeit nach der Blutung bis zum Eisprung eine Jahreszeit, dann wäre sie der Frühling.

Von diesen Jahreszeiten lese und höre ich in Podcasts, bei TED Talks, auf Yogawebseiten, Frauenblogs und in jeder Menge Büchern. Ich frage Ärztinnen danach, sie sagen, es könne durchaus sinnvoll sein, jede Zyklusphase einer Jahreszeit zuzuordnen. Doch dürfe man dabei nicht aus den Augen verlieren, dass jeder Zyklus anders ist. Grob orientiert sich die Jahreszeitenidee nach dem Auf und Ab der Hormone: Im Winter sind die Hormonlevel niedrig, das ist die Zeit der Regelblutung, eine Zeit des Rückzugs, der Ruhe. Danach steigen FSH, das luteinisierende Hormon (LH) und Östrogen an, bis sie um Tag 14 ihren Höhepunkt erreichen. Es kommt der Frühling, die Zeit des Wachstums, der guten Laune, des Neubeginns. Nach dem Eisprung fallen diese drei Hormone ab. Östrogen steigt wieder leicht an und ein anderes Hormon nähert sich seinem Höhepunkt: Progesteron. Sommer. Und dann, wie gesagt, fallen wenige Tage vor der Regelblutung alle Hormonspiegel ab, das ist der Herbst.

Tag 8: Der Frühling ist wunderbar. Beim Bergsteigen hänge ich meine Begleiter ab. Die Anstrengung, die sich auf ihren Gesichtern abzeichnet, bleibt mir fremd.

Tag 10: Die vergangenen Tage über habe ich mich durch ungezählte Seiten gelesen und ich frage mich, wie ich so lange ohne dieses Wissen über meinen Zyklus überleben konnte. Und ich spreche mit einer ersten Expertin: Bettina Böttcher ist Oberärztin an der Universitätsklinik für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin in Innsbruck und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologische Endokrinologie und Fortpflanzungsmedizin. Sie gibt mir kurze Steckbriefe zu den Hauptdarstellerinnen im Zyklus: Östrogen, Progesteron und auch Testosteron.

»Östrogen ist zuständig für gesunde und starke Knochen, Gefäße, Haut und Haare«, sagt Böttcher. Und es unterstützt das Wachstum von Gebärmutterschleimhaut, Labien (auch bekannt als Vulvalippen), Milchgängen und Muskeln. Es macht uns Frauen verführerisch, fürsorglich, es sorgt für gute Stimmung.

Östrogen wirkt als Antistresshormon, es lässt kleinere Konflikte abperlen, lese ich in dem Buch Moody Bitches: Die Wahrheit über die Pillen, die wir nehmen, den Schlaf, der uns fehlt, den Sex, den wir vermissen, und was uns wirklich verrückt macht der Psychiaterin Julie Holland. Und es wirke auf den Neurotransmitter Serotonin: »Alles, was den Östrogenspiegel beeinflusst, hat Auswirkungen auf den Serotoninspiegel.« Dass Serotonin auf Schwankungen der Geschlechtshormone reagieren könnte, lese ich auch in einem Forschungsbericht vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften von 2016: Die Wissenschaftlerinnen fanden, dass mit dem Abfall des Östrogenspiegels ein Enzym ansteigt, das vor allem Serotonin abbaut. Und Serotonin ist besonders wichtig für die Stimmung und zum Abfedern von Stresssituationen. Ein Ungleichgewicht im Serotoninhaushalt wird als Ursache für Depressionen angenommen.

Gemeinsam mit dem Östrogenspiegel steigt auch der Testosteronspiegel an, allerdings in geringerem Maß. »Testosteron lässt uns fokussierter arbeiten, doch ein Zuviel von dem Hormon führt zu Akne, Haarausfall oder zu vermehrter Körperbehaarung«, sagt Böttcher. Und Testosteron wirkt sich auf die Libido aus: Östrogen und Testosteron scheinen da ein unschlagbares Duo zu sein – steigen beide Hormone an, steigt auch die Lust auf Sex.

In der zweiten Zyklushälfte übernimmt ein anderes Hormon die Führung: »Progesteron sorgt dafür, dass die Gebärmutterschleimhaut stärker durchblutet wird und sich der Embryo dort einnisten kann, falls es zu einer Befruchtung kam.« Progesteron ist also notwendig, um eine Schwangerschaft aufrechtzuerhalten. Außerdem hat Progesteron einen beruhigenden Effekt, es kann auch müde machen.

»Die Hormone«, sagt Bettina Böttcher, »werden oft nur für negative Gedanken und Stimmungsschwankungen verantwortlich gemacht. Doch sie sorgen auch für Leistung und gute Laune. Wer seinen Zyklus versteht, versteht sich selbst besser und kann in verschiedenen Situationen besser für sich sorgen.«

Tag 12: Ich sitze in einem virtuellen Raum, den ich »Hormone und Zyklus« genannt habe, und spreche mit Claudia Barth. Sie sitzt in Oslo, ich in Südtirol. Sie ist im Herbst ihres Zyklus, ich gerade noch im Frühling, kurz vor dem Eisprung. Mein Östrogenspiegel nähert sich dem Höhepunkt. Und dabei passiert auch etwas in meinem Gehirn, weiß Barth. Sie ist Biologin und Neurowissenschaftlerin an der Universität in Oslo und forscht unter anderem zu hormonellen Übergangsphasen. Das sind die Phasen im Leben, in denen Hormone stark schwanken, wie etwa nach einer Schwangerschaft oder in den Wechseljahren.

In ihrer Doktorarbeit beschäftigte sich Barth mit den Auswirkungen des Zyklus auf das Gehirn. Gemeinsam mit Kolleginnen führte sie eine der ersten Studien zu diesem Thema am Menschen durch, schon vorher gab es Studien an Mäusen, danach wurden größere Studien am Menschen durchgeführt, die ähnliche Ergebnisse lieferten. Barth untersuchte damals zwei Zyklen einer 32-jährigen Frau und fand heraus: In der Zeit des Eisprungs verändert sich besonders ein Teil im Gehirn, der Hippocampus. »Der Hippocampus ist eine Hirnstruktur, die zuständig ist für die Emotionsregulation, für Lernen und Gedächtnis. Während der Ovulation findet ein Umbau im Hippocampus statt, sein Volumen nimmt zu.« Was das bedeutet, sei schwierig zu sagen, so Barth. Denn mit der Methode, mit der sie das Hirn untersuchte, lassen sich nur indirekte Rückschlüsse ziehen: »Die Auflösung der Hirnscans ist nicht hoch genug, um Einblicke auf zellulärer Ebene zu geben. Doch man kann darauf schließen, dass der Körper in der Phase der Fruchtbarkeit leistungsfähiger ist und das Lernen leichter fällt. Und dass er besonders offen ist für Signale aus der Umwelt, etwa für den Geruch des (potenziellen) Partners.«

Warum ist das so? »Es ist schwierig, einen Sinn im Auf und Ab der Hormone zu sehen, der vollständig entkoppelt wäre von der Reproduktion«, sagt Barth. »Am Ende sind wir Tiere: Wir sind stark von der Umwelt beeinflusst. Und wir sind auf Reproduktion ausgelegt.« Da wir nur für eine bestimmte Zeit fruchtbar sind, sei es umso wichtiger, in dieser Zeit den biologisch passenden Partner auszusuchen: »Wer neun Monate lang ein Kind in sich trägt, will auch sicherstellen, dass es das wert ist. Dass die Wahl des Partners eine gute Wahl ist.«

Tag 14: Östrogen sorgt dafür, dass die Ausschüttung von FSH heruntergefahren wird und dass das Level des luteinisierenden Hormons (LH) steigt. Der Anstieg von LH löst den Eisprung aus. Nach dem Eisprung fällt der Östrogenspiegel ab. Währenddessen bewirkt LH, dass aus dem geplatzten Follikel der Gelbkörper gebildet wird. Dieser produziert Östrogen und das Gelbköperhormon Progesteron.

Tag 15: Es gibt Frauen, die spüren ihren Eisprung. Ich habe nichts gespürt. Doch in den Tagen danach fällt mir auf, dass meine Körpertemperatur leicht angestiegen ist. Weil mir häufig kalt ist und ich, seit ich ein Fieberthermometer besitze, nie davor zurückschrecke, es auch zu benutzen. Meine Temperatur ist etwa einen halben Grad höher als vor meinem Eisprung. Progesteron hat diesen Effekt.

Im Podcast 28ish Days Later von India Rakusen wird Progesteron auch die »Dunkle Materie« genannt. Weil die Forschung zu dem Hormon noch relativ am Anfang steht. Und weil Progesteron eine dunkle Seite an sich zu haben scheint. Mir ist ein Vergleich in Erinnerung geblieben, den die Gynäkologin Jackie Maybin während einer Folge zieht: Sie sagt, man könne sich Östrogen wie eine Hochzeitsplanerin vorstellen: Sie sorgt für die perfekten Bedingungen, damit die Braut (also die Eizelle) das Ankleidezimmer verlässt, zum Traualtar schreitet und dort vielleicht den Bräutigam (ein Spermium) trifft.

Dagegen wäre Progesteron das Team des Hotels, in dem die Feier stattfindet: Es kümmert sich vor allem darum, dass das Zimmer für das Brautpaar gemacht ist – also darum, dass die Gebärmutter bereit ist für eine Schwangerschaft. Doch das Hotelpersonal kann auch ruppig sein oder gereizt, sagt Maybin.

»Unzufriedenheit ist ein Geschenk, ein Hinweis, ein paar dringend notwendige Veränderungen in Angriff zu nehmen.« Julie Holland

Tag 22: Ich dachte, alles wäre gut, doch dann taucht aus dem Nichts eine Frage in meinem Kopf auf. Sie hat keinen Auslöser und auch keinen Grund, ich weiß gar nicht, wie ich darauf gekommen bin, dennoch werde ich sie so schnell nicht los: Liebt er eine andere?

Die Psychiaterin Julie Holland schreibt in ihrem Buch, dass Östrogen uns anpassungsfähig macht und unsere Emotionen verschleiert. Gegen Ende des Zyklus, wenn der Östrogenspiegel sinkt, verschwindet dieser Puffer. Äußerungen gehen einem näher, man fühlt sich unruhig, nervös, unzufrieden oder traurig. Diese Gefühle sind real, schreibt Holland. Und sie haben einen Sinn: Trauer, Wut und Ärger zeigen, dass etwas nicht passt. Sie sind wie Hinweisschilder, die wir nicht übersehen oder gar mit Medikamenten bekämpfen sollten, wenn wir sie nicht brauchen. Holland schreibt: »Unzufriedenheit ist ein Geschenk, ein Hinweis, ein paar dringend notwendige Veränderungen in Angriff zu nehmen.«

Ich erzähle einem Freund von meinen Gefühlen. Er sagt: »Vermutlich brauchst du gerade Sicherheit. Du willst einfach wissen, dass er der Richtige ist.«

In der prämenstruellen Phase, wenige Tage vor der Blutung, haben 80 Prozent der Menschen, die menstruieren, körperliche und mentale Symptome. Negative Gedanken kommen auf, man hat Pickel, Krämpfe und Heißhunger auf möglichst zucker- und fetthaltiges Essen. Jedoch schwankt die Stärke dieser Symptome sehr stark. »Es ist ein Spektrum«, sagt Claudia Barth.

Etwa 20 bis 40 Prozent haben stärkere prämenstruelle Symptome und drei bis acht Prozent von Frauen leiden unter einer prämenstruellen dysphorischen Störung, einer besonders schweren Form des prämenstruellen Syndroms.

»Die Hypothese ist, dass der massive Abfall der Hormone diese Symptome hervorbringt«, sagt die Neurowissenschaftlerin. Der Körper muss sich erst auf den Hormonabfall einstellen.

Mit dem Einsetzen der Regelblutung verschwinden die Symptome des prämenstruellen Syndroms. Barth sagt: »Mir hilft es, zu wissen: Das geht vorbei.«

Meine Laune ist an ihrem Tiefpunkt – meine Hormone vermutlich auch.

Tag 23: Die Sonne scheint, aber ich will nicht rausgehen. Ich will nichts wagen, was ich nicht schon kenne. Meine Motivation zum Schreiben ist so klein, dass ich sie nicht finden kann. Meine Motivation für alles andere ist keinen Millimeter größer.

Lesen ist okay, also lese ich einen Text, der meine Stimmung zuerst deutlich hebt und mich dann nachdenklich werden lässt: In dem satirischen Essay If Men Could Menstruate stellt sich die Journalistin und Feministin Gloria Steinem die Frage: Was würde passieren, wenn plötzlich Männer menstruieren könnten und Frauen nicht? Sie schreibt: »Die Antwort liegt auf der Hand: Die Menstruation würde zu einem beneidenswerten, rühmungswürdigen, männlichen Vorgang.«

Ich muss laut lachen, als ich lese, Männer würden damit prahlen, wie lange und wie viel sie bluten, und Jungen würden das Einsetzen der Menstruation, den ersehnten Beweis der Männlichkeit, mit religiösen Ritualen feiern. Dann werde ich wütend, weil mir erst jetzt richtig bewusst wird, wie sehr wir die Menstruation verstecken und uns oft genug dafür schämen. Auch wenn es sich nicht immer so anfühlt: Nicht allein die Menstruation, sondern der gesamte Zyklus ist ein rühmungswürdiger Vorgang.

Tag 25: Ich fühle mich ausgelaugt. Meine Augenlider wiegen schwer, alle paar halbe Stunden überlege ich, ob ich noch durchhalten und meine Müdigkeit bekämpfen oder mich hinlegen soll. Dabei es ist noch nicht mal Mittag. Mein Motivationsgespräch mit mir selbst wirkt Wunder und ich gehe raus. Dass ich Laufschuhe und Joggingsachen angezogen habe, bereue ich schon nach den ersten paar Metern meines Laufs. Jeder Schritt wiegt so schwer, als wären an meinen Beinen zusätzliche Kilos versteckt. Doch ich gebe mich nicht geschlagen.

Tag 27: Ich überwinde mich, klettern zu gehen und versuche mich an einer Route, die etwas über meinem Niveau liegt. Ich komme über die Hälfte hoch, bis mir die Kraft ausgeht. Ich freue mich, wie weit ich gekommen bin und erinnere mich daran, was ich auf einem Kletterblog gelesen hatte: »Unser Menstruationszyklus sollte nicht diktieren, was wir tun und wann, aber auf unseren Körper zu hören und Muster zu identifizieren, kann helfen.«

Tag 31: Meine Laune ist an ihrem Tiefpunkt – meine Hormone vermutlich auch. Andere Menschen strengen mich an. Selbst wenn ich auf ebener Strecke Fahrrad fahre, bin ich schnell müde. Doch mittlerweile weiß ich, dass selbst diese Stimmungen sinnvoll sind: Mein Körper schöpft Kraft für die nächste Phase vor, bald beginnt alles von vorn.

Tag 1: Schon bevor ich am Morgen einen Fuß auf den Boden setze, weiß ich: Es ist wieder so weit.

Erschienen am 1. September 2022