In Deutschland kommunizieren manche Gesundheitsämter noch per Fax– selbst in Zeiten einer Pandemie. Können sie von einer App lernen, die sich in Nigeria und Ghana bewährt hat?

Text
Susanne Donner

Erschöpft liegt der junge Mann in seiner Lehmhütte, das Fieberthermometer zeigt 39,7 Grad Celsius. Ist es Covid-19? Oder eine Infektion mit einem anderen gefährlichen Keim? Nur eine Untersuchung seines Blutes kann Klarheit bringen. Die nigerianische Gesundheitsmanagerin, eine Art Krankenschwester, untersucht den Mann. Sie öffnet eine App auf ihrem Smartphone und meldet seine Erkrankung dem Datenmanagementsystem SORMAS. Nun gilt der Mann als Verdachtsfall. Das System benachrichtigt automatisch die nächste Gesundheitsbehörde und den für die Region zuständigen Arzt. Nach Auswertung einer Blutprobe wird auch das Labor seinen Befund an SORMAS übermitteln, später werden auch die Behörden und das Gesundheitspersonal der Region benachrichtigt. Der Patient muss womöglich isoliert, Kontaktpersonen informiert und untersucht werden, damit sie sich nicht anstecken.

Dieses fiktive Szenario zeigt, wie SORMAS dabei hilft, Epidemien schon auf lokaler Ebene zu verhindern. Mehr als 30 Infektionskrankheiten, darunter Covid-19, können die Gesundheitsbehörden in Nigeria und Ghana mithilfe des Datenmanagementsystems gegenwärtig im ganzen Land überwachen. SORMAS steht für »Surveillance, Outbreak Response Management and Analysis System«, also frei übersetzt für: Überwachungs- und Ausbruchsmanagement und Analysesystem. Gründervater des Systems ist der Epidemiologe Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Er entwickelte es in Zusammenarbeit mit den Kolleg:innen in Nigeria, als Reaktion auf die Ebolaepidemie, die 2014 bis 2016 dort wütete. »Wenn man weiß, wo und wie viele Menschen infiziert sind, kann man Schlimmeres verhindern, mag die Krankheit noch so gefährlich sein«, sagt Krause.

Die Feuertaufe: Affenpocken, Lassafieber und Meningokokken

2017 kam es in Nigeria zu gleich drei sich überlagernden Krankheitsausbrüchen: Affenpocken grassierten, Meningokokkeninfektionen kamen hinzu und eine Lassafieberwelle setzte ein. »Dieser Dreifachausbruch war unsere Feuertaufe«, sagt Krause. In der bedrohlichen Lage machte SORMAS die Infektionsketten sichtbar und half, die Lage einzuschätzen. Das System trug schließlich dazu bei, dass das Gesundheitspersonal vor Ort die Ausbrüche in den Griff bekam. Das überzeugte die nigerianische Regierung, SORMAS in hohem Tempo im ganzen Land verfügbar zu machen, resümiert Sabine Ablefoni, Westafrikaexpertin bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GIZ. Ehe der erste Covidfall in Ghana und Nigeria auftrat, hatten beide Staaten das System in weiten Teilen ihrer Länder eingeführt – inzwischen überall.

Mittlerweile ist SORMAS auch auf den Fidschiinseln zu finden. In Nepal, der Elfenbeinküste und weiteren afrikanischen Ländern soll es laut Krause ebenfalls bald zum Zug kommen. Anfangs finanzierte das deutsche Bundesministerium für Forschung und Entwicklung den Aufbau von SORMAS. Die deutsche Vitagroup, ein Unternehmen der Digital-Health-Branche, entwickelte die IT-Infrastruktur. Mittlerweile finanzieren auch die Weltbank, die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung und nationale afrikanische Geber das digitale Gesundheitsnetz.

Trotz des außergewöhnlichen Erfolgs des Systems gibt sich Gründervater Krause bescheiden: »Wir preisen das System nicht an. Wir warten darauf, dass uns jemand fragt. Denn nur, wenn die nationale Gesundheitsbehörde eines Landes SORMAS wirklich haben möchte, ist es sinnvoll, das System landesweit zu nutzen.« Das ginge auch nicht von jetzt auf gleich, sondern dauere mehrere Monate. Die nötigen Geräte – PCs, Tablets und Mobiltelefone – müssen eingerichtet, Mitarbeiter:innen geschult und Besonderheiten im jeweiligen Land berücksichtigt werden.

»Die Überwachung von Krankheiten muss global werden.«

Da es noch viele andere Digital-Health-Lösungen für Entwicklungsländer gibt – viele afrikanische Länder nutzen unter anderem das Datenmanagementsystem HISP – musste SORMAS zunächst zeigen, was es tatsächlich kann. »Es ist genau für Länder entwickelt, die wenig Infrastruktur haben«, erklärt Krause. Es müssen nur kleine Datenmengen eingegeben werden. Das System kann über ältere Mobiltelefone oder eine Smartphone-App genutzt werden. Daten können zunächst offline eingegeben, zwischengespeichert und zu einem späteren Zeitpunkt übertragen werden. Das ist in vielen afrikanischen Ländern besonders wichtig, weil die Mobilfunknetze instabil und in bestimmten Regionen nur in sehr geringer Bandbreite oder gar nicht verfügbar sind. Die Internetverbindung ist gewissermaßen der Flaschenhals.

»Surveillance, also die Überwachung von Krankheiten, muss global werden. Das lehrt uns die aktuelle Pandemie«, sagt der britische Epidemiologie John McCauley vom WHO Collaborating Centre for Reference and Research on Influenza in London. »Das funktioniert nur digital. Niemand schickt heute Kurierbriefe von Mauritius nach Berlin.« Seit vielen Jahren haben Länder weltweit auf freiwilliger Basis sukzessive eine Dateninfrastruktur zur Übermittlung der Grippeinfektionszahlen und der Genomsequenzen der grassierenden Grippeviren aufgebaut. Es sind designierte Labore oder staatliche Behörden, die die Daten an die internationale Gesundheitsbehörde WHO übermitteln.

»Wir brauchen diese Informationen derzeit vor allem für die Impfstoffentwicklung gegen Covid«, sagt McCauley. »Denn die Impfstoffe müssen auf Mutanten hin womöglich angepasst werden und dafür muss man wissen, welche Varianten in welchen Regionen grassieren.« Momentan lägen weltweit eine halbe Million Genomsequenzen des SARS-CoV-2-Virus vor. »Aber wir haben natürlich auch weiße Flecken im globalen Lagebild, besonders im Westen Afrikas zwischen Senegal und Kamerun. Dort ist die Surveillance und die Anbindung an das Digitale Gesundheitsnetz nicht sehr gut.«

Zeit gewinnen durch digitale Infrastrukturen

Im Osten und Süden Afrikas dagegen, von Äthiopien bis nach Ruanda ist ein anderes digitales Datenmanagementsystem verbreitet: HISP, Health Informations System Programme. »Es hilft uns, Geburts- und Sterbedaten digital zu erfassen, aber auch ansteckende Krankheiten«, sagt Felix Sukums, Digital-Health-Experte an der Muhimbili University of Health and Allied Sciences in Tansania. Da viele Einwohner:innen Stunden oder Tage vom nächsten Krankenhaus entfernt wohnen, ist die digitale Versorgung so bedeutsam. Lokale Gesundheitsarbeiter:innen messen Fieber, nehmen Speichel- oder Blutproben oder bringen Medikamente – und geben die Daten in das System ein. »HISP ist in den letzten Jahren sukzessive ausgebaut worden. Digital Health ist der tansanianischen Regierung sehr wichtig«, sagt Sukums. Noch immer existierten zwar Distrikte, die alle Daten auf Papier erfassen. Aber insgesamt sei die Datenqualität im digitalen Gesundheitsnetz in den letzten Jahren viel besser geworden.

»Wir können über diese digitale Infrastruktur viel Zeit gewinnen – wenn jemand krank ist oder bei einem Krankheitsausbruch«, sagt Christine Holst von der Universität Oslo, spezialisiert auf Digital Health im südlichen Afrika. Gemeinsam mit Sukums arbeitet sie gerade in einem Projekt zur Prävention von Krankheiten: Einfache bildhafte Animationen auf einem Smartphone erklären Dorfbewohner:innen, wie etwa HIV, Tuberkulose oder die Wurmkrankheit Zystizerkose übertragen werden. Der Betrachter erfährt, wie die Krankheiten sich bemerkbar machen und was er dagegen tun kann. »Es geht uns um einen diskriminierungsfreien Zugang zu Gesundheitsinformation, losgelöst von Bildung und Geschlecht«, sagt Holst. Nicht selten gibt es in afrikanischen Familien nur ein Mobiltelefon, das alle Familienmitglieder benutzen.

Was Europa von Afrika lernen kann

Die karge Gesundheitsinfrastruktur in den afrikanischen Ländern ist der ideale Nährboden für digitale Gesundheitslösungen. So findet man nun die verblüffende Situation vor, dass es zwar in ganz Afrika laut der Berliner Tageszeitung Der Tagesspiegel nur 40 Labore gibt, die Covid-19 diagnostizieren können. Aber auf Ebene der Ausbruchsprävention und Eindämmung von Infektionskrankheiten können einige afrikanische Länder womöglich wendiger reagieren als Europa – nämlich digital.

Medienberichten zufolge soll es in Deutschland immer noch Gesundheitsämter geben, die hauptsächlich per Fax mit dem Robert-Koch-Institut kommunizieren. Neben den Gesundheitsbehörden der Schweiz und Frankreichs installieren aber nun auch mehr und mehr hiesige Ämter das SORMAS-System. Mit der Anbindung an SORMAS würden die Behördenmitarbeiter:innen in Berlin in Echtzeit sehen, wenn sich in einer deutschen Kleinstadt ein Krankheitsausbruch aufbaut. Holst sagt: »In puncto Digital Health lernt Europa jetzt auch von Afrika.«

Text
Susanne Donner

Inhalt

Der künstliche Makel

Künstliche Intelligenz kann das Gesundheitswesen voranbringen – sofern sie nicht die Vorurteile der Menschen zementiert.

Wer wird wahnsinnig?

Selbst erfahrenen Psychiatern fällt die Vorhersage schwer, wer eine Wahnerkrankung entwickelt. Künstliche Intelligenzen sind ihnen schon heute darin überlegen. Ersparen sie Leid – oder beschneiden sie Rechte?

Hyperhidrowiebitte?

Aus Arztbriefen schlau zu werden, ist eine Kunst für sich. Selbst Ärzt:innen rätseln oft über die komplexen Schriebe. Kann der künstlich intelligente Arztbriefversteher helfen?

Rückendeckung

Wer als Kind ein Trauma erlebt, leidet oft ein ganzes Leben lang. Eine Traumatherapie kann helfen – doch es gibt viel zu wenige Therapieplätze für Kinder. Kann eine digitale Plattform das ändern?

Der Anti-Age-O-Mat

Ist das die Zukunft der Medizin? Wir spinnen verschiedene Szenarien – und fragen Expert:innen: Was ist Science Fiction, was bald schon Realität?
Hier: Werden wir das Altern abschaffen, Herr Dingermann?

Apps gegen den Ausbruch

In Deutschland kommunizieren manche Gesundheitsämter noch per Fax – selbst in zeiten einer Pandemie. Können Sie von einer App lernen, die sich in Nigeria und Ghana bewährt hat?

Ist das die Zukunft der Medizin? Wir spinnen Szenarien – und fragen: Was bleibt Science-Fiction, was wird Realität? Hier: Was kann die Technik in der Telenotfallmedizin, Herr Opitz? Und wie funktioniert das in der echten Welt, Frau Metelmann?

Der Forget-me-not-Bot

Ist das die Zukunft der Medizin? Wir spinnen Szenarien – und fragen: Was bleibt Science-Fiction, was wird Realität? Hier: Werden Nanoroboter unsere Körper reparieren, Herr Fischer?

Technik statt Tierversuche

Jahr für Jahr nutzt die Forschung Millionen von Tieren, etwa für Medikamententests. Können wir jemals ganz verzichten auf Tierversuche? Monatelang haben unsere Autorinnen dazu recherchiert – ein persönlicher Rückblick.

Wie in Zukunft Roboter bei Diagnose und Therapie unterstützen werden

Heinz Wörn bei den Science Notes zum Thema »Roboter«.