Die da oben
Im Nachttisch unserer Autorin lag lange ein kleiner Engel aus Messing. Doch was hat er mit ihr zu tun? Eine Spurensuche im Reich der Engel – von der Prähistorie bis zur Popkultur.
In der Nachtischschublade meines Kinderzimmers lagen Tagebücher, ein paar Bravo-Magazine – und eine kleine Figur, vielleicht fingerlang, aus glattem Messing. Sie hat die Form eines Engels, mit weichen Konturen und schmalen Flügeln. Ich kann nicht mehr rekonstruieren, wer sie mir geschenkt hat, aber ich erinnere mich gut, warum sie in meiner Nachtischschublade lag:
Der Engel sollte mich schützen, vor allem realen
(und mit der Dramatik eines Teenagergehirns wahrgenommenen) Übel,
das in der Welt so wartete.
Noch heute erinnere ich mich daran, wie beruhigend sich das glatte Messing in meiner Handfläche angefühlt hat. Aber Moment mal: Warum glaube ich, eine im Regelfall rational und wissenschaftlich denkende Person, an die schützende Wirkung einer kleinen Messingfigur mit schmalen Flügeln? Und wie kann sich der Engel als religiöse Figur eigentlich in der längst unreligiösen Mitte unserer Gesellschaft halten?
Nun, bei meiner Recherche in den Wirrungen der Angelologie, so nennt sich die Engelkunde in der Fachsprache, stelle ich zumindest fest, dass etwa ein Drittel der Deutschen an Schutzengel glaubt. Ohnehin scheinen mir Engel in der Popkultur fest verankert: Robbie Williams besingt sie in Angels, die Modemarke Victoria’s Secret kleidet ihre Models seit jeher mit ausladenden Flügeln, sie sind namensgebend für die No Angels, eine der bekanntesten deutschen Castingshow-Bands der Nullerjahre, und in einem beliebten Blockbuster gibt es direkt drei von ihnen, die zu Charlies Rettung anrücken.
Die Geschichte der Engel beginnt allerdings mindestens 3.000 Jahre früher – unter anderem nachzulesen im Alten Testament, auf das sich sowohl das Christentum als auch das Judentum beziehen. Engel tauchen dort meist in der Funktion der göttlichen Boten auf und dienen als Mittler zwischen Transzendenz und Mensch, als Wesen also, die die Grenze zwischen Irdischem und Göttlichen überschreiten. Erwähnt wird dabei auch explizit ihre göttliche Schutzfunktion: »Denn er«, gemeint ist Gott, »hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest«, heißt es in Psalm 91.
Allgemein gibt es in der Bibel ganz unterschiedliche Sorten von Engeln, so kann man es wohl sagen: Da wären die Erzengel, eine Art Oberengel, die innerhalb der Schar der Engel eine Art Führungsrolle übernehmen und darum auch eigene Namen bekommen: Michael, Gabriel und Raphael. Eine weitere Klasse der Engel, die Cherubim, sind so etwas wie die göttlichen Türsteher. Mit vier geschwungenen Flügeln ausgestattet sind sie beispielsweise diejenigen, die das Paradies nach der Vertreibung Adams und Evas vor Eindringlingen beschützen, sozusagen die erste Generation der Schutzengel.
Eine dritte Klasse der Engel, die Seraphim,
haben der Überlieferung nach einen etwas entspannteren,
doch nicht weniger wichtigen Arbeitsauftrag:
Gott inbrünstig zu loben.
Doch Engel tauchen nicht nur in christlichen und jüdischen Theologien auf. Auch im Koran, dessen Überlieferung ins siebte Jahrhundert datiert wird, gibt es sie mit ähnlichen Funktionen. In diesem Fall ist es Dschibril (Gabriel), der dem Propheten Mohammed die Offenbarung des Korans übermittelt. Der Glaube an die Existenz der Engel ist im Islam ein fundamentaler Glaubensgrundsatz.
Während ich mich so neugierig durch die Geschichte der Engel arbeite, stoße ich immer wieder auf Gelehrte, die ganze Werke und Theorien über sie verfasst haben. Der Theologe und Scholastiker Thomas von Aquin versuchte sich im 13. Jahrhundert in seiner Schrift Summa theologica sogar an einer ausgeklügelten Rangordnung der Engel. Aber mein Deepdive hat schon längst ein neues Faszinosum aufgetan: Der andalusisch jüdische Philosoph Maimonides ging davon aus, dass unser Kosmos sich mithilfe der Kraft der Engel bewegt. Klingt kurios? Nicht wenn man bedenkt, dass es zu Maimonides Lebzeiten im zwölften Jahrhundert noch keine physikalischen Konzepte von Schwerkraft oder Magnetismus gab.
Die britische Philosophin Rebekah Wallace argumentiert in einem Essay, dass die unsichtbare Kraft der Engel als Gedankenstütze für das Verständnis von physikalischen Prinzipien diente. Sie sind damit nicht nur religiöse Figuren, sondern auch philosophische Werkzeuge, die eine bedeutsame Rolle in der Entwicklung der modernen Physik spielten: Mit ihrer glorreichen Hilfe verstanden die Gelehrten Konzepte wie Raum, Kraft und Dimension.
Während sich die philosophische Denkschule im Laufe der Jahrhunderte immer mehr dem annäherte, was wir heute unter (Natur-)Wissenschaft verstehen, entwickelte sich in der katholischen Kirche eine regelrechte Vernarrtheit in religiöse Abbildungen. Das Motiv »Engel« – hoch im Kurs. 1608 ließ sich Papst Paul V. sogar dazu hinreißen, einen Gedenktag der Schutzengel ins Leben zu rufen. Es scheint, als würden Engel seit Jahrtausenden eine Leerstelle in der menschlichen Existenz füllen: Sie sind als immaterielle Entitäten die ideale Projektionsfläche für alles, was außerhalb der menschlichen Kontrolle liegt – Hoffnungen, Wünsche, Ängste.
Anders als ihre Vorgesetzten, Gott und Jesus Christus,
erheben Engel keine Ansprüche auf Autorität und
richten nicht über unser Handeln,
sondern stehen uns jederzeit als wohlwollende und
schützende Begleiter beiseite.
Dass sie mit eleganten Flügeln ausgestattet sind, ist diesem Bild, das sich seit Jahrtausenden in unseren Köpfen verankert hat, sicher dienlich. Und wie praktisch, dass wir sie mit all diesen Funktionen in kleine Messingfiguren komprimieren und in unseren Nachttischschubladen verstauen können, nicht wahr?
Dieser Text ist Teil der Ausgabe Schweben im September 2026.
Engel sind auch in der Musik omnipräsent. Im Lauf der Jahrhunderte sind sie durch die verschiedenen Genres geschwebt: von frühbarocker Volksmusik bis zum zeitgenössischen Rap.
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