Den Kollaps neu denken
Etliche Kulturen sind über die Jahrtausende untergegangen. Forscher:innen versuchen zu entschlüsseln, was das für unsere Zukunft bedeutet. Und sie beginnen, den Kollaps eher als einen Übergang zu begreifen.
Sand. Meilenweit nur Sand. Kaum Vegetation und kaum Wasser. Und mittendrin: die Überreste einer einst florierenden Gesellschaft. In der israelischen Negev-Wüste liegt die Ausgrabungsstätte der Siedlung Schivta. Rund 1.000 Menschen lebten, arbeiteten, schliefen einst dort. Mit weniger als 200 Millimetern Regenfall im Jahr hatten sie sich vor etwa 1.500 Jahren ein Leben aufgebaut. Die Überreste von dicken Hausmauern und großen Kirchen, von Wasserreservoirs und Weinpressen sind Zeugen der Kultur und des einstigen Reichtums. Schivta wurde gebaut, um zu bleiben.
Und doch ragen heute nur noch verwaiste Überreste aus dem Sand. Die Türen der Gebäude sind mit Steinen versiegelt – ein Hinweis darauf, dass die Menschen die byzantinische Siedlung in einem organisierten Prozess nach und nach verlassen haben.
In solchen Fällen ist heute oft von einem »gesellschaftlichem Kollaps« die Rede: keine Menschen mehr, keine Stadt mehr, keine Kultur mehr – Kollaps. Forschende sind mit der Bezeichnung aber vorsichtiger. Denn eine einheitliche Definition von »Kollaps« ist schwer zu finden. Die wohl aktuellste stammt vom australischen Historiker und Autor Luke Kemp. Er forscht zu gesellschaftlichen Zusammenbrüchen und beschreibt Kollaps als »raschen und dauerhaften Verlust von Bevölkerung, Identität und sozioökonomischer Komplexität«. Häufig geht dieser Prozess mit gesellschaftlichen Unruhen einher, da der Staat nach und nach sein Gewaltmonopol verliert. Auslöser ist oft ein Mix verschiedener Gründe. Da sind zum Beispiel innere Faktoren wie Konflikte, Gewalt und politischer oder religiöser Fanatismus, die eine Gesellschaft erschüttern können. Kommen diese mit äußeren Faktoren zusammen, wie etwa Klimaveränderung, Krieg, Krankheiten oder Umweltzerstörung, kann das eine Kultur irreversibel stark belasten: Es kommt zum Kipppunkt.
Viele Wissenschaftler:innen wollen diese Kipppunkte vergangener Kulturen entschlüsseln, um für die Zukunft daraus zu lernen. Hier stellt sich zunächst eine ganz praktische Frage: Wie gelangt man an Informationen über den Niedergang einer Gesellschaft, die längst unwiderruflich verschwunden scheint?
Das Rätsel um Schivta
Guy Bar-Oz ist Archäologe an der Universität Haifa und rekonstruiert das einstige Leben in Schivta mit eher unkonventionellen Methoden: Er untersucht Müll. »Die Abfälle von heute sind die Schätze von morgen«, sagt er. »Damalige Mülldeponien sind für uns wie eine Art Zeitkapsel, die verschiedene Phasen des Niedergangs konserviert haben.« Aus den Überresten dieser Gesellschaft konnten die Forschenden bereits viele Informationen ziehen. Der Müll gab ihnen Auskunft darüber, dass die Menschen vielfältige Landwirtschaft betrieben haben. Und dass wahrscheinlich der Weinbau ein zentraler Wirtschaftsfaktor war: Den Wein exportierten die Menschen von Schivta in Nachbarregionen und bauten sich so ihren Wohlstand auf.

Doch nicht nur die Zusammensetzung des Abfalls – Fischknochen etwa, verschiedene Nahrungsmittel und Pflanzenreste – gibt Aufschluss über den Zustand einer Gesellschaft. Sondern auch dessen Sammelort: »In einer Siedlung wie Schivta ist die Abfallversorgung ein Zeichen von Wohlstand.« Wenn Bar-Oz und sein Team heute auch in den Hausruinen und Straßen der ehemaligen Siedlung Müll finden, ist das Zeugnis dafür, wie der Wohlstand von Schivta schwand. Anhand dieser Entwicklung konnten die Forschenden die Phasen des Niedergangs auf Mitte des sechsten Jahrhunderts unserer Zeit datieren. Was genau die Menschen veranlasst hatte, die Siedlung aufzugeben, lässt sich bisher jedoch nicht mit Sicherheit sagen.
Schivta ist kein Einzelfall. Über die Jahrtausende wurden viele Siedlungen verlassen, zahlreiche Kulturen sind untergegangen. Viele Forschungsprojekte befassen sich mit diesen kollabierten Kulturen: mit den Hethitern, den Indus, mit dem römischen Reich in Anatolien oder den Wikingern in Grönland. Die Forscher:innen treibt immer dieselbe Frage: Welche Faktoren mussten zusammenkommen, damit diese Kulturen untergingen?
Doch einige von ihnen sind dabei auf eine weitere Frage gestoßen: Ist der Begriff vom Kollaps überhaupt zutreffend? Und ist das Kollaps-Narrativ, das in vielen Variationen erzählt wird, eigentlich noch zeitgemäß? Möglicherweise ist es längst an der Zeit, den Begriff neu zu denken – auch im Hinblick auf unsere Zukunft.
Der Kollaps der Maya
Als Paradebeispiel für gesellschaftlichen Kollaps dienen häufig die Maya. Das Gebiet, in dem diese Kultur angesiedelt war, erstreckt sich heute über fünf Länder hinweg: vom Süden Mexikos über Guatemala und Belize bis in den Westen von El Salvador und Honduras. Beeindruckende Tempelanlagen dieser Hochkultur sind dort erhalten. Sie zeugen von einem gesellschaftlichen Aufschwung der Maya bis zirka ins Jahr 900 unserer Zeitrechnung: Die Maya betrieben fortschrittliche Landwirtschaft, sie sammelten sich in großen Siedlungen und errichteten riesige Tempelbauten, in denen sie ihren jeweiligen Herrscher fast wie einen Gott verehrten. Untereinander durch Handel und Herrscherheirat vernetzt, florierten diese großen Zentren der Macht. Doch nach der Hochphase folgte der Fall: Viele Maya verließen die Städte. Die Herrscher verloren ihre gottähnliche Vormachtstellung.
Um herauszufinden, woran das lag, analysierten Forschende beispielsweise die Ablagerungen von Seesedimenten und die Schichten in Tropfsteinen. So konnten sie Rückschlüsse auf das damalige Klima ziehen: Langanhaltende Dürren hatten wohl für Nahrungsmittelknappheit in den großen Städten gesorgt – und für gesellschaftliche Unruhen. Außerdem führten die Herrscher untereinander Krieg. Die großen Zentren zerfielen womöglich in immer mehr Kleinstaaten, wodurch die Bevölkerung ihren starken Glauben an den Herrscher verlor und sich zerstreute.

Transformation statt Kollaps
All diese Faktoren stehen in Einklang mit der Kollaps-Definition von Luke Kemp. Und doch beschreibt Patricia McAnany die Lage als komplexer. Die Archäologin und Anthropologin von der Universität North Carolina in Chapel Hill ist auf die Maya-Kultur spezialisiert und arbeitet mit indigenen Gemeinschaften in Mittelamerika zusammen, um deren kulturelles Erbe zu erhalten. »Politische Systeme sind von Natur aus fragil, da bilden die Maya keine Ausnahme«, sagt sie. »Menschen kommen in Zyklen zusammen, errichten Bauten, verehren Gottheiten – und zerstreuen sich wieder. Aber meiner Meinung nach ist es rassistisch, deshalb von einem ›Kollaps der Maya‹ zu sprechen. Das ignoriert den Fakt, dass auch heute noch mehr als sieben Millionen Nachkommen der Maya in Zentralamerika leben.«
In ihrer Forschung spricht sie sich deshalb bewusst dafür aus, das Narrativ des Kollapses zu ändern – und von einer Transformation zu sprechen. Wie anpassungsfähig die Maya früher schon waren, zeigt sich vor allem in den nördlichen Zentren der mexikanischen Halbinsel Yucatán: Diese hätten schon früh Formen der Resilienz bewiesen, indem sie Strategien der fragmentierten südlicheren Kulturen entweder adaptiert oder abgelehnt haben. So blieben sie noch weit länger als einheitliche politische Systeme aktiv – bis sie auf die spanischen Kolonisatoren trafen.
Dass sich das Narrativ des Kollapses so hartnäckig hält, obwohl die Kultur der Maya sowie ihre Nachfahren noch immer sehr präsent in Zentralamerika sind, liegt laut Patricia McAnany am Kolonialismus: »Es ist eine Strategie der Kolonisatoren, alle Verbindungen zwischen einem Volk und dessen Land zu kappen. So erlangen sie Kontrolle und Legitimation.« In den Augen von McAnany ist es längst an der Zeit, das Narrativ zu ändern – im Hinblick auf die Maya und unsere Verantwortung deren Erbe gegenüber. Aber auch im Hinblick auf Herausforderungen unserer modernen Gesellschaften: weg vom Kollaps, hin zur Transformation.
Resilienz stärken
Das Kollaps-Narrativ zu ändern und mehr Raum für Veränderung, Adaption und Transformation in der Zukunft zu schaffen, fordern auch Nachhaltigkeitsforscher Jem Bendell und Klimaphilosoph Rupert Read. Auf der von der NGO Post Carbon Institute betriebenen online-Plattform resilience haben sie einen Artikel darüber veröffentlicht: Inspiriational Collapses? Learning from the civilisations that tried to break down well. »In den uns bekannten modernen Gesellschaften fehlen sowohl in der Popkultur als auch im politischen Diskurs Erzählungen von bewusster Verkleinerung, von adaptiver Vereinfachung, kultureller Kontinuität im Wandel und würdevollem Verlust«, schreiben sie. Doch diese Geschichten seien als Chance zu sehen, um den Fokus von Verlust und Zusammenbruch auf eine gelebte Anpassung und Transformation zu lenken. Als Beispiel dafür nennen die Autoren: die Maya.

Andere Forschende sprechen in diesem Zusammenhang nicht von Transformation, sondern von »sozialer Resilienz«. Der Klimaresilienzforscher Liang Emlyn Yang von der Ludwig-Maximilians-Universität München beschreibt diesen Begriff so: »Soziale Resilienz bezeichnet die Kapazität eines sozialen Ökosystems, negativen externen Stressoren zu widerstehen, sich anzupassen und zu verändern.« Als Teil seiner Feldforschung reist Yang in Gebiete des Mekong-Flussdeltas in Thailand und Vietnam, die regelmäßig überschwemmt werden. Dort untersucht er, wie sich Menschen an diese wiederkehrenden, extremen Wetterereignisse angepasst haben. »Hochwasser wird zum Problem durch mangelnde Vorbereitung. Man kann das Hochwasser nicht verhindern, resultierende Schäden aber schon«, sagt Yang. Die Menschen am Mekong sind resilient geworden: Sie betreiben Ackerbau, der vielfältig ist und sich an Flutbedingungen anpassen kann. Mit Fisch- oder Garnelenhaltung in Reisfeldern sorgen sie für Ertrag auch in der Flutsaison. Durch den Mischanbau von lang- und kurzzeitig ertragreichen Sorten verteilen sie das Risiko. Die Anpassung der Menschen dort sieht Yang als Inspiration für Resilienzstrategien in Europa. »Wir leiden, weil wir keine Handlungsoptionen haben. Wir nehmen lieber Risiken in Kauf, statt bereits jetzt in Back-up-Optionen zu investieren«, sagt er. Für die Zukunft wünscht er sich ein interdisziplinäres Forschungsfeld der »Klimaresiliologie«, das auch mit historischen und archäologischen Erkenntnissen arbeitet. Es soll eine lösungsorientierte und ermutigende Perspektive in der Klimaforschung aufzeigen.
Denn wenn man genau genug hinschaut, zeichnen die Beispiele vergangener Kulturen ein differenziertes Bild: von Gesellschaften, die auf Veränderungen reagierten – und nicht einfach zugrunde gegangen sind. Die versiegelten Türen von Schivta etwa stehen nicht nur für ein Ende. Sondern auch für die Entscheidung, zu handeln und sich aktiv anzupassen. Vielleicht sollte die Frage also auch in unserer Zeit nicht sein, wann das System kollabiert. Sondern viel mehr, wann wir bereit sind, Veränderung anzugehen.
Dieser Text ist Teil des Schwerpunkts Hallo Endzeit im Oktober 2026.
Quellennachweise
Bendell, J., Read, R. (2026, 11. März). Inspirational collapses? Learning from the civilisations that tried to break down well. Resilience.org. https://www.resilience.org/stories/2026-03-11/inspirational-collapses-learning-from-the-civilisations-that-tried-to-break-down-well/
Brasse, H. (2019, 19. Dezember). Völker: Die Maya. Planet Wissen. https://www.planet-wissen.de/kultur/voelker/maya_ein_ewiges_raetsel/index.html
European Research Council. (2021, 11. Februar). Das ewige Rätsel des Niedergangs einer byzantinischen Gesellschaft. CORDIS – EU-Forschungsergebnisse. https://cordis.europa.eu/article/id/429023-enduring-mystery-surrounds-the-collapse-of-a-byzantine-society/de
Ho, T. P., Garschagen, M., Pham Dang Tri, V., & Yang, L. E. (2025). A systematic investigation of flood resilience measures in the Mekong River Basin. Environmental Science & Policy. https://doi.org/10.1016/j.envsci.2025.104228
Kemp, L. (2019, 18. Februar). Are we on the road to civilisation collapse? BBC Future.https://www.bbc.com/future/article/20190218-are-we-on-the-road-to-civilisation-collapse
Mitteldeutscher Rundfunk Wissen. (2025, 18. August). 13 Jahre Dürre: Neue Erkenntnisse zum Untergang der Maya Zivilisation. MDR Wissen. https://www.mdr.de/wissen/archaeologie-fruehgeschichte/neue-erkenntnisse-zum-untergang-der-mayas-dreizehn-jahre-duerre-100.html
Tepper, Y., Weissbrod, L., & Bar-Oz, G. (2015). Behind sealed doors: Unravelling abandonment dynamics at the Byzantine site of Shivta in the Negev desert. Antiquity, 89(348), 1–4. https://antiquity.ac.uk/projgall/bar-oz348
Yang, L. E. (2024). Social resilience to changes in climate over the past 5000 years. Environmental Research Letters, 19, 120201. https://doi.org/10.1088/1748-9326/ad95a3
Newsletter
Jeden Monat ein Thema. Unseren Newsletter kannst du hier kostenfrei abonnieren: