Thema
Tiefe Wasser

Text
Laura Trethewey

Übersetzung
Max Street

Gestaltung
Lenni Baier

Die Vermessung der Meere

Man kann nicht schützen, was man nicht kennt. Deshalb will die Initiative Seabed 2030 den Meeresboden kartieren. Dabei stößt sie auf geopolitische Hindernisse – und trägt am Ende vielleicht zur Ausbeutung des Lebensraumes bei.

Als ich ein Kind war, liebte ich es, mit meinem Finger über den sich drehenden Globus zu streifen und die reliefartigen Stellen der Rocky Mountains in Nordamerika und des Himalayas in Asien zu spüren. Der Ozean allerdings war ein glattes Blau. Damals erschien es mir nicht verwunderlich, dass die rauen Konturen der Kontinente dort endeten, wo das Meer begann.

Hätte dieser Globus, den ich als Kind hatte, die wahre Form des Planeten gezeigt, wäre er ein ziemlich knubbeliger Ball gewesen. Nähme man das Wasser weg, das mehr als 70 Prozent der Erdoberfläche bedeckt, fiele als Erstes eine Bergkette ins Auge, die fast 65.000 Kilometer lang um den Planeten verläuft. Der mittelozeanische Rücken ist das größte geografische Merkmal der Welt. Trotzdem ist er größtenteils unsichtbar, ummantelt vom Ozean in 2,5 Kilometern Tiefe. Nur an einigen Stellen erstreckt sich der Bergrücken aufs Land, so wie auf Island, wo er Täler furcht und ungestüme Vulkane empordrückt.

Der Mittelozeanische Rücken verläuft über 60.000 Kilometer durch die Ozeane. Hier ist der Mittelatlantische Rücken zu sehen, das längste Teilstück dieses submarinen Gebirgssystems.
Der Mittelozeanische Rücken verläuft über 60.000 Kilometer durch die Ozeane. Hier ist der Mittelatlantische Rücken zu sehen, das längste Teilstück dieses submarinen Gebirgssystems.Bild: GEBCO 2025, BathyGlobe, Center for Coastal Ocean Mapping, University of New Hampshire

Dennoch ist es nicht ganz unzutreffend, diese blauen Flecken als leer zu beschreiben, bedenkt man unseren Wissensstand: Weniger als 30 Prozent des Meeresbodens wurden bis heute kartiert. 2017 gab die Organisation Seabed 2030 den Startschuss für das Projekt, bis 2030 die erste komplette und öffentlich verfügbare Karte des Meeresbodens fertigzustellen. Zu dem Zeitpunkt waren bereits sechs Prozent des Meeresbodens mit hochauflösenden Multibeam-Echoloten kartiert worden. Die aktuellste Karte, veröffentlicht im Sommer 2025, erreichte 27,3 Prozent Vollständigkeit – ein massiver Fortschritt, aber viel zu langsam, um das hochgesteckte Ziel vor Ende des Jahrzehnts zu erreichen.

Die Kartograf:innen hinter Seabed 2030 wussten, dass ihre Frist optimistisch war – ein Best-Case-Szenario, das darauf basierte, dass hochentwickelte Staaten Hochseevermessungsschiffe aussenden würden, um internationale Gewässer zu erkunden. Die von ihnen gesammelten Daten sollten in die Karten einfließen. Dann kam die COVID-19-Pandemie und machte Forschungsfahrten und damit die Zulieferungspläne zunichte. Währenddessen änderten sich auch die geopolitischen Verhältnisse: 2022 griff Russland die Ukraine an und begann den größten Landkrieg Europas seit dem Zweiten Weltkrieg. Große multinationale Projekte, die Grenzen überschritten und den Austausch zwischen Nationen förderten, gehörten plötzlich der Vergangenheit an.

Das Motto von Seabed 2030 lautet: Man kann nicht schützen, was man nicht kennt. Auf absehbare Zukunft scheint es allerdings so, als ob die Leerstellen des Ozeans unbekannt bleiben.

Solche Leerstellen auf unseren Karten haben an entscheidenden Momenten der Geschichte zu Erkundung und Ausbeutung geführt. Das vielleicht berühmteste Beispiel ist der Mythos eines leeren Amerikas vor der europäischen Kolonisierung. Auf frühen Karten wird der Kontinent oft als unbewohnte Wildnis dargestellt, trotz der 50 bis 70 Millionen Menschen, die ihn bewohnten, als Kolumbus ihn erstmals betrat.

Heute richtet sich das Interesse auf eine andere Leerstelle: Die Clarion-Clipperton-Zone (CCZ) ist ein großes Unterwassergebiet zwischen Hawaii und Mexiko, etwa so groß wie die Europäische Union. »Dort unten ist es ziemlich karg«, sagt Gerard Barron, CEO der Metals Company, öfter in Interviews.

Die Metals Company ist eines von 17 Unternehmen, die in der CCZ nach Bodenschätzen suchen. Barron bringt oft eine Manganknolle mit zu Interviews, die er dann hochhält und als »Batterie im Stein« bezeichnet. Manganknollen sind dichte Verbindungen von Metallen und Mineralien, die über Millionen von Jahren vom Ozean zehren. Sie sind reich an sogenannten »kritischen Rohstoffen«, die künftig für erneuerbare Energien, das Militär und Sicherheitstechnologien wichtig werden könnten. Die CCZ ist voll davon.

Querschnitt durch eine Manganknolle
Querschnitt durch eine Manganknolle. Bild: Jan Steffen (CC BY 4.0), GEOMAR

Doch Wissenschaftler:innen entdecken zunehmend, dass die CCZ keineswegs eine wüste Einöde ist. Vielmehr ist sie das Zuhause einer erstaunlichen Biodiversität. Patricia Esquete ist Tiefseebiologin an der Universität Aveiro in Portugal, die bereits vier Forschungsfahrten in der CCZ durchgeführt hat. Um das Ökosystem zu verstehen, lässt sie einen Stahlkasten, den sogenannten Box Corer, bis zum Meeresboden hinab, aus dem er einen sauberen Quader stanzt. Dann holt sie diesen Kasten wieder hoch, samt aller Lebewesen. Viele Tiere, die sie darin vorfindet, sind noch nie beschrieben worden oder der Wissenschaft gänzlich unbekannt.

»Wenn man die Knollen entfernt, verschwindet das Ökosystem«, erklärt Esquete. Fast die Hälfte der größeren Tiere in der CCZ sind für eine beständige Umwelt im sonst so weichen Sediment auf die Knollen angewiesen. Und es ginge nicht nur um die Beschädigung eines unbekanntem Ökosystems: »Selbst, wenn man die Ethik aus der Debatte ausklammert, gibt es gute Gründe, die Knollen nicht abzubauen«.

Zu ihren Bedenken zählen auch die Auswirkungen auf die Fischerei, die menschliche Gesundheit und die Kultur der Pazifikinseln. Mittlerweile sprechen sich vierzig Staaten für ein Moratorium oder ein vollständiges Abbauverbot aus. Auch die wirtschaftlichen Aussichten sind düsterer geworden. Niemand weiß so genau, wie kostspielig der Tiefseebergbau wird und ob die Knollen tatsächlich so gefragt sein werden, wie einst angenommen.

Jahrelang galt die Metals Company als so genannter »Penny Stock«, selten überstieg ihr Aktienpreis einen Dollar. Doch 2025 kam plötzlich der Aufschwung, als US-Präsident Donald Trump eine Anordnung unterzeichnete, welche die National Oceanic and Atmospheric Administration befähigte, kommerzielle Bergbaulizenzen für nationale und internationale Gewässer auszuhändigen, einschließlich der CCZ. Dieser Schritt, der gegen internationales Recht verstößt, dürfte vor allem als Versuch durchgehen, China nicht die Kontrolle über die Herstellung kritischer Metalle zu überlassen. Gleichzeitig macht es die CCZ – diese bislang leere Stelle der Weltkarte – zur neuen Front zwischen den zwei Weltmächten.

In meiner Erinnerung war mein Kindheitsritual, bei dem ich meinen Finger über den sich drehenden Globus gleiten ließ und von der Ferne träumte, unschuldig und verspielt. Der Kartografiehistoriker John Brian Harley sah dagegen etwas Abgründiges in unserer Faszination für die blinden Flecken auf der Landkarte: eine ungebremste, ignorante Haltung gegenüber den Folgen von Erkundung. Laut unserer Sichtweise, schrieb Harley, »wimmelt die Welt von Leerstellen, die nur auf Kolonisierung warten«.

Darin liegt der Konflikt zwischen Erkundung und Ausbeutung, der jeder neuen Karte eines bis dato unbekannten Bereichs innewohnt. Die Leerstellen der Karten sind nie auch Leerstellen der Welt. Doch das Wissensvakuum darüber wird von Menschen gefüllt – mit Erzählungen, die ihren eigenen Zielen dienen.

Dieser Text ist Teil des Schwerpunkts Tiefe Wasser  im Januar 2026.

Quellennachweise

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