Das Ohr der Vielen
Mithilfe unserer Handys können wir alle etwas zum Erhalt der Arten beitragen: Unsere Autorin wird zum Citizen Scientist – und lernt den Wald noch einmal ganz neu kennen.
Der Wald spricht – bloß was er zu sagen hat, verstehe ich nicht. Ich stehe im Volksdorfer Wald im Nordosten Hamburgs, auf einem kleinen Pfad, der sich durch Farn und junge Birken schlängelt. Schön ist es hier. Hinter dem Pfad ragen Buchen, Birken und Fichten hoch in den Himmel, durch ihre Blätter streicht der Wind. Es tschirpt und zwitschert und trällert.
Ich bin hier, weil ich Daten für die Wissenschaft sammle. Und das, obwohl ich keinen einzigen Vogel erkenne und kaum eine Baumart bestimmen kann.
Das Projekt, für das ich im Wald stehe und seinen Ton aufnehme, nennt sich Bio-O-Ton. Es soll helfen, die biologische Vielfalt von Wäldern und Wiesen zu erfassen. Meist ist das sehr aufwändig: Fachleute müssen die Flächen ablaufen, Pflanzen kartieren und Tiere bestimmen. Das kostet viel Geld und dauert lange, weil sie nicht überall gleichzeitig sein können. Bio-O-Ton arbeitet dagegen mit Satellitendaten, Tonaufnahmen und Künstlicher Intelligenz. Und mit Laien wie mir. Kann das funktionieren?
Ich rufe Gisela Wachinger an. Die promovierte Biologin und ausgebildete Mediatorin hat das Projekt Bio-O-Ton 2023 gemeinsam mit dem Karlsruher Institut für Technologie initiiert und moderiert die Runden Tische des Projekts. »Wir möchten wissen, wie der Sound einer Fläche klingt«, sagt Wachinger. Am auffälligsten sei dabei wohl das Zwitschern verschiedener Vogelarten. »Aber auch Bienen, Wasser und Blätterrauschen, der Lärm einer entfernten Straße und später im Jahr das Zirpen von Grillen und Heuschrecken verraten uns etwas über den Zustand des Waldes. Genau wie Stille.«

Ziel des Ganzen ist ein Frühwarnsystem für Behörden, das anschlägt, wenn sich der Zustand ökologisch wertvoller Flächen verschlechtert – oder bislang übersehene, potenziell schützenswerte Gebiete sichtbar werden. Aktuell befindet sich das Projekt noch in der Erprobungsphase: Die Aufnahmen, die Freiwillige heute sammeln, dienen dazu, eine Künstliche Intelligenz zu trainieren. Sie muss lernen, die Daten richtig auszuwerten. Jeder kann also mithelfen und Aufnahmen liefern – auch Menschen ohne Vorwissen. So wird aus einem Spaziergang ein kleiner Beitrag zur Biodiversitätsforschung und aus mir ein »Citizen Scientist«: eine Bürgerwissenschaftlerin.
In der Biologie spielen freiwillige Naturbeobachtungen schon lange eine wichtige Rolle. Zum Beispiel bei der vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu) ausgerufenen »Stunde der Gartenvögel«, in der Menschen jedes Jahr Vögel zählen und melden. Lange hatten Projekte wie dieses allerdings ein Problem: Wer mitmacht, muss schon ziemlich genau wissen, was er da für Vögel, Schmetterlinge oder Blumen vor sich hat. »Forschende haben mit diesen Daten immer Schwierigkeiten, denn Laien können sich irren. Am Ende bleibt offen, ob die richtigen Vögel gemeldet wurden«, sagt Wachinger. Heute, mit neuer Technik im Rücken, ist das anders. Inzwischen gibt es zahlreiche Apps wie eBird, BirdNET und NABU Vogelwelt, die Bilder und Tonaufnahmen auswerten. Die Künstliche Intelligenz macht zwar noch Fehler, aber sie senkt die Einstiegshürden. Außerdem können die Aufnahmen später von Expert:innen überprüft werden.
Laut der Leibniz-Gemeinschaft erlebt Citizen Science gerade nicht nur in Deutschland, sondern auch weltweit einen Aufschwung. Die Plattform mit:forschen!, die sich als zentrale Plattform für Bürger:innenwissenschaft in Deutschland versteht, listet aktuell rund 300 Projekte. Die meisten von ihnen sammeln Naturbeobachtungen: Es geht dort um die Erstellung eines Mückenatlas oder die Erforschung von fließenden Gewässern, Eichhörnchen in Bayern und Pollenallergien.
Eine große Übersichtsstudie der Ruhr-Universität Bochum von 2023 zeigt, dass die Datenqualität von Citizen Science-Projekten oft sehr hoch ist. Trotzdem gibt es Tücken: Können Teilnehmende den Ort, an dem sie zum Beispiel Schmetterlinge zählen sollen, frei wählen, zieht es sie bevorzugt an besonders artenreiche Plätze – schließlich gibt es dort mehr zu entdecken. Eine Studie unter Beteiligung des Deutschen Zentrums für Integrative Biodiversitätsforschungzeigt, dass dies Forschungsergebnisse beeinflussen kann.

Auch ich bin bei meiner Datensammlung für Bio-O-Ton möglichst tief in den Wald hineingegangen, dorthin, wo weniger Autos und mehr Vögel zu hören waren. Das erschien mir schlicht interessanter. Für das Projekt sind aber sämtliche Geräusche einer Landschaft interessant, nicht nur die, auf denen viele Arten zu hören sind. Deshalb ermutigen die Verantwortlichen bei Bio-O-Ton auch ausdrücklich zu stillen Aufnahmen. »Uns ist bewusst, dass es auch bei unserem Projekt einen Bias geben könnte. Zum Beispiel, dass Menschen ihre Aufnahmen genau dann machen, wenn sie etwas Schönes hören«, sagt Wachinger. »Aber dieser Bias ist sicherlich geringer als bei Projekten, bei denen man gezielt nach konkreten Tierarten sucht.«
Für die aktuelle Erprobungsphase setzt Bio-O-Ton ohnehin zunächst auf ausgewählte Referenzflächen. Eine Karte zeigt, von welchen Orten bevorzugt Aufnahmen benötigt werden. Es sind Gebiete, deren ökologischer Zustand bereits untersucht wurde – insgesamt sind Informationen zu 742.220 Naturschutzflächen in das Projekt eingeflossen. Sie dienen der Künstlichen Intelligenz als Referenz. Anhand dieser Daten soll sie lernen, aus Geräuschen auf den Zustand von Landschaften zu schließen. Dafür verknüpft sie Wetterdaten, Satellitenbilder und Tonaufnahmen miteinander.
Der Schwerpunkt liegt bislang auf Wiesen, weil dort die Datengrundlage besonders gut ist. Aber auch Walddaten wie meine fließen bereits in das Projekt ein. Noch bis Ende 2027 feilen die Projektpartner an der Methode. Das Karlsruher Institut für Technologie führt die Satelliten- und Sounddaten zusammen, das Unternehmen ci-tec trainiert die Künstliche Intelligenz. Das Forschungsinstitut für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt untersucht derweil, wie die Methode in den Behörden ankommt. Sie alle arbeiten daran, dass das Frühwarnsystem möglichst bald zum Einsatz kommen kann.
Denn durch den Klimawandel stehen Wälder und Wiesen zunehmend unter Druck. Temperaturen steigen, Dürren und Überschwemmungen nehmen zu. Seit Jahren warnen Expert:innen vor den Folgen. Laut Waldzustandserhebung sind 80 Prozent der Fichten, Kiefern, Buchen und Eichen krank, der Lebensraum etlicher Arten ist damit bedroht. Citizen Scientists und Projekte wie Bio-O-Ton könnten helfen, das Leiden ein wenig zu lindern. Denn wer Biodiversität effektiv schützen will, muss als Erstes verstehen, wo und wie schnell sich Ökosysteme verändern.
Gisela Wachinger hat mich gewarnt, bloß auf den Wegen zu bleiben. Schließlich soll der Lebensraum, den Bio-O-Tonanalysieren will, nicht ausgerechnet durch die Helfenden beschädigt werden. »Das ist natürlich auch ein Vorteil der Technik«, sagt sie. »Man kann die Tonaufnahmen vom Weg aus machen und muss nicht überall durchlaufen.« Es genügt, das Smartphone für eine Minute an den Wegesrand zu legen. Dafür braucht es nur die App Dawn Chorus, mit der normalerweise Vogelgesänge aufgezeichnet und für Nutzer:innen sofort ausgewertet werden. Bio-O-Ton nutzt die Infrastruktur dieser App zur Erstellung der Aufnahmen von allen möglichen Geräuschen.
Wachinger selbst sammelt so oft sie kann Daten für das Projekt. Sie fährt mit dem Zug hinaus ins Grüne und sucht gezielt nach Flächen, von denen noch Aufnahmen fehlen. Noch läuft nicht alles perfekt, die Dawn Chorus-App hat noch so ihre Probleme, wenn Nebengeräusche wie Wind zu hören sind. Trotzdem kommen aktuell jede Woche einige hundert Aufnahmen zusammen. Zwischen dem 1. April und Mitte Juni 2026 wurden bereits 7.500 Aufnahmen auf den von Bio-O-Ton markierten Flächen registriert.

Ein paar Stunden nach meinem Waldausflug sitze ich in der Bahn und schaue in der Dawn Chorus-App nach, welche Vögel ich in der Geräuschkulisse des Waldes aufgezeichnet habe. Darunter sind einige, die selbst ich erkennen würde, wenn ich sie zu Gesicht bekäme. Eine Amsel, zum Beispiel, oder der kleine Buchfink mit den schwarz-weißen Flügeln und dem blaugrauen Scheitel auf braunem Gefieder. Und da ist einer, der Zilpzalp heißt. Seinen Namen verdankt er seinem eingängigen Gesang, der wie ein »zilp zalp« klingt. Er ist anscheinend ein typischer Bewohner unserer Wälder, obwohl ich noch nie von ihm gehört habe. Ich habe ihn auch nicht bemerkt, aber er war da, auf fast jeder Aufnahme, hoch über mir im Blätterdach. Die Technik und ich haben uns also wunderbar ergänzt.
Der Wald – ich verstehe ihn nun schon etwas besser. Und auch die Wissenschaft lernt ihn mit jeder Aufnahme ein bisschen mehr kennen.
Dieser Text ist Teil des Schwerpunkts Neue Wälder im August 2026.
Quellennachweise
Dawn Chorus. (n.d.). The Chorus – Interaktive Karte. Abgerufen am 7. Juli 2026, von https://explore.dawn-chorus.org/?lang=de
Kistner, F. (n.d.). Bio-Ton Map [Interaktive Karte]. Abgerufen am 7. Juli 2026, von https://fkistner85.github.io/Bio_ton_map_intern/maps/map_public.html
Aufnahme der Autorin:
Dawn Chorus. (n.d.). Aufnahme Eliana Berger [Audioaufnahme]. The Chorus. Abgerufen am 7. Juli 2026, von https://explore.dawn-chorus.org/sound/31824963
Newsletter
Jeden Monat ein Thema. Unseren Newsletter kannst du hier kostenfrei abonnieren: