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Neue Wälder

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Vanessa Leitschuh

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Elias Linnekuhl

Was wäre der Wald bloß ohne uns

Der Weißensteiner Wald auf der Schwäbischen Alb war lange sich selbst überlassen. So konnte eine Vielfalt entstehen, die unsere bedrohten Wälder brauchen. Was können wir hier für den Wald der Zukunft lernen?

Gute Nachrichten wie diese sind rar: Die extrem seltene Alpenfledermaus wurde in einem Wald auf der Schwäbischen Alb entdeckt. Dabei galt sie in Deutschland ein halbes Jahrhundert lang als ausgestorben. 2006 wurde sie erstmals wieder gesichtet. Dann, im Jahr 2024 spürte sie ein Forscher auch auf der Schwäbischen Alb auf, einem Mittelgebirge in Baden-Württemberg. In dem Wald bei Weißenstein haben Wissenschaftler:innen mittlerweile 19 Fledermausarten nachgewiesen. Das sind mehr als drei Viertel aller Arten, die in Deutschland vorkommen.

Das ist natürlich schön für die Alpenfledermaus. Aber es ist auch ein Zeichen, das weit über diese Art hinausgeht: Denn Fledermäuse sind Indikatoren für einen gesunden Wald. Schließlich sind sie mobil, könnten jederzeit ihr Habitat wechseln und davonfliegen, wenn es nicht lebenswert ist. Wenn ihnen Nahrung fehlt oder sie keine Hohlräume finden, in denen sie ihre Jungtiere aufziehen können. Viele Fledermäuse deuten auf viele Insekten hin und auf eine große biologische Vielfalt.

Das ist die absolute Ausnahme, denn Deutschlands Wälder leiden. Durch den Klimawandel sind sie immer mehr Stürmen, Trockenheit und Dürre ausgesetzt. Seit 2017 sind mehr als 900.000 Hektar Kronendach verschwunden, knapp neun Prozent der deutschen Waldfläche. Allein der Nationalpark Harz, ein Schutzgebiet etwa so groß wie Frankfurt am Main, hat seit 2018 rund 90 Prozent seines Baumbestands eingebüßt.

Eigentlich können sich gesunde Bäume gegen Angreifer wie Käfer oder Pilze verteidigen. Eine gesunde Fichte würde Harz absondern und den Borkenkäfer in ihrer klebrigen Masse fangen, bevor er sich durch die Rinde frisst. Eine gesunde Eiche würde die Fraßgänge des Eichenprachtkäfers zuwachsen lassen, bevor die Larven sie so durchbohrt haben, dass kaum mehr Nährstoffe von den Wurzeln zur Krone gelangen. Doch wenn Wasser und Energie fehlen, verlieren Bäume diesen Kampf. Das löst im Ökosystem Wald eine Kettenreaktion aus.

Wenn Bäume sterben, finden Vögel weniger Brutplätze, Fledermäuse weniger Quartiere, Insekten weniger passende Pflanzen. Wälder verlieren außerdem ihre Funktion als Kohlenstoffsenke: In lückigen Wäldern trocknet der Boden schneller aus, mehr Wasser verdunstet, der Wald kühlt weniger und mehr klimawirksame Gase entweichen. Der Wald hierzulande speichert mehr als zwei Milliarden Tonnen Kohlenstoff. Das ist mehr, als Deutschland in zehn Jahren ausstößt.

Was ist es also, das dieser Wald in Weißenstein auf der Schwäbischen Alb hat, was anderen fehlt? Lässt sich von ihm etwas für die Zukunft der Wälder lernen?

Der Wald ohne Motorsäge

Weißenstein ist Teil der kleinen Gemeinde Lauterstein im Lautertal, gut zwölf Kilometer sind es bis zur Nachbarstadt Schwäbisch Gmünd. Auf einem Bergvorsprung thront das Schloss Weißenstein: Helles Gemäuer, gestufte Giebel, umrankt von dichtem Grün. Hier breiten sich rund hundert Hektar und einige Jahrhunderte Wald aus. Die Glocken läuten zum Mittag, als Heiko Schumacher an einem Frühjahrstag Anfang Mai aus dem Schloss tritt.

Seit 2019 gehört der Weißensteiner Wald der Heinz-Sielmann-Stiftung. »Wir wollen in den Lauf der Dinge nicht eingreifen«, sagt Heiko Schumacher, der den Stiftungsbereichs Biodiversität leitet. Gleich wird er eine Gruppe Besucher:innen durch den Wald führen, die für das Projekt Waldbiotop gespendet haben.

Die Stiftung will den Wald bewahren und seiner natürlichen Entwicklung überlassen. Normalerweise kauft die Stiftung Waldflächen, um Monokulturen in naturnahe Wälder umzubauen. Hier in Weißenstein ist das nicht nötig. Es wächst bereits, was zu Boden und westeuropäischem Klima passt: Rotbuchen, Eichen, Bergahorn, Spitzahorn, Eschen. Ein naturnaher Laubmischwald.

Dass es diesen Wald noch gibt, hat auch mit seiner Unzugänglichkeit zu tun. Schroff fallen die Hänge des Albtraufs ab, Felsnadeln stechen hervor, der Boden ist steinig. Einen Baum zu fällen und zu bergen, ist mühsam und riskant. So blieb der Wald unbewirtschaftet.

Solche Orte sind selten. Nur etwa drei Prozent der Wälder dürfen sich in Deutschland frei entwickeln. Der Rest wird bewirtschaftet oder anderweitig durch den Menschen beeinflusst. Naturnah bedeutet, dass der Wald zum Boden passt, auf dem er steht, zu den Wasserverhältnissen und Temperaturen. Eigentlich wollte Deutschland bis 2020 fünf Prozent seiner Wälder einer natürlichen Entwicklung überlassen. Doch es hat dieses Ziel verfehlt – und für die Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt 2030 erneut formuliert. Um das zu erreichen, fehlt jedoch eine Fläche, die vier Mal so groß ist wie der Nationalpark Harz.

»Eine traurige Bilanz«, sagt Judith Reise im Videocall. Sie arbeitet beim Öko-Institut, einem privaten Umweltforschungsinstitut in Freiburg, unter anderem zu Waldresilienz und klimastabilen, naturnahen Wäldern. »Von anderen Ländern wie Brasilien, Ecuador oder Rumänien erwarten wir, dass sie ihre Urwälder beibehalten. Und Deutschland schafft es nicht einmal auf die festgelegten fünf Prozent, auf die man sich politisch gerade so einigen konnte.« Dabei brauche es so viele unbewirtschaftete Wälder wie möglich an verschiedenen Standorten – vom Grumsin in der Uckermark bis zum Schwarzwald.

Das heißt nicht, jeden Wald sich selbst zu überlassen. Deutschland braucht Holz, und Wälder werden auch in Zukunft bewirtschaftet werden. Doch wer wissen will, wie Bewirtschaftung zukunftsfähig wird, muss zunächst verstehen, wie sich Wälder ohne den Menschen verhalten. Welche Baumarten wachsen natürlich? Wie alt werden sie? Und welche sind besonders resilient gegenüber klimatischen Veränderungen? Eine kluge Forstwirtschaft schaut: Wie macht es die Natur selbst?

Der richtige Wald am richtigen Ort

Gedämpftes Licht bricht durch das Blätterdach. Heiko Schumacher schlägt sich durchs Unterholz den steilen Albtrauf hinauf, der das Hochplateau der Alb vom tiefen Albvorland trennt. Er hat einen Blick für das, was anderen im Wald nicht sofort auffällt: Ein Stück bergauf hinter dem Schloss greifen die Wurzeln einer Buche aus dem Stein und hängen in der Luft. Obwohl ein großer Teil ihres Untergrunds weggespült wurde, sitzt sie fest im Fels. Seit 140, vielleicht 150 Jahren, schätzt Schumacher. Viel Erde gibt es hier nicht, stattdessen poröses Karstgestein. »Dieses Gebiet hat unter widrigen Bedingungen spannende Lebensräume zu bieten.«

Was hier am Albtrauf sichtbar wird, zeigt sich auch fernab unserer mitteleuropäischen Wälder. Große Teile des artenreichen Regenwaldes in Brasilien etwa wachsen auf einem der schlechtesten Böden der Welt. Der starke Regen hat ihn über Millionen Jahre hinweg ausgewaschen und Nährstoffe herausgelöst. Der Nährstoffkreislauf im Wald funktioniert deshalb besonders schnell. Alles, was stirbt, wird von Pilzen, Bakterien und Bodentieren rasch zerlegt und die freigesetzten Mineralien und Nährstoffe werden sofort wieder aufgenommen, bevor der Regen sie wegspült. Das funktioniert nur, weil die Organismen genau an diese Bedingungen angepasst sind – ein hochspezialisiertes Beziehungsnetz.

Ein Wald kann Hitze, Trockenheit, Schädlingen besser trotzen, wenn seine Arten nicht gegen ihren Standort ankämpfen müssen. Widerstandskraft beginnt also mit dem richtigen Wald am richtigen Ort.

Lebensraum Totenreich

Schumacher legt seine Hand auf den alten Stamm einer Buche. Abgeschälte Rinde legt helles Holz frei, wie aufgekratzte Haut ist es von Fraßspuren durchzogen. Der Baum an sich ist längst abgestorben – »aber der Begriff Totholz ist völlig falsch: Es lebt mehr denn je«, sagt Heiko Schumacher. »Viele Arten sind darauf angewiesen.«

Was hier steht, ist wie ein Haus mit wechselnden Bewohnern. Mit jeder Phase des Zerfalls ziehen andere ein und aus: Bohrende Käfer oder Spechte brechen die Rinde auf und öffnen den Baum für Pilze und Bakterien. Sie zersetzen das Holz, machen es weich und morsch. Wie ein Schwamm saugt es sich voll, sodass Moose und Flechten wachsen, ohne auszutrocknen. Ist der Baum zu Erde geworden, wachsen neue Pflanzen daraus.

Fast ein Drittel der Pflanzen, Tiere und Pilze in unseren Wäldern hängt von Totholz ab. Es ist Nahrung, Kinderstube und Wohnraum. Viele Mikrohabitate, von denen es in einem alten Wald deutlich mehr gibt. In Wirtschaftswäldern werden Bäume aus ökonomischen Gründen früh gefällt. Hier im Fledermauswald bleibt das Totholz liegen, solange es die Wanderer auf den Wegen nicht gefährdet. Hier überragen faulende Stämme junge Sämlinge, liegen Leben und Sterben nah beieinander. „Naturdynamik par excellence”, nennt Schumacher das.

Vielfalt als Versicherung

Eine Monokultur, in der immer die gleichen Bäume nebeneinanderstehen, ist wie ein gedeckter Tisch für Schädlinge. Artenreichtum, aber auch genetische Vielfalt innerhalb einer Art wirken wie eine Versicherung: Sie schützen den Wald als Ganzes. Aber selbst hier, im Biotop bei Weißenstein, greift etwas um sich, das eine ganze Baumart gefährdet: das Falsche Weiße Stängelbecherchen. Dieser Pilz löst das Eschentriebsterben aus: Befällt er eine Esche, welken die Triebe, die Äste sterben ab, irgendwann der ganze Baum. Egal, ob junger Sämling oder alter Koloss.

»Die Eschen in unseren Waldbeständen in Weißenstein werden innerhalb der nächsten zehn oder zwanzig Jahre verschwinden«, prognostiziert Schumacher. »Dagegen gibt es kein Mittel – außer, dass man auf einzelne resistente Bäume hofft.« Ein naturnaher, vielfältiger Wald mit Bäumen unterschiedlichen Alters kann den Ausfall einer bestimmten Art allerdings viel eher auffangen.

Doch solche alten Waldstandorte wie bei Weißenstein sind sehr selten in Deutschland. Der durchschnittliche Wald hierzulande ist 82 Jahre alt. Das ergab die letzte Bundeswaldinventur 2022. Von einem alten Waldstandort spricht man erst ab 200 Jahren. Dass der Weißensteiner Wald wahrscheinlich noch älter ist, davon erzählen zwei unscheinbare Bewohner: Hesperus rufipennis, der Rothörnige Moosgroßhalbflügler, und der Rindenkäfer Synchita separanda. Zwei Urwaldkäfer. Beide sind kaum noch in deutschen Wäldern zu finden, letzterer ist vom Aussterben bedroht.

Diese beiden Käferarten können sich kaum ausbreiten. Wird ein Wald gerodet oder altes Holz regelmäßig entfernt, verschwinden sie. Wenn solche Urwaldreliktarten trotzdem vorkommen, deutet das auf eine lange Kontinuität hin. Der Wald bei Weißenstein muss über viele Jahrhunderte hinweg alte Bäume und Totholz-Lebensräume beherbergt haben.

Was wir von der Wildnis lernen können

Die meisten Wälder hierzulande wurden angepflanzt, um Holz zu ernten: allesamt gleichaltrige Bestände, oft aus schnell wachsenden Fichten, auch dort, wo diese Art von Natur aus kaum wachsen würde. Das hatte fatale Folgen, nicht nur für die Waldwirtschaft: Denn als die Fichte, jahrzehntelang immerhin Deutschlands Hauptbaumart, großflächig ausfiel, ging mit ihr viel Biomasse verloren – und damit ein wichtiger Kohlenstoffspeicher. »Wir haben einen Verlust von 30 Millionen Tonnen gespeichertem Kohlenstoff innerhalb von zwei bis drei Jahren. Das ist für die Klimaziele eine absolute Katastrophe«, sagt Judith Reise vom Öko-Institut.

Forstwirte diskutieren nun viel über die Frage der Baumarten: Welche können gepflanzt werden, wenn das Klima extremer wird? »Es wird oft nach Arten geschrien, die hier nicht im Entferntesten vorkommen«, sagt die Ökologin Reise. Stattdessen sollte man, findet sie, auf nahegelegene, nicht bewirtschaftete Wälder schauen: Welchen Totholzanteil hat ein Wald? Welche Arten kommen natürlich hinzu und können forstwirtschaftlich gut genutzt werden? Welche natürlichen Prozesse lassen sich in eine kluge Bewirtschaftung übertragen?

Wälder, die weniger intensiv bewirtschaftet werden, produzieren weniger Holz.

Das zeigen Waldentwicklungsmodelle. »Aber das spiegelt eben die Menge an Holz wider, die für das Ökosystem Wald tragbar ist«, sagt Reise.

Dass der Wald ein Ökosystem ist – dieser Gedanke muss einer gesunden Waldwirtschaft zugrunde liegen. Ein unendlich komplexes System der Lebewesen also, in dem alle Arten ihre Nische haben und ihre Aufgabe erfüllen – verschiedene Baumarten, Pilze, Rindenkäfer, Fledermäuse und etliche mehr. Der Weißensteiner Wald ist nicht die Antwort auf die Frage, wie alle Wälder künftig aussehen sollen. Aber er ist ein Wald mit Vergangenheit – und damit, paradoxerweise, ein Wald mit Zukunft. Dafür braucht es ein paar essenzielle Bedingungen: Vielfalt, Alter, Totholz, passende Baumarten – und jede Menge Zeit. Weil Wald kein Zustand ist, sondern ein Prozess. Eine Naturdynamik par excellence.

Dieser Text ist Teil des Schwerpunkts Neue Wälder im August 2026.

Quellennachweise

Bundesamt für Naturschutz. (o. D.). Artenporträt: Hypsugo saviihttps://www.bfn.de/artenportraits/hypsugo-savii

Bundesamt für Naturschutz. (o. D.). Baumartenzusammensetzung der Wälderhttps://www.bfn.de/daten-und-fakten/baumartenzusammensetzung-der-waelder

Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat. (2025). Ergebnisse der Waldzustandserhebung 2024https://www.bmleh.de/SharedDocs/Downloads/DE/Broschueren/waldzustandserhebung-2025.pdf?__blob=publicationFile&v=4

Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit. (2020). Strategie zur biologischen Vielfalt 2030https://www.bundesumweltministerium.de/fileadmin/Daten_BMU/Pools/Broschueren/nbs_2030_strategie_bf.pdf

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