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Marc Latsch

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Autogrammkarte Birgit Fischer

Die Medaillenformel

Deutschland soll wieder Medaillen gewinnen. Doch wer kommt an die Fördertöpfe?

In einer alten Turnhalle in Mülheim an der Ruhr schmettern ein Dutzend Spieler:innen des U19-Badminton-Kaders Federbälle über die Netze. An der Wand hängt ein schwarz-rot-goldenes Banner, darauf steht: »Gemeinsam stark auf dem Weg zur Weltspitze.« Wer auf olympische Medaillen hofft, sollte um diese Halle aber besser einen Bogen machen – zumindest legt das eine Datenanalyse aus der deutschen Spitzensportförderung nahe.

Als die Wahrscheinlichkeiten von Top-3- und Top-8-Platzierungen für die Olympischen Spiele in Los Angeles 2028 berechnet wurden, landete Badminton auf dem letzten Platz aller deutschen Sportarten. Das sogenannte »Kaderpotenzial« beträgt bei Männern und Frauen gleichermaßen 0,0. »Das ist eine toughe Ansage«, sagt Trainer Danny Schwarz, während im Hintergrund Turnschuhe über den Hallenboden quietschen. »Wenn wir das genauso sähen, würden wir hier nicht arbeiten.«

Der Mann, der für das System hinter der Nullprognose verantwortlich ist, heißt Urs Granacher. Er ist Sportwissenschaftler an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und leitet die PotAS-Kommission, die den gesamten deutschen olympischen Sport in einer Rangliste vergleichen soll. In einem Videocall sagt er: »Die Schwierigkeit der Aufgabe war mir sofort bewusst. Es ist nach wie vor eine große Herausforderung.«

Granachers Job ist das Ergebnis einer Reform, mit der Bundesinnenminister Thomas de Maizière im Mai 2017 zwei Probleme zugleich lösen wollte. Erstens: Deutschland gewann bei Olympischen Sommerspielen immer weniger Medaillen. In Rio de Janeiro waren es 2016 nur 42 gewesen, kurz nach der Wiedervereinigung noch rund doppelt so viele – bei weniger Wettbewerben. Zweitens: Der Bundesrechnungshof hatte ein transparentes System anstelle der zuvor unsystematischen Verteilung der Gelder für den deutschen Spitzensport angemahnt. Das Potenzialanalysesystem – kurz PotAS – sollte das Heilmittel für beides sein. Auch acht Jahre nach seiner Einführung gibt es noch sehr unterschiedliche Meinungen dazu, ob das funktioniert hat.

Autogrammkarte von Birgit Fischer. Mit acht Gold- und vier Silbermedaillen ist sie hinter Isabell Werth die zweiterfolgreichste deutsche Olympionikin.
Autogrammkarte von Birgit Fischer. Mit acht Gold- und vier Silbermedaillen ist sie hinter Isabell Werth die zweiterfolgreichste deutsche Olympionikin.

Die Kritiker:innen kommen vor allem aus jenen Sportarten, die seit PotAS mit weniger Geld auskommen müssen – etwa aus dem Deutschen Badminton Verband. »Ich halte die Ranglisten für Quatsch. Wir sollten uns nicht mit der Leichtathletik vergleichen, sondern mit unserer Weltspitze«, sagt Chef-Bundestrainer Hannes Käsbauer. »Wir wurden systemisch benachteiligt«, ergänzt Bundesstützpunktleiter Martin Kranitz in einer gemeinsamen Videoschalte aus Saarbrücken, dem neben Mülheim zweiten großen deutschen Badminton-Standort.

Kritik kommt aber auch von denjenigen, die zu Unrecht unterschätzt wurden, wie dem Deutschen Turnerbund (DTB). Mit der Rhythmischen Sportgymnastik lag der auf Platz 99 – und gewann 2024 mit der 17-jährigen Darja Varfolomeev eine Goldmedaille bei Olympia in Paris. Für 2028 bringt der DTB nun den zweithöchsten Erfolgswert in die Berechnung ein. »Aus meiner Sicht zeigt diese Veränderung, wo die Schwachstellen im System sind«, sagt DTB-Sportdirektor Thomas Gutekunst. Wer die Kritik nachvollziehen will, muss zunächst die Arbeit der PotAS-Kommission verstehen. Diese setzt sich zusammen aus Wissenschaftler:innen und Praktiker:innen aus dem Sportbetrieb. Ihre Beurteilungen orientierten sich bis zuletzt an drei »Bewertungssäulen «: Erfolg, Kaderpotenzial und Struktur – also den neuesten Ergebnissen bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften, den möglichen Entwicklungen der Kaderathlet:innen in den kommenden vier Jahren und der Organisation der Verbände.

Das PotAS-System, zu dem es auch eine eigene Wintersport-Rangliste gibt, befindet sich seit seiner Einführung im ständigen Wandel. Zu Beginn schätzten Funktionär:innen beispielsweise noch selbst ihr Kaderpotenzial ein – meist zu hoch. Nun übernimmt das ein komplexes Datentool: Es beruht auf den Ergebnissen Hunderttausender Sportler:innen und kalkuliert den sogenannten Elo-Wert – also zukünftige Gewinnwahrscheinlichkeiten. Es berechnet den Abstand zur Weltspitze und die rechnerische Chance, diesen in den kommenden vier Jahren aufzuholen. Eine große Veränderung steht noch bevor: Die dritte Säule, der Strukturbereich, fällt künftig ganz weg.

PotAS ist der Versuch, Sportarten zu vergleichen, die eigentlich unvergleichbar sind. Viele Funktionär:innen halten die Grundidee einer Rangliste für richtig. Fast alle finden aber auch, dass ihre »sportartspezifischen Aspekte« nicht ausreichend berücksichtigt werden. Der Deutsche Turnerbund fordert ein Umdenken beim Kaderpotenzial, weil seine großen Hoffnungen für 2028 teilweise noch so jung sind, dass sie in dem an internationalen Wettkämpfen orientierten Datentool gar nicht auftauchen. Der Deutsche Badminton Verband kritisiert, dass die Verletzung seines besten Spielers nicht berücksichtigt wurde. Und die Deutsche Reiterliche Vereinigung möchte das Kaderpotenzial der Tiere berechnen lassen. »Im Pferdesport ist das Pferd der determinierende Faktor«, sagt deren Vorstandsvorsitzender Dennis Peiler.

Bei allen Partikularinteressen bleibt eine Kernfrage: Lässt sich sportlicher Erfolg überhaupt vorhersagen? Urs Granacher selbst vergleicht seine Arbeit mit der eines Meteorologen. »Je weiter wir vorausschauen, umso unsicherer wird die Prognose.«

PotAS und der deutsche olympische Sport insgesamt stehen am Scheideweg. Bislang hat die Rangliste »nur« Einfluss auf die rund 41 Millionen Euro pro Jahr, die für die Trainings- und Wettkampfplanung der Verbände bereitgestellt werden. Ab dem kommenden Wintersportzyklus soll jedoch auch das Personal potenzialorientiert bezahlt werden, wie ein Sprecher der mittlerweile zuständigen Staatsministerin für Sport und Ehrenamt bestätigt.

Urs Granacher findet, dass die Fördermittel noch gezielter dort ankommen könnten, wo sie Deutschland Medaillen bringen. Er verweist auf das Vereinigte Königreich, das sich in Vorbereitung auf die Heimspiele in London 2012 auf die Kernsportarten konzentriert habe, in denen sich viele Medaillen gewinnen lassen. Damit kam das Land dreimal in Folge unter die ersten vier der olympischen Medaillenwertung. »Ich glaube, dass PotAS einen kleinen Beitrag geleistet hat. Dass wir langsamer fallen«, sagt Granacher. 33 Medaillen in Paris 2024 waren ein neuer Tiefststand für das wiedervereinigte Deutschland. Nun will er den Trend umkehren.

Doch ist es wirklich die Lösung, das Budget rein auf die Medaillenaussichten auszurichten? Oder bräuchte es mehr Geld für die Breite des deutschen Sports? Die Meinungen gehen weit auseinander. Badminton-Funktionär Martin Kranitz verweist lieber auf Italien als auf das Vereinigte Königreich. Dort werde gerade mit Erfolg in die Gesamtheit der Sportarten investiert. Dennis Peiler, dessen Reiter:innen mit den aktuellen Ranglistenplätzen 1 (Dressur), 5 (Vielseitigkeit) und 6 (Springen) ganz oben stehen, wünscht sich Erfolg als entscheidendes Kriterium. Für die Turner:innen setzt sich Thomas Gutekunst für Mindestförderniveaus ein und will die Bedeutung des Kaderpotenzials aufwerten. Für die Zeit nach 2028 wurde den Verbänden zuletzt ein Kompromiss vorgestellt: Auch deren eigene Potenzialanalysen könnten dann mitberücksichtigt werden.

Für den Badminton-Verband kann das Ende des Strukturkriteriums teuer werden. Nur durch die dortige gute Bewertung reichte es zumindest für die Gesamtplätze 82 (Männer) und 87 (Frauen) unter zuletzt 99 Disziplinen. Dennoch musste der Verband seine Jahresplanung bereits um gut 200.000 Euro kürzen, das sind rund 40 Prozent des ursprünglichen Budgets. Seit 15 Jahren arbeitet Danny Schwarz in Mülheim an der Ruhr schon in einem Büro ohne Fenster. »Tageslicht wäre schon mal cool«, sagt er. Doch gerade gibt es andere Probleme. Seit Oktober dürften sie sich rein rechnerisch keine Trainingsbälle mehr kaufen. Das Budget ist erschöpft. Schwarz blickt auf die Spieler:innen, die er an die Weltspitze führen soll. »Wir haben nicht viel und kriegen dann weniger. Wie sollen wir so besser werden?« Vielleicht sorgt PotAS am Ende also selbst für das Nullpotenzial, das es vorhergesagt hat.

Erschienen am 18. März 2026

 

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