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Sport

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Ann-Kathrin Bielang

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Marina Weigl

Heiße Höschen

Zu lang, zu kurz, zu sexy, zu prüde: Immer gab es was zu meckern an den Kleidern
sportlicher Frauen. Wie wäre es endlich mit Selbstbestimmung?

Höschen statt Shorts und Top statt Trikot: Um Funktionalität und Ästhetik von weiblicher und männlicher Sportkleidung zu kontrastieren, haben wir drei Profi-Beachvolleyballer:innen zum Kleidertausch gebeten: Moritz Hauschild (li.), Chenoa Christ (m.) und Robin Sowa (re.).

Wir bemerken selten, wann eine Veränderung beginnt. Deshalb hat diese Geschichte auch keinen Anfang, sondern besteht aus Momenten, in denen das Bild schärfer wird. Etwa dieser: Da ist der Horizont und das Meer an der Küste von Boston, im Jahr 1907. Annette Kellerman steht in einem knielangen Badeanzug am Revere Beach. Kurze Zeit später wird sie verhaftet: Ihre Beine seien zu nackt. Das Urteil: Unsittlichkeit.

Ob diese Verhaftung wirklich stattfand, gilt heute als umstritten, da sie nur in Kellermans eigenen Erzählungen erwähnt wird. Dennoch lebt die Anekdote weiter, weil sie mehr erzählt als nur ein Ereignis: Sie erzählt von Frauen, die den Sport erobern, und von der entscheidenden Rolle, die Kleidung dabei gespielt hat – und noch immer spielt.

Bademode für Frauen, das bedeutete bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts: lange Röcke über einer gerafften Hose, Blusen, Strümpfe und Häubchen. Schichten an Stoff also, die sich im Wasser vollsogen. Auch in anderen Sportarten unterschied sich die Sportbekleidung für Frauen allenfalls im Material von der Straßenkleidung. Kein Wunder also, dass die erste Frau, die den Mont Blanc bestieg, Marie Paradis, dies im Jahr 1808 in einem Wollkleid mit mehreren Unterröcken und dünnen Lederschuhen tat. Krocket und Tennis? Spielte Frau im Korsett.

Körperliche Anstrengung für Frauen stieß lange Zeit auf gesellschaftliche Ablehnung – man(n) fürchtete verwelkende Unterleibsorgane. Zugleich, so die Modehistorikerin Patricia Campbell Warner, entdeckte die Gesellschaft im Sport eine Bühne für sozial akzeptiertes Flirten jenseits der Anstandsregeln zwischen jungen Frauen und Männern. Entsprechend sollte die Kleidung der Frau weniger funktional sein als vielmehr ihre Weiblichkeit betonen.

Erst im frühen 20. Jahrhundert begannen Frauen, ihre Kleider zu kürzen und die Ärmel hochzukrempeln. Bekannt wurden die sogenannten »Bloomers «, jene an den Knöcheln schmalen Hosen, die unter einem Rock getragen wurden. Benannt nach der Frauenrechtlerin Amelia Bloomer, erleichterten sie das Radfahren, brachten ihren Trägerinnen aber auch Beleidigungen und sogar körperliche Angriffe ein. In der Bademode machte zur selben Zeit der »Annette-Kellerman-Anzug« Furore, ein figurbetonter Einteiler, der ab 1911 das Schwimmen revolutionierte. 1904 liefen in Berlin erstmals Frauen in Pumphosen um die Wette, und die französische Tennisspielerin Suzanne Lenglen verabschiedete sich wenig später vom Korsett und langen Rock – und gleichzeitig von einem Stück gesellschaftlicher Enge. Doch auch diese neue Freiheit war ambivalent: Der weibliche Körper durfte sich bewegen, sollte aber weiter schön dabei aussehen.

Springen wir ins 21. Jahrhundert: Der Sport-BH ist erfunden, Funktionskleidung selbstverständlich, Frauen gehen in Tights joggen und besteigen Achttausender. Also alles gut? Athletinnen und Organisationen wie die National Organization for Women kritisieren, dass Sportbekleidung für Frauen noch immer stärker auf Sexualität als auf Leistung ausgelegt und für den »male gaze« entworfen wird – hyperfeminin, knapp und körperbetont. Ein Beispiel aus dem Alltag sind Leggins mit Scrunch-Effekt, die durch eine geraffte Naht den Po optisch anheben und als »figurschmeichelnd« vermarktet werden.

Auch im Profisport zeigt sich dieser sexualisierende Blick: Bis vor wenigen Jahren mussten Beachvolleyball- und Beachhandballspielerinnen Bikinihosen tragen, deren Seitenbreite maximal sieben beziehungsweise zehn Zentimeter betrug. Als die norwegische Beachhandball-Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft 2021 in Shorts antrat, wurde sie mit einer Geldstrafe belegt. Erst als Reaktion auf öffentliche Kritik wurden die Regularien geändert. Selbst in Sportarten ohne zentimetergenaue Kleidervorschriften – wie beim Turnen – sind es bis heute meist die traditionell knappen Turnanzüge, in denen die Sportlerinnen Spagat oder Grätschsprünge zeigen. Und bei Olympia 2024 sorgte das Outfit der US-Leichtathletinnen, ein pinkfarbener und hochgeschnittener Body, für Empörung. Die ehemalige Läuferin Lauren Fleshman kritisierte: »Wenn dieses Outfit wirklich förderlich für die körperliche Leistungsfähigkeit wäre, würden Männer es tragen«. Studien aus Großbritannien machen sichtbar, wie vorgeschriebene Sportkleidung zur Bremse für Leistung und Motivation wird. Wenn Mädchen etwa Turnanzüge oder Ballettkostüme tragen müssen, in denen Körperform und -haare nicht zu verstecken sind, ist das oft ein entscheidender Grund, warum viele in der Pubertät den Sport aufgeben. Zugleich verstärkt sich bei vielen der Impuls, das Sportoutfit zu feminisieren, um nicht als maskulin oder homosexuell wahrgenommen zu werden. Dieses Spannungsfeld beschreibt Studienautorin Tess Howard als »athletisch-feminines Paradox«, ein Zwiespalt zwischen sportlicher Kraft und gesellschaftlich definierter Weiblichkeit.

Wie fühlt sich so ein Kleidertausch für die beiden männlichen Beachvolleyballer an? Es sei »unbehaglich« und »sexualisierend«, so ein knappes Höschen zu tragen, sagen sie.

Vor diesem Hintergrund fordern Forschende und Athletinnen Sportkleidung, die die Leistung unterstützt, statt Rollenbilder zu festigen. Dass sich immer mehr Athletinnen für Selbstbestimmung einsetzen, ihre Kleidung selbst wählen und gegen Sexualisierung Stellung beziehen, ist ein weiterer wichtiger Anfang – aber sicherlich noch nicht der Moment, an dem diese Geschichte endet.

Erschienen am 18. März 2026

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