Thema
Greatest Hits

Text
Fabian Englmann

Gestaltung
Lenni Baier
erstellt mit #pixelcrash by @van_der_ex

Playlist
»Hidden Jams« by Science Notes

Hören wir bald nur noch KI-Musik?

Durch massenhaft produzierte KI-Songs brechen die Einnahmen von Musiker:innen ein. Welche Rolle spielen menschliche Artists in Zukunft noch?

Die Frau ist verknallt. In einen »Talahon mit Louis-Gürtel, Gucci-Cap und ›Air Max‹- Schuh ‘n«. »Talahon«, das steht für das Stereotyp eines jungen Mannes mit Migrationshintergrund. Der Song flutet im Sommer 2024 die sozialen Netzwerke. Zu einem 1960er-Schlagerinstrumental schwärmt die Verliebte vom »Mann fürs Leben«, mit dem man beim ersten Date in die Shishabar geht. Während das Internet nun darum streitet, ob das Lied diskriminierend ist oder als ironische Gegenrede zum rechten Kulturkampf taugt, landet es auf Platz 48 der deutschen Singlecharts.

Doch eigentlich singt hier gar keine Frau. Verknallt in einen Talahon ist der erste KI-generierte Song, der es in die deutschen Charts geschafft hat. Ist das der Beginn einer neuen Ära der Musik?

Geschrieben hat den Song ein Mann, der österreichische Musikproduzent Butterbro. Mit dem KI-Tool Udio verwandelte er seinen Text in das veröffentlichte Audio. Seit solche Programme einfach zugänglich sind, steigen die Uploadzahlen von KI-generierter Musik. Der Streaminganbieter Deezer berichtete im Januar 2026 von täglich rund 60.000 KI-Songs, die auf der Plattform hochgeladen werden – das sind 39 Prozent aller Uploads. Ein Jahr zuvor waren es noch 10.000. Anderen Anbietern dürfte es ähnlich ergehen, sie veröffentlichen ihre Zahlen nur nicht.

Das hat Folgen. Die GEMA prognostizierte schon 2024: In den nächsten vier Jahren werden die Einnahmen von Musikschaffenden aufgrund von Künstlicher Intelligenz um bis zu 27 Prozent sinken. Wird KI die Musiker:innen in Zukunft also ersetzen? Oder ist sie nur ein weiteres Werkzeug, das ihnen ganz neue Möglichkeiten eröffnet?

Kunst vs. KI

Ali Nikrang produziert schon seit 2019 mit einem KI-Modell Musik. Er ist Professor für Künstliche Intelligenz und Musikalische Kreation an der Hochschule für Musik und Theater München. Künstliche Intelligenz in der Musik einzusetzen, birgt für ihn viele Chancen – mit seiner Forschung möchte er all die Möglichkeiten besser verstehen. Dafür veranstaltet er außergewöhnliche Konzerte: Im Oktober 2024 spielten die Münchner Philharmoniker etwa gemeinsam mit einem von Studierenden instruierten »KI-KIavier«, bei dem sich die Tasten automatisch bewegten.

Dahinter steckte Nikrangs Forschungsprojekt, das interaktive KI-Musikkompositionssystem Ricercar. Mit etlichen klassischen Musikstücken gefüttert, deren Urheberrecht bereits erloschen ist, kann es neue klassische Musik erschaffen. Nutzer:innen geben mit einer Auswahl aus den eingespeisten Stücken, eigener Musik sowie einer Inspirations- und einer Aufmerksamkeitskurve eine Richtung vor.

In einem Paper vom November 2025 beschreibt Nikrang, wie die Kurven Ricercar beeinflussen: Die Aufmerksamkeitskurve steuert das erneute Auftauchen bisheriger Muster des Musikstücks, die Inspirationskurve wiederum den Einfluss des ausgewählten Materials. Ricercar komponiert daraufhin fünf Varianten, die sich für mehrere Sekunden an das Stück anfügen. Sind Nutzer:innen nicht zufrieden, können sie die Tools neu einstellen und damit neue Resultate erzeugen. Ganz nach dem »trial and error«-Prinzip passen Nutzer:innen die Variablen immer wieder an, bis sich ein vollständiges Musikwerk ergibt.

»Das Wichtigste ist dabei der Human Touch«, sagt Nikrang. Wer mit Ricercar arbeitet, müsse viel ausprobieren, verwerfen, neu ansetzen. Daher auch der Name: Die Verbform ricercare bedeutet im Italienischen so etwas wie »suchen« oder »herausfinden«. »Es ist ein Mythos, dass man durch KI weniger Zeit braucht. Ein Prompt reicht nicht, um ein zufriedenstellendes Ergebnis zu bekommen«, sagt Nikrang. Ähnlich schilderte es auch Butterbro in einem Interview mit dem WDR: Mehr als 100 Versuche habe er gebraucht, bis er mit Verknallt in einen Talahon zufrieden war. Die Kunst bleibt mit KI also individuell und authentisch – nur eben anders als zuvor.

So sieht es auch der Berliner Künstler und Softwareentwickler Robert Henke. Statt Künstlicher Intelligenz spricht er von »Large Language Models«: »Ich sehe die nicht als Konkurrenz. Denn sie sind dumm«, sagt er. Henke hat die letzte Revolution der Musikindustrie geprägt, als er vor fast 25 Jahren die Software Ableton Live mitveröffentlichte. Sie wird weltweit von DJs und Produzent:innen elektronischer Musik genutzt. Unter dem Künstlernamen Monolake erreichen viele seiner Songs mehrere hunderttausend Streams auf Spotify. Henke sagt, Maschinen könnten zwar Muster reproduzieren, werden aber niemals verstehen können, was Musik bedeutungsvoll macht. Künstliche Intelligenz ist für ihn deshalb nur ein Materialgenerator. Danach beginne die kreative Arbeit: beim Kontextualisieren, Einordnen und Weiterentwickeln.

KI-Tools statt Komponist:innen

Die wirkliche Bedrohung für Musikschaffende sieht Henke im Wegfallen von Jobs im Kunstgewerbe. Nur die wenigsten Künstler:innen können allein von ihrer Musik leben. Viele produzieren deshalb nebenher Werbung und Auftragsmusik. Aber wie lange noch? Robert Henke vergleicht diese Musiker:innen mit Architekt:innen, die im Auftrag arbeiten, ohne sich dabei selbst künstlerisch zu verwirklichen. »Sowas kann die KI viel besser. Die Bedrohung ist ganz klar spürbar.« So fehlt Musiker:innen zunehmend das Geld, um sich ihrer Kunst widmen zu können.

Der Verband PRO MUSIK setzt sich für faire Arbeitsbedingungen freischaffender Musiker:innen ein. »Man sieht jetzt schon, wie die Aufträge massiv einbrechen, weil es günstige KI-Tools gibt«, sagt die Vorstandsvorsitzende Nina Graf. Sie selbst macht unter dem Künstlernamen Miu Musik und kennt die Probleme aus erster Hand. Fast ein Drittel weniger Einnahmen für Künstler:innen, wie es die GEMA 2024 für die kommenden vier Jahre prognostizierte, hält sie deshalb für »sehr realistisch«.

Die Studie, auf die sich die GEMA beruft, führte das Forschungsinstitut Goldmedia durch. Sie basiert vor allem auf einer Online-Befragung von 15.073 Autor:innen und Musiker:innen, die ihrem Beruf mindestens in Teilzeit nachgehen. 71 Prozent der Befragten gaben an, Angst davor zu haben, durch Künstliche Intelligenz nicht mehr von ihrem Beruf leben zu können.

Nina Graf glaubt, dass Live-Musik durch den Boom von Künstlicher Intelligenz an Bedeutung gewinnen wird. Schon heute gleichen Konzerte für viele Künstler:innen die wirtschaftlichen Nachteile des Streamingzeitalters aus. »Echte Menschen auf einer Bühne kann Künstliche Intelligenz nicht ersetzen. Menschen spüren dort eine Verbindung«, sagt sie. Für Musiker:innen braucht es aber erst einmal eine finanzielle Grundlage, um überhaupt auf Tour gehen zu können. »Es droht, dass wir den Mittelstand der Musik verlieren«, sagt Graf. »Dann hätten wir nur noch eine Handvoll Ed Sheerans und Taylor Swifts.«

Die Musikindustrie zieht vor Gericht

Wie Künstliche Intelligenz überhaupt so musikalisch werden konnte, ist für Graf ein großer Teil des Problems. Denn die Systeme wurden mithilfe von Musik von echten Musiker:innen trainiert. »Das ist ungefragt passiert und man hat hier klar Urheber- und Persönlichkeitsrechte verletzt. Wir erwarten uns vom Gesetzgeber Schutz, dass das nicht passiert.«

Die GEMA klagte zuletzt erfolgreich gegen OpenAI, das Unternehmen hinter ChatGPT. Die Verwertungsgesellschaft konnte nachweisen, dass beim Training des Systems Songtexte wie Männer von Herbert Grönemeyer oder In der Weihnachtsbäckerei genutzt wurden. Schwer war das nicht: Es genügte ein einfaches Nachfragen, damit die KI die Texte ausspuckte. Das Landgericht München sah keine andere logische Erklärung für so ein präzises Ergebnis und urteilte im November 2025, dass OpenAI für die Nutzung von Songtexten in Zukunft Lizenzanträge stellen muss.

Gegen das Musiktool Suno klagt die GEMA momentan aus ähnlichen Gründen. Dieses wurde mit etlichen Audiofiles gefüttert, um ein fertiges Lied, wie etwa Verknallt in einen Talahon, erstellen zu können. Für Juni wird das erste Urteil des Landgerichts München erwartet, das klären soll, ob das Tool weiterhin mit GEMA-geschütztem Material trainiert werden darf. Auch die weltweit größten Musiklabels reagieren. Universal, Sony und Warner gehen seit 2024 gerichtlich gegen die KI-Musiktools Suno und Udio vor. Momentan zeichnet sich eine außergerichtliche Einigung ab. Warner Music hat im November 2025 eine Kooperation mit Suno geschlossen. Warner-Künstler:innen wie Ed Sheeran, Charli xcx oder Peter Fox sollen in Zukunft selbst entscheiden dürfen, ob ihre Musik für Künstliche Intelligenz genutzt wird. Wenn sie zustimmen, sollen sie daran auch mitverdienen. Das Konzept soll noch in diesem Jahr anlaufen. Damit sind wir allerdings noch weit entfernt von einem System, bei dem alle Künstler:innen profitieren – vor allem jene, die bei keinem Musiklabel unterschrieben haben.

In Sekundenschnelle probehören

Gleichzeitig steht fest: Die KI eröffnet vielen Musikschaffenden auch völlig neue Möglichkeiten, ihre Visionen zu verwirklichen. Im Herbst 2023 gaben in der Goldmedia-Studie 35 Prozent der Befragten an, Künstliche Intelligenz in ihrer Arbeit zu nutzen – mittlerweile dürfte diese Zahl deutlich höher ausfallen.

»Inzwischen hat man im Laptop ein komplettes Tonstudio dabei«, sagt Nina Graf. Zum Beispiel lassen sich viele Musiker:innen heute bei der Nachbearbeitung von Songs von Algorithmen unterstützen anstatt von Tontechniker:innen.

Neue KI-Tools wie Suno und Udio gehen noch einen großen Schritt weiter. Musiker:innen können eine Demo erschaffen, die schon nach einer ersten Skizze zeigt, wie ein Song im fortgeschrittenen Stadium klingen könnte. Mit Suno ist es etwa möglich, die eigene Stimme und einen geschriebenen Text hochzuladen und den gewünschten »Style« zu beschreiben. Nach wenigen Sekunden liefert das Tool mehrere Songvarianten, die sich jeweils weiter anpassen lassen.

Wer heute anfängt Musik zu machen, kommt dank KI sehr viel schneller voran als noch vor wenigen Jahren. Die Frage ist also nicht: Wird KI Musikschaffende ersetzen? Sondern vielmehr: Dürfen KI-Modelle weiterhin mit Musik von echten Künstler:innen trainiert werden? Und wenn ja, wer verdient daran, wenn Maschinen daraus neue Musik erzeugen? Denn wer weiß: Sollte KI-Musik eines Tages zu einer bedeutsamen Einnahmequelle für Musiker:innen werden, könnte Künstliche Intelligenz vielleicht mehr Rettung als Bedrohung für diese Branche sein.

Dieser Text ist Teil des Schwerpunkts Greatest Hits im Mai 2026.

Bei der Arbeit an diesem Schwerpunkt haben wir immer wieder festgestellt: Die Musikstreaming-Algorithmen sind unfair. Wir haben daher in der Redaktion eine Playlist mit Songs zusammengestellt, die vom Algorithmus tendenziell vernachlässigt werden – weil sie zu lang, zu weiblich, zu experimentell sind. Aber hört selbst!

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Quellennachweise

GEMA. (2024, 30. Januar). GEMA und SACEM stellen Studie zu KI in der Musikbranche vor.

GEMA. (2024, 30. Januar). KI und Musik: Generative Künstliche Intelligenz in der Musikbranche.

Nikrang, A. (2025). Human–AI co-creation in contemporary composition. In Expanded ’25: Proceedings of the Conference on Animation and Interactive Art (pp. 65–73). Association for Computing Machinery. https://doi.org/10.1145/3749893.3749961

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