Thema
Was ist Frau?

Text
Ann-Kathrin Bielang

Illustration
Hélène Baum-Owoyele

 

Jägerinnen und Sammler

Sie hütet das Nest, kümmert sich um die Kinder und sammelt Beeren: Lange zeichneten Archäologen ein klares Bild von den Frauen der Urgeschichte. Wie aber sah es wirklich aus? Die Wahrheit liegt in der Erde.

Die Geschichte vom Jäger und der Sammlerin beginnt nicht in einer lauschigen Höhle in der Steinzeit. Ihre Geschichte beginnt 2,5 Millionen Jahre später im 19. Jahrhundert. Als sich die ersten Archäologen und Anthropologen – fast immer waren das Männer – für die Urgeschichte zu interessieren beginnen, erschaffen sie das Bild der prähistorischen Frau aus den gängigen Geschlechterklischees ihrer eigenen Zeit. Und ignorieren dabei vieles, was nicht in das Bild der Beeren sammelnden und Kinder erziehenden Hausfrau passt. Mit neuen Analysemethoden legen Archäologinnen nun ein anderes Frauenbild der frühen Menschheitsgeschichte frei.

Ist das wertvoll oder kann das weg? Nicht alles, was Archäologinnen ausgraben, ist von wissenschaftlicher Bedeutung. Häufig sind es einfach nur Münzen, Nägel oder Scherben aus der jüngeren Vergangenheit, die sich unter die Erdoberfläche verirrt haben. Aber auch hier gilt: Genaues Hinschauen lohnt sich. Wie bei diesem Rest aus Lindenbast, den Archäologinnen aufgrund seiner Form und Saugfähigkeit als steinzeitliche Damenbinde interpretieren.

Ist das wertvoll oder kann das weg? Nicht alles, was Archäologinnen ausgraben, ist von wissenschaftlicher Bedeutung. Häufig sind es einfach nur Münzen, Nägel oder Scherben aus der jüngeren Vergangenheit, die sich unter die Erdoberfläche verirrt haben. Aber auch hier gilt: Genaues Hinschauen lohnt sich. Wie bei diesem Rest aus Lindenbast, den Archäologinnen aufgrund seiner Form und Saugfähigkeit als steinzeitliche Damenbinde interpretieren.

 

Nesthüterin

 

Fund: Keramikgefäß
Fundort: Dietfurt (Deutschland)
Datierung: 800-600 v. Chr.

Wie eine winzige Teekanne sieht das Gefäß aus dem Grab eines Einjährigen aus. Doch es war kein Tee in diesem und in den 23 ähnlichen Gefäßen, die Katharina Rebay-Salisbury im Jahr 2019 untersuchte. Die Archäologin suchte nach Lipidrückständen: Werden Fette länger in einem Gefäß gelagert oder darin gekocht, nimmt die poröse Gefäßwand sie auf. Anhand chemischer Analysen fanden die Archäologin und ihr Team tatsächlich Überreste von Milchfetten – von Wiederkäuern, also von Schafen, Ziegen oder Kühen. Diese Rückstände legen nahe, dass die Gefäße als Babyfläschchen genutzt wurden. Dass es möglich ist, kleine Kinder mit ihnen zu stillen, haben Archäologinnen in Experimenten bestätigt. Der Ausguss ist groß genug für Flüssigkeiten, aber zu schmal für feste Nahrung wie Brei. Für Rebay-Salisbury und ihr Team deuten die prähistorischen Babyfläschchen darauf hin, dass nicht nur Mütter ihre Säuglinge stillen konnten. Mit der Tiermilch konnten auch Väter, Großeltern oder Geschwister einspringen.

Fund: Steinprojektilspitzen
Ort: Wilamaya Patjxa (Peru)
Datierung: ca. 7000 v. Chr.

So sieht ein Meilenstein aus: eine Projektilspitze aus Hornstein zur Großwildjagd. Entdeckt hat sie ein Team rund um den Archäologen Randall Haas im Jahr 2018 in den peruanischen Anden, im Grab einer 17-19-jährigen Frau – eine Jägerin der Steinzeit. Und sie war nicht allein: Haas und sein Team gehen davon aus, dass die Großwildjagd zu 30 bis 50 Prozent von Jägerinnen bestritten wurde. Untersuchungen von Verletzungsmustern in der Altsteinzeit zeigen zudem, dass Männer und Frauen den gleichen Risiken ausgesetzt waren. Zwar ist das kein direkter Beweis, dass Frauen jagten. Allerdings gibt es auch keinen Hinweis, dass nur Männer auf die Jagd gingen.

Neben Großwild standen in der Steinzeit auch Eier, Insekten oder Fisch auf dem Speiseplan sowie vor allem Kleinwild. Archäologinnen gehen davon aus, dass Frauen, Männer und Kinder dieses gemeinsam jagten und die Aufgaben je nach Alter verteilten – ähnlich wie auch heute lebende Wildbeutergesellschaften.

Künstlerin

 

Fund: Handnegativ
Fundort: Aventignan (Frankreich)
Datierung: 25.000 v. Chr.

Hundert Kilometer südwestlich von Toulouse galoppieren Pferde, Bisons und ein Mammut über die Felswände der Höhle von Gargas. Daneben entdeckten Archäologinnen rund 230 Handnegative, hinterlassen von Menschen, die vor 27.000 Jahren lebten. Handabdrücke und -negative neben Höhlenmalereien werden von Archäologinnen häufig als Künstlersignaturen gedeutet. Da viele der Motive Jagdszenen zeigen, gingen sie lange Zeit davon aus, dass sie nur von Männerhand gemalt sein konnten. Der Anthropologe Dean Snow von der Pennsylvania State University war allerdings sicher, auch Frauenhände zu erkennen. In der Regel ist der Ringfinger bei Männern deutlich länger als der Zeigefinger. Bei Frauen ist das Verhältnis umgekehrt oder beide Finger sind gleich lang. Mit diesen geschlechtsspezifischen Handmaßen untersuchte Snow die Handabdrücke in acht französischen und spanischen Steinzeithöhlen, darunter in der Höhle von Gargas. Er verglich die steinzeitlichen Negative mit den eingescannten Handflächen von heute lebenden Frauen und Männern. Auf Grundlage der Handmaße bestimmte ein Algorithmus anschließend das Geschlecht: Knapp drei Viertel der von Snow untersuchten Handnegative stammen von Frauen. Zwar war Snows Stichprobe mit 32 Handnegativen relativ klein. Aber sie nimmt den Männern zumindest schon mal einige ihrer Pinsel aus der Hand – beziehungsweise die Fellbüschel oder Ästchen, die sie zum Zeichnen benutzt haben.

Stereotyp: Schwaches Geschlecht

 

Fund: Oberarmknochen
Fundort: Nitra (Slowakei)
Datierung: ca. 5400 – 5000 v. Chr.

In einem Labor der University of Cambridge bedient die Archäologin Alison Macintosh den CT-Scanner. Die Röntgenröhre drehen sich um den Arm einer trainierten Ruderin. Das Gerät nimmt eine Reihe von Bildern auf; eine spezielle Software erstellt daraus später ein dreidimensionales Modell ihres Oberarmknochens. Ähnlich verfährt die Archäologin mit dem Schienbein der Athletin.

Knochen verändern sich bei physischer Belastung mit der Zeit. Sie werden bruchfester, belastungsfähiger, stärker. Die Knochenstruktur verrät deshalb, wie aktiv und kräftig die Versuchsteilnehmerinnen sind. Und das nicht nur bei lebenden Menschen: Macintosh und ihr Team vergleichen die 3D-Aufnahmen von Leistungssportlerinnen mit Knochenscans von prähistorischen Frauen aus Mittel- und Südosteuropa. Was sie herausfinden, lässt diese alles andere als schwach aussehen: Die prähistorischen Frauen waren stärker als die Athletinnen heute. Im Schnitt waren ihre Oberarme zwischen elf und 16 Prozent stärker als die der Ruderinnen.

Fund: Salzplatte
Fundort: Hallstatt (Österreich)
Datierung: 1500 – 400 v. Chr.

Nahe dem größten bekannten Salzbergwerk der Bronze- und Eisenzeit in Hallstatt lebten vor etwa 3.500-2.400 Jahren Frauen mit ausgeprägtem Musculus brachialis und Musculus biceps brachii. Beide Muskeln sind für das Beugen des Armes verantwortlich. Und beide haben an den weiblichen Skeletten Spuren hinterlassen. Archäologinnen können daran ablesen, welche Arbeiten Frauen damals ausführten. Dafür sehen sie sich die Muskelmarken an, also die Stellen, an denen Muskeln und Sehnen an den Knochen ansetzen. Wird ein Muskel trainiert oder belastet, wird auch seine Ansatzstelle größer und kräftiger. Bei Überbelastung können Muskelfasern reißen und zu Löchern an den Knochen führen. Die Knochenabnutzung der Hallstätter Frauen deuten darauf hin, dass sie zu Lebzeiten schwere Lasten wie Salzplatten, Brennholz oder eingedrungenes Wasser in und aus dem Bergwerk trugen.

Groß und schwer

 

Fund: Gürtelblech
Fundort: Riedenburg-Untereggersberg (Deutschland)
Datierung: 8. – 6. Jh. v. Chr.

Schlanke Figur und Wespentaille – auf die sogenannten Idealmaße unserer Zeit passt der Gürtel aus Bayern sicher nicht. Umso besser aber auf das reale Körperbild der Urgeschichte. Doch woher weiß die Forschung das? Immerhin zersetzt sich Muskel- und Fettgewebe – und das Gewicht einer Person lässt sich nicht am Skelett ablesen. Umso wertvoller sind Gürtelbleche für die Forschung: Mithilfe vollständig erhaltener Bleche können Archäologinnen den Taillenumfang ermitteln. Mit einer Länge von bis zu 131 Zentimetern müssten sich einige der Frauen von damals heute in einem Übergrößenladen umschauen – bei Größe XXL. Archäologinnen diskutieren auch ein anderes mögliches Maß für den Körperumfang: den Abstand der Arme vom Körper bei Bestattungen in gestreckter Rückenlage.

Fund: Frauenstatuette
Fundort: Renancourt (Frankreich)
Datierung: 21.000 v. Chr.

Die Venus von Renancourt ist dick und nackt, vier Zentimeter groß, aus Kreide geschnitzt und gehört zu den sogenannten Venusfigurinen. 41 dieser Frauenstatuetten hat Richard Johnson an der University of Colorado vermessen. Charakteristisch für diese Statuetten aus Fundorten von Südfrankreich bis Sibirien sind fehlende Gesichtszüge, ausgeprägte Geschlechtsmerkmale und ein rundlicher Körper. Niemand weiß genau, welchen Zweck sie erfüllten. Möglicherweise stellen sie die Wunschmaße damaliger Frauen dar. Diese Theorie stützen die Forscher aus Colorado auf die Taillen-, Hüft- und Schulterbreite der Statuetten, die sie mit historischen Klimadaten verglichen. Dabei fiel ihnen auf: Die Statuetten lassen sich zurückdatieren auf die letzte Kaltzeit, als das Nahrungsangebot in weiten Teilen Europas knapper wurde. An den Rändern von Gletscherausläufern waren die Figuren deutlich runder als in weiter vom Eis entfernten Gebieten. Fettreserven sind überlebensnotwendig, und Frauen benötigen allein für eine gesunde Schwangerschaft 22 Prozent Körperfett. Fettleibigkeit war in der Kaltzeit also durchaus wünschenswert.

Grabbeigaben

 

Fund: Perlenkette
Ort: Fridingen an der Donau (Deutschland)
Datierung: 6.-7. Jahrhundert n. Chr.

49 Perlen liegen neben dem Skelett aus Grab 75. Lange hätte Archäologinnen ein solcher Fund genügt, um das Geschlecht von Verstorbenen zu bestimmen. Es gab lediglich zwei Formeln: Schmuck ist gleich Frauengrab, Waffen sind gleich Männergrab. Heute verwenden Archäologinnen präzisere Methoden:

  • Osteologische Untersuchungen: Die Skelette von biologisch männlichen und weiblichen Individuen unterscheiden sich. Insbesondere der Beckenknochen ist bei Frauen größer und runder. Weitere Hinweise auf das Geschlecht geben Merkmale am Schädel, etwa ein spitzeres Kinn.
  • DNA-Analysen: Mit sogenannter aDNA, also ancient oder alter DNA aus prähistorischen Skeletten können Archäologinnen das chromosomale Geschlecht bestimmen – sofern verwendbare DNA-Fragmente erhalten sind. Temperatur, Feuchtigkeit, Bodenpilze oder UV-Strahlung zersetzen die DNA und können die Analyse fehleranfällig machen.
  • Zahnschmelzanalysen: Zähne finden sich an archäologischen Stätten vergleichsweise häufig, denn als härteste Substanz im menschlichen Körper bleibt Zahnschmelz oft erhalten. Darin enthaltene Varianten des Proteins Amelogenin helfen bei der Geschlechtsbestimmung: Lediglich bei männlichen Individuen ist das Protein AMELY vorhanden, AMELX kommt bei beiden Geschlechtern vor.

All diese Untersuchungen beziehen sich dabei auf das binäre biologische Geschlecht. Das soziale Geschlecht wird ebenso wenig berücksichtigt wie intersexuelle Individuen. Doch es gibt Hinweise, dass beispielsweise Geschlechterrollen in der Jungsteinzeit fließend waren: Die Archäologin Susan Stratton von der Cardiff University etwa hatte Datensätze aus einem Grabfeld im bulgarischen Durankulak untersucht. Zwischen typisch »männlichen« und typisch »weiblichen« Grabbeigaben fand Stratton Überschneidungen, die auf komplexere Geschlechterkategorien hindeuten.

Zurück zu der Perlenkette aus Grab 75: Eine Untersuchung der Knochen zeigte, dass ihr Besitzer zwischen 23 und 40 Jahre alt wurde – und biologisch männlich war.

Dieser Text stammt aus der Ausgabe Nr. 9 »Was ist Frau?«

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