
Emotionen sind das, was Forschung treibt
Als Physikerin und Philosophin kennt Rafaela Hillerbrand verschiedene Spielarten der Wissenschaft. Für sie ist Rationalität in der Forschung nicht alles – und das Bauchgefühl ein guter Wegweiser. Im Interview erklärt sie, wo Gefühle in der Wissenschaft Platz haben können – und wo nicht.
Bernd Eberhart: Es gibt ja dieses Stereotyp von einem Wissenschaftler: Der hat wirre Haare und einen weißen Kittel an, das ist ja klar, aber dann ist er auch so…
Rafaela Hillerbrand: Männlich?
Männlich, natürlich! Und voll fokussiert auf seinen Forschungsgegenstand. Völlig ohne Emotion und Empathie. Woher kommt denn dieses Bild, dass Forscher:innen komplett emotionslos sein müssen?
Generell haben wir als Menschen ein gewisses Unbehagen mit unseren Emotionen: Sie lassen sich nicht einfach vergleichen wie beispielsweise unsere optischen Erfahrungen. Darum nimmt man Emotionen eher als fehlerbehaftet wahr – was sie natürlich auch sein können. Aber in erster Linie sind Emotionen einfach Teil unseres Wahrnehmungsspektrums. Man muss sie im Nachhinein noch einmal überprüfen. Das bedeutet aber nicht, dass Emotionen von vornherein fehlleiten. Genauso kann auch die sinnliche Wahrnehmung fehlleiten.
Aber dass Wissenschaftler:innen doch bitteschön auf Gefühle verzichten und objektiv bleiben sollen, scheint ein gängiger Anspruch zu sein.
Ja, denn Emotionen sind zunächst subjektive Empfindungen. Und gerade diese, so die gängige Meinung, helfen uns nicht weiter in den Wissenschaften. Das Ziel der Wissenschaft ist, objektive Erkenntnis zu gewinnen, die unabhängig von Zeit und Ort ist und insbesondere unabhängig von der forschenden Person. Als Leitgedanke ist das sinnvoll – aber gleichzeitig darf man die Komplexität der Welt, die man beschreiben möchte, nicht unterschätzen. Wenn wir an die Grenzen unseres Wissens stoßen, hilft es nichts, sich auf eine vermeintliche Objektivität und Emotionsfreiheit zu berufen. Gerade dann sind wir angewiesen auf das Hilfsmittel der emotionalen Reaktionen.
Emotionen funktionieren also als eine Art Kompass in der unübersichtlichen Welt der Wissenschaft?
Emotionen können Hinweise geben, dass wir die untersuchten Aspekte dieser Welt noch nicht gut genug verstehen oder noch besser hinsehen müssen. Oft ist ein Bauchgefühl ein guter Indikator dafür, ob beispielsweise eine Hypothese richtig ist. Aber das darf immer nur der Ausgangspunkt sein für eine rationale Rechtfertigung, die jenseits des subjektiven Gefühls liegt. Das heißt, Emotionen in der Wissenschaft sind hilfreich – aber als Wissenschaftlerin muss ich darauf achten, wie ich im Anschluss zu einer objektivierbaren Aussage kommen kann. Ich muss meine Hypothese zum Beispiel mit Experimenten belegen, ich muss sie Kolleg:innen verständlich machen können. Emotionen können den Ausgangspunkt für weitere Reflexionen bilden, dürfen aber niemals der Endpunkt sein.

Was wäre denn ein Beispiel für so einen unzulässigen emotionalen Endpunkt?
Zum Beispiel die Angst vor einer Impfung oder vor einer neuen Technologie. Nur weil ich Angst habe, ist das noch kein Grund, auf eine bestimmte Art und Weise mit dieser Technologie umzugehen. Die Angst kann aber ein Hinweis darauf sein, dass wir mit unvollständigem Wissen arbeiten. Dem muss man dann weiter nachgehen.
Sie haben sich hauptsächlich der Technik- und Wissenschaftsphilosophie verschrieben, sind aber auch Physikerin. Kaum eine andere Disziplin gilt als so durch und durch rational wie die Physik: pure Logik, frei von jeglicher Emotion. Zu Recht?
In puncto Wissenschaftlichkeit hat die Physik sicher für viele Naturwissenschaftler:innen eine Vorbildfunktion, ob zu Recht sei dahingestellt. Mit Naturwissenschaft verbindet man oft Theorien, die mathematisch formuliert sind, und da ist die Physik das Paradebeispiel. Aber auch in der Praxis der Physik spielen Emotionen eine Rolle: Freude an einer einfachen, symmetrischen Theorie zum Beispiel. Oder Enttäuschung über widersprüchliche Ergebnisse – und die Hoffnung, dass die Forschungshypothese trotzdem richtig ist. Und natürlich dürfen wir insgesamt die motivierende Rolle nicht unterschätzen, die Emotionen spielen können: Sie sind oftmals das, was wissenschaftliche Forschung treibt.
Als Forschender kann ich mich aber nicht den lieben langen Tag freuen. Irgendwann muss doch dann Schluss sein mit den Emotionen.
Dafür lohnt es sich, zwei Begriffe aus der Wissenschaftstheorie einzuführen: Man muss zwischen dem Entstehungszusammenhang und dem Rechtfertigungszusammenhang unterscheiden.
Entstehungszusammenhang – ist damit der Prozess des Verstehens gemeint, also wie neues Wissen entsteht? Und im Gegensatz dazu zielt der Rechtfertigungszusammenhang darauf ab, die Gültigkeit einer Theorie festzustellen?
Genau. Auf der Rechtfertigungsebene muss ich einen rein rationalen Zugang wählen. Aber im Erkenntnisprozess sind Emotionen wirklich wichtig, vielleicht sogar unabdingbar. Wenn ich zum Beispiel eine Hypothese aufgestellt habe, dann aber empirische Befunde habe, die ihr widersprechen. Trotzdem glaube ich an meine Hypothese, weil ich ein gutes Gefühl habe – und dann muss ich weitere Forschungsergebnisse sammeln, um sie zu stützen. Andersherum kann diese Ebene des Bauchgefühls bei unklaren Evidenzen auch ein Gefahrenindikator sein: Ich habe ein ungutes Gefühl, das Gefahrenpotenzial ist hoch, ich muss sehr vorsichtig sein bei der Hypothese, die ich gerade überprüfe. Den Impfstoff, die Klimamodelle, das Ozonloch…
So ein Bauchgefühl kann ich vermutlich nicht aus einem Buch lernen. Das ist wohl etwas, was mit der Erfahrung kommt.
Ja, das lernt man nur, indem man sich in die Praxis der jeweiligen Disziplin begibt. Ich selbst habe in der theoretischen Strömungsforschung promoviert. Abhängig davon, ob ich turbulente Strömungen »im Feld« untersuche, also Wolken beobachte in der Atmosphärenphysik, ob ich experimentelle Strömungsmechanik im Labor mache, ob ich Simulationen durchführe oder ob ich rein theoretisch arbeite, wähle ich sehr unterschiedliche Vorgehensweisen. Und ich muss mein Bauchgefühl, meine Intuition, alles, was ich nicht rational fassen kann, in der jeweiligen Forschungscommunity trainieren. Ein gutes Beispiel kennen viele aus eigener Erfahrung – nämlich von der medizinischen Diagnostik: Ultraschall- oder MRT-Bilder muss man lesen lernen. Das geht nicht allein aus Lehrbüchern, sondern muss in der Praxis der jeweiligen Diagnostik geübt werden.
Aber trotzdem kann ja weder eine Ärztin noch ein Wissenschaftler beliebig an falschen Hypothesen festhalten.
In der Wissenschaft muss man aufpassen, nicht in den Bereich des scientific misconduct oder sogar fraud zu kommen, also des wissenschaftlichen Fehlverhaltens oder Betrugs: Natürlich darf ich keine Daten erfinden, nur weil ich glaube, dass meine Hypothese richtig ist oder weil ich gerade nicht die Zeit habe, sie nachzuweisen.
In den USA lassen sich zurzeit zwei parallele Entwicklungen beobachten: Zum einen wird dort seitens der Politik maximal emotional kommuniziert. Und zum anderen wird die Wissenschaft systematisch als unglaubwürdig diskreditiert und massiv behindert. Sollten Wissenschaftler:innen deswegen noch mehr Fokus auf Objektivität und harte Fakten legen? Oder sollten sie ihrerseits mit einer emotionaleren Kommunikation antworten?
Ich denke, Wissenschaftler:innen können nicht mehr machen, als ehrlich zu kommunizieren, was Wissenschaft ist. Dass Wissenschaft, wie wir sie heute verstehen, das bestmögliche Bild der Wirklichkeit liefert. Und dass gleichzeitig Teile der wissenschaftlichen Erkenntnis unsicher sind. Und zwar unsicher nicht trotz, sondern weil sie wissenschaftlich sind. Und auch, dass Emotionen im wissenschaftlichen Erkenntnisprozess eine Rolle spielen können. Es täten sicher alle gut daran, mehr über wissenschaftliche Methoden zu erzählen – und Wissenschaft nicht nur auf Fakten zu reduzieren.
Aber sind Fakten nicht super? Alle wollen doch Fakten!
Zu den Fakten habe ich ein Beispiel: Alle wissen wir, dass die Erde um die Sonne kreist. Viele Kinder, zumindest im säkularen Umfeld, lachen darüber, wie christlich geprägte Menschen früher glauben konnten, dass sich die Sonne um die Erde drehen könnte. Aber, ob ich diesen Fakt von den Wissenschaftler:innen nehme oder den anderen aus der Bibel, ändert nicht viel: Solange ich nicht weiß, warum die Aussage richtig ist, habe ich nicht viel verstanden. Kaum jemand kennt die experimentellen Belege der Bewegung der Erde um die Sonne. Wenn ein kleines Kind, das zum ersten Mal vom Heliozentrismus hört, fragen würde: »Warum denn? Ich sehe doch die Sonne jeden Tag aufgehen« – das wäre eine wissenschaftliche Haltung. Aber in der Schule lernen wir Wissenschaft leider meist als reine Fakten und nicht als notwendigerweise verbunden mit der wissenschaftlichen Methode.
Es ist natürlich einfacher, Fakten in ein Buch oder an die Tafel zu schreiben, als ausgiebig zu erklären, wie jemand zu bestimmten Erkenntnissen gekommen ist. Wann wird das zum Problem?
Das haben wir zum Beispiel während der Covid-19-Pandemie gesehen. Es gab laufend neue Empfehlungen in Bezug auf Masken, Versammlungen, Impfungen. Da wurde sehr deutlich: Wissenschaftliches Wissen ändert sich. Wissenschaftsnahen Menschen war klar: Das ist gut, weil so funktioniert wissenschaftlicher Fortschritt. In der Öffentlichkeit, sehr plakativ etwa von Donald Trump, wird das aber oft so ausgelegt, als wüssten Wissenschaftler:innen selbst nicht, was sie tun. Das ist überaus problematisch.
Emotionen in der Wissenschaft sind also okay, sagen Sie, solange sie Teil vom Prozess sind und nicht vom Ergebnis. Was würden Sie mir als Wissenschaftsjournalisten mitgeben? Wo haben Emotionen zum Beispiel in einem Artikel Platz und wann sollte ich darauf verzichten?
Ich wäre vorsichtig mit Emotionen, wenn sie in Richtung Moralisierung gehen. Wenn Sie mit besonders dramatischen Formulierungen die Emotionen der Leser:innen ansprechen und so womöglich Angst vor bestimmten Dingen erzeugen. Sie sollten sich dann immer fragen, ob das wirklich dem Diskurs förderlich ist. Ein Trick ist, an potenzielle Leser:innen zu denken, die nicht in der eigenen Bubble sind: Würden sie das lesen, oder würden sie bei diesem Begriff oder jenem Halbsatz den Artikel bereits weglegen? Aber sicherlich sind Emotionen auch im Journalismus eine Gratwanderung. Sie können auch nicht langweilig schreiben, sonst liest Ihre Texte ja niemand.
Rafalea Hillerbrand ist Physikerin und Wissenschaftsphilosophin. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist sie Professorin für Wissenschaftsphilosophie und die Beurteilung komplexer Wissensformen. Sie leitet die Forschungsgruppe Philosophie der Technik, Technikfolgenabschätzung und Wissenschaft am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) in Karlsruhe.
Dieser Text ist Teil des Schwerpunkts Zarte Fakten im Juli 2026.
Newsletter
Jeden Monat ein Thema. Unseren Newsletter kannst du hier kostenfrei abonnieren: