Thema
Hitze

Text
Elea Karst
und Hannah Schultheiß

Illustration
Leonard Baier

15 Hitzemythen im Check

Wenn die Hitze unerträglich wird, prasselt es gut gemeinte Tipps und Ratschläge: Trink lieber heißen Tee, statt eiskaltes Bier. Pass auf, auch im Schatten kannst du einen Sonnenbrand bekommen. Je weniger Kleidung, desto besser! Aber was davon stimmt wirklich und was ist nur Mythos? Wir haben 15 Behauptungen auf den Prüfstand gestellt.

1. Ist schwitzen gesund?

Vielen Menschen ist es unangenehm, zu schwitzen. Dabei ist es nicht nur gesund, es ist sogar überlebenswichtig. Es schützt uns, besonders bei hohen Temperaturen, vor Überhitzung. Der Mechanismus dahinter nennt sich Verdunstungskälte. Und das funktioniert so: Unter der Hautoberfläche sitzen Millionen von Schweißdrüsen; das Gehirn weist diese an, Flüssigkeit zu bilden. Schweiß tritt aus. Wenn er dann auf unserer Haut verdunstet, kühlt sich die Haut ab. Ist die Luft in unserer Umgebung sehr trocken, funktioniert das deutlich besser als bei hoher Luftfeuchtigkeit. Stehen wir in einem Windstoß oder vor dem Ventilator, wird der Effekt größer.

Aber: Schwitzen wir auch Schadstoffe aus? Immer mehr Studien belegen mittlerweile, dass das Ausschwitzen von Schadstoffen ein Mythos ist. Was man tatsächlich durch viel schwitzen verlieren kann, sind Elektrolyte. Denn der Schweiß besteht zwar zu 99 Prozent aus Wasser, das eine Prozent besteht aber vor allem aus Salzen. Daher sollte man hin und wieder etwas Salziges essen, eine Brezel oder eine Essiggurke zum Beispiel.

2. Was ist besser: lüften oder alles abdunkeln?

Warme Temperaturen locken uns im Sommer ins Freie. In unseren Wohnungen sorgen die Sonnenstrahlen jedoch schnell für unerträgliche Hitze. Wie schafft man also ein angenehmes Raumklima? Lüften oder alles abdunkeln? Die Verbraucherzentrale rät dazu, Fenster und Türen tagsüber zu schließen und erst dann zu lüften, wenn die Temperatur draußen niedriger ist als drinnen. Ideal eignet sich dafür die Nacht, sodass die gespeicherte Wärme mehrere Stunden lang entweichen kann. Damit die Hitze nicht allzu stark in die Wohnung vordringen kann, empfiehlt die Verbraucherzentrale außerdem, einen außenliegenden Sonnenschutz in Form von Rollläden, Jalousien oder einer Markise anzubringen. So kann die Wärme nicht in die Wohnung gelangen. Die Wirksamkeit von innenliegendem Sonnenschutz wie zum Beispiel Rollos oder Plissees ist hingegen beschränkt, da sie die Sonnenstrahlen erst dann nach außen reflektieren können, wenn die Wärme schon in den Raum eingedrungen ist.

3. Sorgen kalte Duschen für langfristige Abkühlung?

Nach einem heißen Tag verschwitzt unter die kalte Dusche zu springen, fühlt sich herrlich an. Aber hilft es auch dabei, den überhitzten Körper abzukühlen?
Nein, eine eiskalte Dusche trägt nicht zur langfristigen Abkühlung des Körpers im Sommer bei. Das liegt daran, dass der Körper als Reaktion auf das kalte Wasser innerhalb weniger Sekunden Schutzfunktionen mobilisiert, um Wärmeverlust zu vermeiden: Zunächst ziehen sich die Gefäße zusammen und die Wandspannung von Arterien, Arteriolen, Kapillaren und Venen wird erhöht. So wird das warme Blut von der Körperoberfläche ferngehalten und der Wärmeaustausch zwischen Körper und Luft ist geringer. Eine kalte Dusche kann Abkühlung also sogar verhindern. Besser ist lauwarmes Wasser, damit sich der Körper leicht abkühlt, ohne dass eine Gegenreaktion angestoßen wird.

4. Steigern hohe Temperaturen die Libido?

Dass hohe Temperaturen die Libido steigern, ist wahr. Im Sommer halten wir uns vermehrt am See, im Freibad oder im Park auf, der Wohlfühlfaktor steigt, das Stresslevel sinkt. Unser Körper schüttet verstärkt Glückhormone wie Endorphine, Serotonin und Dopamin aus. All das steigert die Lust auf Sex. Zusätzlich regt die Sonneneinstrahlung die Bildung von Vitamin D an. Dieses wirkt wie die Vorstufe eines Hormons, das die Stimmung aufhellt. Deshalb fühlt man sich lockerer, gelassener und leichter als in dunklen Wintermonaten – auch das steigert die Libido.

5. Kann man sich an Hitze gewöhnen?

Tatsächlich ist der Körper in der Lage, sich bei einer länger andauernden Hitzeperiode an hohe Temperaturen anzupassen – und zwar, indem er besondere Proteine produziert: Enzyme, die für Veränderungen im Wasserhaushalt oder in der Schweißzusammensetzung sorgen und somit die Hitze erträglicher machen. Außerdem produziert unser Körper bei extremen Hitzebelastungen zusätzlich sogenannte Hitzeschockproteine, die dafür sorgen, dass wichtige Proteine nicht irreversibel durch die Hitze geschädigt werden. Nach einiger Zeit machen sich diese Prozesse auch bemerkbar: Man schwitzt dann schneller und mehr. Ein trainierter und hitzeadaptierter Mensch kann anstelle der normalen zwei Liter pro Stunde bis zu vier Liter ausschwitzen. Außerdem wird der Schweiß vermehrt an Armen und Beinen abgesondert und kann so schneller verdunsten. Der Abkühlungseffekt ist damit größer. Und: Man verliert durch das Schwitzen weniger Elektrolyte, scheidet also auch weniger Salze aus als vor der Hitzeanpassung.

Dauerhaft sind extreme Hitzeperioden dennoch nicht gesund für den Körper – auch nicht für fitte und hitzeadaptierte Menschen.

6. Halten manche Menschen Hitze besser aus als andere?

Hitze und Kälte nehmen wir über 300.000 Kälte- und 30.000 Wärmerezeptoren wahr, die sich in unserer Haut, in unseren Organen und auch im Gehirn befinden. Jede kleinste Temperaturänderung wird über diese Sensoren an unser Gehirn weitergegeben, dort wird diese Information verarbeitet und der Körper reagiert. Dass manche Menschen es kaum erwarten können, bis das Thermometer 30 Grad anzeigt, während andere schon bei 25 Grad über die Hitze klagen und sich in die abgedunkelte Wohnung zurückziehen, liegt an der unterschiedlichen Beschaffenheit unserer Körper: Der Wärmehaushalt und die Thermoregulation, das System, das diesen regelt, sind von Person zu Person unterschiedlich. Schon die Hautstruktur spielt eine große Rolle, da sie entscheidend dafür ist, wo die Thermorezeptoren sitzen und wie sensibel diese auf Temperaturschwankungen reagieren. Ausschlaggebend ist auch das Verhältnis von Fett- zu Muskelmasse. Eine größere Muskelmasse sorgt dafür, dass wir nicht so schnell frieren, da 80 Prozent der Wärme im Körper von den Muskeln produziert werden. Und es ist auch von Bedeutung, wie gut und schnell der Körper über das Herz-Kreislauf-System oder die Gefäßregulation auf Kältereize reagieren kann.

7. Kälteschock: reale Gefahr beim Sprung in den eiskalten See?

Ja, der Sprung ins kühle Nass nach einem Sonnenbad kann gefährlich sein. Gerät unser aufgeheizter Körper plötzlich in kaltes Wasser, erkennen die Kälterezeptoren der Haut den abrupten Temperaturwechsel sofort. Das Gehirn schlägt Alarm und wichtige Schutzfunktionen werden ausgelöst, die unseren Körper vor Unterkühlung schützen sollen: Die Hormone Adrenalin und Noradrenalin werden ausgeschüttet und sorgen dafür, dass zunächst die Herzfrequenz steigt. Zeitgleich verengen sich die Blutgefäße. Da das Herz nun schneller Blut durch schmalere Gefäße pumpt, steigt der Blutdruck enorm an. So kann es zu Herz- und Kreislaufproblemen kommen. Zusätzlich können sich die Stimmritzen verkrampfen und akute Atemnot auftreten.
Diese Reaktionen treten nicht nur bei Menschen mit Herz-Kreislauf-Problemen auf, sondern auch bei jungen Leuten ohne Vorerkrankung. Deshalb Vorsicht, auch wenn der Sprung ins kalte Wasser an heißen Tagen verlockend erscheint!

 

8. Sorgen kalte oder warme Getränke für Abkühlung?

Eiskaffee, Limonade mit Eiswürfeln oder ein kühler Aperol Spritz – wenn das Thermometer auf über 25 Grad klettert, findet man sie auf Karten und Tischen in Biergärten und Cafés.  Dienen Kaltgetränke dem Körper aber wirklich zur Abkühlung? Nein, tatsächlich sollten eiskalte Getränke an heißen Tagen aus zwei Gründen vermieden werden: Sie können Magenkrämpfe auslösen, was wiederum die Flüssigkeitsaufnahme behindert. Außerdem reagiert der Körper auf die zugeführte Kälte mit einer Verengung der Blutgefäße. Diese hat zur Folge, dass das Blut verstärkt im Körperkern bleibt und der Körper sich von innen zusätzlich aufheizt.
Wie aber steht es um Heißgetränke? Oft werden sie empfohlen mit der Begründung, sie würden die Abkühlmechanismen unseres Körpers ankurbeln. Unser Körper kühlt sich vor allem über das Schwitzen ab. Dabei entsteht Verdunstungskälte, die das Blut in der Haut kühlt. So fließt es mit geringerer Temperatur in den Körperkern zurück. Heiße Getränke zu sich zu nehmen, stößt diese Abkühlungsmechanismen aber nicht an. Bei dieser Empfehlung handelt es sich also um einen Mythos. Am besten ist es, bei Hitze lauwarme Getränke um die 30 Grad zu sich nehmen.

9. Werden Sonnencremes schnell giftig?

Vor ein paar Jahren behaupteten Studien, alte Sonnencremes seien giftig – und erregten damit viel Aufmerksamkeit. Ganz so dramatisch ist die Lage allerdings nicht. Der Stoff, auf den sich die Studien beziehen, nennt sich Octocrylen, es ist ein UV-Filter. Mit zunehmendem Alter der Creme baut er sich unter anderem in Benzophenon um. Dieser Stoff ist laut Studien möglicherweise krebserregend, endgültig nachgewiesen ist das aber nicht. Außerdem ist Octocrylen nicht in allen Cremes enthalten. Wie lange sich eine Sonnencreme hält, steht in der Regel auf der Rückseite; normalerweise findet man dort die Angabe »12M«. Das bedeutet, dass sich die Creme nach Anbruch zwölf Monate hält. Wer sichergehen will, beachtet also dieses Verfallsdatum und kauft Sonnencremes ohne Octocrylen. Teuer muss die Sonnencreme deswegen aber nicht sein: Discounter-Produkte sind häufig sogar die Testsieger im Vergleich.

10. Helfen kurze Shorts und Tops beim Abkühlen?

Wie viel Stoff man trägt, ist nicht zwingend ausschlaggebend dafür, wie viel man schwitzt. Tatsächlich kommt es eher auf das Material der Kleidung an: Die Stoffe sollten leicht gewebt sein und die Hitze nicht speichern. Am besten eigenen sich Baumwolle, Leinen und Seide. Enganliegende Kleidung ist ebenfalls nicht ratsam, denn in weiten Klamotten kann die heiße Luft besser zirkulieren. Wer sehr empfindliche Haut hat und zu Sonnenbrand neigt, der sollte eher zu dunklen Stoffen greifen. Sie nehmen zwar Wärme schneller auf, nicht jedoch die UV-Strahlen. Helle Kleidung lässt hingegen fast die Hälfte der UV-Strahlen an unseren Körper. Unter heller Kleidung sollte man sich also auch eincremen.

11. Wie wichtig ist es, viel zu trinken?

Wenn es ums Überleben geht, gibt es eine bekannte Dreierregel: Der Mensch kann dreißig Tage ohne Nahrung, drei Tage ohne Wasser und drei Minuten ohne Sauerstoff auskommen. Auch wenn wohl niemand drei Tage das Trinken vergisst, verdeutlicht diese Regel, wie essenziell Flüssigkeit für unseren Körper ist – besonders, wenn der Wasserbedarf durchs Schwitzen erhöht ist. Die deutsche Gesellschaft für Ernährung gibt an, dass abhängig vom Alter zwischen eineinhalb und zwei Liter über den Tag verteilt getrunken werden sollten, bei Hitze dürfen es bei Gesunden drei Liter oder mehr sein.

Tatsächlich kann man aber auch zu viel trinken. Zu viel Wasser schwemmt Mineralien aus dem Körper und kann den Stoffwechsel durcheinanderbringen. Bei gesunden Menschen ist Durst ein guter Ratgeber, er verrät, wie viel Wasser benötigt wird.

12. Führt schwitzen dazu, dass wir abnehmen?

Das ist ein Mythos: Tatsächlich wiegt man kurzfristig weniger, wenn man viel schwitzt. Allerdings handelt es sich dabei nur um den Flüssigkeitsverlust. Kleine Fettpölsterchen bringt die Hitze nicht zum Schmelzen.

13. Kann man im Schatten einen Sonnenbrand bekommen?

Ja, auch im Schatten können Sonnenstrahlen gefährlich werden. Tatsächlich durchdringen einen Sonnenschirm rund 50 Prozent der UV-Strahlen. Je nachdem, wo man in der Sonne badet, spielen auch Reflexionen aus der Umgebung eine Rolle. Gerade am Strand oder im Schnee, wo viel Sonnenlicht reflektiert wird, bietet Schatten keinen Schutz vor einem Sonnenbrand.

 

14. Sollten wir an heißen Tagen Alkohol meiden?

Hitze und Alkohol vertragen sich gleich aus mehreren Gründen nicht besonders gut: Zum einen weitet Hitze die Blutgefäße. Das kann schon ohne Alkohol zu Kreislaufproblemen führen. Alkohol verstärkt diesen Effekt und kann im schlimmsten Fall dazu führen, dass wir durch einen Kreislaufkollaps bewusstlos werden. Zum anderen entzieht Alkohol dem Körper zusätzlich Wasser. Gerade wenn wir wegen der Hitze sowieso schon viel Schwitzen, wird der Körper so ausgelaugt und droht auszutrocknen. Und auch das Risiko eines Kälteschocks erhöht sich durch Alkohol, bereits bei Wassertemperaturen von 22 Grad. Betrunken ins Freibad zu gehen, ist also keine gute Idee.

 

15. Lockt Schweiß Mücken an?

Eine Studie, die in der Fachzeitschrift Current Biology veröffentlicht wurde, zeigt, dass der individuelle Körpergeruch beeinflusst, wie attraktiv wir für Mücken sind. Dabei wurde festgestellt, dass besonders die im Schweiß enthaltenen Duftstoffe anziehend wirken. Deren Zusammensetzung ist individuell unterschiedlich.  Menschen, die Carbonsäuren wie Buttersäure oder Isovaleriansäure ausscheiden, sind für Mücken der Studie zufolge am attraktivsten. Auch Acetoin, ein Stoff, der vermutlich von Hautbakterien produziert wird, erwies sich als anziehend für Mücken. Kurzfristig könnte eine Dusche bei Hitze also wirksam gegen Mückenstiche sein.

Erschienen am 12. Juli 2024

Newsletter

Jeden Monat ein Thema. Unseren Newsletter kannst du hier kostenfrei abonnieren: