Die Wolkenfänger
Im 19. Jahrhundert begannen die Menschen, das Ungreifbare zu benennen – und blicken seitdem anders in den Himmel. Ein künstlerischer Streifzug
Jahrhunderte, ja Jahrtausende, vielleicht Jahrmillionen Jahre lang trieben die Wolken über die Erde, frei und unbestimmt. Und dann, am Anfang des 19. Jahrhunderts, begann die Menschheit plötzlich damit, sie einfangen zu wollen.
Der Blick nach oben wurde ein anderer, denn die Aufklärung hatte die große Frage gestellt, ob das Firmament wirklich der Wohnsitz Gottes ist. Alle Gewissheiten lösten sich plötzlich in Luft auf. Und so gerieten auch die Wolken in den Fokus der Aufmerksamkeit – was waren das nur für seltsame Gebilde, so fragten die Wissenschaft und die Kunst, und zwar faszinierenderweise gleichzeitig. Alle wollten sich in dieser gedanklich aufgewühlten Atmosphäre wieder an irgendetwas festhalten – und gerieten dabei paradoxerweise: an die Wolken.
Den entscheidenden Impuls lieferte der Londoner Apotheker und Amateurmeteorologe Luke Howard, der in seinem Vortrag On the Modification of Clouds aus dem Jahr 1802 nach jahrelangem Blick nach oben ein Klassifikationssystem für die Wolken entwickelt hat. Es ist bis heute in Gebrauch – Howards genaue Benennung des zuvor Ungreifbaren markiert einen entscheidenden Mentalitätswandel. Mit den Termini cirrus (Federwolke), cumulus (Haufenwolke) und stratus (Schichtwolke) hat Howard das Flüchtige nicht länger als amorphe Erscheinung hingenommen, sondern als regelhaftes, beschreibbares und vergleichbares Phänomen begriffen. Doch Howard fand auch Begriffe für das, was die Wolken besonders auszeichnet – ihren Zustand des permanenten Wandels. Diese Übergangszustände heißen darum seit 1802 cirro-cumulus oder cumulo-stratus oder auch manchmal cumulo-cirro-stratus.
Am Himmel mag alles immer in Bewegung sein,
aber seit Howard konnte man erstmals Worte dafür finden – eine bewegliche
Grammatik des Himmels also, die es erlaubte,
Entwicklungen zu verfolgen, ohne sie unbedingt festhalten zu wollen.
Und gerade in dieser Mischung aus Offenheit und Pragmatismus
lag ihr größter Reiz.
Zunächst geriet Johann Wolfgang von Goethe in ihren Bann. Endlich fand er dank Howards Klassifikationen eine gewisse Ordnung am Himmel – dessen metaphysische Unordnung hatte Goethe schon lange beunruhigt. Er war dankbar, dass er nun wenigstens die Struktur der unteren Ebenen der Atmosphäre entschlüsseln konnte und diese so wundervoll auftürmenden und zusammenballenden weißen und grauen Wolkengebilde bei ihren Namen nennen konnte.
Goethe begann daraufhin sogar selbst, intensiv Wolken zu beobachten und zu zeichnen. Er führte zeitweise regelrechte »Wolkentagebücher«. Außerdem schrieb er 1820/21 den Gedichtzyklus Howards Ehrengedächtnis. In der Einleitung verherrlichte er den englischen Himmelstürmer: »Doch höherer Gewinn bleibt dir nicht verborgen: Daß du die Wolke von der Wolke schiedst.« Ganz genau vollzog er in Versen dann Howards lateinische Klassifikation nach: »Wie Streife steigt, sich ballt, zerflattert, fällt« – und ließ dann wenig später auch seinen Faust durch die Wolkenregionen aufsteigen, als seien es verschiedene Stockwerke bei der Himmelfahrt.
Was Goethe so erleichterte, also die scheinbare Versöhnung von Begriff und Erfahrung, genau das ließ bei anderen, die ihren Blick nach oben richteten, eine neuartige Spannung entstehen: Vor allem die Frühromantiker, die ein anderes Verhältnis zwischen Mensch und Natur formulierten, fragten sich, ob die wissenschaftliche Erfassung der Natur nicht auch eine Verschiebung der Wahrnehmung bewirkt, durch die das Gesehene sofort in eine Kategorie überführt wird, also etwas von seiner Tiefe verliert – und damit von seiner geheimnisvollen Kraft.
Diese Spannung zeigt sich exemplarisch im Verhältnis zwischen Goethe und Caspar David Friedrich. Denn während Goethe sich von der Malerei eine anschauliche Illustration der Klassifikation Howards erhoffte und konkrete Wolkenformationen dargestellt sehen wollte, verweigerte sich Friedrich dieser Forderung Goethes, weil er die Natur nicht in ein System pressen wollte. Er sah in der Undefinierbarkeit der Wolken auf seinen Gemälden eine eigene Qualität. Das ginge nicht – so schrieb er –, sonst wären doch »die leichten freien Wolken sklavisch in diese Ordnungen eingezwängt«. Friedrich wollte das Transzendentale des Himmels verteidigen, das er durch die Verwissenschaftlichung seiner Bestandteile in Lebensgefahr sah. Wenn er den Himmel malte, dann wollte er Überirdisches leuchten lassen. Und ich muss gestehen: Ich verstehe ihn.
Doch in seiner Zeit war Caspar David Friedrich eine große Ausnahme. Denn ab 1815, spätestens ab 1820, als Howards Vorstellungen dank Goethe auch Deutschland eroberten, waren die kühnen Versöhnungsträume der frühen Romantiker längst ausgeträumt, und in dem repressiven Klima der Karlsbader Beschlüsse war nicht mehr die Selbsterfahrung in der Natur das große Thema der Kunst, sondern die Flucht in eine Ritterburgenromantik und Märchenwelt. Die Bäume und der Himmel waren dabei das Bühnenbild für genrehafte und heroische Geschichten.
Wenn die Künstler – soweit bekannt, gab es um 1820 übrigens noch keine Künstlerinnen, die mit Wolkenbildern hervortraten, sie waren dazu verdammt, Stillleben und Portraits zu malen – wenn die Künstler also ab 1820 nach oben zu den Wolken schauten, dann suchten sie nicht mehr nach dem Transzendentalen, sondern nach passenden Motiven für ihre Gemälde. Statt wie in den Jahrhunderten zuvor mit Bleistift oder Aquarell versuchten Künstler in ganz Europa die Farben der Natur und den Charakter der Wolken direkt unter dem freien Himmel in Öl zu erfassen – und nicht erst hinterher mühsam im dunklen Atelier zu rekonstruieren.
Mit John Constable war es ebenfalls ein Engländer wie Howard, der sich in der Zeit um 1820 mit großer Energie der täglichen Beobachtung der Wolkenformen über seinem Wohnsitz widmete – und sie in der gerade europaweit in Mode kommenden Form der »Ölstudie« erfasste, also des Ölmalens auf Papier direkt in der Natur. Seine »Wolkenstudien« sind der früheste systematische Versuch, die vielfältigen Erscheinungen am Himmel auf ein Gemälde zu bannen – und zugleich gelten sie bis heute als die schönsten Vertreter ihres Genres. Warum? Da schaut bei Constable eben nicht nur ein Wissender nach oben, sondern immer auch ein Liebender. Constable, Sohn eines Müllers, hatte von Kindesbeinen an gelernt, die Wolken zu lesen, um den idealen Wind für die Windmühle abzupassen. So ließ er sich auch später als Maler mitreißen vom Zug der Wolken – und blieb stets dabei, den Himmel in seiner ganzen Drastik und Geschwindigkeit zu malen. Er verstand ganz genau, was da über ihm vor sich ging. Und er zeigte, dass Beobachtung nicht Entzauberung bedeuten muss. Aber Transzendenz wie bei Caspar David Friedrich? Nein, die leuchtet nicht auf in Constables Firmamenten.
In der gleichen Zeit begann in Friedrichs langjähriger Heimatstadt Dresden ein geistiger Bruder von Constable für Aufsehen zu sorgen: der norwegische Maler Johan Christian Clausen Dahl. Schon bald kamen Maler aus ganz Europa zu ihm, um zu lernen, wie man die fliehenden Wolken am Himmel in Minutenschnelle in Öl auf Papier bannt, realistisch und skizzenhaft zugleich. Wir wissen aus den Schilderungen seiner Schüler und Besucher, dass er eigentlich jeden Tag aus den Fenstern seiner Wohnung hoch über der Elbe blickte und dann spontan einen Natureindruck erfassen musste. Er nahm seine Ölfarben und seine Malpappe, machte sie mit vier Reißzwecken auf seinem Malbrett fest – und schon legte er los. Das Malen von Wolken ist auch immer ein Wettlauf gegen die Zeit – in Sekundenbruchteilen kann sich das Bild am Himmel, das man malen wollte, verändern oder verflüchtigen. So hasteten die Ölstudienmaler mit starrem Blick nach oben immer einem Moment nach, der sofort zu vergehen droht. Das macht diese Bilder so unmittelbar, so energetisch in ihrem Willen, das Flüchtige einzufangen.
Zeitgleich mit Dahl und schwer beeindruckt von ihm malte auch Carl Gustav Carus in Dresden die Wolken – und er beschrieb in seinen Briefen über die Landschaftsmalerei, woher neben allem Wunsch, die Wirklichkeit zu erfassen, das große Geheimnis der Wolkenmalerei liegt: »Wie ziehende Wolken im steten Wandel begriffen, so die inneren Zustände des Menschen. Alles, was in seiner Brust widerklingt, ein Erhellen und Verfinstern, ein Entwickeln und Auflösen, ein Bilden und Zerstören, alles schwebt in den Gebilden der Wolkenregionen vor unseren Sinnen.«
Es ist plausibel, dass von Carus, diesem Maler der Wolken, erstmals der Begriff der »Psyche« in seiner heutigen Bedeutung in die Welt gesetzt wurde. Er hat wohl erkannt, was den ewigen Zauber des Blicks in die Wolken für unsere Seele ausmacht:
dass sie für uns wie ein Spiegel sind.
Das Verdüstern und die plötzliche Aufheiterung.
Die Gleichzeitigkeit von verschiedensten ziehenden Wolken.
Die »Wolkigkeit« von Gefühlen und Gedanken.
Und immer wieder die Erkenntnis:
Erst durch ihr Dasein wird man gewahr,
wie blau der Himmel dahinter ist.
Dieses Spiegelbild der eigenen Seele im Himmel ist – neben der berückenden Schönheit dieser kleinen Werke – für mich der Grund, warum ich seit drei Jahrzehnten diese malerischen Versuche, ein Stück des Himmels einzufangen, sammle. In all meinen Wohnungen hingen sie an den Wänden und haben mir geholfen, auch in geschlossenen Räumen nie ein Gefühl für das Schweben außerhalb zu verlieren. Es sind kleine Bilder, die ein Stück Himmel für immer in Kunst verwandelt haben – und gerade weil sie unter solchem Zeitdruck entstanden sind, vor zweihundert oder hundertfünfzig Jahren, scheinen sie paradoxerweise eine solche Zeitlosigkeit auszustrahlen. Auch wenn man stilistisch vielleicht erkennt, wann diese Wolkenbilder gemalt wurden: Es gibt kein Gestern in dieser Malerei – nur eine ewige Gegenwart.
Um ein Bild aus meiner kleinen Sammlung herauszugreifen, blicken wir auf die in der Zeit um 1840 von Johann Wilhelm Schirmer gemalte Studie Nach dem Gewitter. Wenn man sich für einen Moment auf die Perspektive Luke Howards einlässt und den Blick nach oben nicht nur schweifen lässt, sondern ihn bewusst ordnend schärft, dann scheint es durchaus möglich, die Formation auf seinem Bild genauer zu bestimmen: Man erkennt eine flach gelagerte, in längeren Bändern organisierte Wolkenschicht, die sich am ehesten der Form des stratus zuordnen lässt, wobei einzelne Auflockerungen und Verdichtungen bereits auf einen Übergang in Richtung stratocumulus hindeuten könnten. Offenbar gab es gerade einen Wolkenbruch, aber ob sich jetzt die Wolken verziehen und den Blick gleich auf den hellblauen Himmel freigeben – oder ob sich alles wieder zuzieht und die Wolken erneut in Regen übergehen, wir wissen es nicht.

Zu manchen meiner Himmelstudien weiß ich noch viel weniger, also weder, welcher Maler sie gemalt hat, noch welche Wolkenform sie zeigen. Aber das ist für mich vollkommen gleichgültig. Ich will eigentlich gar nicht genau wissen, was darauf eine Zirrus-, was eine Stratus- und was eine Nimbus-Wolke ist, damit ich nicht vom Sehenden zum Klassifizierenden werde. Sonst schiebt sich das Wissen zwischen das Auge und den Himmel. Goethe hat das geliebt, es hat ihm geholfen, die Unendlichkeit zu ordnen. Ich freue mich stattdessen darüber, wenn ich wenig weiß. Wenn ich bei der Anschauung bleiben darf, also der Suche nach Schönheit und dem Schwebenden – und nicht zur Einordnung gezwungen bin.
Es ist sonst so, als würde sich das Bild in zwei Ebenen aufteilen: in das, was wir sehen, und in das, was wir darüber wissen, in Kunst und in Wissenschaft. Die beiden Ebenen lassen sich nicht vollständig zur Deckung bringen, weil das Wissen – wie es sich Goethe wünschte – notwendigerweise ordnet, während die Erscheinung – wie sie etwa Caspar David Friedrich sah – sich dieser Ordnung immer wieder entzieht.

Die Präzision in der Wolkendarstellung muss dennoch nicht per se bedeuten, dass der Himmel irdisch bleibt. Auch Caspar David Friedrichs Wolken sind, wenn auch nicht unmittelbar vor der Natur in Öl gemalt, so doch sehr genau erinnert und erfasst. Es geht um den Zusatz an Transzendenz, den manche Maler aus ihrer Seele und ihrem Glauben (oder ihrer Sehnsucht danach) auf die Malpappe bringen.
Schauen wir zum Abschluss auf eine weitere Studie aus meiner Sammlung: Carl Robert Kummers Abendwolken vor gelbem Himmel stammen aus ungefähr derselben Zeit wie Schirmers Wolken, um 1830/40, und man sieht dem grauen Wolkenband in der Mitte die Genauigkeit der Naturbeobachtung an. Das ist auch kein Wunder, denn der begabte Kummer war ein gelehriger Schüler von Johan Christian Clausen Dahl, dem legendären Dresdner Wolkenlehrer. Aber anders als bei Dahl spürt man bei Kummers gelbem Firmament zugleich eine leise Transzendenz. Ja, es ist, als würde sich der Himmel bei Kummer nicht entscheiden können zwischen seinen beiden Dresdner Zeitgenossen, Dahl und Friedrich. Und gerade darin liegt seine Stärke.
Vielleicht geht es beim Betrachten und Malen der Wolken wie bei ihrem Sammeln ja darum: den Himmel lesen lernen – und die Wolken darauf weiterhin anschauen, als wüsste man nicht, wie sie heißen. »Halten Sie stets ein kleines Stückchen Himmel über ihrem Leben frei« – so schreibt Marcel Proust in Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Bei mir heißt das: Halte stets ein Stückchen Wand über deinem Schreibtisch frei, für die nächste gemalte Wolke.
Dieser Text ist Teil der Ausgabe Schweben im September 2026.
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