
Hitziges Thema, kühler Kopf?
Die Humangeografin Anna Lena Bercht erforscht die Auswirkungen des Klimawandels auf menschliche Gemeinschaften. Bei der Feldforschung hat sie oft direkt mit betroffenen Menschen zu tun. Dabei gerät sie in emotionale Spannungsfelder: Einerseits ist da die Faszination für ihr Forschungsthema. Andererseits sind da Angst vor Worst-Case-Szenarien und Trauer über zerstörte Lebensräume.
Mit leuchtend gelben Fischerhüten stehen die Kindergartenkinder am Kai, sie winken einem auslaufenden Fischerboot zu. Während ich sie beobachte, spüre ich eine Mischung aus Rührung und Betroffenheit: Wie wird der Klimawandel ihr Leben verändern? Wird die Kabeljaufischerei – so tief verwurzelt hier, in der Kultur und Wirtschaft der Lofoten – in zehn, 20 oder 50 Jahren noch eine Rolle spielen?
Dieser Moment meiner Feldforschung hat sich mir tief eingeprägt. Ich wollte damals, 2015, die Auswirkungen des Klimawandels auf die arktische Kabeljaufischerei und Stockfischproduktion auf den Lofoten untersuchen, einem Inselarchipel in Nordnorwegen.
Wir Klimaforschende bewegen uns in einem emotionalen Spannungsfeld: Auf der einen Seite stehen Neugier und Faszination für unsere Forschungsthemen und die Motivation, Antworten zu finden auf drängende Klimafragen. Auf der anderen Seite stehen Sorgen: über unzureichende Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen, Angst vor Worst-Case-Szenarien, Trauer über zerstörte Lebensräume, Mitgefühl mit Betroffenen, Frustration über politische Untätigkeit. Und nicht zuletzt Erschöpfung durch Anfeindungen und persönliche Angriffe.
Besonders in der Feldforschung werden wir mit diesen Emotionen konfrontiert. Wir erfahren, was es bedeutet, wenn Menschen ihre Häuser durch Überschwemmungen oder Waldbrände verlieren. Wenn sie unter Hitze und Wasserknappheit leiden. Oder wenn sie Heimat, Identität und Lebenspläne verlieren. Auf den Lofoten habe ich zahlreiche Interviews mit Küstenfischern und anderen Einheimischen durchgeführt. Ich erlebte, wie bedrohte Lebensgrundlagen und das Ringen um den Erhalt von Traditionen den Alltag der Menschen prägen. Abstrakte Daten wurden konkret: Sie erhielten Gesichter, Stimmen und Geschichten.

Die naturwissenschaftliche Klimaforschung ist geprägt von Messungen und Erfahrungen, sie soll Objektivität und Neutralität hochhalten. Gefühle wie Angst, Mitgefühl und Verzweiflung bleiben oft unausgesprochen – aus Sorge, als unseriös zu gelten und an wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit zu verlieren. Denn Emotionen gelten schnell als Zeichen von Schwäche und mangelnder Professionalität. Das zeigt auch das Beispiel einer Umfrage des britischen Guardian aus dem Jahr 2024, in der sich Klimaforschende öffentlich über ihre Zukunftsängste äußerten: Sie wurden von Kolleg:innen heftig dafür kritisiert.
In vielen Disziplinen der Sozialwissenschaften wird dagegen angenommen, dass jede Forschung immer auch Subjektivität enthält. Man geht davon aus, dass Beziehungen eine Rolle spielen: zwischen den Forschenden und den untersuchten Phänomenen, den Betroffenen und den gesellschaftlichen Kontexten. Diese Auffassung teile ich auch für die Klimawissenschaften. Perspektiven, Erfahrungen und Werte der Forschenden beeinflussen, welche Fragen gestellt, welches Forschungsdesign gewählt, welche Muster erkannt und wie Ergebnisse interpretiert werden. Subjektivität lässt sich nicht vollständig vermeiden. Entscheidend ist vielmehr, ihre Rolle bei der Entstehung wissenschaftlichen Wissens transparent zu machen und eigene Annahmen, Biases und zentrale Forschungsentscheidungen offenzulegen. Man spricht dann von »disziplinierter Subjektivität«.
Auch Emotionen können wertvolle Erkenntnisse liefern – wenn wir sie bewusst wahrnehmen, kritisch reflektieren und konstruktiv in den Forschungsprozess einbinden. Sie machen auf blinde Flecken im eigenen Denken aufmerksam, auf soziale Ungerechtigkeiten und Handlungsbedarf. Sie ermutigen dazu, etablierte Denk- und Handlungsmuster zu hinterfragen und eröffnen neue Perspektiven. So haben mich die Kinder am Kai beispielsweise dazu veranlasst, gezielt Eltern zu befragen – um zu erfahren, wie sie die Zukunft ihrer Kinder sehen.
Die Humangeographin Anna Lena Bercht ist Postdoktorandin am Geographischen Institut der Universität Kiel. In ihrer Forschung verbindet sie Geographie und Psychologie und hat dazu Feldstudien in Deutschland, Norwegen und China durchgeführt. Ihr Fokus liegt auf sozialökologischer Transformation, Klima- und Meeresgerechtigkeit sowie psychologischen Barrieren bei der Klimaanpassung.
Dieser Text ist Teil des Schwerpunkts Zarte Fakten im Juli 2026.
Quellennachweise
Damian Carrington (2024): ‘We have emotions too’: Climate scientists respond to attacks on objectivity. https://www.theguardian.com/environment/2024/oct/25/we-have-emotions-too-climate-scientists-respond-to-attacks-on-objectivity
Damian Carrington (2024): We asked 380 top climate scientists what they felt about the future… https://www.theguardian.com/environment/ng-interactive/2024/may/08/hopeless-and-broken-why-the-worlds-top-climate-scientists-are-in-despair
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