
Was für ein Affentheater!
Die Primatenforscherin Julia Fischer beobachtet das Leben von Pavianen. Trotz reichlich Gossip versucht sie, ganz nüchtern zu bleiben. Emotionen in der Wissenschaft sieht sie vor allem kritisch, wenn sie in den Medien für Aufmerksamkeit ausgeschlachtet werden.
Ich bin oft auf Expedition im Senegal: Wir erforschen dort das Verhalten von Guinea-Pavianen. Dafür ziehen wir mit den Tieren durch die Savanne und halten genau fest, was sie tun. Wir beobachten, welches Tier sich welchem anderen nähert, welcher Pavian dabei grunzt, wer mit den Lippen schmatzt… Mithilfe einer Software zeichnen wir das Verhalten genau auf. Dafür wählen wir aus dem Katalog der Verhaltensweisen – dem Ethogramm – das jeweilige Verhalten der Paviane aus: Wenn ein Tier zum Beispiel einen Abstand von einem Meter zu einem anderen Tier unterschreitet, gilt das für uns als »Annäherung«. Das Protokoll wird dann in Form einer langen Excel-Tabelle gespeichert.
Diese Protokolle sind maximal nüchtern, wir notieren reine Ausdrucksmuster. Wir haben uns dafür sozusagen die Emotionen abtrainiert. Man schreibt da nicht rein: »Dieser Affe ist gemein«, auch wenn man ihn vielleicht unsympathisch findet. Wir überprüfen auch regelmäßig, wie genau die Beobachtungen sind. Dazu protokollieren zwei Personen gleichzeitig und vergleichen ihre Ergebnisse danach. So stellen wir eine hohe Konsistenz der Daten sicher. Unseren Studierenden bringen wir bei: Betrachtet die Tiere als Skelett mit Muskeln. Schreibt nur auf, was ihr seht, und nicht das, was ihr glaubt, zu sehen. Das erfordert erst ein bisschen Übung, aber dann haben die Leute es schnell drauf. Es ist nicht so schwierig, die Brille mit den menschlichen Betrachtungsweisen abzusetzen.
Natürlich kann man nicht so tun, als gäbe es keine Emotionen bei der Feldforschung. Zunächst einmal gibt es eine ganz grundlegende Emotion, mit der man da draußen konfrontiert ist: die Angst. Wenn einem in freier Wildbahn ein Löwe gegenübersteht, fühlt man die auf eine sehr körperliche Art. Manchmal macht man aber auch Beobachtungen und gewinnt Eindrücke, die emotional gefärbt sind. Man lacht zum Beispiel über irgendwas, das die Affen machen. Dann muss man sich fragen: Wie bekomme ich diese Emotionen unter Kontrolle? Aber auch: Wie kann ich sie nutzen – beispielsweise, um eine Hypothese zu entwickeln?

Wenn aber eine wissenschaftliche Beobachtungs-Session um ist, schließen wir die Software – und dann fängt das Theater an:
Dann tauscht man sich mit den anderen Mitgliedern des Teams aus, man lacht, man spricht über die Tiere. Darüber, was so los war in der Gruppe, wen man mag und wen nicht. »Das ist der größte Frechdachs, der hat mir die Schnürsenkel aufgemacht!« »Der ist heute aber schlecht drauf, hat wohl schlecht geschlafen…« Oder auch mal: »Findest du Sylvia auch so zickig?« Das ist wie eine Soap-Opera, es gibt eine Menge Gossip.
Natürlich baut man auch eine Verbindung zu den Tieren auf, auch wenn man sie nur beobachtet und nicht mit ihnen interagiert. Jedes Tier ist eigen, und manche mag man dann auch lieber als andere. Und weil Guinea-Paviane sehr gesellig sind, entwickeln sie zum Teil auch eine Verbindung zu uns. Als Forschende wäre uns natürlich am liebsten, die Tiere würden uns einfach ignorieren. Aber es passiert dann schon einmal, dass sie einen zur Begrüßung angrunzen oder mit dem Schwanz anstupsen. Das lässt sich nicht ganz vermeiden.
Womit ich hadere ist, wenn die Tiere so überhöht werden. Wenn man sich nur dafür interessiert, zu zeigen, dass sie »wie Menschen« sind. Ein klassisches Beispiel ist, dass ihre Kommunikation als Sprache bezeichnet wird: »Die Laute, die sind ja wie Wörter, das ist fast eine Grammatik!« Ich beobachte jetzt seit 20 Jahren Affen, mit Sprache hat deren Kommunikation nichts zu tun. Aber es ist viel einfacher, ein Paper zu veröffentlichen, wenn man die Ähnlichkeiten mit menschlichen Fähigkeiten herausstellt, als wenn man auf die Unterschiede hinweist. Was hier auch eine Rolle spielt: Sowohl bei den Forschenden als auch bei den Fachzeitschriften ist der Drang groß, die Aufmerksamkeit der Medien zu bekommen. Das Belohnungssystem für diese Art der Verzerrung finde ich bedenklich. Ich möchte Tiere nicht wegen angeblicher Menschähnlichkeit bestaunen. Ich finde es viel interessanter, sie zu verstehen. Wie zum Beispiel kommen die in ihren komplexen sozialen Gruppen zurecht, ohne dass sie miteinander reden? Das ist doch viel spannender!
Julia Fischer ist Professorin für Primatenkognition an der Georg-August-Universität Göttingen und leitet das Cognitive Ethology Laboratory am Deutschen Primatenzentrum in Göttingen. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Kognition, Kommunikation und Sozialverhalten nichtmenschlicher Primaten und die Naturgeschichte der Guineapaviane.
Dieser Text ist Teil des Schwerpunkts Zarte Fakten im Juli 2026.
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