
Der Schutzschild bricht
Der Ozeanograph Erik Sebille erklärte Studierenden die Auswirkungen des Klimawandels auf das Meer. Dann übermannten ihn die Gefühle, er musste vor allen Studierenden weinen und brach die Vorlesung ab. Mittlerweile hat er gelernt: Seine Emotionen kann er nicht verleugnen – aber er kann sie für die Kommunikation nutzen.
Es ist die Art, wie wir als Wissenschaftler:innen erzogen werden: Du kommst nur weit, wenn du dir ein Schutzschild anlegst – wenn du es schaffst, damit die Emotionen abzublocken. Emotionen hätten in der Wissenschaft keinen Raum, so trichtert es uns diese Erziehung ein. Denn nur so lasse sich Neutralität gewährleisten.
Diese Vorstellung wird Neutralitäts-Mythos genannt. Denn natürlich ist das nur ein Mythos – wir können unsere Gefühle nicht ausschalten, sobald wir das Labor betreten oder uns an den Schreibtisch setzen, um zu forschen.
Im ersten Moment fühlt sich meine Forschung tatsächlich wenig emotional an: Als Ozeanograph und Klimawissenschaftler der Utrecht University untersuche ich an meinem Schreibtisch alles, was Meeresströmungen durch die Ozeane transportieren: Wärme, Nährstoffe und Plastik etwa. Ich simuliere die Strömungen am Computer, übersetze also die Bewegung der Meere in Daten und Werte – auch im Hinblick auf die Klimakrise. Meine Forschungsergebnisse sind rationale Puzzleteile: Es macht mir Spaß, die Teile als großes Ganzes zusammenzusetzen. Die Werte und Daten machen es aber auch einfacher, eine emotionale Distanz zur Realität zu wahren.
Momente, in denen diese Distanz schlagartig schwindet, sind dafür besonders intensiv. Mein Schutzschild bricht, die Emotionen holen mich ein. Es sind Momente, in denen ich meine Arbeit nach außen trage – sie mit der Öffentlichkeit oder mit Studierenden teile.
So war das auch 2020, als ich vor 30 Masterstudierenden der Meereswissenschaften stand. Ich hielt eine Vorlesung über die Auswirkungen des Klimawandels auf die Ozeane – zeigte Graph für Graph die zahlreichen Gefahren des Klimawandels für das Ökosystem der Meere: die Erwärmung der Meere und den Anstieg des Meeresspiegels etwa, oder die Versauerung der Ozeane. Die Auswirkungen auf Lebewesen der Ozeane, Korallen oder Plankton etwa, sind schwerwiegend. Graph für Graph wurde mir bewusst, wie real diese Gefahren sind.

Nach einer Stunde Vorlesung brach mein Schutzschild. Ich konnte meine Gefühle nicht mehr zurückhalten. Musste vor all den Studierenden weinen. Brach die Vorlesung ab. Verließ den Raum.
Dieser Moment öffnete mir die Augen: Ich kann meine Emotionen nicht von mir stoßen – auch nicht in meiner Arbeit. Die Gefühle, die meine Forschung auslöst, gehören genauso dazu wie die rationalen Daten und Werte. Heute nehme ich die Gefühle an. Und noch mehr: Emotionen zu zeigen, fügt meiner Kommunikation eine neue Ebene hinzu.
Inzwischen forsche ich neben den Klimawissenschaften auch dazu, wie wir Wissenschaft nach außen kommunizieren können. Und diese Forschung zeigt ganz klar: Menschen empfinden Wissenschaftler:innen, die Emotionen zeigen, als vertrauensvoller und glaubwürdiger – gerade, weil sie sich damit als Menschen zeigen.
Diese Sichtweise könnte Wissenschaftler:innen auch helfen, die Schutzschilde abzulegen, mit denen sie ihre Emotionen abblocken. Und ihnen damit auch einiges an Druck nehmen. Ich bin überzeugt davon: Emotionen zu haben und Emotionen zu zeigen, das ist eine Stärke – auch in der Wissenschaft.
Erik van Sebille ist Professor an der Utrecht University. Seine Arbeit unterteilt er in zwei Forschungsbereiche: die Klimawissenschaften als Ozeanograph und die Wissenschaftskommunikation als Professor für Public Engagement. Als Wissenschaftler will er verstehen, welche Materialien wie von Meeresströmungen transportiert werden – und als Kommunikator, wie Wissenschaftler:innen diese Erkenntnisse wirksam nach außen tragen können.
Dieser Text ist Teil des Schwerpunkts Zarte Fakten im Juli 2026.
Quellennachweise
https://www.nature.com/articles/s44168-024-00171-9
https://dspace.library.uu.nl/bitstream/handle/1874/428846/StandUpForTheOcean_VanSebille_InauguralLecture.pdf?sequence=1&isAllowed=y
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