Einzelkämpfer bringen die Forschung auf Dauer nicht voran. Ob unter Kolleginnen, zwischen Arbeitsgruppen und Instituten oder als Joint Venture mit der Wirtschaft: Nie war es offensichtlicher, dass Wissenschaft auch Kooperation bedeutet. Nur: Wie lange und wie weit kann sie gehen?

Frau Bailer, was lernt die Wissenschaft aus der Krise über Kooperation?

Protokoll
Bernd Eberhart
ist Redakteur beim Science Notes Magazin.

Illustration
Janik Söllner
ist freier Illustrator.
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Ich bin fasziniert von Viren. Sie haben eine unglaubliche Dynamik, sie haben fantastische Strategien entwickelt, um in Zellen einzudringen und die Zellen zur eigenen Vermehrung auszubeuten. Im Kontext von Krankheiten wie COVID-19 sind diese Eigenschaften fatal für uns Menschen. Aber in der Molekularbiologie und Biotechnologie können wir sie für unsere Zwecke nutzen. Zum Beispiel in der Virus-vermittelten Krebstherapie, an der auch wir forschen: Dabei werden Viren dazu programmiert, Krebszellen spezifisch zu zerstören und gleichzeitig das körpereigene Immunsystem zu aktivieren. Seit über 20 Jahren arbeite ich bereits mit Viren, seit 2012 am Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik IGB in Stuttgart.

Susanne Bailer leitet das Innovationsfeld Virus-basierte Technologien am Fraunhofer IGB in Stuttgart. Die Molekularbiologin lehrt zudem als Professorin an der Uni Stuttgart.

Kooperation mit der Industrie

Die Fraunhofer-Institute machen angewandte Wissenschaft. Einen Großteil unserer Gelder erwirtschaften wir selbst, durch öffentlich geförderte Projekte oder in direkter Kooperation mit der Industrie. Mit dem Thema »Virus-basierte Technologien« ist meine Arbeitsgruppe in der aktuellen Situation gut aufgestellt: Wir entwickeln unter anderem Technologien zur Diagnostik von Infektionserregern, auch von Viren; wir sind aktiv an der Impfstoffentwicklung auf Basis von Viren beteiligt; und wir tragen zum Testen von Schutzausrüstungen bei. In den vergangenen Wochen haben wir daher etliche Anfragen von Firmen als mögliche Kooperationspartner bekommen.

»Das besondere Gefühl des Zusammenhalts mag sich in Zukunft auch wieder relativieren.«

Insgesamt passiert rasend viel in letzter Zeit. Der Austausch und die Kooperationsbereitschaft sind grenzenloser als vorher, und es wird tatsächlich mehr zusammengearbeitet. Da entwickelt ein Wissenschaftler eine Testmethode, und sofort springt eine Firma auf – natürlich: Es gibt ja plötzlich eine riesige Nachfrage und darum auch relativ viel Geld. Alle Entwicklungen brauchen aber auch ihre Zeit. Es ist zum Beispiel unmöglich, aus dem Nichts einen Antikörpertest zu entwickeln. Das gelingt nur jemandem, der lange Erfahrung hat und die Technologie wirklich beherrscht.

Austausch und Opportunismus

Man kann derzeit also auch viel Opportunismus erleben – manchmal bekomme ich fast den Eindruck, es herrscht eine richtige Goldgräberstimmung. Hier ist es zentral zu fragen, wo die größten medizinischen Möglichkeiten und Notwendigkeiten bestehen, wie den Erkrankten am besten geholfen werden kann. Und auch, wie wir die Krise langfristig bewältigen können. Nur dann können die Mittel sinnvoll verteilt und gezielt eingesetzt werden.

Es ist bemerkenswert, dass es gerade ein besonderes Gefühl des Zusammenhalts und eine starke Bereitschaft zur Kooperation gibt. Aber das mag sich zukünftig auch wieder relativieren – denn der Wettbewerb ist stark in der Wissenschaft. Das ist nicht unbedingt schlecht, er belebt die Wissenschaft ja auch. Nach der Coronakrise wird es aber möglicherweise weniger Geld geben, das verteilt werden kann. Der Wettbewerb würde dann zunehmen.

»Jetzt in der Krise merke ich einmal mehr, was ich an meinem Team habe.«

Wir sind froh, dass die Fraunhofer-Gesellschaft für Corona-spezifische Forschung und Entwicklung Gelder bereitgestellt hat. Das unterstützt unsere Forschung sehr und trägt bei zur globalen Entwicklung von Wirk- und Impfstoffen und von Testverfahren zur Bewältigung der Coronakrise. Dankbar bin ich auch über mein direktes Umfeld: Jetzt in der Krise merke ich einmal mehr, was ich an meinen Kollegen, an meinem Team habe. Hier spüre ich eine große Dynamik und gegenseitige Unterstützung, die Freude an unserer gemeinsamen Arbeit. Das schätze ich sehr. Die Kooperation bei uns im Team funktioniert hervorragend – sicher auch über die Krise hinaus.