Freundschaftsbänke sind in Simbabwe zu einem wichtigen Instrument geworden, um Menschen mit HIV zu helfen: mit Gesprächen. Das Virus ist zwar ein anderes, aber die Therapie könnte auch bei SARS-CoV-2 wirken – gegen die psychischen Folgen der Pandemie.

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Thomas Reintjes ist mehrfach ausgezeichneter Wissenschaftsjournalist. Er lebt in New York.

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Rainer Kwiotek fotografiert Reportagen bei Zeitenspiegel.

»Kufungisisa« lässt sich nicht mit Skalpellen oder Spritzen beheben. Aber vielleicht lässt es sich auf einer der hölzernen Bänke lindern, die in mehr als 70 sogenannten »clinics« stehen – lokalen Zentren also, in denen Gesundheitshelferinnen eine grundlegende medizinische Versorgung für die Bevölkerung Simbabwes leisten. »Zu viel denken« bedeutet das Wort, wenn man es aus dem Shona übersetzt. Es bezeichnet Ängste oder Depressionen. Ursachen gibt es viele dafür – in Simbabwe sind sie oft Begleiterscheinungen einer HIV-Infektion.

Auf den Bänken sitzen Großmütter und haben ein offenes Ohr. In der dortigen Kultur genießen sie ohnehin großen Respekt. Die Großmütter auf den Friendship Benches, den Freundschaftsbänken, haben zudem einen reichhaltigen Erfahrungsschatz: »Sie arbeiten zum großen Teil schon seit über 30 Jahren als Gesundheitshelferinnen«, erzählt Ruth Verhey, eine deutsche Psychologin, die das Projekt in Simbabwe mitverantwortet.

Auf Augenhöhe begegnen

Als Respektspersonen gelingt es ihnen oft, Menschen, die etwa in einer Warteschlange für eine Untersuchung anstehen, zu einem Gespräch auf der Freundschaftsbank zu bewegen. Aber dann kann die Autorität zum Problem werden: Die Frauen sind es gewohnt, jungen Menschen zu sagen, was zu tun ist. Und die jungen Patienten gehen mit der Erwartungshaltung in die Gespräche, dass ihnen Lösungen diktiert werden.

Omas helfen Dir: Benigina Madura, 72, hört einer jungen Patientin zu.

Doch Ruth Verhey und ihr Kollege Dixon Chibanda, der die Idee der Friendship Benches im Jahr 2006 als Maßnahme gegen den großen Mangel an psychologischer Hilfe in seinem Land entwickelt hat, halten eine andere Herangehensweise für sinnvoller: In einem mehrwöchigen Training zeigen sie den Großmüttern – und den wenigen beteiligten Großvätern –, wie sie ihren Klientinnen und Klienten auf Augenhöhe begegnen. »Nicht die Großmütter bestimmen, welches Problem wie angegangen wird, sondern der Klient selbst«, sagt Ruth Verhey. Haben die weisen Alten mit ihren Klientinnen zusammen ein Problem identifiziert, dann, so Verhey, »sollen sie darauf achten, dass es diese auch selbst in der Hand haben, etwas daran zu ändern.« Denn im anschließenden Brainstorming soll die Person selbst Lösungsansätze entwickeln und gemeinsam mit der Großmutter den besten auswählen.

Traumatisiert durch HIV

»Alle Probleme der Welt« könnten so angegangen werden, sagt Ruth Verhey. In der Praxis in Simbabwe dreht es sich oft um häusliche Gewalt, Geldprobleme, Arbeitslosigkeit, aber auch um Schwierigkeiten in der Schule oder in einer Beziehung. In vielen Fällen liegt die Ursache in einem positiven HIV-Status und der damit einhergehenden Stigmatisierung. Rund 80 Prozent der Freundschaftsbank-Klientinnen und Klienten leben mit HIV – was auch daran liegt, dass hauptsächlich HIV-Infizierte und Schwangere die Gesundheitszentren aufsuchen, in denen die Bänke stehen. Von den HIV-Positiven zeigen laut Studien von Ruth Verhey und Dixon Chibanda 30 Prozent Symptome verbreiteter psychischer Krankheiten wie Depressionen, aber auch von einer posttraumatischen Belastungsstörung – von »kufungisisa kwe njodzi«, dem exzessiven Denken aufgrund eines Traumas. Schon der Erhalt eines Testergebnisses könne das auslösen, so Verhey, denn: »HIV wird als konstante Bedrohung des Lebens wahrgenommen.«

»Alle Probleme der Welt können so angegangen werden«

Ruth Verhey

Die Coronavirus-Pandemie könnte ähnliche Auswirkungen haben – in der entwickelten Welt womöglich stärker als in Simbabwe. Denn wir sind es gewohnt zu denken, dass wir Risiken kontrollieren können. Das Virus aber beraubt uns der Kontrolle. »Wir können eine Maske tragen«, sagt Ruth Verhey, »aber was, wenn wir dabei einen Fehler machen?« Wenn jemand ständig Angst hat, dass das Virus durch die Maske schlüpft oder sich aus Versehen die Augen zu reiben, kann das zu einem höheren Stresslevel beitragen, zu Angststörungen und Panik führen. Laut Ruth Verhey sollten wir aufpassen, dass wir »um uns herum nicht ständig eine unsichtbare Gefahr vermuten.«

Freundschaftsbänke gegen Corona-Panik?

Darüber auf einer Freundschaftsbank zu sprechen, könnte helfen. Panik, erklärt die Psychologin, schalte die Logik im Gehirn ab. Ein Gespräch aber könne eine beruhigende Wirkung haben und später eine Problemlösung anstoßen. Weil Kontaktsperren ein Treffen auf der Bank erschweren, experimentiert Ruth Verhey mit ihren Großmüttern gerade auch mit der telefonischen Freundschaftsbank. Allerdings vermutet sie, dass gerade die persönliche Nähe beruhigend auf Menschen mit Virus-Panik wirken könne.

Als Dixon Chibanda die Freundschaftsbänke in Simbabwe ins Leben gerufen hat, war er einer von nur zwölf Psychiatern im ganzen Land – mit mehr als 13 Millionen Einwohnern. Aber selbst in der Psychiater-Hauptstadt New York gibt es inzwischen Friendship Benches, um denjenigen ein niederschwelliges Angebot zu machen, die keinen guten Zugang zur Gesundheitsversorgung haben. Sie sind nicht aus Holz, sondern aus orangenem Hartplastik. Um in der Metropole aufzufallen und um bei Bedarf mobil zu sein. Die meisten Bänke sind aber fest stationiert vor Außenstellen des Gesundheitsamts.

Bank vs. Couch

Die Therapie auf der Bank statt auf der Psychiater-Couch ist für manche sogar das bessere Angebot. Denn die Gesprächspartner auf den Bänken sind nicht nur speziell für diese Aufgabe ausgebildet – die Hilfesuchenden treffen mit ihnen auch auf Menschen aus ihrer eigenen Community, mit denen sie sich identifizieren und die als Vorbild dienen können. Das Freundschaftsbank-Team dürfte in New York viel zu tun haben, sobald persönlicher Kontakt wieder möglich ist – da die Metropole besonders stark von Covid-19 betroffen ist.

Wichtig sei, mit jemandem zu sprechen, der geschult ist, sagt Ruth Verhey. Mit jemandem, der gelernt hat, zuzuhören, der dem Gegenüber Raum gibt, um seine Gefühle auszudrücken und sich selbst reden zu hören. Jemand, der ruhig bleibt, nicht wegläuft und idealerweise auch Atem- und Achtsamkeitstechniken kennt, um zu beruhigen. Am besten, weiß Verhey, funktioniert das eben mit einer Großmutter: »Großmütter rasten nicht aus, wenn jemand panisch wird.«