Krisengerede: Corona, Quarantäne, Lockdown, Selbstisolation, Öffnungsdiskussionsorgien. Kitaschließung, Kneipenschließung, Kirchenschließung. Puh. Die Belastung hoch, die Unsicherheit groß und deshalb gefragt: Trost.

Text
Markus Gottschling ist Redakteur beim Science Notes Magazin.

Wenn die Kinder auf den Nerven tanzen, die Wirtin das Bier nicht mehr zapft, der Gottesdienst nur auf YouTube gefeiert wird, wenn wir Routinen aufgeben müssen und nicht wissen, wann wir zu ihnen zurückkehren können – dann benötigen wir Trostspenden. Trost ist etwas, dessen wir bedürftig sind und das uns gegeben wird, Zuspruch und Zuwendung, eine Umarmung. Und natürlich gestaltet sich das schwierig in der Zeit der Isolation – besonders dann, wenn unsere Co-Isolierten uns nicht zu trösten imstande sind. Blicken wir auf der Suche nach Trost auf unsere Bildschirme, so scheinen Onlinemedien und unsere sozialen Feeds in etwa fünf Quellen des Trosts zu kennen: Essen, Bücher, Filme, Musik. Und irgendwie auch: Virologen.

Bild: Retha Ferguson / Pexels

Eigentrost

Natürlich: All dies kann uns den Halt geben, den wir zu verlieren drohen, kann uns Zuversicht geben, uns durch die Krise helfen. Das Buch, der Film, die Playlist zur Krise oder die Podcast-Stimme der Vernunft versprechen Anteilnahme, Verständnis, Linderung. Und tatsächlich kann man auf Tröstliches stoßen – wenn auch anders, als zunächst gedacht. Etwa die von der Twitter-Buchempfehlungsgroßmeisterin @magdarine zur Lektüre angeregte Kurzgeschichte »Inventory« von Carmen Maria Machado. Diese verhandelt vermittels der Auflistung der Liebhaberinnen und Liebhaber der Erzählerin die Geschichte einer Selbst-Isolation als Flucht vor, ja, genau, einem hochinfektiösen und tödlichen Virus. Machados Erzählung spiegelt in überspitzter Übereinstimmung unsere eigene Gegenwart: Wer ist überhaupt noch da, Trost zu spenden? Nun, mag uns der Text sagen, vielleicht machen wir das am besten selbst. Dabei ist die Geschichte selbst eine tröstende Liste, durch die Bestandsaufnahme kann die Erzählerin zurückblicken, zusammenfassen und irgendwie auch nach vorn schauen.

Das schlechte Gefühl, etwas noch nicht erledigt zu haben, lässt sich effektiv dadurch bekämpfen, es auf eine Liste zu schreiben.

Ein Ergebnis, das ganz gut zur listigen Psychologie des Menschen zu passen scheint, haben doch E.J. Masicampo und Roy Baumeister mittels Studien herausgefunden, dass das Erstellen von Listen die negativen kognitiven Auswirkungen unerfüllter Ziele lindern kann – oder einfach gesagt: Das schlechte Gefühl, etwas noch nicht erledigt zu haben, lässt sich recht effektiv dadurch bekämpfen, es auf eine Liste zu schreiben. Schaffen wir auf diese Weise das Trostspenden durch andere ab? Wohl kaum, Berufströster waren und sind seit langer Zeit durchaus gefragt – so stellt das Trösten als Kernkompetenz etwa des Priesteramts eine durchaus diffizile Angelegenheit dar: Das Genre der Consolatio, Latein für Trostrede, lässt sich von der Antike bis in die Neuzeit nachvollziehen, ein ganzer Trost-Katalog hat sich da herausgebildet für einen Akt, der rhetorisch-sprachliche Qualitäten ebenso beinhaltet wie psychologische – Empathie und Einfühlungsvermögen sind Voraussetzung – und auch dem Metaphysischen durchaus zugeneigt sein sollte. Ihre Blütezeit hatte die Consolatio von Antike bis Mittelalter, mit Standardwerken von so gewichtigen Autoren wie dem Philosophen Boethius oder dem Kirchenvater Augustinus von Hippo. Und doch, sollte der Romanist Ernst Robert Curtius Recht haben, so handelt es sich besonders bei den Consolationes vor allem um: Listen. Der Literaturhistoriker Herman Meyer fasst Curtius folgendermaßen zusammen: »Charakteristisch für die Consolatio ist die Aufzählung von vielen berühmten Personen, die trotz ihrer Macht auf Erden oder auch trotz ihres langen Lebens doch haben sterben müssen.« Die tröstliche Aufzählung – übernehmen wir doch einfach diesen Kniff von den Meistern der Trostrede.

Wir umarmen uns selbst

Die Liste ist also vielleicht so etwas wie eine Kulturtechnik der Selbsttröstung. Das zeigt sich in Psychologie, Literatur, Rhetorik – und auch den anderen oben erwähnten, gerade so populären Trostformen ist die Liste nahe. Schließlich sind Rezepte nichts anderes als Auflistungen, Filme werden ebenso gerne wie andere Kulturprodukte (und gegenwärtig eben auch Virologen) in aktuelle wie ewige Bestenlisten gerankt – und die Musik, tja, die ist sowieso übervoll mit Tracklisten, Setlisten, Hitlisten, Playlisten. Gerade die Playlist dominiert in unserem Streaming-Zeitalter, nie war es einfacher, nie zugänglicher, selbst Playlisten zu erstellen für jeden erdenklichen Anlass. Und darum sollten wir uns vielleicht gar nicht auf die Listen anderer verlassen, sondern uns ein Beispiel an Carmen Maria Machados Erzählerin nehmen und radikal-subjektive Inventare anlegen, mit denen wir uns selbst Zuspruch, Zuwendung und Umarmungen zu geben imstande sind. Listen, die vielleicht das nach außen bringen können, was in unserem Inneren Pingpong mit den Eindrücken der Gegenwart spielt. Dass die Songs selbst uns mit ihren Texten, ihrer Musik, ihren Stimmungen wiederum in den Arm nehmen und begleiten, kann nicht schaden. Und so tröstet sich der Autor mit einer Liste, in der Durchhaltehymne auf Kitschpartysong, queerer Polit-Trash-Zombie-Porno-Soundtrack auf Heimdiscokugeltanz, Meta-Liste auf Isolationserschöpfung treffen. Wenn Gott also, wie Faithless sagen, ein DJ ist, dann ist Trost eine Playlist.

Playlist

Trost
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The Homophones
Everyone’s Dead Auf Spotify anhören Auf YouTube anhören

Soap&Skin
Italy Auf Spotify anhören Auf YouTube anhören

Nick Cave & The Bad Seeds
Breathless Auf Spotify anhören Auf YouTube anhören

Jens Friebe
Nothing Matters When We’re Dancing Auf Spotify anhören Auf YouTube anhören

Pet Shop Boys
Se a vida é Auf Spotify anhören Auf YouTube anhören

Robyn
Dancing on My Own Auf Spotify anhören Auf YouTube anhören

Cake
I Will Survive Auf Spotify anhören Auf YouTube anhören

dEUS
Instant Street Auf Spotify anhören Auf YouTube anhören

Paul Simon
50 Ways to Leave Your Lover Auf Spotify anhören Auf YouTube anhören

The Velvet Underground
Oh! Sweet Nuthin’ Auf Spotify anhören Auf YouTube anhören

Locas in Love
Ruinen Auf Spotify anhören Auf YouTube anhören

Otis Redding
You Don’t Miss Your Water Auf Spotify anhören Auf YouTube anhören

Johnny Liebling
An guten Tagen Auf Spotify anhören Auf YouTube anhören

Ja, Panik
The Evening Sun Auf Spotify anhören Auf YouTube anhören

Akron/Family
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Markus Gottschling ist Redakteur beim Science Notes Magazin.

Inhalt

Selbstversuch gegen Corona

Der Forscher Hans-Georg Rammensee testet einen Corona-Impfstoff an sich selbst. Der Versuch zeigt: die Wissenschaft ist derzeit auf Speed.

»Wer weiß, wann du wieder rauskommst«

Vier Geschichten erzählen von einem Ausnahmezustand: dem Lagerkoller.

Aus der Zeit gefallen

Die Zeit erlebt jeder anders. Aber eine Erfahrung teilt gerade die ganze Welt: Das Leben ist aus dem gewohnten Takt geraten. Was macht das mit Bewusstsein, Psyche und Körper?

Nichts als Eis

Lockdown extrem: Beth Healey erforschte in der Antarktis, wie sich Isolation auf den Menschen auswirkt.

Hat die Wissenschaft geschlafen?

Was lernt die Wissenschaft aus der Krise über langfristige Planung?

Beschleuniger der Moderne

Vor 100 Jahren wütete die Spanische Grippe auf der ganzen Welt. Sie brachte Tod und Veränderung.

Tanz unter der Heimdiscokugel

Krisengerede und Kneipenschließung: Trost ist eine Playlist.

Killerbakterienkiller

Viren sind: Geißel der Menschheit. Auslöser der Pandemie. Und Hoffnung im Kampf gegen Krankheiten. Sie könnten uns helfen, die Antibiotikakrise zu überstehen.

Es liegt in Deiner Hand

Menschliche Nähe ist für uns überlebenswichtig.

Vom Sammeln und Teilen

Was lernt die Wissenschaft aus der Krise über den Umgang mit Forschungsdaten?

Astronaut auf Erden

David Vetter lebte in einer Plastikblase – sie sollte ihn vor der Außenwelt schützen.

Mediale Massage

Was lernt die Wissenschaft aus der Krise über Kommunikation?

Piraten im Erbgut

Viren haben einen schlechten Ruf – doch ohne sie wären wir heute nicht, wer wir sind.

Turbopublikationen

Was lernt die Wissenschaft aus der Krise über wissenschaftliches Publizieren?

S4

Hier werden die gefährlichsten Viren der Welt erforscht – ein Ortsbesuch in einem Hochsicherheitslabor.

Dazugehören

Social Distancing ist vernünftig. Aber Einsamkeit fühlt sich an wie physischer Schmerz. Der Grund dafür liegt im Gehirn.

Nocebo

Placebos böser Bruder sagt Dir: »Ich werde schaden.«

Harmonie auf Zeit

Was lernt die Wissenschaft aus der Krise über Kooperation?