In den letzten Jahren wurde viel gestritten in der Welt der Wissenschaft. Ein heikler Punkt sind die Daten – ohne sie läuft nichts in der modernen Forschung. Eines wird immer klarer: Forscher müssen teilen.

Frau Hartig, was lernt die Wissenschaft aus der Krise über den Umgang mit Forschungsdaten?

Protokoll
Bernd Eberhart
ist Redakteur beim Science Notes Magazin.

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Janik Söllner
ist freier Illustrator.
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Ich arbeite seit zehn Jahren für die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), seit sieben Jahren im Bereich Medizin. Ich bekomme Anträge für Forschungsgelder, suche Gutachter und betreue die Förderung vielversprechender Projekte. Jetzt in der Pandemie kommt der Wissenschaft zugute, was sie aus einer anderen Krise gelernt hat: der sogenannten Replikationskrise. Ursprünglich stammt der Begriff aus der Psychologie. Er wird aber auch in anderen Disziplinen benutzt, um zu beschreiben, dass Forschungsergebnisse in späteren Experimenten nicht bestätigt werden können. Im Grunde geht es also immer um das Thema Qualität in der Forschung.

Katja Hartig ist promovierte Pflanzenphysiologin. In der DFG ist sie Programmdirektorin und stellvertretende Leiterin der Gruppe Lebenswissenschaften 3: Medizin.

Die Menge an Daten ist geradezu explodiert

Ein Auslöser für die Replikationskrise war die Menge an Daten, die in der Wissenschaft erhoben werden – die hat sich unglaublich vergrößert. In der Pharmaforschung etwa kommen Hochdurchsatztechnologien zum Einsatz, mit denen in kurzer Zeit Tausende von Substanzen untersucht werden können. Und gleichzeitig gibt es mehr Möglichkeiten, Daten auszuwerten und zu nutzen. Auch theoretische Wissenschaftsbereiche gewinnen an Bedeutung, die auf qualitativ hochwertige und gut beschriebene Daten angewiesen sind.

»Wichtig ist, dass sich niemand ausgenutzt fühlt.«

Die Erhebung von Daten und deren Aufbereitung für die Nachnutzung kosten beide viel Geld und Ressourcen. Da kann es zu Spannungen kommen zwischen denjenigen, die Daten erzeugen und beschreiben, und denen, die damit arbeiten wollen. Teilweise gibt es unterschiedliche Anforderungen an die Daten. Und es gilt darauf zu achten, dass sich niemand ausgenutzt fühlt.

Es war und bleibt also wichtig, Arbeitsprozesse zu überdenken: Welche Experimente sind unbedingt notwendig, und welche vielleicht überflüssig? Bei welchen Studien oder Methoden gibt es offensichtliche Mängel? Können auch etablierte Wissenschaftler Defizite haben und Fehler machen – und wie können junge Kolleginnen und Kollegen auf diese aufmerksam machen, ohne ihre eigene Karriere zu gefährden? Zu diesen und anderen Fragen wurde in den letzten Jahren viel debattiert und gestritten in der Welt der Wissenschaft. Der Prozess ist sicher noch nicht abgeschlossen. Aber es hat sich bereits jetzt eine neue Wissenschaftskultur etabliert, die häufig unter dem Begriff »Open Science« zusammengefasst wird.

Forscherinnen und Forscher müssen teilen

Ein Gedanke ist dabei immer mehr gewachsen: dass Forscherinnen und Forscher ihre Daten auch für andere einsehbar und nutzbar machen, dass sie teilen müssen. Ein Großteil der Forschung wird durch öffentliche Gelder finanziert. Der Steuerzahler hat einen Anspruch darauf, dass Daten möglichst vielfältig und effizient genutzt werden, dass die Ergebnisse gut zugänglich sind und allen zugutekommen. Sinnvoll ist dies allerdings nur, wenn sich die Daten für eine Nachnutzung eignen und möglichst gut beschrieben sind. Darum arbeiten wir in der DFG an geeigneten Strukturen und digitalen Werkzeugen – und begleiten den Aufbau der von Bund und Ländern finanzierten Nationalen Forschungsdateninfrastruktur.

Die Coronakrise als Praxistest

Ich finde, bei all ihren negativen Auswirkungen birgt die Coronakrise auch eine einzigartige Chance, dazuzulernen und Strukturen für Forschungsdaten weiterzuentwickeln. Denn wir können diese Pandemie nur verstehen und aufhalten, wenn wir ganz sorgfältig Daten sammeln und gemeinsam auswerten.

»Eine offene Wissenschaft fördert Transparenz und Glaubwürdigkeit.«

In der Forschung rund um das Coronavirus werden aber nicht nur Daten offen ausgetauscht. Wir sehen auch andere Aspekte einer »offenen Wissenschaft« deutlicher: Viele Fachjournale etwa stellen alle Veröffentlichungen zum Thema frei zugänglich ins Netz, aktuelle Arbeiten genauso wie ältere Studien. Auch interessierte Bürger, die sonst keinen Zugang zu den teuren Artikeln haben, können sie jetzt lesen. Dieser Open-Access-Gedanke fördert die Transparenz und die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. Und damit ihre Glaubwürdigkeit.