Auf dem Grund gehen

Unser Planet ist zu mehr als zwei Dritteln von Wasser bedeckt. Was darunter liegt, ist ein Mysterium – erst 20 Prozent des Meeresbodens sind genauer erforscht.
Aber hat sie dich nicht schon immer gereizt, diese Welt unter Wasser mit all ihren Geheimnissen? Dann komm mit auf eine Wanderung über den Meeresboden.

Stell dir vor, du könntest unter Wasser atmen. Du könntest den gewaltigen Druck der Tiefe ausgleichen und bis zum Meeresgrund hinuntersteigen. Stell dir vor, du würdest einmal den gesamten Atlantik durchqueren, von Portugal nach Mexiko, 8.200 Kilometer. Eine Reise der Superlative, über Gebirge, Täler, heiße Quellen und Asphalt.

Text:
Nelly Ritz

Bildmedien:
GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel, MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen,  EV Nautilus/Ocean Exploration Trust (OEC)

Dieser Text beschreibt eine Idee, ein Gedankenexperiment, einen Wunschtraum. Recherchiert und erstellt hat Nelly Ritz diese fiktive Reise mithilfe von Karten der Universität Sydney, sie führte Interviews mit Meeresgeologen und Tiefseebiologinnen und hat sich durch Expeditionslogbücher und zahlreiche Forschungspaper gelesen.

37.96320°N, -8.88048°E: Der Start

Die Tiefsee ist voller Leben: Garnelenschwärme, Tiefseemedusen, Krabben. Viele Tiefseetiere aber kennen wir nicht. Fotos: MARUM − Zentrum für Marine Umweltwissenschaften, Universität Bremen.

Du beginnst in Sines, Portugal. Deine Füße graben sich in den nasskalten Sand unter dir, eine salzige Brise verklebt dir die Haare. Du gehst Richtung Atlantik, lässt die blau-weißen Häuschen hinter dir, die Stadtmauer, die Fischer. Noch bist du barfuß, aber an deinem Rucksack baumeln Wanderschuhe. An die Außenseiten hast du Seile geknotet, Karabinerhaken klimpern aneinander. Du bist gut ausgerüstet, hast Kamera, Kompass, Wanderstöcke und eine Taschenlampe eingepackt. Es wird ruppig und anstrengend. Aber es wird dich auch faszinieren.

Das Wasser steht dir jetzt bis zum Kinn. Du holst noch einmal Luft, dann tauchst du ab. Du spürst die Kühle an deinem Körper. Schnell gewöhnst du dich daran, unter Wasser zu atmen, während du über den sandigen Meeresboden spazierst. Wenn du hochblickst, kannst du noch die Meeresoberfläche erkennen. Du läufst ein Stück über den Kontinentalschelf, der die letzten Ränder der Kontinentalplatte bildet. Diese Platte ist mehrere Milliarden Jahre alt und hier bedeckt von feinen Muschelresten. Aber auch Steinchen, Sand und Ton, abgetragen vom Wind und Regen an Land, sammeln sich am Boden. Du stapfst vorbei an roten, violetten, pinken Korallen. Dir begegnen Schwärme von gestreiften Doraden, Makrelen mit winzigen Flossen, ein Wolfsbarsch, der wie von Pailletten besetzt funkelt, schließlich riesige Gruppen von Sardellen.

37.93155°N, -9.17676°E: Das Sediment


Karten: The University of Sydney. Copyright © 2015-2016.

Du passierst die 12-Meilen-Zone, hier enden die Hoheitsgewässer Portugals. Du hast jetzt etwas mehr als 22 Kilometer hinter dir und befindest dich zirka 200 Meter unter der Wasseroberfläche. Jetzt geht es bergab, der Kontinentalhang beginnt. Du kannst dir das ungefähr so vorstellen, wie wenn du auf der Spitze eines riesigen Berges stehst und vor dir liegt ein langer, langer Abstieg. Der Boden ist uneben. Immer wieder durchpflügen ihn Schluchten und Rinnen, die das Wasser im Lauf der Jahrhunderte in den Boden gefräst hat.

Alles, was mehr als 200 Meter unter der Wasseroberfläche liegt, zählt zur Tiefsee. Sie ist voller Leben, das wir nicht kennen. Im Februar 2022 fand eine Studie heraus, dass fast zwei Drittel der Arten in der Tiefsee keiner bislang bekannten Gruppe zugeordnet werden können. Andere Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 91 Prozent der Tiefseelebewesen mit Zellkern noch unbekannt sind.
Du bist froh, dass du deine Taschenlampe dabei hast, denn es ist stockdunkel. Das Problem ist nur: Weil Licht, wie auch das deiner Taschenlampe, vom Wasser stärker geschluckt wird als von der Luft, kannst du unter Wasser nur rund 50 Meter weit schauen. Danach ist wieder alles schwarz. Selbst wenn sich dort eine Schlucht auftut oder ein buntes Korallenriff auf dich wartet – du könntest es von deinem Standpunkt aus nicht sehen.

Du erinnerst dich an eine Wattwanderung, die du als Kind gemacht hast. Du denkst an die Würmer, die dir damals aus dem Watt entgegenblickten.

Während du darüber nachdenkst, wird der Abhang allmählich flacher. Du befindest dich jetzt in einer Tiefe von zirka zweitausend Metern und gehst über den sogenannten Kontinentalfuß. Unter den Sedimentschichten, auf denen du läufst, stößt die kontinentale auf die ozeanischen Platte.

Immer, wenn du einen Fuß vor den anderen setzt, wirbelst du eine kleine Schlammwolke auf. Deine Füße sinken leicht ein, ein paar Zentimeter. Du erinnerst dich an eine Wattwanderung, die du als Kind gemacht hast. Du denkst an die Würmer, die dir damals aus dem Watt entgegenblickten. Auch die Vielfalt der Tiefsee steckt vor allem in ihrem Sediment.

Im Schlick unter dir tummeln sich Fadenwürmer, Asseln und Einzeller. Die meisten siehst du nur, wenn du in die Knie gehst und etwas Schlamm in deine Hände nimmst, manche erkennst du gar nicht. Viele von ihnen ernähren sich von Tierchen und Pflanzen, die an der Wasseroberfläche leben. Sie wandeln Sonnenlicht in Energie um und sinken am Ende ihres Lebens in die Tiefe. Auch die Organismen der Tiefsee hängen daher von der Sonne ab, ohne dass sie ihr Licht je gesehen hätten.

Um in der Dunkelheit zu überleben, erzeugen über 70 Prozent der Tiefseetiere Licht – entweder selbst oder über eine Symbiose mit Bakterien. Forscher:innen nennen diesen Prozess »Biolumineszenz«. Einer der berühmtesten biolumineszenten Fische ist der Anglerfisch, vor dessen Augen eine Laterne baumelt. Einen lebenden, leuchtenden Anglerfisch zu entdecken ist sehr selten. 2018 filmten Forscher:innen erstmals ein Paar des Fächerflossen-Seeteufels. Dieser Art der Anglerfische stehen die Tentakel wie einzelne Haare vom Körper weg – und gemeinsam mit Flossen und Angel leuchten sie, um Beute anzulocken. Wenn du Glück hast, begegnet dir einer.

Je weiter du dich vom Kontinent entfernst, desto kalkhaltiger wird der Boden, das sandige Erosionsmaterial vom Land nimmt ab. Hier besteht der Boden zu mehr als 30 Prozent aus Überresten von winzig kleinen Meeresbewohnern im Wasser oder am Grund. Dazu zählen zum Beispiel Foraminiferen, kleine Einzeller mit Gehäuse, deren kalkhaltige Schalenreste sich auf dem Boden sammeln. Oder auch sogenannte Kalkflagellaten. Das sind einzellige Algen, sie bilden mikroskopische Schuppen aus Kalk, die nach und nach auf den Grund sinken.

36.36102°N, -13.57411°E: Der Seeberg


Du bist in südwestlicher Richtung unterwegs. Es ist ruhig. Ab und zu schwimmt ein Fisch an deiner Nase vorbei. Dann geht es bergauf, vor dir liegt ein Seeberg. Seeberge, das sind erloschene Unterwasservulkane, mindestens 1.000 Meter hoch. Sie haben sich durch vulkanische Aktivität im Laufe von Millionen von

Jahren gebildet. Wie viele Seeberge unter der Wasseroberfläche schlummern, weiß niemand ganz genau. Schätzungen gehen von mindestens 33.000 weltweit aus.

Du hast die Strömung der Tiefsee im Rücken, die an den Berghängen aufsteigt. Sie trägt das Sediment weg, sodass die Hänge der Seeberge frei von Schlamm sind. Es wird immer steiler, das Gebiet ist steinig und rau. Du befindest dich nun 1.500 Meter unter der Meeresoberfläche. Hier beginnt die Sauerstoffminimumzone.

Sie nennt sich so, weil in diesem Bereich viel Sauerstoff von Algen und Bakterien verbraucht wird, es aber – anders als an der Oberfläche – kaum Nachschub aus der Luft gibt. Du spürst eine Strömung im Nacken: kaltes Tiefenwasser, das viel Sauerstoff enthält. In großen Wirbeln vermischt es sich mit dem Wasser der Sauerstoffminimumzone von weiter oben.

Die Erhebungen, an denen du dich festhältst und über die du stolperst, sind mehrere Millionen Jahre alt. Sie wachsen nur fünf Millimeter in einer Million Jahre.

Du kraxelst nach oben, deine Hände klammern sich immer wieder an schwarze Erhebungen, die fest mit dem Fels verwachsen sind. Die Gebilde erinnern dich an Kohle, manche sind ein paar Millimeter dick, andere mehrere Zentimeter. Es sind Kobaltkrusten, entstanden aus gelösten Metallen, die durchs Meer treiben. Kommen diese Mineralien mit dem sauerstoffreichen Wasser der Tiefsee, das um den Berg gewirbelt wird, in Berührung, sammeln sie sich am Hang und bilden Krusten. In diesen Krusten stecken

Mangan und Eisen, aber auch weitere Rohstoffe: Kobalt, Nickel, Seltene Erden – alles Mineralien, die zum Beispiel für die Produktion von Smartphones unabdingbar sind. Die Erhebungen, an denen du dich festhältst und über die du stolperst, sind mehrere Millionen Jahre alt. Sie wachsen nur fünf Millimeter in einer Million Jahre.

Erst jetzt fällt dir auf, dass es um dich herum an Leben wimmelt. Eine rote Weichkoralle lässt ihre Arme in der Strömung baumeln. Vor deinen Füßen huscht eine feuerrote Garnele über den Boden. Im Hintergrund entdeckst du einen Schwamm, den du fast mit einer weißen Chrysantheme verwechselst. 1.000 Meter unter der Wasseroberfläche wanderst du durch ein Paradies.

In 600 Metern Tiefe umschwimmt ein Pottwal einen Tauchroboter des Expetitionsschiffs EV Nautilus. Begegnungen zwischen Pottwalen und Tauchrobotern sind extrem selten. Video: EV Nautilus/ Ocean Exploration Trust (OEC).

Als du beim Abstieg nach oben blickst, entdeckst du einen Pottwal über dir. Den Impuls, das riesige Tier mit dem rechteckigen Kopf zu fotografieren, unterdrückst du. Du weißt, wie besonders diese Begegnung ist: Pottwale sind Säugetiere und Lungenatmer, können aber rund 2.000 Meter tief tauchen und bis zu zwei Stunden die Luft anhalten. Doch du weißt auch, dass Pottwale eines der lautesten Geräusche der Welt erzeugen können. Bis zu 230 Dezibel erreicht das Klicken der Wale, das sie nutzen, um ihre Umgebung wie mit einem Echolot zu erkunden. Ab 198 Dezibel kann der Druck des Lärms deine Lungenbläschen platzen lassen, daran würdest du sterben. Du hältst dir die Ohren zu und lässt den Pottwal vorbeiziehen. Er bleibt ruhig, du bleibst ruhig. Dann wirfst du einen Blick auf den Kompass – auf nach Westen, ab in die Tiefe.

36.95727°N, -25.06702°E: Die Azoren

An der Hydrothermalquelle Menez Gwen südwestlich der Azoren tummeln sich Muscheln und Krabben. Video: MARUM − Zentrum für Marine Umweltwissenschaften, Universität Bremen.

Lange bist du auf dem ebenen Meeresboden bis zu 5.000 Meter unter der Wasseroberfläche gewandert, vorbei an vereinzelten Kaltwasserkorallen, Seegurken, Krebsen. Jetzt bist du am Fuß der Santa Maria angekommen, der ältesten Insel der Azoren. Vor 140 bis 160 Millionen Jahren soll sie geboren worden sein. Entstanden aus Magma, durch wiederkehrende vulkanische Eruptionen aufgetürmt bis über die Meeresoberfläche. Du umgehst die Bergspitze, wanderst aber Meter für Meter gen Meeresoberfläche.

Schwämme sind eine Art Ökosystemingenieure – seit Millionen von Jahren schon, denn sie sind evolutionär eine der ältesten Tiergruppen der Welt.

In 1.000 Metern Tiefe stechen dir die riesigen Riffe an Glasschwämmen ins Auge. Wie kleine haarige Lampions, nach oben hin offen, tummeln sie sich auf den ebenen Flächen der Bergkette, auf der du gehst. Forscher:innen waren der Meinung, diese Schwämme erinnerten an Vogelnester, daher gaben sie ihnen den Namen »Vogelnestschwamm«. In den Schwämmen leben viele Bakterien. So können sie Stoffe im Wasser zu winzigen Partikeln umwandeln, die wiederum Nahrung für andere Lebewesen im Meer darstellen. Schwämme sind eine Art Ökosystemingenieure – seit Millionen von Jahren schon, denn sie sind evolutionär eine der ältesten Tiergruppen der Welt.

Du versuchst, nicht in die Vogelnestschwämme zu treten. Ihr Skelett besteht aus winzigen Nadeln und ist filigran, aber gleichzeitig robust. Wie ein Gerüst mit porenähnlichen Hohlräumen und Kanälen. Dort hindurch wird im Sekundentakt Wasser gefiltert.

Für eine Fläche im Nordatlantik, die etwas größer als Griechenland ist, wurde berechnet, dass ein Tiefsee-Schwammgrund rund 56 Millionen Kubikmeter Seewasser pro Tag filtriert – eine unvorstellbare Zahl. Zur Einordnung: Das Hauptklärwerk Stuttgart-Mühlhausen, eines der größten Klärwerke Deutschlands, pumpt pro Jahr 64 Millionen Kubikmeter durch die Anlage.

32.90812°N, -38.87008°E: Der Mittelatlantische Rücken

Der Meeresboden, an den du nun gelangst, ist der jüngste auf deiner Reise: der Mittelatlantische Rücken, eine kilometerlange Gebirgskette. Sie zieht sich in Kurven von Nord nach Süd durch den Atlantik. In der Mitte des Rückens liegt ein Tal, etwa zehn Kilometer breit und eineinhalb Kilometer tief. Darin schlummern aktive Vulkane. Hier, in der neovulkanischen Zone, entsteht ständig neuer Ozeanboden. Pro Jahr wachsen zirka zwei bis vier Zentimeter neue ozeanische Kruste.

Der Grund: Die kontinentalen Platten, die einst nah beieinander lagen, driften auseinander. Durch den dadurch entstandenen Riss quillt aufsteigendes Magma. Schließlich kühlt es in Form von Kissen oder Schläuchen langsam ab. Das noch warme Gestein bildet Hügel und Rücken, fast wie Terrassen. Je mehr es abkühlt, desto mehr verdichtet es sich und sinkt ab. Doch stetig entsteht neues Gestein und schiebt das alte über Millionen Jahre hinweg zur Seite. Der Meeresboden ist daher umso älter, je weiter er vom Mittelatlantischen Rücken entfernt ist.

29.76010°N, -43.23060°E: Die Massivsulfide

Aus sogenannten »Schwarzen Rauchern« am Mittelatlantischen Rücken strömt 400 Grad heiße Flüssigkeit voller Metallverbindungen. Video: MARUM − Zentrum für Marine Umweltwissenschaften, Universität Bremen.

Ein Stück weiter südwestlich erkennst du plötzlich Schatten. Eine Kolonie meterhoher Ungetüme türmt sich vor dir auf. Jedes einzelne zieht eine Fratze und scheint dir den Weg versperren zu wollen. Wenn du unter Wasser riechen könntest, würde dir der Geruch von faulen Eiern in die Nase ziehen. Du passierst ein Areal, ungefähr halb so groß wie die Fläche des Münchner Oktoberfestes. Dort ragen rund 100 rostbraun, schwarz und weiß verfärbte Gebilde bis zu 20 Meter in die Höhe. Manche von ihnen sind dünn und glatt wie Rohre, manche dick, aber kantig und uneben, als hätte jemand Bauschutt aufgetürmt und zusammengeklebt. In riesigen Wolken strömt schwarzer Rauch aus ihnen. Du befindest dich auf einem Hydrothermalfeld voller »Schwarzer Raucher«, steinigen Gebilden aus Metall-Schwefelverbindungen.

Eine Kolonie meterhoher Ungetüme türmt sich vor dir auf. Jedes einzelne zieht eine Fratze und scheint dir den Weg versperren zu wollen.

Du näherst dich nicht. Die Flüssigkeit, die aus den Schloten in die Höhe schießt, wäre für dich unerträglich: ein saures, 400 Grad heißes Fluid voller Metallverbindungen, die sich aus dem Gestein unter dem Meeresboden gelöst haben. Dort, wo die Flüssigkeit mit dem Meerwasser in Berührung kommt, lagern sich Kupfer-, Eisen- und Schwefelminerale ab und bilden einen Schlot. Das Fluid steigt in schwarzen Wolken weiter auf – so lange, bis es auf die Temperatur des Meerwassers abgekühlt ist. Darin strömen die Metallverbindungen wie in einem umgedrehten Trichter ins Meer: Erst gerade nach oben, schließlich werden sie mit der Strömung bis zu Tausende Kilometer weit durch den Ozean verteilt.

An den Rauchern tummeln sich Muscheln, Krabben, Shrimps und Kolonien an Bartwürmern, die wie der Kopf der Medusa aussehen. Die Organismen hier leben chemotroph, nutzen also chemische Stoffe, um Energie für ihren Stoffwechsel zu gewinnen – so wie Pflanzen Licht nutzen, um zu überleben. Die langen weißen Bartwürmer mit den roten Fransen zum Beispiel gehen eine Lebensgemeinschaft mit Bakterien ein, die Substanzen wie Schwefelwasserstoff und Methan umsetzen und so die Würmer ernähren.

Über den Mittelatlantischen Rücken marschierst du ein ganzes Stück weiter Richtung Südwesten, vorbei an Hydrothermalen Quellen, Seite an Seite mit wandernden Krabben, kriechenden Seegurken, treibendem Plankton.

11.40299°N, -48.00071°E: Das Manganknollenfeld

Die meisten Manganknollenfelder finden sich im Pazifik, wie hier in der Clarion-Clipperton-Zone. Zwischen den Knollen machen es sich Anemonen, Glasschwämme und Seesterne gemütlich. Fotos: ROV-Team/GEOMAR (CC BY 4.0) & ROV KIEL 6000, GEOMAR (CC BY 4.0).

Nicht nur an Rauchern und Seebergen, sondern auch in 4.995 Metern Tiefe, auf dem ebenen Grund des Meeres, lagern Nickel, Kupfer, Kobalt, Mangan und Seltene Erden – Elemente, die man zum Beispiel für die Herstellung von E-Autos braucht. Du bist auf ein Manganknollenfeld gestoßen.

Vor, neben, unter und hinter dir liegen schwarze Kugeln in Form von Murmeln, Kartoffeln oder Kanonenkugeln. Du bückst dich und hebst eine auf. Du musst etwas Kraft aufwenden, um sie aus dem Schlamm zu ziehen. Aber als du es geschafft hast, liegt die Manganknolle leicht in deiner Hand.

Die kartoffelgroße Knolle, die du vom Boden aufgehoben hast, ist zwischen zwei und 20 Millionen Jahren alt.

In der Manganknolle stecken verschiedenste Metalle. Sie haben sich über Millionen Jahre hinweg angesammelt, beispielsweise an einem kleinen Stein, einem Haifischzahn oder dem Rest einer Muschel. Jahr für Jahr, Schicht für Schicht.

Die kartoffelgroße Knolle, die du vom Boden aufgehoben hast, ist zwischen zwei und 20 Millionen Jahren alt. Du hast also ein geologisches Archiv in deiner Hand. Würdest du sie aufschneiden, könntest du – wie bei einem Baum – Ringe entdecken, die Aufschluss über bestimmte klimatische Bedingungen geben. Die Zusammensetzung der verschiedenen Metallverbindungen in den Ringen verrät dir zum Beispiel etwas über Umweltschwankungen wie die Entstehung von riesigen Eisflächen oder die Änderung der Meeresströmungen. Du steckst die Knolle in deinen Rucksack.

Auf Zehenspitzen tapst du durch das Manganknollenfeld, springst über Seeigel und Weichkorallen, bahnst dir deinen Weg. Du steuerst jetzt Richtung Mexiko, in einer Tiefe von über 5.000 Metern. Immer wieder stößt du auf Teile von Quarkbechern, Mülltüten oder andere kleine Plastikteilchen am Meeresgrund. Plastik kann sich jahrzehntelang im Meer halten, ohne abgebaut zu werden. Dazu kommt Mikroplastik, also Partikel mit kleinen Durchmessern, teils dünner als ein Haar. Forscher:innen schätzen, dass mindestens 14 Millionen Tonnen Mikroplastik am Grund der Ozeane liegen.

25.32810°N, -68.68501°E: Der Walkadaver

Walkadaver sind Energiebomben für Tiefseelebewesen. Forscher:innen gehen davon aus, dass rund 700.000 Walkadaver in unterschiedlichen Verwesungsstadien am Meeresgrund liegen. Video: EV Nautilus/ Ocean Exploration Trust (OEC).

Fast wärst du mit einem riesigen Schädel kollidiert. Du schaust dich um und erkennst weitere Knochen, abgenagtes Fleisch, eine ölige Fettspur am Boden. Würmer, Krabben, Fische. Vor dir liegt der Kadaver eines Buckelwals. Buckelwale ziehen im Winter in die Gegend um Puerto Rico, um sich zu paaren und ihre Kälber aufzuziehen. Im Sommer migrieren sie wieder nach Norden zu ihren Futterplätzen. Dieser hier muss auf seiner Reise verstorben und abgesunken sein. Sein Kadaver wird jetzt zu einer Energiebombe für die Tiefsee.

Für die Tiefseelebewesen, die sonst auf das von oben herabrieselnde Planktonmaterial angewiesen sind, ist dieser Walkadaver ein Festmahl.

Erst reißen Haie oder Schleimale das Fleisch von den Knochen des Wals – bis zu 60 Kilogramm davon vernichten die Tiere am Tag. Dann nagen Krabben die Knochen ab, Muscheln und Schnecken siedeln sich an, unzählige Oktopusse und Raubfische kommen, um die sich versammelnden Kleintiere zu verspeisen. Zuletzt zersetzen Würmer und Bakterien das, was noch übrig ist. Für die Tiefseelebewesen, die sonst auf das von oben herabrieselnde Planktonmaterial angewiesen sind, ist dieser Walkadaver ein Festmahl. Forscher:innen gehen davon aus, dass rund 700.000 Walkadaver in unterschiedlichen Verwesungsstadien am Meeresgrund liegen. Bis auch die Knochen eines Kadavers zersetzt sind, können mehrere Jahrzehnte vergehen. Du steuerst weiter Richtung Osten. Weit ist es nicht mehr bis in den Golf von Mexiko.

27.43240°N, -91.16860°E: Der Golf von Mexiko

Am Meeresgrund im Golf von Mexiko haben sich im Laufe der Zeit Salzseen gebildet. Wegen des hohen Salzgehaltes ist ihr Wasser dichter und schwerer als das Meerwasser. Video: EV Nautilus/ Ocean Exploration Trust (OEC).

Vor rund 150 Millionen Jahren war der Golf von Mexiko nur ein Becken, in das immer wieder Meerwasser sickerte und verdunstete. So sollen massive Salzlager entstanden sein, über die sich im Laufe der Jahre Sedimente angesammelt haben. Du befindest dich jetzt 600 Meter unter der Wasseroberfläche und siehst, welchen Einfluss das Salz unter dem Meeresboden auf seine Umgebung hat. Hier, am Grund des Meeres, hat sich ein Salzsee mit einem Durchmesser von 30 Metern gebildet. Du näherst dich, ziehst vorbei an Kolonien von Miesmuscheln und Bartwürmern. Das Wasser des Salzsees ist etwas blauer als das deiner Umgebung. Kantige Formationen scheinen es wie in einer Wanne zu sammeln, doch dass es sich nicht mit dem Meerwasser vermischt, hat einen anderen Grund: Wegen des hohen Salzgehaltes ist es dichter und schwerer als das Meerwasser. In der Mitte des Sees liegt eine tote Krabbe. Viele Lebewesen, die nicht auf diese Umgebung angepasst sind, erleiden einen toxischen Schock, sobald sie mit dem Salzwasser in Berührung kommen. Manche aber leben von der Wärme des Salzwassers und der hohen Salz- und Methankonzentration – wie die Miesmuscheln, die du schon an den Schwarzen Rauchern entdeckt hast. Du ziehst weiter Richtung Süden, quer durch den Golf. Dafür steigst du ein letztes Mal hinab in eine Tiefe von 3.000 Metern.

21.91701°N, -93.3301°E: Die Asphaltberge

Unter dem Meeresboden im Golf von Mexiko hat sich Erdöl angesammelt. Tritt Erdöl aus, reagiert es mit dem kalten Meerwasser und formt Asphaltberge. Video: MARUM − Zentrum für Marine Umweltwissenschaften, Universität Bremen.

Kurz vor dem Kontinentalschelf, der dich wieder an Land führen wird, stolperst du auf einmal über schwarze Erhebungen. Manche erinnern an Schutthaufen, andere sehen aus wie ein Chaos an Schläuchen und Kissen. Du traust deinen Augen kaum, aber vor dir liegen Haufen aus Asphalt. Erdöl, das sich dank der geologischen Struktur der Salzstöcke im Grund ansammeln kann, tritt hier aus dem Meeresboden aus. Reagiert es mit dem kalten Wasser, wird es zu Asphalt. Du brichst ein Stück ab. Der Asphalt ist zäh, aber nicht fest. Auf den Gebilden lassen die Bartwürmer scheinbar unzerstörbar ihre Körper in der Strömung treiben. Du stellst dir vor, dass diese Wurmkolonien auch auf den Asphaltstraßen deiner Heimatstadt leben könnten. Was würde dort oben, zwischen Menschen und Autos, nur aus ihnen werden? Plötzlich bist du froh, dass sie hier unten, in der dunklen, kalten Tiefsee, unter den lebensfeindlichsten Bedingungen, weit weg von uns Menschen existieren können.

Mit all den anderen Tiefseebewohnern bilden sie ihren eigenen Kosmos, eine ganz eigene Welt voller Vielfalt und Leben.

Beim Aufstieg an Land geht dir eine Frage nicht aus dem Kopf.

Wie lange noch?

Quellen und Copyright zum Text