Ist das die Zukunft der Medizin? Wir spinnen verschiedene Szenarien – und fragen Expert:innen: Was ist Science-Fiction, was bald schon Realität?
Hier: Werden wir das Altern abschaffen, Herr Dingermann?

Text
Bernd Eberhart

Maja Peters liebt diese wenigen Minuten, in denen der Automat ihre Nahrungsergänzungsmittel druckt. In der Hektik des Alltags kann sie hier im Wartezimmer entspannen. »Arzt« hatte früher an der Eingangstür gestanden, doch wie viele seiner Kolleg:innen nennt sich Dr. Emmert inzwischen »Gesunderhalter«. Meist hat er kaum mehr zu tun, als eine Speichelprobe zu nehmen und in den Eingabeschlitz des Automaten zu stecken.

Vom Klettertraining gestern Abend hat Maja einen leichten Muskelkater, aber das gibt sich bis morgen. Die Präsentation für das Meeting heute Nachmittag hat sie längst fertig, und auch die Einkäufe für die Party sind bestellt – nächste Woche feiert Maja ihren 103. Geburtstag. Ein sanftes Klingeln weckt sie aus ihren Tagträumen. Die Türen am Ausgabefach des Automaten öffnen sich, und Maja entnimmt fünf kleine Ampullen – individuell abgestimmte Wirkstoffe auf RNA-Basis, ihr Fitnessupdate für das kommende halbe Jahr. Was waren das für Zeiten, in denen sie tatsächlich noch krank wurde, denkt Maja auf dem Weg zum Oberdeck. Und dass sie damals einfach die gleichen Pillen aus der Apotheke verschrieben bekam, wie Hunderte anderer Patient:innen auch! Unvorstellbar…

Werden wir das Altern abschaffen, Herr Dingermann?

Na, dass Maja Peters mit ihren 103 Jahren noch klettern geht, das ist übertrieben. Aber dass künftig immer mehr Menschen 120 werden können und dabei noch fit sind, das halte ich für sehr realistisch. Wie sich das Altern aufhalten oder verlangsamen lässt, das ist ein heißes Thema in der pharmakologischen Forschung. Es gibt eine Menge interessanter Ansätze zum »gesunden Altern« und zur »Longevity«, also der Langlebigkeit – und eine ganze Armada an Firmen im Silicon Valley, die dazu schon Milliarden Dollar an Kapital eingesammelt haben.

Schon heute wird am biologischen Alter gedreht.

Auf diesem Feld gibt es natürlich viel Esoterik und Quacksalberei, aber eben auch immer mehr knallharte, seriöse Arzneimittelforschung. Verschiedene Firmen forschen zum Beispiel an Wirkstoffen, die ein Abräumen ausgedienter Zellen im Körper stimulieren, oder sie experimentieren mit der Gabe von menschlichem Wachstumshormon oder von DHEA, einer Vorstufe von Testosteron. Im Jahr 2019 sorgte eine Studie für Aufsehen. Das Team um den Immunologen Gregory M. Fahy von der University of California hat neun Männer zwischen 50 und 65 Jahren für ein Jahr lang mit einem Cocktail aus drei Medikamenten behandelt: humanem Wachstumshormon, DHEA und Metformin, einem Mittel, mit dem klassischerweise Altersdiabetes behandelt wird. Die Behandlung hat das biologische Alter der Probanden im Schnitt um zweieinhalb Jahre zurückgedreht.

»Die Leute sterben ja nicht an ›Alter‹, sondern an Krankheiten.«

Da ist es nicht verwunderlich, dass viele der Ansätze zur Langlebigkeit auch am Immunsystem ansetzen – denn Immunseneszenz, die Alterung des Immunsystems, ist ein großes Problem. Zum einen, weil dann Infektionen schlechter abgewehrt werden können. Zum anderen führt sie aber auch zu chronischen, niederschwelligen Entzündungen im Körper. Ein Ansatz ist also, das Immunsystem zu verjüngen, etwa indem mit Medikamenten die Produktion von Immunzellen wieder angeregt wird.

Mit Gen-Tests zur individuellen Therapie

Im Szenario ist außerdem die Rede von individuell abgestimmten Wirkstoffen. Die Krebsmedizin etwa arbeitet heute schon viel mit individualisierten Therapien. Aber auch in vielen anderen Fällen haben genau zugeschnittene Medikamentencocktails großes Potenzial. Ich spreche von »stratifizierter Therapie«: Das bedeutet nicht, dass Medikamente eigens für eine einzige Person hergestellt werden. Aber dass genau geschaut wird, ob ein Medikament bei einem Menschen überhaupt wirken kann, ob derjenige davon profitiert oder ob es ihm möglicherweise sogar schadet. Ein Beispiel wäre eine schwere Depression: Da dauert es im Schnitt ein Jahr, bis das richtige Medikament gefunden wird. Über Monate hinweg wird nach dem Prinzip »Trial and Error« gearbeitet. Dabei könnten wir das alles schon vorhersagen: Über genetische Tests können heute schon bestimmte Biomarker identifiziert und ein individuelles Profil erstellt werden. Das kann mir dann für eine Vielzahl an Medikamenten sagen, ob sie eher hoch oder niedrig dosiert werden sollten und so weiter. Die Kunst wird immer mehr sein, verschiedene Methoden und Wirkstoffe richtig zu kombinieren und für den jeweiligen Patienten angemessen einzusetzen.
Dass Maja Peters einen RNA-Cocktail bekommt, halte ich übrigens für keinen intelligenten Ansatz. Denn Wirkstoffe auf RNA-Basis würde man einsetzen, wenn etwas fehlt – wie zum Beispiel der Gerinnungsfaktor bei Bluterkranken. Die meisten Medikamente modulieren aber nur die Funktion von Proteinen im Körper, sie steigern oder senken bestimmte Stoffwechselaktivitäten.

»Ist es ethisch vertretbar, dass Wohlstand über solche Behandlungen entscheidet?«

Eine genau angepasste Behandlung spielt auch eine große Rolle für die angesprochene »Gesunderhaltung«. Frau Peters profitiert von einem Konzept, das in unserem Gesundheitssystem bisher viel zu kurz kommt: der Vorsorge. Aber unser ganzes Erstattungssystem, ja, eigentlich unsere ganze Medizin ist ausgerichtet auf die Behandlung von Krankheiten. Alles, was mit Vorsorge zu tun hat, wird dagegen ohne jeden Enthusiasmus betrieben. Wenn beim Thema »Gesunderhaltung« also auch unser klassisches Solidarsystem greifen sollte, bräuchte es einen echten Systemwechsel. Eine Möglichkeit wäre, über eine höhere Selbstbeteiligung nachzudenken. Es ist ja auch so, dass ich fürs Fitnessstudio selbst bezahlen muss. Ähnlich könnte das bei einer pharmakologisch begleiteten Vorsorge sein: Ich bezahle für Medikamente, die keine Krankheit behandeln, sondern Alterskrankheiten vermeiden. Die Pioniere auf diesem Gebiet werden also mit Sicherheit reiche Leute sein. Da müssen wir als Gesellschaft durch. Aber bald wird die Frage laut werden: Ist es ethisch vertretbar, dass Wohlstand über solche Behandlungen entscheidet?

Theo Dingermann ist Chefredakteur der Pharmazeutischen Zeitung und war bis 2013 Direktor des Instituts für Pharmazeutische Biologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. 2017 veröffentlichte er sein Buch Stratifizierte Pharmakotherapie.