Wie New Yorker U-Bahn-Wagen zu einem Zuhause für Fische wurden

Text
Thomas Reintjes ist mehrfach ausgezeichneter Wissenschaftsjournalist. Er lebt in New York.

Bild
NYCTA Photograph Unit Collection | New York Transit Museum

Vor 20 Jahren steht die Metropolitan Transportation Authority (MTA) in New York City vor einem Problem: Sie will Hunderte alte U-Bahn-Waggons ausmustern, aber die Entsorgungskosten haben sich gerade vervielfacht. Nicht nur lohnt sich das Recycling nicht, weil die alten U-Bahn-Wagen aus wenig attraktivem Karbonstahl sind. Arbeiter haben beim Abwracken der ersten Waggons auch noch eine Schicht gefunden, die Asbest enthält. Das krebserregende Material fachgerecht herauslösen und entsorgen zu müssen, das dürfte Mike Zacchea schlaflose Nächte gekostet haben. Bei der MTA ist Zacchea zuständig für die Entsorgung der Redbirds, wie New Yorker die weinroten Waggons liebevoll nennen.

Da erzählt Zaccheas Bruder, Kapitän eines Charterboots, dass einige US-Bundesstaaten künstliche Riffe vor ihren Küsten bauen. Dazu versenken sie Schrott im Atlantik: Panzer, Betonklötze, Schiffswracks. Warum nicht auch die Redbirds? Mike Zacchea zögert nicht. Im September 2000 überzeugt er die Fischereibehörde in New Yorks Nachbarstaat New Jersey, ihm 650 Waggons abzunehmen. Als bekannt wird, dass Asbest in den Waggons steckt, macht New Jersey einen Rückzieher.

»Das Asbest stellt kein Problem dar«

Etwas weiter südlich, im kleinen Bundesstaat Delaware, hat man weniger Bedenken. Hier ist es Jeff Tinsmans Job, künstliche Riffe zu bauen. Der Meeresbiologe will ein Paradies für Fische, Muscheln und Polypen schaffen. Die U-Bahn-Wagen nimmt Tinsmann gerne, weil es nicht einfach ist, kostengünstig an geeignetes Material zu kommen. »Das Asbest stellt kein Problem dar«, erklärt er. »Das ist nur in den Lungen von Säugetieren ein Problem.« Dort können die Fasern nicht vollständig abgebaut werden und beginnen, das Gewebe zu schädigen. Auch Fische können nachweislich von Asbest geschädigt werden. Aber erst bei Konzentrationen von Hunderten Millionen Fasern pro Liter. Bei den U-Bahnen werden pro Liter rund 100 Fasern erwartet.

Im November 2003 fährt ein Lastkahn die Redbirds vor die Küste Delawares. Ein Bagger stößt sie ins Wasser, und seither rosten sie dort langsam vor sich hin.

Die Transitbehörde MTA hat so geschätzte 17 Millionen Dollar Entsorgungskosten gespart. Den Meeresbewohnern allerdings konnten die 1.329 U-Bahn-Waggons keine dauerhafte Heimat bieten. Die Redbirds hätten sich schon nahezu vollständig zersetzt, berichteten Taucher bereits im Jahr 2016. Zuletzt versenkte Delaware daher Schiffswracks, die das Redbird-Riff lebendig halten sollen.

Jeff Tinsman fährt regelmäßig hinaus zu den künstlichen Riffen. Er sucht dann vor allem nach jungen Fischen, um zu zeigen, dass die Strukturen ihnen Schutz bieten und so dem Aufbau der Fischpopulation dienen. Aber das ist schwer zu beweisen. Ältere Tiere jedenfalls, etwa Flundern und Zackenbarsche, kommen gerne, weil sie hier viel Nahrung finden. Und das wiederum zieht eine andere Spezies an: Menschen. Tinsmans Behörde hat hochgerechnet, dass etwa 17.000 Angler pro Jahr ihr Glück am Redbird-Riff versuchen.

Text
Thomas Reintjes ist mehrfach ausgezeichneter Wissenschaftsjournalist. Er lebt in New York.

Bild
NYCTA Photograph Unit Collection | New York Transit Museum

Aus dem Inhalt

Welt unter Wasser

Uli Kunz ist Forschungstaucher, Fotograf, Meeresbiologe. In seiner Arbeit sieht er die Schönheit des Meeres – und wie stark es gefährdet ist.

Sehnsucht Meer

Was zieht Menschen ans Meer? Eine Frau aus den Bergen sucht die Antwort – auf einer Kreuzfahrt.

Monströs

Kaventsmänner, Weiße Wände, die Drei Schwestern – jahrhundertelang hielt man Monsterwellen für bloßes Seemannsgarn. Erst in den vergangenen Jahren zeigt sich: Die riesigen Wellen existieren wirklich. Sie lassen sich berechnen und im Labor erzeugen.

Der Ozean am Küchentisch

Die physikalischen Prozesse in den Weltmeeren lenken Wetter und Klima. Die Ozeanografin Mirjam Gleßmer erklärt in ihrer »Kitchen Oceanography« die wichtigsten Phänomene.

Note: Endstation Meeresgrund

Wie New Yorker U-Bahn-Wagen zu einem Zuhause für Fische wurden.

Die Prinzipien des Lebendigen

Das Meer ist ein guter Lehrmeister. Die Bionikerin Antonia Kesel schaut sich einiges davon ab.

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir die Erde gegen die Wand fahren«

Ein Gespräch mit dem Klimaforscher Mojib Latif über Scheitern und Optimismus.

Keine Insel

Drei Geschichten von zweifelhaften Existenzen, verschwundenen Inseln und einer Reise nach Fantasyland.

Spaghetti alla Qualle

Wenn Quallen in Massen auftauchen, gibt es Ärger. Warum essen wir sie nicht auf?

Notes

In den Notes treffen wir diesmal auf müllfressende Bakterien, die schillernden Persönlichkeiten von Fischen und einen deutscher Konzern, der die Hälfte aller Patente auf Meeresorganismen hält.

Architekten der Wahrheit

Sie haben Menschen vor dem Ertrinken gerettet, jetzt drohen ihnen bis zu 15 Jahre Gefängnis. Gegen Seenotretter der Iuventa wird wegen Schlepperei und krimineller Bandenbildung ermittelt. Ein Team von Forensischen Architekten versucht herauszufinden: Was geschah wirklich auf hoher See?

Die neuenthüllten Wunder der Meerestiefe

Lange glaubte man, es gebe kein Leben am Meeresboden. Ein Expeditionsbericht aus dem Jahr 1884.

In den Werften von Dhaka

Vor 30 Jahren ließen westliche Unternehmen ihre Produkte in China fertigen, um an Löhnen zu sparen oder strenge Umweltschutzgesetze zu umgehen. Heute produzieren sie Mode und Schiffe in Bangladesch. Das Geschäftsmodell: soziale Ausbeutung.

Algegenwärtig

In der Wurst, in der Kläranlage und sogar
auf der Skipiste: Algen begegnen uns öfter, als wir denken.

20 Millionen Tonnen unter dem Meer

Ein deutsches Forschungsschiff sucht im Indischen Ozean nach Rohstoffen. Haben wir an Land nicht schon genug versaut?

Watapata tabu sana

Der Algenanbau auf Sansibar ist Frauensache. Jetzt droht der Klimawandel, die Felder zu vernichten und damit die hart erkämpfte Freiheit der Frauen. Gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen suchen sie Strategien für eine heißere Welt – und wachsen noch einmal über sich hinaus.

Playlist: Meer

Das Meer ist eine Zone des Übergangs. Mit Wellen und Strand erzählt Pop vom Abtauchen und Ankommen, vom Verlieben, Trennen, Sterben.

Wir zählen: das Meer

500 Millionen Menschen sind weltweit auf Korallenriffe für ihren Lebensunterhalt angewiesen. Bereits 2050 könnten alle Korallenriffe verschwunden oder bedroht sein. Das Meer in Zahlen.