Eine Recherche in der virtuellen Realität hat das Leben unserer Autorin verändert. Sie hat ihr gezeigt, wie relativ unsere Idee von Wirklichkeit ist.

Text
Eva Wolfangel

An einem Tag im Juni 2016 setze ich zum ersten Mal meinen Fuß in eine andere Realität. Ich stehe in der Abendsonne unter einem Baum. Die Blätter zeichnen ein Muster auf den Boden. Ich höre das Gemurmel von Menschen, die aussehen wie Roboter, der Himmel ist unglaublich tief.

Eigentlich steht mein Körper in meinem Wohnzimmer und doch bin ich ganz woanders. Ich habe mir ein klobiges Headset über den Kopf gestülpt, Kopfhörer dazu, und befinde mich plötzlich in dieser anderen Welt. Sie heißt Altspace VR, diese Welt, und ist ein sozialer Treffpunkt in der virtuellen Realität. Hier geht es nicht um Spiele, sondern um das Soziale. Es gibt zu dieser Zeit drei oder vier ähnliche Treffpunkte dieser Art.

Ich schaue mich erstaunt um und kann kaum glauben, wie real das alles wirkt. Mein Gehirn sagt mir, das ist die Realität. Du bist wirklich hier. Und das alles soll eine einzige große Täuschung sein, wie in Matrix? In dem Film findet das Leben in einer Parallelwelt statt, die es eigentlich gar nicht gibt. Sie ist eine Einbildung des Gehirns. Die Menschen in Matrix wissen das nicht – eben, weil sich diese Parallelwelt so real anfühlt. Die Welt, in der ich mich gerade befinde, gibt es eigentlich auch nicht, doch das muss ich mir schon bewusst einreden, als ich an diesem Tag die Feierabendstimmung genieße.

»Die virtuelle Realität ist genauso real wie die physische Welt«

Manche Forschenden sagen: Mit der virtuellen Realität haben wir erstmals im Laufe der Menschheit die Möglichkeit, uns zwischen mehreren Realitäten zu entscheiden – jenseits von Fantasiereisen, Wahnvorstellungen oder Drogentrips. „Die virtuelle Realität ist genauso real wie die physische Welt“, sagt der australische Philosoph David Chalmers. Er beschäftigt sich seit Jahren mit dem Bewusstsein und der Frage, wie echt die echte Realität ist.
Woher wissen wir, dass die Welt um uns herum nicht nur Simulation ist? Darüber streiten Philosophen nicht erst seit René Descartes’ Gedankenexperiment im 17. Jahrhundert, als er fragte, woher wir wissen können, dass uns nicht ein böser Dämon steuert, der die Welt um uns herum bloß echt erscheinen lässt. Die virtuelle Realität zwingt uns dazu, uns erneut mit dieser Frage zu beschäftigen. Die Immersion, das Gefühl des totalen Eingetauchtseins, ist so hoch, dass Zweifel aufkommen, ob es überhaupt relevante Unterschiede gibt zur echten Welt. Chalmers sagt ganz klar nein: „Die virtuelle Realität ist keine Zweite-Klasse-Realität.“ Sie steht der echten in nichts nach.

Das kann auch negative Folgen haben, wie ich an meinem ersten Tag in der anderen Realität merke. Ich stehe wie angewurzelt auf dem virtuellen Boden, als ein großer roter Mann auf mich zukommt, viel zu dicht. Er greift mir an die Brust und lacht dreckig. Ich bin erstarrt. Ich weiß, es ist „nur ein Avatar“. Er hat mich nicht wirklich berührt. Wenn ich aber in der virtuellen Realität an mir hinunterschaue, sehe ich die fremde Hand dieses Mannes, und frage mich: Was ist real?

Diese Schlüsselerfahrung lässt mich auf unangenehme Weise spüren: Diese virtuelle Realität ist viel realer als ihr Name vermuten lässt. Von Begegnungen im Internet, von Chats, von Computerspielen ist es ein Quantensprung zur virtuellen Realität. Hier bin ich mittendrin und nicht nur auf einem zweidimensionalen Bildschirm dabei. Die Erfahrungen hier gehen nah, sehr nah.

Als mich zum ersten Mal jemand in der virtuellen Realität umarmt, spüre ich das wie ein feines Kribbeln am Rücken. Das kann doch gar nicht sein! Oder doch?

Um das zu erfahren, besuche ich Thomas Metzinger, Philosoph an der Universität Mainz. Er zeigt auf das rote Sofa in der Ecke seines Büros. „Ist das real?“, fragt er. Er wartet – und schüttelt den Kopf. „Dieses Rot des Sofas, das sind Eigenschaften eines Modells in unserem Gehirn.“ Das Rot entsteht bei jedem Einzelnen im Kopf. Was wir direkt und unvermittelt erleben, ist weit weniger real als wir denken. „Dass sich etwas real anfühlt, bedeutet, dass das Gehirn ein Modell erzeugt mit hoher Vorhersagegenauigkeit“, sagt Metzinger. Wir treten unter den Kegel einer Lampe und sehen nun alles heller – wie erwartet. Wir hören Menschen von weitem und je näher sie kommen, desto lauter werden ihre Stimmen. Ich setze mich auf das rote Sofa, und es ist weich. Also muss es echt sein.

Ähnlich geschieht es in unserem Bewusstsein, erklärt Metzinger: „Das Gefühl, man selbst zu sein, also das Ich-Bewusstsein, ist nach meiner Theorie eine Simulation des Gehirns, ein inneres Modell mit vielen Schichten.“ Das Gehirn, sagt Metzinger, berechne aus allen Informationen, die ihm zur Verfügung stehen, was die beste Hypothese ist, die wahrscheinlichste Variante der Wirklichkeit. Diese präsentiert es uns als Realität. „Wenn wir es geschickt anstellen, ist es durchaus möglich, dass Sie glauben, Sie seien in einem anderen Körper.“
Bereits 2007 hat Metzinger zusammen mit zwei Kollegen und einer Kollegin Probanden während eines Experiments in einen virtuellen Körper versetzt: Damals erzeugten sie ein Bild des Probanden von hinten. Durch eine Virtual-Reality-Brille erschien es dem Probanden, als stünde er zwei Meter hinter dem Bild. Dann streichelten die Forscher den Teilnehmer am Rücken. Gleichzeitig sah der Proband, wie der virtuelle Körper vor ihm ebenfalls gestreichelt wurde. „Dadurch beginnt das Gehirn zu glauben, dass der Eigenkörper-Avatar irgendwie zum eigenen Körper gehört.“

»Diese Parallelwelt, in die ich immer tiefer eintauche, ist ebenso mein echtes Leben wie die materielle Variante, die die meisten von uns als Realität bezeichnen.«

Thomas Metzinger spricht von einem „Mythos der Echtheit“, der unserer scheinbar realen Welt anhängt. „Unsere reale Welt ist natürlich nicht echt, sondern völlig verzerrt.“ Das spreche nicht dagegen, dass es physische Körper und die Außenwelt gibt. Aber es stelle den Anspruch in Frage, dass unsere materielle Realität die einzige ist.

Wenn ich das Headset aufsetze, bleibt mein Körper zwar in meinem kleinen dunklen Arbeitszimmer. Mein Bewusstsein aber wird in eine andere Welt gebeamt. Ich stehe mit Sana, einer Witwe aus Kuwait, die streng gläubige Muslimin ist und immer ein wenig traurig wirkt, an einem offenen Kamin, wo wir nächtelang philosophieren. In diesem Moment bin ich dort.

Mir wird klar: Diese Parallelwelt, in die ich immer tiefer eintauche, ist ebenso mein echtes Leben wie die materielle Variante, die die meisten von uns als Realität bezeichnen. Sie verändert mein reales Leben. Die Melancholie nach einem nachdenklichen VR-Abend mischt sich in meine realen nächsten Tage.

Wie kann es sein, dass es eine Welt einerseits nicht gibt, die dortigen Begegnungen aber ganz reale Gefühle auslösen? Ich will das alles genauer wissen und ziehe ein in diese Realität. Jede freie Minute setze ich das Headset auf und die Kopfhörer, mein Bewusstsein verabschiedet sich aus der realen Welt.

Die nächsten Tage verbringe ich atemlos. Ich werde wieder zum Kind mit täglich wechselnden Spielkameraden. Wir erkunden die vielen verschiedenen Räume in diesem sozialen Treffpunkt in der virtuellen Realität namens Altspace, wir beamen und fliegen, irren durch ein Labyrinth und kämpfen Schwertkämpfe, die auch in echt den ganzen Körper beanspruchen: Wenn ich ein Schwert in der Taverne schwinge, schwinge ich auch in Wirklichkeit in meinem Arbeitszimmer meinen Arm mit dem Controller. Durchbricht ein anderer Kämpfer meine Deckung, ducke ich mich weg und kauere auf dem Zimmerboden, der für mich gerade aus den knarzenden Holzbrettern der Taverne besteht. Zum Glück schaut grad keiner zu in dieser echten Welt, denke ich manchmal.

Einmal stehe ich auf einem Felsen, vor meinen Füßen geht es hunderte Meter in die Tiefe. Ich drehe vorsichtig den Kopf: Hinter mir ist Fels, es gibt keine Fluchtmöglichkeit. Ich zittere, kann meine Beine nicht bewegen. Kurz denke ich an diese andere Welt, in der ich auf einem soliden Fußboden stehe. Der Gedanke beruhigt mich nicht. Der Blick vom Felsen fühlt sich echter an. Ich erstarre. Mein Körper signalisiert mir: Gefahr.

Das, was meine Höhenangst auslöst, nennt die Forschung „place illusion“. Das Gefühl, real vor Ort zu sein, hängt nicht an einer möglichst perfekten Grafik. Selbst wenn der Ort, an dem ich mich befinde, nicht echt aussieht, ergänzt mein Gehirn alles, was fehlt, damit es perfekt ist. So empfinde ich selbst einen unecht aussehenden Ort als echt. Dass die Avatare bei Altspace eher wie Roboter aussehen, stört nicht. Im Gegenteil, es erleichtert es dem Gehirn sogar, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: Die Interaktion ist wichtig für das Hier-Gefühl.

Das bestätigen erste Studien: Keisuke Suzuki vom Sackler Centre for Consciousness Science der University of Sussex ließ Nutzer verschiedene virtuelle Welten ausprobieren und fand heraus: „Sobald ich mit Menschen oder Dingen interagieren kann, fühlt es sich echt an.“ Denn dann kann unser Gehirn seine Hypothesen überprüfen, etwa ob es heller wird, wenn ich näher an die Lampe gehe oder ob die Menschen, die ich in der Ferne sehe, größer werden, wenn ich auf sie zugehe. „Das Gehirn will eine kohärente Geschichte.“

»Angststörungen aller Art könnten in Zukunft in der virtuellen Realität therapiert werden.«

Gleichzeitig bietet genau das, was mich hier an meine Grenzen bringt – obwohl ich im echten Leben nicht besonders ängstlich bin – für andere Menschen große Chancen: Angststörungen aller Art könnten in Zukunft in der virtuellen Realität therapiert werden. Erste Experimente laufen bereits, mit vielversprechenden Ergebnissen: Menschen mit Höhenangst üben den Blick in virtuelle Abgründe, Menschen mit Platzangst fahren in virtuellen Aufzügen und durch Tunnels, Patienten mit Sozialphobie treffen auf virtuelle Menschen und lernen, das auszuhalten.
Je mehr Zeit ich in der virtuellen Welt verbringe, umso mehr kommen die Zweifel. Es sind die Zweifel meiner Mitmenschen. „Du verbringst so viel Zeit in dieser virtuellen Realität, du kennst doch diese Menschen gar nicht.“ „Woher willst du wissen, dass sie dich nicht anlügen? Dass sie nicht ganz anders sind, als sie vorgeben?“ Ich werde trotzig. Natürlich kenne ich sie. Ich höre ihre Stimme, ich sehe ihre Gestik, wir haben nächtelang geredet – ich bin doch nicht naiv!

Ich beschließe, das zu überprüfen. „Sana, ich komme dich besuchen, im echten Leben!“ Aber meine Freundin ist gar nicht begeistert. Sie weicht aus, taucht tagelang nicht auf. Es dauert, bis ich sie überzeugt habe – dann buche ich schnell einen Flug nach Kuwait, wo wir uns einige Tage später in einer Hotellobby
unter schwer ratternden Klimaanlagen im Arm liegen. Und es ist alles wie in der virtuellen Realität. Ihre Stimme, ihre Gestik. Ich spüre ihren warmen Körper. Sie sieht fremd aus mit ihrem Kopftuch und ist gleichzeitig so vertraut.

»Ich habe keine Freunde im echten Leben, und ich hatte Angst, was passiert, wenn du nun in mein echtes Leben kommst.«

In Kuwait-Stadt muss ich oft daran denken, wie wichtig diese neuen Realitäten für Menschen wie Sana sind. Sana darf sich als streng gläubige Muslimin nicht mit Männern treffen, als Witwe ist sie zur Einsamkeit verdammt. Diese Einsamkeit wird deutlich, als wir vor einer Tafel für die gefallenen Helden des Irak-Krieges stehen, darauf das Foto eines schmalen jungen Mannes, Sanas Mann. Er hat gegen Saddam Hussein gekämpft und ist gefallen. „Ich vermisse ihn so sehr“, sagt Sana. Ich weiß nicht, was ich darauf sagen soll. Ich schäme mich für mein aufgeräumtes Leben.
Am Flughafen frage ich: „Sana, wieso wolltest du nicht, dass ich komme?“ „Ich habe keine Freunde im echten Leben, und ich hatte Angst, was passiert, wenn du nun in mein echtes Leben kommst.“

Zurück in meinem echten Leben und damit auch in Reichweite meines VR-Headsets und der Konkurrenz-Realität lerne ich Cattz kennen. Er ist ein Macker, hat derbe Sprüche auf Lager, Sana hält ihn für einen Flegel. Cattz, der stets von seinen drei Ex-Frauen, seinen fünf Kindern und seiner tödlichen Krankheit erzählt. Wir steuern gemeinsam ein Raumschiff und baden in virtuellen Pools.

Später feiere ich die Verlobung von Ben und Shoo. Die beiden haben sich in der virtuellen Realität kennen und lieben gelernt. Ben hat seiner Liebsten ein ganzes virtuelles Haus gebaut, im Erdgeschoss eine Bar, auf dem Tresen eine Torte, im ersten Stock ein romantisches Ehebett mit dunkelroter Satin-Bettwäsche und einer warm leuchtenden Nachttisch-Lampe.

»Ich sehe nicht, wieso man in einer virtuellen Umwelt nicht ein ebenso erfüllendes und sinnhaftes Leben führen können sollte wie in der Realität«

Ich treffe Ben schließlich in Atlanta, seine Stimmung ist geknickt, denn er hat seine Verlobte kürzlich erstmals im echten Leben in London besucht. Nein, sie sei ihm überhaupt nicht fremd gewesen, aber ihm ist in den langen Stunden über den Wolken klargeworden, dass er eine Fernbeziehung führt. Im kuscheligen gemeinsamen Haus in der virtuellen Realität war von dieser Entfernung nichts zu spüren. Er sagt: „Reality sucks.“
„Ich sehe nicht, wieso man in einer virtuellen Umwelt nicht ein ebenso erfüllendes und sinnhaftes Leben führen können sollte wie in der Realität“, sagt der Philosoph David Chalmers. Noch fehlten einige Aspekte des echten Lebens, manche Dinge wie Sex, Hunger, Geburt oder Tod ließen sich vielleicht nicht übertragen, „aber gib dem ein paar Jahre, dann haben wir zumindest eine Matrix-artige VR, die kaum unterscheidbar ist von unserer Art Realität.“ Und für manche könnte sie vielleicht sogar besser sein, sagt der Mainzer Thomas Metzinger: „Es ist ja nicht so, dass das, was wir jetzt haben, besonders gut funktioniert.“

Wie viel besser das Virtuelle für manche ist, lerne ich, als ich Cattz besuchen will. Er scheint auf einmal wie vom Erdboden verschluckt, als ich ihn treffen will. Die virtuelle Welt hat ihn schon für tot erklärt, seit drei Monaten ist er nicht aufgetaucht.

Ich finde ihn schließlich nach mühsamer digitaler Kontaktsuche in Spokane in Washington, an einem Ort, der trostloser kaum sein kann. Amerikanisches Hinterland, zwischen Malls und Taco Bell. Cattz liegt in einem vermüllten Haus vor sich hinvegetierend auf einer fleckigen Matratze, nichts als Toastbrot, Cola und Herztabletten zu sich nehmend. Es ist das erste Mal, dass ich diese Recherche verfluche. Was suche ich hier im echten Leben meiner virtuellen Freunde? Cattz’ echtes Leben ist so wenig Leben, dass es mir viel irrealer erscheint als seine flippige, lustige, bisweilen etwas ruppige Art in der VR.

Er ist schwer hochzubekommen von dieser Matratze. Mühsam rekonstruiere ich, was geschehen ist: Sein Haus ist abgebrannt, er hat nichts mehr, keine Bleibe, kein Headset. Er ist Monate durch die USA getrampt auf der Suche nach seinem Leben. Aber die Realität ist nicht seine Realität. Er will hier nicht sein. Nach Wochen als Obdachloser hat er sich schließlich dieses Kellerloch gemietet. Er kann sich nichts anderes leisten als Frührentner. Auf den Straßen von Spokane wird mir klar, wie wichtig die virtuelle Realität für ihn war. Aber die hat ihn ausgespuckt. Er wird lange sparen müssen, bis er sich ein neues Headset leisten und heimkehren kann.

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Eva Wolfangel