Thema
Was ist Frau?

Text
Ann Cotten

Gefesselt von Feedbackschlaufen

Morphogenesis und Morphostasis beim Konzept Frau: Ein Essay von Ann Cotten

In den meisten Prozessen findet man sowohl morphogenetische als auch morphostatische Prozesse, die einander abwechseln oder zusammenfallen, einander verstärken oder ausbremsen. Was heißt das? Morphostasis beschreibt gegenseitig kausale Beziehungen, durch die ein Zustand immer gleich bleibt. Zum Beispiel regeln sich Populationen in Ökosystemen oft auf Dauer gesehen selbst, indem die Nahrung knapp wird, wenn sie sich zu stark vermehren. Morphogenesis hingegen bezeichnet Dynamiken, bei denen eine Veränderung verstärkt wird. Zum Beispiel können manchmal bestimmte Spezies, die hypererfolgreich sind, einen Großteil der anderen Spezies verdrängen. Im Nichtbiologischen finden diese Muster ebenso statt wie in der Biologie, man denke etwa an eine Virusmutation oder eine Mode.

Das Wissen über solche Dynamiken ist natürlich viel älter als die Kybernetik, die in den 1950er Jahren von Norbert Wiener so benannt wurde und als eine Theorie dynamischer, komplexer Systeme und Feedbackschlaufen weltweit verschiedene praktische Anwendungen inspirierte. 1963 erschien von Maruyama Magoroh der Aufsatz The Second Cybernetics. Darin kontrastiert er die bis dahin im Fokus stehenden morphostatischen Modelle mit den bis dahin weniger untersuchten devianzverstärkenden gegenseitigen Kausaleinflüssen. Morphostatische Modellierungen findet man immer da, wo es heißt: »Es war immer schon so und wird auch immer so bleiben«. Hingegen sind Naturmetaphern, die mit Kernen und Sprießen arbeiten, im Grunde morphogenetische Modelle. Die Blumen des Bösen, »an ill wind blows no one any good«, »mit dem falschen Fuß aufgestanden« weisen darauf hin, wie aus einem Fehler heraus ganze Welten von Problemen »blühen« können. Es blühen aber auch Städte, Wirtschaften, Szenen. Kinder gedeihen. Geschäfte florieren. Revolutionen »keimen«, weil linke »Zecken« sie lostreten. Man muss sie »im Keim ersticken«.

Jede Ordnung, und somit jede biologische Lebensform, ist eine Abweichung von der energetischen Wahrscheinlichkeit und entwickelt sich morphogenetisch. Fairerweise muss man auch sagen, dass zu viel Leben natürlich auch zum Problem werden kann. Es ist eine plausible Sache, das Wuchern der Morphogenese immer wieder zu stoppen, um Freiräume und Leerräume zu schaffen. Die Natur, deren Teil wir Menschen mit all unseren Merkwürdigkeiten immer noch sind, ist ein endloses Hin- und Herschwappen zahlloser dynamischer Beziehungen, die einander mal verstärken, mal ausgleichen. Die Politik besteht darin, zu beeinflussen und idealerweise auszubalancieren, welche wann, wie lange und wie stark wuchern. Diversität sorgt mit großer (thermodynamischer, entropischer) Wahrscheinlichkeit für Ausgleich im Durchschnitt. Aber wenn sich einmal lokal eine einzige, spezifische morphogenetische Dynamik gegen alle potentiellen Bremsen allzu erfolgreich durchsetzt, kann es zu unstoppbaren Prozessen kommen wie Schwarze Löcher, Metastasen, Infektionen, Menschenleben, religiöse Verrücktheiten oder Klimaerwärmung.

Die Natur, deren Teil wir Menschen mit all unseren Merkwürdigkeiten immer noch sind, ist ein endloses Hin- und Herschwappen zahlloser dynamischer Beziehungen, die einander mal verstärken, mal ausgleichen.

Der Klimawandel ist eine morphogenetische Dynamik. Wir können hoffen, dass eine große gegenläufige Dynamik auftaucht oder viele kleine »Gegenfeuer« starten, die immer wieder lokal einen zu groß gewordenen Prozess »stoppen«.

Was heißt das nun für den Feminismus?

Nun, man kann die Beobachtung auf viele Weisen anwenden. Zum Beispiel entwickelt sich der Begriff »Frau«, wie sich Begriffe immer entwickeln, in einer Mischung aus Morphostatik und Morphodynamik, wo die Balance entscheidet, ob sich der Begriff verschiebt oder ob er sich doch immer wieder auf die gleiche Scheiße einpendelt, sodass am Ende die weichere Wirklichkeit sich an den weniger flexiblen Begriff anpasst. Schön sieht man es an Messlatten der Selbstpräsentation wie BH, Körperhaare und Schminke. Es gibt mehr reproduzierte Frauen aus Papier und aus Pixeln als echte Frauen: eine kritische Masse. Somit kann man über Medien – also mit Geld – leichter Einfluss auf Trends nehmen als etwa durch Gespräche mit einzelnen Menschen. Wenn das paranoid klingt, so ist das ein Hoffnungsschimmer. Die Klischees, unter denen wir leiden, sind nicht etwa naturgegeben. Andererseits wäre es übertrieben zu sagen, dass böse Menschen gezielt junge Buben und Mädchen manipulieren. Die größte Masse bewusst gestalteter Vorbilder stammt von profitorientierten Unternehmen, die mit dem Pushen von Trends keinen anderen Zweck verfolgen, als ihre Produkte zu verkaufen, und dazu die so leicht manipulierbare, sozial hellhörige Identitäts- und Sexualästhetik benutzen.

Es gibt mehr reproduzierte Frauen aus Papier und aus Pixeln als echte Frauen: eine kritische Masse.

Wirkliche Frauen sind immer in der Minderzahl gegenüber den Bildern. Das gilt natürlich auch für Männer und sie stehen ebenso unter Druck, den in den Medien reproduzierten Bildern zu entsprechen. Wenn die Bilder aus der Tradition kommen, dann sind sie ein starkes morphostatisches Mittel. Würde ein neuer Trend aber massiv genug lanciert, und würde vielleicht die Hitze noch mithelfen, könnten Männer noch diesen Sommer anfangen, Röcke und Kleider zu tragen. Denn wenn ein initialer Impuls in der kritischen Anfangsphase gut verstärkt wird, kann ein Schneeballeffekt ausgelöst werden, der nicht mehr zu stoppen ist. So geschah es etwa mit Demokratie und dem Wahlrecht für Frauen, und auch mit unserer völlig selbstverständlichen Gewohnheit, Hosen zu tragen, wofür man vor weniger als 200 Jahren noch ins Gefängnis kam. Das zeigt, was möglich ist.

Alleine geht das nicht, bei bestem Willen nicht, weil Körperimages auch eine Sprache sind und als solche eine Frage der kollektiven Konvention. Man möchte zum Beispiel vielleicht keinen BH tragen, weil es den Brustkorb einengt, noch ein zusätzliches Kleidungsstück ist, man unnötig schwitzt etc. Aber vor dem Ausgehen sieht man vielleicht doch in den Spiegel und erschrickt. Man ist ja trainiert, zu sehen, was andere sehen, um ein kohärenter Mensch zu bleiben, dier* den Eindruck macht, zu begreifen, was um siehn herum los ist. Also fügt man sich fluchend der Dynamik der Sprache der Mode, weil man nicht so aussehen möchte wie ein Klischee, das man nicht erfüllt. Zieht also das verblichene T-Shirt aus und motzt sich auf, um halbwegs wie jemand auszusehen, dier versteht, was läuft. Kommt man aber beispielsweise in eine ländlichere Gegend, wo die Leute einem eher prüfend ins Gesicht schauen als von oben nach unten, wird man wiederum gemieden, wenn man aussieht, als würde man den Diktaten der Mode zu viel Gewicht einräumen. Beziehungsweise kann man sich selbst fragen, ob man in die Welt das Signal aussenden möchte, dass man bereit ist, zu leiden und den eigenen Willen zu brechen, um den sozialen Normen zu entsprechen. Mit diesem Gedanken mache ich mir doch wieder den Rücken frei – und komme ein paar Stunden später zermürbt von verächtlichen, ja geekelten Blicken auf meinen Oberkörper nach Hause zurück. Die Welt ist für ungepimpte Frauenkörper noch immer nicht bereit.

Den Druck, den so widersprechende Anforderungen auf Personen ausüben, nennen Psychologennni Cognitive Dissonance. In einer physikalischen Metapher ausgedrückt bedeutet das: Stress. Immer wieder sind natürlich auch Männer stark unter Druck, Bildern zu entsprechen: visuellen, aber auch Verhaltensmustern. Es ist etwa traurig zu beobachten, wie in manchen Kreisen Männer Angst haben, nicht stark genug zu erscheinen, wenn sie Frauen wie normale Menschen behandeln. Kommt es zu Marktdynamiken innerhalb der Gruppen, kann es passieren, dass die Jungs anfangen, einander im Unangenehm-Sein zu überbieten – bis zu einer gewissen Grenze, wo es nicht einmal mehr manieristisch unterhaltsam ist und die Frauen nurmehr genervt sind, der Zweck also verfehlt wird. Dann sieht man Streufälle, die die Mode für bare Münze nahmen und blind weiter ihre entwickelten Aggro-Effekte fahren, während der Rest der Herde wieder zu einer tragbaren Normalität zurückkehrt. Komplementär deformierte Frauen können unterwürfige Verhaltensmuster entwickeln, und manchmal aus ihnen heraus auch indirekte Steuerungsmethoden. Wenn sich das stabilisiert, dann ist mithilfe einer gegenläufigen Unterströmung eine Situation gefestigt, die oberflächlich betrachtet unerträglich wäre.

Heterosexualität und klischeebasierte Rollenverteilung ist also in manchen Hinsichten, wie andere Konservativismen, selbststabilisierend, kann sich aber auch wie die Rillen in Schotterwegen in eine sich gegenseitig verstärkende Dynamik entwickeln. Sieht man die Biologie als einen Kreislauf, der zugleich Tod und Leben passieren lässt, dann kann die Ästhetik in eine Wechseldynamik zur Biologie treten und Akzente setzen, Tendenzen kuratieren, und darin kann man wohl eine gewisse Hoffnung setzen.

Quallen im Datenmeer

Als Einzelperson kann man gegen riesige Dynamiken wie Trends in der Wahrnehmung kaum etwas anrichten. Das Durchhalten gegen übermächtige Widerstände verschleißt einne selbst schneller als die Gesellschaft. Man kämpft daher besser nicht ausschließlich mit eigener Kraft gegen übermächtige Gegner. Geschickter ist es, potentiell virale Trends, die einem gefallen, zu erkennen und zu verstärken.

Im Grunde reicht Mensch als Bezeichung für Menschen völlig aus.

Die modernen Verhütungsmittel hätten zum Beispiel das Potential, das grundlegende Konzept dessen, was eine Frau ist – jahrtausendelang assoziiert mit der Bürde, der Gefahr und auch dem Mysterium der ganzen Angelegenheit des Kinderkriegens – komplett zu revolutionieren, wie die Eisenbahn den Verkehr revolutionierte. Solche Umkehrungen können aber lange dauern. Nachdem die Entwicklung von Spiralen und der Pille zufällig mit der extremen Proliferation der Medien in einem allzu schlicht profitorientierten Markt zusammenfällt, ist nicht klar, ob die Gesellschaft kollektiv begreifen wird, dass Frauen jetzt einfach Menschen sind, die keinen besonderen (erzwungenen) Bezug zu Reproduktions- und Care-Arbeit mehr haben. Dazu müssen natürlich die Verhütungsmittel auch tatsächlich zur Verfügung stehen, und der Propaganda, die sie schlechtredet, muss mit Infos und wirklicher Handlungsfreiheit entgegengearbeitet werden. Dabei wird vielleicht auch auffallen, dass es immer schon Frauen vor, nach, neben und jenseits der Reproduktionsarbeit gab, deren Vibe man weitertragen kann. Es wird auch deutlich, dass rassistische Klischees wie die lokale Assoziation von Menschen mit bestimmten ethnischen Merkmalen mit bestimmten Arten von Arbeit genauso funktionieren. Bestürzenderweise haben KIs, die eigentlich eingesetzt werden sollten, um ganz objektiv zu sein, aufgrund dessen, dass sie ihre Sprache selbstlernend aus der Masse existierender Sätze im Netz zusammendeduzierten, die existierenden Klischees noch verstärkt: Ärzte waren dann immer männlich, Putzen immer weiblich. Aus solchen Erfahrungen heraus empfiehlt es sich, sehr vorsichtig zu sein, um nicht mit neuer Technologie alte Idiotie fortzusetzen, und Gelegenheiten zum Neudesign tatsächlich zu ergreifen.

Einfach so

Noch eine Erkenntnis der Kybernetik, die oft unterschlagen wird, weil wir auf monokausale Narrative abonniert sind, ist, dass es aus denselben Gründen zu ganz entgegengesetzten Resultaten kommen kann. Überall auf der Welt sind es unter Menschen ja sogenannte »Frauen,« die die Kinder bekommen. (Was Tiere und Pflanzen betrifft, muss man zugeben, dass die Definition »Frau« ein Zirkelschluss ist: was auch immer die Kinder gebärt, wird »weiblich« genannt, sogar bei der Parthenogenese (die ohne Partner, ohne Chromosomvermischung stattfindet).) Angenommen, niemand würde mehr Kinder bekommen, oder jedre, dann wäre in diesem Sinn der Begriff »Frau« aufgelöst. Oder? Würde er als leere Klischeehülse fortbestehen? Im jetzigen Zustand, wo Frauen theoretisch nur dann Kinder bekommen, wenn sie es wollen, ist er jedenfalls in Frage gestellt, an den Grenzen angeweicht.

Die Begriffe »Frau« und »Mann« haben grundsätzlich einige Widersprüchlichkeiten, da sie einerseits von der potentiellen Fortpflanzung abhängen, andererseits aber auch fortbestehen, nachdem diese nicht mehr möglich ist, oder wenn sie nie möglich waren. Im Gegensatz dazu ist man doch z.B. nur Bürgermeisterni, Lehrerni, Autofahrerni, solange man diese Tätigkeiten ausübt. Der Begriff »Frau« schaut also in die Zukunft und stützt sich dabei auf eine spekulative Unterstellung. Man wird über das definiert (und weniger bezahlt), was man potentiell tun könnte; später über das, was man potentiell tun hätte können oder getan hat, auch wenn man es jetzt gar nicht mehr kann. Das ist natürlich besonders ärgerlich, wenn man in Wirklichkeit nicht das Geringste damit zu tun hat. Man nennt doch auch nicht jeden Menschen Autofahrerni, nur weil sier Auto fahren könnte, auch wenn sier nicht einmal einen Führerschein hat. Im Grunde reicht Mensch als Bezeichnung für Menschen völlig aus.

Kybernetisch betrachtet ist interessant, dass dieselben Voraussetzungen – dass ein Teil der Menschen breitere Hüften und eine Gebärmutter hat und in Kombination mit einem bestimmten Sekret von der anderen Sorte Menschen in der Lage ist, Nachkommen auszubrüten (und dies auf eine Art im Inneren passiert, dass man nicht weiß, wer der Vater ist) – in verschiedenen Gesellschaften zu ganz unterschiedlichen Schlussfolgerungen geführt haben. Mal hat sich die Macht der Frauen entfaltet, die mit diesem Überblick einhergeht. Dann wieder kam es aus demselben Grund dazu, dass die Frauen von den Männern als Gefangene gehalten wurden. Gelegentlich werden die Männer als kontingente Samenspender und so etwas wie redende Haustiere empfunden. Sie gehen arbeiten und liefern das Gehalt in die Haushaltskasse, von der sie etwas Taschengeld wieder ausbezahlt bekommen, wie in Japan, oder die Frauen verrichten die allermeiste Arbeit und besitzen auch die Felder, sodass die Männer von der Gunst der Frauen abhängen und den großen Teil ihrer Energie darauf wenden, Frauen zu gefallen. Ganz umgekehrt entwickelte es sich natürlich dort, wo Frauen die Arbeit verboten wurde und sie dadurch von Männern abhängig wurden.

Bekanntlich wurden in Europa lange Zeit den Juden fast alle Handwerke verboten, sodass sie in einen bestimmten Kanon von Tätigkeiten gedrängt wurden, mit denen man sie dann identifiziert hat. Ein bisschen ähnlich ist es mit Frauen und Care-Berufen. Solche Dynamiken sind total veränderlich. Aber wie alle gegenseitigen kausalen Prozesse haben sie eine gewisse Trägheit – man muss also dabei bleiben, bis die Veränderung Schwung gesammelt hat.

Selektion und Propagation

Selektive Wahrnehmung brauchen wir, um relevante Informationen von Noise zu unterscheiden. Die Erotik ist eine globale Überbezeichnung für das Paket, das die Aufmerksamkeit eines Menschen in Bezug auf Sexualität triggert. Es gibt nicht wenige Menschen, die erst richtig wach werden, wenn jemand, für dien sie sich protoerotisch interessieren, in den Raum kommt. Das geht in viele Richtungen. Manche trennen die Sexualität von anderen Interessen im Leben, andere lassen sie mit Vorliebe zusammenfallen: weil, oder obwohl, die Dynamik dann überwältigend sein kann, im Positiven wie im Negativen.

Leute gehen mit der sexuellen Selektion unterschiedlich um. Es gibt nicht wenige Frauen, die sich nur dann ins Zeug legen, wenn ein Mann da ist. Aber es gibt auch Frauen, die irgendwie verhuscht sind, als würden sie etwas abwarten, wenn Leute vom anderen Geschlecht im Raum sind, und plötzlich quirlig und interessant werden, wenn sie nur unter Frauen sind – vermutlich empfinden sie die Heterosexualität wie eine Art Pflicht. Umgekehrt genauso: Es gibt nicht wenige Männer, die in erster Linie andere Männer wahrnehmen, wegen Karriere oder wegen kryptoschwul, das ist oft nicht zu unterscheiden. Andere Männer werden wiederum irgendwie aktiver, oder auf eine andere Art aufmerksam, wenn eine Frau da ist. Wenn man die Wichtigkeit der Reproduktionslust nicht so hoch ansetzen möchte, kann man die heterosexuellen Bezüge so beschreiben, dass Diversität Leute wacher macht, und es könnte so scheinen, dass eine Zweckfreiheit – weil es nicht um Sex geht, oder eben weil es nicht um Karriere geht – zum Spielen einlädt. Mit Maruyamas können wir uns daran erinnern, dass derselbe Grund zu ganz unterschiedlichen Effekten führen kann.

Verdrängung

Feminismus weckt Aggressionen auf allen Seiten, weil er wunde Punkte berührt. Das ist ein Phänomen, das sich oft beobachten lässt, wenn sich Opfer zu Wort melden und an unangenehme Wirklichkeiten erinnern. Es könnte sein, dass jahrtausendelang Frauen mit ihrem typischen Aussehen an die Härte des Lebens erinnerten. Von der einen Ungerechtigkeit der Schwangerschaften ausgehend zog man sozusagen noch mehr Pech an. In vielen Kulturen werden Frauen auch tatsächlich wie verflucht angesehen. Aber dann kommen Kunst und Religion herein und reagieren antipragmatisch mit Heiligkeit und Rührung. Aus dem Fluch wird ein Segen, denn die Kraft des Umdeutens, angewendet, erinnert dann immer wieder mehr an die Möglichkeit einer solchen Kraft.

Morphostatische Prozesse gründeln so im Linearen herum, bzw. in den flachen Gegenden von Exponentialkurven. Morphogenetische Prozesse sind aufregend, weil sie jäh in die Höhe schießen können, wie Gras im Frühling, oder wie Flammen – beides, Frühling und Feuer, sind denn auch traditionelle Symbole für Revolutionen – und bezeichnen ganz wörtlich Erwärmungen, also thermodynamische Prozesse.

Es muss eine komplett neue Bedeutung des Worts »Frau« her. Es ist ja nicht etwa so, dass man sich als Frau wünscht, ein Mann zu sein. Man möchte nur nicht, dass man wegen des Geschlechts massive Behinderungen erfährt.

Auf der Seite der Frauen macht Feminismus ja oft Gähnen, weil die Beschwerden über die Missstände schon so oft eingebracht wurden, die langweiligen Probleme aber weiterhin bestehen, und maufrn hat es satt, dier zu sein, dier sie schon wieder zur Sprache bringt. Monika Rinck schreibt einmal von dem Gefühl, wenn man immer wieder auf die selbe Stelle gehauen wird. Wir waren damals fasziniert von Wiederholung. Es leuchtet ein, dass Wert durch Wiederholung erzeugt wird: wir mögen, was wir erkennen können. Aber das macht allem Neuen das Leben schwer. Und wenn eines klar ist, dann, dass es notwendig sein wird, ganz neue Lebens- und Umgangsweisen zu entwickeln, um als Frau in dieser Welt normal leben zu können. Es muss eine komplett neue Bedeutung des Worts »Frau« her. Es ist ja nicht etwa so, dass man sich als Frau wünscht, ein Mann zu sein. Man möchte nur nicht, dass man wegen des Geschlechts massive Behinderungen erfährt. Etwa der Kränkung entgehen, die darin besteht, dass man sich massiv verstellen soll, um akzeptiert zu werden. Aber im Apparat des Begriffs »Frau« ist dieses ganze Regime an Annahmen so eingeschrieben, dass es schwer abzuschaffen ist. Man wird müde, gegen Bullshit zu kämpfen, findet keinen Spaß an einem Spiel, zu dem man gezwungen wird, und es kann einfacher scheinen, einen klaren Schnitt zu machen und eine frische Bezeichnung zu bewohnen, als sich mit Klischees beschäftigen zu müssen, die einne nicht betreffen. Eine Freundin aus Kyiv gab sich als Kind die Gattungsbezeichnung Ko‑cek Nebo, Wolkenkatze. Wenn man sich doch in kollektiven und gewohnten Bildern von Weiblichkeit bewegt, diese aber bewusst von Fragen nach biologischen Gegebenheiten trennen will, empfiehlt sich die Bezeichnung:

Femme

Vielleicht hilft das Fremdwort. Denn eins der frustrierendsten Phänomene bei hartnäckigen Vorurteilen ist, wie sie in der Sprache sitzen und von da aus eine ungeheure Trägheit ins Spiel einbringen. Jede Frau, ob sie sich nun traditionalistisch oder avantgardistisch positionieren will, steht auf jeden Fall mitten in einem breiten Spektrum an sehr unterschiedlichen möglichen Versionen, weiblich zu sein, oder einfach zu sein. Aber genau das ist schwer zu erkämpfen. Wir werden angeblickt und eingeordnet, auch wenn der Blick eine offene Frage ist, auch wenn keine Urteile drin stecken. Wir unterschätzen oft die aufrichtige Offenheit der anderen, weil so viel über die problematischen Vorurteile gesprochen wird, die auch immer noch existieren, und diese existierende Offenheit müssen wir erkennen, nutzen, bewohnen.

Oft bin ich unreflektiert, glücklich in irgendeiner Tätigkeit aufgehend – aber falls mich jemand dabei fotografiert, merke ich, wie ungewöhnlich, wie »unerzählt« es aussieht. Das ist ein interessanter Moment, in dem man bemerkt, dass tatsächlich etwas Neues, ästhetische Geschichte geschrieben wird, von mir und dir und jeder, die ganze Zeit. »Femme« ist in der Rolle eines prototypischen Fremdworts im US-Amerikanischen queeren Jargon etabliert und bezeichnet da weibliche Präsentation, von wem auch immer. Damit wird die Kunst einer solchen Intentionalität oder Narrative gewürdigt und auch die Arbeit, die in der kunstvollen Kultur weiblichen Erscheinens steckt. »Femme« markiert, dass es eine Wahl ist – wie freiwillig auch immer – und koppelt die Spielerin ein bisschen vom Spiel ab, sodass die Ereignisse an der Erscheinungsoberfläche mich als Darstellerin nicht unbedingt ins Mark treffen. »Femme« ist etwas, was maufrn tut, nicht ist. Und stellt damit grundsätzlich nicht nur das Konzept von Identität in Frage, sondern auch die deterministische Annahme, wer mit zwei X-Chromosomen auf die Welt komme, benehme sich »natürlicherweise« so. Nein: mit der Darstellung einer »Femme« klinke ich mich vielmehr in eine Kultur ein, die sich über Jahrtausende entwickelt hat – und sich weiterhin fortentwickelt.

Oft bin ich unreflektiert, glücklich in irgendeiner Tätigkeit aufgehend – aber falls mich jemand dabei fotografiert, merke ich, wie ungewöhnlich, wie »unerzählt« es aussieht.

Absolut widersprüchliche Selbstidentität

Nishida Kitarô hat eine eigene Dialektik entwickelt, die buddhistische Denktraditionen und westliche traditionelle Philosophie koordiniert. Statt des Cartesianischen Primats des cogito findet bei Nishida alles an einem Ort, in einem Feld statt; Selbste und Umwelten entwickeln sich in ständiger Interaktion und Reaktion aufeinander. Das historische Selbst ist Ausdruck dieser Gesamtgeschichte von Verbindungen, aktualisiert in einem jeweiligen, ständig neuen Jetzt. Wenn das wie Hegel klingt, ist das völlig richtig, aber die Betonung ist bei Nishida noch expliziter auf der Negativität, aus der heraus jede Identität kontrastiv entsteht. Das ist mit 絶対矛盾的自己同一 (zettai mujunteki jikôdôitsu), »absolut widersprüchliche Selbstidentität« gemeint. Für eine Lebenserfahrung als Bewohnerin und Userin eines Frauenkörpers passt dieses Narrativ wesentlich besser als die Containermetaphorik à la »Ich bin im falschen/richtigen Körper«. Es beschreibt die nach 40 Jahren ja schon zu einem ziemlich dichten Gestrüpp gediehene Interaktivität zwischen den Konzepten, dem biologischen Körper und mir als dem, was aus der komplexen Interaktion dieser Faktoren sich nach und nach ausbaut. Ich könnte auch sagen »Geist«. Oder sogar »Gespenst« – das würde gut auf den Teil von mir passen, der seit der Kindheit viele Bücher von Männern liest, in denen Leute mit Körpern wie meinem entweder gar nicht vorkommen oder nur in ganz bestimmten Rollen, sodass ich gewohnt bin, beim Lesen, vielleicht auch beim Schreiben eine Art Unsichtbarkeitskappe zu tragen. Das finde ich nicht ganz in Ordnung, ich möchte lieber da sein, ohne zu stören. Da sein wie jemand, dier anerkannterweise seihrne Arbeit tut. Als Kämpferni gegen Bullshit; als einre, die versucht, unbeirrt weitermachen; als Entwicklerni notwendiger neuer Bilder, da die angebotenen Rollenvorstellungen nicht taugen: als Demiurgni. Als Nischenhopperni und als Surferni auf den Glitches dieser unperfekten Welt.

Legacy Russell

…hat den Begriff Glitch Feminismus geprägt. Es ist wie Cyberfeminismus, nur dass nicht alles ideal funktioniert. Russell meint, wenn wir schlau sind, können wir – anstatt uns über die Unzulänglichkeiten der verschiedenen Digitalisierungsphänomene zu ärgern und auf die Implementierung besserer Normen zu warten – in Nischen Spielräume finden, in denen wir multiple Identitäten leben und auf neue Arten Freude daran finden, da zu sein. In ihrem Buch Glitch Feminismus stellt sie eine Reihe von Künstlernnnie vor, die mithilfe von digitalen Plattformen mit ihrer Identität als queere, als weibliche, als farbige Menschen, als alles und nichts von dem allen, spielen. Das Präsentieren und Sich-Zeigen wird dank dem Glitch, durch den wir weg- und herbeischlüpfen können, von einer Plicht, sich den Urteilen erhöhter Personengruppen zu unterwerfen, zu einem Spiel, bei dem wir nicht mit ganz so hoher Wahrscheinlichkeit die Verlierernnnie sind. Maruyama beschreibt, wie aus einem winzigen Riss im Gestein durch Wasser und Eis und verwehte Partikel und Mikroorganismen über Jahre das Biotop für die Verwurzelung eines Baums entsteht. Und vielleicht wird über Jahre aus den Minderheiten von heute die Normalität von morgen.

*In diesem Text wird Polnisches Gendering benutzt: Alle für alle Geschlechter notwendigen Buchstaben kommen in gefälliger Reihenfolge ans Wortende.

Dieser Text stammt aus der Ausgabe Nr. 9 »Was ist Frau?«

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