Untenrum
Wie sieht eine Vulva aus? Wie eine Klitoris? Im Laufe der Zeit hat sich die Darstellung der weiblichen Genitalien stark verändert. Eine Zeitreise.
Im weiblichen Körper gibt es einen Bereich, den selbst viele Frauen nicht gut kennen: da unten. Viele wissen zwar über die inneren weiblichen Geschlechtsorgane Bescheid – Vagina, Gebärmutter und Gebärmutterhals, Eileiter, Eierstöcke. Aber sie tun sich schwer, die äußeren zu benennen: Zur Vulva werden der Venushügel, äußere und innere Vulvalippen und Klitoriseichel gezählt, außerdem der Scheidenvorhof, in dem die Vagina und die Harnröhre enden. Warum das so ist? Die Themen weibliche Geschlechtsorgane und weibliche Lust schälen sich erst langsam aus den Schatten des Tabus. In Medien werden Vulva und Vagina noch verwechselt. In Schulbüchern gibt es immer noch falsche und unvollständige Darstellungen der Vulva, die Klitoris sieht darin aus wie ein gekrümmtes Würmchen – unscheinbar und vernachlässigt. Ein Mann forscht seit 15 Jahren zur Sexualbiologie bei Tieren und Menschen und versucht, dem Nichtwissen über die weiblichen Geschlechtsorgane entgegenzuwirken. Daniel Haag-Wackernagel war Professor für Biologie in der Medizin an der Medizinischen Fakultät der Uni Basel und forschte über die Fortpflanzungsbiologie verschiedener Tierarten und des Menschen. Er stellte fest, dass keine anatomisch korrekten Modelle und nur wenige Abbildungen der weiblichen Schwellkörper und der Strukturen, die sie umgeben, verfügbar waren. Deswegen arbeitet er seit 2017 an 3D-Modellen des Bulboklitoralorgans. Um die Modelle so detailgetreu wie möglich zu fertigen, studierte er jahrhundertealte Abbildungen und sah: Nicht nur die Darstellungen der Geschlechtsorgane haben sich verändert. Sondern auch das Denken über die Frau.

»Danach sah ich ein riesenhaftes Gebilde, und schattenhaft. Wie ein Ei spitzte es sich oben zu, wurde in der Mitte breiter und nach unten zu wieder schmäler. Seine äußerste Schicht ringsum war lichtes Feuer. Darunter lagerte eine finstere Haut. In dem lichten Feuer schwebte ein rötlich funkelnder Feuerball, so groß, dass das ganze Gebilde von ihm sein Licht empfing«, schreibt Hildegard von Bingen in ihrem Buch Scivias über den Kosmos. Die Abbildung dazu lässt darauf schließen, dass sie das Universum weiblich gedacht hat: Das »Weltenei« zeigt das weit geöffnete weibliche Geschlecht, in dem Penis und Klitoris (dargestellt als Sonne, als Ursprung des Kosmos) im Feuer des Orgasmus vereint sind.

Weil bei einer Schwangerschaft keine Menstruation mehr erfolgt, glaubten die Menschen im 15. Jahrhundert, dass sich Menstruationsblut in Muttermilch verwandelt. So zeichnete Leonardo da Vinci im Körper der Frau einen Gang von der Vagina in die Brust.

Adriaan van den Spiegel war ein flämischer Anatom, der sehr detailreich arbeitete, wie man hier in diesem Kupferstich sehen kann. Er zeigt den Aufbau der Klitoris und ihre Lage zur Vagina in mehr Details, als sie in vielen heutigen Lehrbüchern zu finden sind. Kein Wunder, van den Spiegel war Schüler von zwei der besten Anatomen seiner Zeit, Fabricius ab Aquapendente und Iulius Casserius.

Wie sich in der Zeichnung gut erkennen lässt, bliesen Präparatoren Luft in die Blutgefäße, um sie dadurch aufzublähen. So konnten Ärzte wie der Niederländer Reinier de Graaf die Venen und Arterien des Uterus sichtbar machen. Was er bei seinen Untersuchungen sah, stellte de Graaf in seinem Werk Demulierum roganis generationi inservientibus (Von den weiblichen Fortpflanzungsorganen) so naturgetreu und detailreich dar, dass er damit neue Maßstäbe setzte. Zudem entdeckte er die Vorhofbulben und die menschlichen Follikel, in denen sich die Eizellen befinden. Und er stellte als erster die weibliche Prostata dar.

1672 stellte de Graaf die Klitoris mit ihren Blutgefäßen, Nerven und Muskeln so präzise dar, dass diese Abbildungen heute noch verwendet werden könnten.

Gottfried Bidloo war ein niederländischer Chirurg, Anatom und Leibarzt. Für seinen großformatigen Anatomieatlas Anatomia humani corporis (Anatomie des menschlichen Körpers) nutzte er die Abbildungen von Reinier de Graaf als Vorlage.

Der schweizer Universalgelehrte Albrecht von Haller sezierte in seinem Leben mehr als 400 Leichen. Dadurch gelang es ihm, den Verlauf der Arterien im menschlichen Körper so präzise darzustellen. Das wird in dieser Abbildung deutlich: In feinsten Details ist im unteren Teil des Bildes die Klitoris zu sehen, zentral die Vagina (aufgeschnitten, Ansicht von unten) und oben der Uterus mit Blutgefäßen (aufgeschnitten, von unten).

Wurde eine Frau im 19. Jahrhundert untersucht, dann ging es oft prüde und tabuisiert her. Der Arzt erfasst zwar die Genitalien der Frau, doch er sieht nicht unter ihren Rock. Auch heute noch dürfen in vielen Ländern Männer keine Frauen untersuchen, um sie nicht zu entehren.


Der Anatom Jean-Marc Bourgery und der Zeichner Nicolas-Henri Jacob veröffentlichten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts den opulenten Anatomieatlas Traité de l’anatomie de l’homme. Er gilt noch heute als Höhepunkt der anatomischen Darstellung. Diese realistische Lithografie daraus zeigt Klitoris mit ihrer venösen Verbindung zu den Vorhofbulben und die äußeren weiblichen Geschlechtsorgane.

Der deutsche Anatom Georg Ludwig Kobelt schuf mit seinem Werk bis heute unübertroffen präzise Abbildungen. Für die Darstellung der Blutgefäße injizierte er verschiedene Substanzen, mit denen er sonst nicht sichtbare Gefäße und deren Verbindungen sehen konnte. Die Darstellung zeigt die Klitoriseichel (links unten), die in den absteigenden, nach rechts abbiegenden Klitoriskörper übergeht. Dazwischen ist der von Kobelt entdeckte Kobelt’sche Venenkomplex dargestellt.

Unter Mitarbeit von Daniel Haag-Wackernagel haben der Anatomie-Professor Michael Schünke und der Zeichner Karl Wesker detaillierte und naturgetreue Abbildungen des Bulboklitoralorgans erarbeitet. Zu sehen sind sie in der Ausgabe des PROMETHEUS Lern-Atlas der Anatomie, der im September 2022 erschienen ist.

Das 3D-Modell Bulboklitoralorgan (Gefäße und Nerven) zeigt anatomisch korrekt die Arterien und Venen sowie die wichtigsten Nerven der Klitoris im Maßstab 1:1.
Dieser Text stammt aus der Ausgabe Nr. 9 »Was ist Frau?«
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Irgendwie sehen Raumschiffe immer aus wie fliegende Penisse. Die Künstlerin Jasmin Mittag hat endlich ein Raumschiff in Vulva-Form entworfen.