Thema
Was ist Frau?

Text
Sandra Teschow
Lissi Pörnbacher

 

Untenrum

Wie sieht eine Vulva aus? Wie eine Klitoris? Im Laufe der Zeit hat sich die Darstellung der weiblichen Genitalien stark verändert. Eine Zeitreise.

Im weiblichen Körper gibt es einen Bereich, den selbst viele Frauen nicht gut kennen: da unten. Viele wissen zwar über die inneren weiblichen Geschlechtsorgane Bescheid – Vagina, Gebärmutter und Gebärmutterhals, Eileiter, Eierstöcke. Aber sie tun sich schwer, die äußeren zu benennen: Zur Vulva werden der Venushügel, äußere und innere Vulvalippen und Klitoriseichel gezählt, außerdem der Scheidenvorhof, in dem die Vagina und die Harnröhre enden. Warum das so ist? Die Themen weibliche Geschlechtsorgane und weibliche Lust schälen sich erst langsam aus den Schatten des Tabus. In Medien werden Vulva und Vagina noch verwechselt. In Schulbüchern gibt es immer noch falsche und unvollständige Darstellungen der Vulva, die Klitoris sieht darin aus wie ein gekrümmtes Würmchen – unscheinbar und vernachlässigt. Ein Mann forscht seit 15 Jahren zur Sexualbiologie bei Tieren und Menschen und versucht, dem Nichtwissen über die weiblichen Geschlechtsorgane entgegenzuwirken. Daniel Haag-Wackernagel war Professor für Biologie in der Medizin an der Medizinischen Fakultät der Uni Basel und forschte über die Fortpflanzungsbiologie verschiedener Tierarten und des Menschen. Er stellte fest, dass keine anatomisch korrekten Modelle und nur wenige Abbildungen der weiblichen Schwellkörper und der Strukturen, die sie umgeben, verfügbar waren. Deswegen arbeitet er seit 2017 an 3D-Modellen des Bulboklitoralorgans. Um die Modelle so detailgetreu wie möglich zu fertigen, studierte er jahrhundertealte Abbildungen und sah: Nicht nur die Darstellungen der Geschlechtsorgane haben sich verändert. Sondern auch das Denken über die Frau.

Das »Weltenei«, Hildegard von Bingen, ca. 1165
Das »Weltenei«, Hildegard von Bingen (ca. 1165)

»Danach sah ich ein riesenhaftes Gebilde, und schattenhaft. Wie ein Ei spitzte es sich oben zu, wurde in der Mitte breiter und nach unten zu wieder schmäler. Seine äußerste Schicht ringsum war lichtes Feuer. Darunter lagerte eine finstere Haut. In dem lichten Feuer schwebte ein rötlich funkelnder Feuerball, so groß, dass das ganze Gebilde von ihm sein Licht empfing«, schreibt Hildegard von Bingen in ihrem Buch Scivias über den Kosmos. Die Abbildung dazu lässt darauf schließen, dass sie das Universum weiblich gedacht hat: Das »Weltenei« zeigt das weit geöffnete weibliche Geschlecht, in dem Penis und Klitoris (dargestellt als Sonne, als Ursprung des Kosmos) im Feuer des Orgasmus vereint sind.

Ein Kanal zwischen Vagina und Brust, Leonardo da Vinci, ca. 1500
Ein Kanal zwischen Vagina und Brust, Leonardo da Vinci (ca. 1500)

Weil bei einer Schwangerschaft keine Menstruation mehr erfolgt, glaubten die Menschen im 15. Jahrhundert, dass sich Menstruationsblut in Muttermilch verwandelt. So zeichnete Leonardo da Vinci im Körper der Frau einen Gang von der Vagina in die Brust.

Kupferstich, Adriaan van den Spiegel, ca. 1627Original Beschriftung: AA Scham-Gebein os pubis BB Schaam-Lefzen C Das äusserste des Schaam-Züngleins / so mit der Eichel der männlichen Ruthe kan verglichen werden D Ein Pergament-Häutlein oder Fell/ welches gleichsam als eine Vorhaut (praeputium) dieses Theil überzieht. E Die Weiber-Ruthe/ oder das Schaam-Zünglein corpus clitoridis FF Zwey Spannädrige Stücke (corpora nervosa) von welchen die Weiber-Ruthe gleichsam unterstützet wird. G Der äusserliche Mund des Mutter-Halses externum cervicis osculum
Kupferstich, Adriaan van den Spiegel (ca. 1627)  Original Beschriftung: AA Scham-Gebein os pubis BB Schaam-Lefzen C Das äusserste des Schaam-Züngleins / so mit der Eichel der männlichen Ruthe kan verglichen werden D Ein Pergament-Häutlein oder Fell / welches gleichsam als eine Vorhaut (praeputium) dieses Theil überzieht. E Die Weiber-Ruthe / oder das Schaam-Zünglein corpus clitoridis FF Zwey Spannädrige Stücke (corpora nervosa) von welchen die Weiber-Ruthe gleichsam unterstützet wird. G Der äusserliche Mund des Mutter-Halses externum cervicis osculum

Adriaan van den Spiegel war ein flämischer Anatom, der sehr detailreich arbeitete, wie man hier in diesem Kupferstich sehen kann. Er zeigt den Aufbau der Klitoris und ihre Lage zur Vagina in mehr Details, als sie in vielen heutigen Lehrbüchern zu finden sind. Kein Wunder, van den Spiegel war Schüler von zwei der besten Anatomen seiner Zeit, Fabricius ab Aquapendente und Iulius Casserius.

Organe aufblasen und abbinden, Reinier de Graaf (1672)
Organe aufblasen und abbinden, Reinier de Graaf (1672)

Wie sich in der Zeichnung gut erkennen lässt, bliesen Präparatoren Luft in die Blutgefäße, um sie dadurch aufzublähen. So konnten Ärzte wie der Niederländer Reinier de Graaf die Venen und Arterien des Uterus sichtbar machen. Was er bei seinen Untersuchungen sah, stellte de Graaf in seinem Werk Demulierum roganis generationi inservientibus (Von den weiblichen Fortpflanzungsorganen) so naturgetreu und detailreich dar, dass er damit neue Maßstäbe setzte. Zudem entdeckte er die Vorhofbulben und die menschlichen Follikel, in denen sich die Eizellen befinden. Und er stellte als erster die weibliche Prostata dar.

Die Klitoris, Reinier de Graaf (1672)Im Bild sieht man: A Klitoriskörper B Klitorisschenkel C Klitoriseichel D Klitorisvorhaut E Innere Schamlippen und Klitorisbändchen G M. ischiocavernosus I Dorsaler Klitorisnerv
Die Klitoris, Reinier de Graaf (1672) Im Bild sieht man: A Klitoriskörper B Klitorisschenkel C Klitoriseichel D Klitorisvorhaut E Innere Schamlippen und Klitorisbändchen G M. ischiocavernosus I Dorsaler Klitorisnerv

1672 stellte de Graaf die Klitoris mit ihren Blutgefäßen, Nerven und Muskeln so präzise dar, dass diese Abbildungen heute noch verwendet werden könnten.

Die Vulva, Gottfried Bidloo (1685)Darstellung einer vollständigen Vulva: P Labia majora R Labia minora Q Präputium V Klitoriseichel
Die Vulva, Gottfried Bidloo (1685) Darstellung einer vollständigen Vulva: P Labia majora R Labia minora Q Präputium V Klitoriseichel

Gottfried Bidloo war ein niederländischer Chirurg, Anatom und Leibarzt. Für seinen großformatigen Anatomieatlas Anatomia humani corporis (Anatomie des menschlichen Körpers) nutzte er die Abbildungen von Reinier de Graaf als Vorlage.

Albrecht von Haller (1708–1777)
Albrecht von Haller (1708–1777)

Der schweizer Universalgelehrte Albrecht von Haller sezierte in seinem Leben mehr als 400 Leichen. Dadurch gelang es ihm, den Verlauf der Arterien im menschlichen Körper so präzise darzustellen. Das wird in dieser Abbildung deutlich: In feinsten Details ist im unteren Teil des Bildes die Klitoris zu sehen, zentral die Vagina (aufgeschnitten, Ansicht von unten) und oben der Uterus mit Blutgefäßen (aufgeschnitten, von unten).

Gynäkologische Untersuchungen von Frauen (1822)
Gynäkologische Untersuchungen von Frauen (1822)

Wurde eine Frau im 19. Jahrhundert untersucht, dann ging es oft prüde und tabuisiert her. Der Arzt erfasst zwar die Genitalien der Frau, doch er sieht nicht unter ihren Rock. Auch heute noch dürfen in vielen Ländern Männer keine Frauen untersuchen, um sie nicht zu entehren.

Anatomieatlas, Jean-Marc Bourgery / Nicolas-Henri Jacob (1839)Oben sieht man die Klitoris von der Seite: a Klitoriseichel b Klitorisschenkel c Vorhofbulben d venöse Verbindungen zwischen den Vorhofbulben und dem Klitoriskörper
Anatomieatlas, Jean-Marc Bourgery / Nicolas-Henri Jacob (1839) Oben sieht man die Klitoris von der Seite: a Klitoriseichel b Klitorisschenkel c Vorhofbulben d venöse Verbindungen zwischen den Vorhofbulben und dem Klitoriskörper
Anatomieatlas, Jean-Marc Bourgery / Nicolas-Henri Jacob (1839)
Anatomieatlas, Jean-Marc Bourgery / Nicolas-Henri Jacob (1839)

Der Anatom Jean-Marc Bourgery und der Zeichner Nicolas-Henri Jacob veröffentlichten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts den opulenten Anatomieatlas Traité de l’anatomie de l’homme. Er gilt noch heute als Höhepunkt der anatomischen Darstellung. Diese realistische Lithografie daraus zeigt Klitoris mit ihrer venösen Verbindung zu den Vorhofbulben und die äußeren weiblichen Geschlechtsorgane.

»Die männlichen und weiblichen Wollust-Organe des Menschen und einiger Säugetiere«, Georg Ludwig Kobelt (1844)
Die männlichen und weiblichen Wollust-Organe des Menschen und einiger Säugetiere, Georg Ludwig Kobelt (1844)

Der deutsche Anatom Georg Ludwig Kobelt schuf mit seinem Werk bis heute unübertroffen präzise Abbildungen. Für die Darstellung der Blutgefäße injizierte er verschiedene Substanzen, mit denen er sonst nicht sichtbare Gefäße und deren Verbindungen sehen konnte. Die Darstellung zeigt die Klitoriseichel (links unten), die in den absteigenden, nach rechts abbiegenden Klitoriskörper übergeht. Dazwischen ist der von Kobelt entdeckte Kobelt’sche Venenkomplex dargestellt.

Darstellung der Klitoris, Gray’s Anatomy (1858-2016)

Gray’s Anatomy ist eines der wichtigsten Anatomiewerke im englischsprachigen Raum. Während die Klitoris in der Erstausgabe 1858 noch dargestellt und beschriftet wurde, ist sie ab 1913 verschwunden. Erst in den späteren Ausgaben erscheint sie nach und nach wieder. Gesellschaftliche und wissenschaftliche Einflüsse hatten zur Abwertung der weiblichen Lust und damit auch zum Verschwinden der Klitoris aus den Lehrbüchern geführt. Noch heute wird die Klitoris in Schulbüchern oft falsch oder unvollständig gezeigt.

Darstellung der Klitoris, Gray’s Anatomy (1858-2016)

Gray’s Anatomy ist eines der wichtigsten Anatomiewerke im englischsprachigen Raum. Während die Klitoris in der Erstausgabe 1858 noch dargestellt und beschriftet wurde, ist sie ab 1913 verschwunden. Erst in den späteren Ausgaben erscheint sie nach und nach wieder. Gesellschaftliche und wissenschaftliche Einflüsse hatten zur Abwertung der weiblichen Lust und damit auch zum Verschwinden der Klitoris aus den Lehrbüchern geführt. Noch heute wird die Klitoris in Schulbüchern oft falsch oder unvollständig gezeigt.

Darstellung der Klitoris, Gray’s Anatomy (1858-2016)

Gray’s Anatomy ist eines der wichtigsten Anatomiewerke im englischsprachigen Raum. Während die Klitoris in der Erstausgabe 1858 noch dargestellt und beschriftet wurde, ist sie ab 1913 verschwunden. Erst in den späteren Ausgaben erscheint sie nach und nach wieder. Gesellschaftliche und wissenschaftliche Einflüsse hatten zur Abwertung der weiblichen Lust und damit auch zum Verschwinden der Klitoris aus den Lehrbüchern geführt. Noch heute wird die Klitoris in Schulbüchern oft falsch oder unvollständig gezeigt.

Darstellung der Klitoris, Gray’s Anatomy (1858-2016)

Gray’s Anatomy ist eines der wichtigsten Anatomiewerke im englischsprachigen Raum. Während die Klitoris in der Erstausgabe 1858 noch dargestellt und beschriftet wurde, ist sie ab 1913 verschwunden. Erst in den späteren Ausgaben erscheint sie nach und nach wieder. Gesellschaftliche und wissenschaftliche Einflüsse hatten zur Abwertung der weiblichen Lust und damit auch zum Verschwinden der Klitoris aus den Lehrbüchern geführt. Noch heute wird die Klitoris in Schulbüchern oft falsch oder unvollständig gezeigt.

Darstellung der Klitoris, Gray’s Anatomy (1858-2016)

Gray’s Anatomy ist eines der wichtigsten Anatomiewerke im englischsprachigen Raum. Während die Klitoris in der Erstausgabe 1858 noch dargestellt und beschriftet wurde, ist sie ab 1913 verschwunden. Erst in den späteren Ausgaben erscheint sie nach und nach wieder. Gesellschaftliche und wissenschaftliche Einflüsse hatten zur Abwertung der weiblichen Lust und damit auch zum Verschwinden der Klitoris aus den Lehrbüchern geführt. Noch heute wird die Klitoris in Schulbüchern oft falsch oder unvollständig gezeigt.

Darstellung der Klitoris, Gray’s Anatomy (1858-2016)

Gray’s Anatomy ist eines der wichtigsten Anatomiewerke im englischsprachigen Raum. Während die Klitoris in der Erstausgabe 1858 noch dargestellt und beschriftet wurde, ist sie ab 1913 verschwunden. Erst in den späteren Ausgaben erscheint sie nach und nach wieder. Gesellschaftliche und wissenschaftliche Einflüsse hatten zur Abwertung der weiblichen Lust und damit auch zum Verschwinden der Klitoris aus den Lehrbüchern geführt. Noch heute wird die Klitoris in Schulbüchern oft falsch oder unvollständig gezeigt.

Unter Mitarbeit von Daniel Haag-Wackernagel haben der Anatomie-Professor Michael Schünke und der Zeichner Karl Wesker detaillierte und naturgetreue Abbildungen des Bulboklitoralorgans erarbeitet. Zu sehen sind sie in der neuesten Ausgabe des PROMETHEUS Lern-Atlas der Anatomie, der im September 2022 erscheint.

Unter Mitarbeit von Daniel Haag-Wackernagel haben der Anatomie-Professor Michael Schünke und der Zeichner Karl Wesker detaillierte und naturgetreue Abbildungen des Bulboklitoralorgans erarbeitet. Zu sehen sind sie in der Ausgabe des PROMETHEUS Lern-Atlas der Anatomie, der im September 2022 erschienen ist.

3D-Modell des Bulboklitoralorgans aus Kunststoff, Daniel Haag-Wackernagel (2022) Produziert und vertrieben von Kessel medintim GmbH 1 Klitoriseichel2 Harnröhrenzügel RSP (infra corporeal Residual Spongy Part) 3 Bulbuskommissur 4 Vorhofbulbus 5 Klitorisschenkel 6 Aufsteigender Klitoriskörper 7 Absteigender Klitoriskörper 8 Harnröhrenöffnung 9 Eingang der Vagina 10 Kobeltscher Venenkomplex 11 Dorsaler Klitorisnerv 12 Dorsale Klitorisarterie 13 Tiefe dorsale Klitorisvene
3D-Modell des Bulboklitoralorgans aus Kunststoff, Daniel Haag-Wackernagel (2022). Produziert und vertrieben von Kessel medintim GmbH: 1 Klitoriseichel 2 Harnröhrenzügel RSP (infra corporeal Residual Spongy Part) 3 Bulbuskommissur 4 Vorhofbulbus 5 Klitorisschenkel 6 Aufsteigender Klitoriskörper 7 Absteigender Klitoriskörper 8 Harnröhrenöffnung 9 Eingang der Vagina 10 Kobeltscher Venenkomplex 11 Dorsaler Klitorisnerv 12 Dorsale Klitorisarterie 13 Tiefe dorsale Klitorisvene

Das 3D-Modell Bulboklitoralorgan (Gefäße und Nerven) zeigt anatomisch korrekt die Arterien und Venen sowie die wichtigsten Nerven der Klitoris im Maßstab 1:1.

Dieser Text stammt aus der Ausgabe Nr. 9 »Was ist Frau?«

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Irgendwie sehen Raumschiffe immer aus wie fliegende Penisse. Die Künstlerin Jasmin Mittag hat endlich ein Raumschiff in Vulva-Form entworfen.

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