Wofür Feministinnen kämpfen in: Neuseeland
Zurück zur früheren Balance zwischen Mann und Frau

Den Kosmos der Māori formten Papatūānuku, Mutter Erde, und Ranginui, Vater Himmel – zwei Kräfte, die sich gerade wegen ihrer Unterschiede ergänzen und respektieren. In den alten Erzählungen der Māori waren die weiblichen und männlichen Energien im Gleichgewicht. Das änderte sich in der viktorianischen Ära, als unsere Tupuna – die Vorfahren der Māori – von den Briten kolonisiert wurden. Die Siedler übertrugen ihre europäische Lebensweise auf die Māori, und damit ihre patriarchalischen Vorstellungen. So wurde ein Großteil des alten Gleichgewichts zerstört. Heute kämpfen die Māori in etlichen Bereichen gegen Ungleichheit. Sie haben eine geringere Lebenserwartung als der Rest der neuseeländischen Bevölkerung, ihre Einkommen sind niedriger. In Statistiken zu Kriminalität oder Drogenmissbrauch sind sie überrepräsentiert.
Ihr indigenes Wissen haben die Māori jedoch bewahrt. In den Gemeinschaften findet aktuell eine Art kulturelle Wiederbelebung statt: Die Māori entdecken Kunstformen wie das Weben und Schnitzen wieder. Auch das tā moko, die kulturelle Tätowierung einschließlich des Gesichts, ist wieder stark verbreitet. Das Design und die Formen meines Tattoos am Kinn – moko kauae – symbolisieren die Frauengötter der Māori-Welt. In vielerlei Hinsicht ist das moko kauae ein Zeichen für mana wahine, eine Form des Māori-Feminismus.
Mana wahine ist ein indigenes Konzept, das sich nur schwer in Worte fassen lässt. Einer der grundlegenden Gedanken ist: Wenn wir die Balance zwischen der männlichen und der weiblichen Energie nicht wiederherstellen, dann verlieren wir unsere indigene Kultur – und damit unser wahres Wesen. Es geht darum, beide Kräfte in ihrer Unterschiedlichkeit zu respektieren und sie nicht »gleich machen« zu wollen.
Ironischerweise haben weiße Feministinnen der indigenen Māori-Kultur immer wieder vorgeworfen, sexistisch zu sein. Etwa, weil nur Männer bei traditionellen Zeremonien sprechen. Frauen über-nehmen andere Aufgaben, etwa den karanga, einen Willkommensruf. Māori-Feministinnen sagen: Nur weil Frauen nicht dasselbe tun wie Männer, heißt das nicht, dass sie minderwertig sind. Es ist wie mit Mutter Erde und Vater Himmel: Ohne das eine kann das andere nicht existieren. Mana wahine fordert den weißen Feminismus dazu heraus, seine Vorstellungen von Gleichheit zu überdenken.
Als Māori-Frau und Akademikerin hoffe ich, dass wir uns künftig von den patriarchalischen Normen entfernen, die unserem Volk aufgezwungen wurden. Jeder Māori-Mann sollte ein Feminist sein, genau wie die Männer in jeder anderen kulturellen Gruppe auf dieser Welt. Männer und Frauen müssen zusammenarbeiten wie Verbündete. Nur so können wir zurück zum alten Gleichgewicht finden.
Wofür Feministinnen kämpfen in: Lateinamerika und in der Karibik
Vom Schmerz der Unsichtbarkeit

Zur Welt gekommen und aufgewachsen bin ich in Puerto Rico. Mit 15 Jahren zog ich mit meiner Familie in die Vereinigten Staaten. Als ich später in Buffalo Philosophie studierte, konnte ich mich in den Büchern einfach nicht wiederfinden. Die Geschichte der Philosophie ist sehr eurozentrisch aufgebaut. Es fehlen weibliche Stimmen, insbesondere die von farbigen Frauen. Diese historische Unsichtbarkeit hat mich geprägt. Wenn ich mich in den Büchern nicht wiederfinde, wie soll es mir dann gelingen, mich in anderen Rollen zu sehen als in der der traditionellen Mutter und Ehefrau?
Ich bin aufs College gegangen, habe promoviert, ich habe Konferenzen und Debatten besucht. Und viel zu oft war ich die einzige nicht-weiße Frau im Raum. Der Frust darüber hat mir zu schaffen gemacht. Ich dachte an meine 16 Jahre alte Nichte. Wenn sie ein Buch über puertoricanische Geschichte oder Philosophie aufschlägt, dann soll sie sich darin wiederfinden. Also beschloss ich, die Geschichte umzuschreiben. 2018 ist mein Essay Writing to be heard erschienen.
Darin beschreibe ich die Geschichte von Luisa Capetillo, einer puertoricanischen Bürgerrechtsaktivistin aus dem späten 19. Jahrhundert. Ihr gesamtes Leben war in Einklang mit ihren philosophischen Idealen. Sie hat für die Abschaffung der Ehe und die Idee der freien Liebe gekämpft. Sie hat Hosen getragen, in Zeiten, in denen es als unanständig galt. Sie war Anarchistin, hat den Staat aus tiefster Überzeugung abgelehnt. Ich begann, auch viele andere lateinamerikanische Stimmen in die Geschichte der Philosophie einzuarbeiten. Nicht weil Frauen zum Handeln inspiriert werden müssten. Mein Ziel ist es vielmehr, Bewegungen in den Fokus zu rücken, die schon lange existieren.
In den vergangenen Jahren hat sich etwas getan, wir werden sichtbarer. Betrachtet man das Gesamtbild, sind die Fortschritte aber ziemlich klein. Philosophische Fakultäten fangen gerade erst an, sich mit ihrer Demografie auseinanderzusetzen. Sie beginnen, Gespräche darüber zu führen, wer nicht beachtet wurde und immer noch nicht beachtet wird. Verschiedene Stimmen einzubringen ist ein Schlüsselweg, aber er wird nicht der einzige sein. Wir müssen den gesamten Aufbau unserer Universitäten überdenken. Sie dürfen keine exklusiven Orte sein, keine Gatekeeper des Wissens.
Wofür Feministinnen kämpfen in: Naher Osten und Nordafrika
Wollen wir Frauenrechte, wenn sie von Autokraten kommen?

Seit mehr als 70 Jahren gilt Tunesien in der arabischen Welt als Vorreiter im Bereich der Frauenrechte. In den Fünfzigern trieb die damalige Regierung Top-Down-Reformen voran, also einen Wandel nach ihren Bedingungen. Die Reformen sind im Code of Personal Status verankert, auf den die Tunesier nach wie vor stolz sind. Bis heute haben Frauen in Tunesien mehr Rechte als in jedem anderen arabischen Land. So wurde etwa die männliche Polygamie abgeschafft, in einer Zeit, als sie in anderen Teilen der arabischen Welt weiterhin legal war. Und seit 2017 gibt es ein Gesetz, das Frauen vor Gewalt jeglicher Natur schützen soll – auch psychischer.
Im Laufe der Jahrzehnte wollten die machthabenden Regime das vorbildliche Image Tunesiens mit aller Macht bewahren. Schließlich war es ein Bild, das auf der internationalen Bühne gut ankam – insbesondere bei westlichen Mächten. Die Regime waren aber autoritär, oft sogar repressiv. Sie setzten sich zwar für die Rechte der Frauen ein. Doch von Demokratie wollten sie nichts wissen. Manchmal duldeten die Machthaber die feministischen Gruppen, weil es dem positiven Image Tunesiens diente. Dann durften sie beispielsweise Debatten zu Gender-Themen organisieren. Andere Male verwehrte ihnen die Regierung die Erlaubnis dafür.
Daraufhin sagten einige feministische Gruppen: »Wie kann man Frauenrechte ohne Demokratie haben? Wir sind für Freiheit und Gleichheit für alle, deshalb sind wir für Demokratie.« Ich habe oft mit Kolleginnen darüber diskutiert, wie wir mit Top-Down-Reformen umgehen sollten. Sollten wir sie ablehnen? Oder sollten wir sie annehmen, weil sie unabhängig von ihrer Herkunft nützlich sein können? Es ist eine komplizierte Frage. Meine kurze Antwort lautet: Wenn mir jemand Rechte gibt, werde ich sie annehmen. Wenn sie erst einmal da sind, können sie als Grundlage für weitere Forderungen dienen. Am Beispiel Tunesien zeigt sich, wie lange Rechte Bestand haben können. Bis heute können sich Feministinnen auf die Reformen aus den Fünfzigern berufen, um weitere Schritte einzufordern.
Einige der Rechte sind vielleicht nur Schönfärberei. Bei neuen Quotenregelungen im Parlament könnte es zum Beispiel sein, dass die Posten nicht allen Frauen offenstehen, sondern ausschließlich Verbündeten des autoritären Regimes. Aber: Man weiß nie, was passieren wird. Falls es einen politischen Wechsel gibt, dann ist das Gesetz da. Es kann neue Wege ebnen oder es Machthabern erschweren, bestehende Rechte zu entziehen.
Wofür Feministinnen kämpfen in: Subsahara-Afrika
»In Südafrika leben Frauen jede Sekunde in Angst«

Gewalt gegen Frauen nimmt in Südafrika seit der Pandemie rasant zu. Es gibt nichts, was mir hierzulande größere Sorgen bereitet als das. Frauen werden zu Hause von ihren Partnern, Ehemännern und Freunden getötet; sie werden von Fremden auf der Straße belästigt und miss-braucht. Es ist ein Alptraum. Man hat Angst, vor die Tür zu gehen, und man hat Angst, drinnen zu bleiben. Dazu kommen weitere Bürden, etwa die hohe Arbeitslosigkeit und der tiefe Graben zwischen Arm und Reich. Kurz: In Südafrika leben Frauen jede Sekunde in Angst.
Was uns Feministinnen also zusammenhält, ist das Streben nach einem gesellschaftlichen Wandel. Wir wollen, dass Frauen endlich respektiert werden. Doch wie gelingt uns das? In einer wissenschaftlichen Arbeit von 2017 habe ich mir genau diese Frage gestellt und die cameline agency entwickelt, eine neue Form des Feminismus. Das Konzept basiert auf dem Symbol des Kamels: Es ist stark, kann vieles aushalten, aber es verlangt Respekt. Ich wünsche mir, dass afrikanische Frauen genau so sind.
Ich bin in Kamerun aufgewachsen. Meine Mutter hat viel für unsere Familie getan. Aber niemand hat anerkannt, wie stark und ausdauernd sie all die Jahre war. Alles Lob ging an meinen Vater, das Familienoberhaupt. Bis heute unterschätzen wir die Arbeit von Frauen, so wie wir es mit dem Kamel tun. Wir betrachten sie als nützliche Körper, mehr nicht. Aber wenn das Kamel nicht da ist, wird der Händler nicht überleben. Frauen übernehmen in der Gesellschaft eine ebenso tragende Rolle. Wir sollten uns dieser Stärke bewusstwerden und sie nutzen. Wenn eine Frau arbeitslos ist, was kann sie tun? Statt auf einen Zuschuss der Regierung zu warten, kann sie ein Netzwerk aufbauen, sich weiterbilden und ein Unternehmen gründen. Wir müssen uns unseren eigenen Weg ebnen. Raus aus der Abhängigkeit, raus aus dem Missbrauch. Mein Feminismus soll Frauen ermutigen, ihr Leben aktiv selbst zu gestalten.
Als ich zum Studieren nach Südafrika kam, ohne Geld und ohne Bleibe, hat mich die Mutter einer Freundin ein Jahr lang aufgenommen. In dieser Zeit hat sie sich als Angestellte um drei Haushalte gekümmert. Nur so hatte sie genug Geld, um ihre jüngeren Kinder zur Schule zu schicken. Das sind die Frauen, die ich bewundere. Die Fußsoldatinnen des afrikanischen Feminismus. Ich finde es wichtig, dass wir als einzelne Frauen etwas bewegen können. Selbstermächtigung ist der Schlüssel.
Wofür Feministinnen kämpfen in: Südasien
Weiblicher Widerstand gegen das Kastensystem

Bis heute durchdringt das Kastensystem das Leben indischer Frauen bis in jede Faser. Vor allem Frauen aus der untersten Gruppe der Dalits – die »Unberührbaren« – sind sexueller Gewalt ausgesetzt. Insbesondere auf dem Land gibt es ungezählte Vergewaltigungsfälle, oft durch Männer der oberen Kaste. Vor zehn Jahren etwa kam es in einem gehobenen Viertel von Süd-Delhi zu einer entsetzlichen Gruppenvergewaltigung. Eine junge Studentin aus einer niederen Kaste hatte sich im Kino den Film »Life of Pi« angesehen. Auf dem Rückweg wurde sie in einem Bus von einer Gruppe Männer vergewaltigt. Später starb sie an ihren Verletzungen.
Der Fall entsetzte die Menschen in Indien. Wahrscheinlich lag es an der rohen Brutalität und der Tatsache, dass es mitten in einer Großstadt passiert war. Plötzlich waren Männer und Frauen auf den Beinen, es gab Proteste, einige forderten sogar die Einführung der Todesstrafe. Für viele Feministinnen, die seit Jahrzehnten Teil der Bewegung sind, war das nur schwer zu begreifen. Sie fragten sich: Warum sorgt erst dieser Fall für solch einen Aufschrei?
Der Mainstream-Frauenbewegung in Indien gehören generell eher Frauen der oberen Kaste an. Dalit-Feministinnen fordern seit vielen Jahren das Recht, für sich selbst zu sprechen. Viele von ihnen wurden von B.R. Ambedkar inspiriert, einem Anwalt und politischen Führer. Er hat bis zu seinem Tod 1956 für die Rechte der Dalits gekämpft. Wie Ambedkar haben viele Dalit-Feministinnen die Vision, das Kastensystem endgültig zu zerstören. Denn durch Kaste und Gender werden sie doppelt unterdrückt: Als Dalit und als Frau.
Feministinnen der oberen Kaste und Dalit-Feministinnen haben in letzter Zeit sehr lebhaft miteinander diskutiert. Manchmal entstehen auf diese Weise neue Formen der Verbundenheit. Manchmal entstehen aber auch Spannungen. Es sind nun mal energische Gemeinschaften, die Grenzen überschreiten. Sie arbeiten gegen den Aufstieg des rechten Hindu-Nationalismus und globale wirtschaftliche Ungleichheiten. In meinen Augen sind diese Bewegungen essentiell für uns alle. Sie entwickeln eine Politik der Hoffnung.
Dieser Text stammt aus der Ausgabe Nr. 9 »Was ist Frau?«
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