Forschungsstelle Gruft


Regina und Andreas Ströbl sind fast täglich mit dem Tod konfrontiert. Sie erforschen Grabstätten und wollen herausfinden: Welche Geschichten stecken hinter den Toten? Eine Reportage aus der Gruft

Text
Maria Caroline Wölfle

Bild & Film

Thomas Victor

»Grüfte sind wie ein Tatort«, sagt Andreas Ströbl. Deshalb untersuchen er und seine Frau Regina die Särge vorsichtig und akribisch.

Ihre Hände stecken bis zu den Handgelenken im Sarg. Regina Ströbl gräbt ein bisschen und zieht an etwas. Der Sarg ist fast bis zur Kante voll. Brauner Schmodder türmt sich auf, Spinnweben spannen über Reisig, Hobelspäne, Erde, Textilfetzen und ledrige Lappen, alles wild durcheinander. Das Auge bleibt an den pinken Punkten hängen. Pink? »Ein Pilz«, erklärt Regina Ströbl. Darum trägt sie Handschuhe, eine Maske. Der Sarginhalt ist teils von hochgiftigen Schimmelpilzen überzogen, die man besser nicht einatmen sollte. »Das hier ist ein ganz großes Überraschungspaket.« Die erste Überraschung: ein Schädel. Den gibt sie ihrem Mann, Andreas Ströbl, der ihn dreht und wendet: »Weibliches Individuum, circa 14 Jahre.« Dann zieht Regina Ströbl ein Stück Leder hervor. Es wird immer größer, je weiter sie es aus dem Sarg holt – ein Reiterstiefel, Schuhgröße 46. Andreas Ströbl vergleicht ihn mit seinem eigenen Schuh.

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Es fühlt sich an wie eine Schatzsuche, immer mehr taucht auf in dem Sarg. Der eindrücklichste Fund kommt zutage, als Regina Ströbl einen größeren pinken Punkt freiräumt: eine winzige, rosafarbene Hand, zur Faust geballt. »Das war wahrscheinlich ein Frühgeborenes«, sagt Regina Ströbl. Ein Gedanke wiegt plötzlich schwer im Raum – die winzige Faust gehörte einmal zu einem winzig kleinen Baby.

Die Forscherin blickt auf den Sarg, in dem sie Überreste von drei Menschen gefunden hat. »Sowas passiert bei Plünderungen, da werden die hin- und hergeworfen«, erklärt die Forscherin. »Ich hoffe, da ist jetzt nicht noch einer drin.«

Im Grab der Ramelows

Geplündert wurde auch der Ort, an dem Regina und Andreas Ströbl heute arbeiten: die Gruft der Patronatsfamilie Ramelow in Lüdershagen bei Rostock. Die Ströbls sind Archäologen und Kunsthistoriker, ihr Schwerpunkt ist Bestattungsarchäologie. Sie forschen zu Sterben, Trauer, Bestattung und Gedenken. Insbesondere – und dadurch sind sie in Deutschland eine Art Rarität – in Grüften. Also an Orten, an denen Menschen ihre letzte Ruhe nicht in der Erde, sondern in einem eigens dafür bestimmten Raum finden. »Die Bestattungsarchäologie ist ein relativ junges Fach, eine Sparte der Kulturwissenschaft«, erklärt Andreas Ströbl. Und sie ist interdisziplinär, vereint neben Archäologie auch Volkskunde, Theologie, Geschichte, Botanik, Rechtsmedizin. In 47 Grüften haben Regina und Andreas Ströbl, beide Ende fünfzig, in den vergangenen 20 Jahren geforscht, darunter jene unter dem Hamburger Michel.

Die Gruft in Lüdershagen wurde geplündert. Durch ihre Arbeit versuchen die Ströbls nicht nur, die Särge zu erhalten, sondern auch den Toten, die hier liegen, ihre Würde zurückzugeben.

Die Gruft in Lüdershagen war ursprünglich eine Sakristei der Dorfkirche,umfunktioniert zur Familiengrabstätte. Der Boden voller Erde, die Mauern aus rotbraunem Backstein. In einer Nische unter der Decke hat sich eine Katze ihren letzten Ruheplatz gesucht. Ihr mumifizierter Körper liegt eingerollt da. Ein Fenster ist weit geöffnet, trotzdem riecht es leicht modrig. Es ist ein Frühlingstag im Mai, draußen ist es warm. Doch hier in diesem alten Gemäuer trägt Regina Ströbl einen dicken Wollpullover.

»Grüfte sind wie ein Tatort«, sagt Andreas Ströbl. »Keiner soll einfach reinlatschen und Spuren zertreten.« Nach und nach räumt er mit seiner Frau die Gruft aus, untersucht alles akribisch. Er blickt auf die drei Eichensärge, die schief übereinandergestapelt vor ihm liegen. Einer ist halb in der Erde vergraben, bei anderen ist der Sargdeckel aufgebrochen. Andreas Ströbl, runde Brille mit dünnem schwarzem Rand, dunkelblondes Haar und groß gewachsen, trägt schwere Arbeitsschuhe und eine schwarze, mit Staub und Erde bedeckte Hose. Die Arbeit hier macht dreckig. Gemeinsam mit einem Helfer hat er in den vergangenen Tagen bereits zwei Särge in den Altarraum getragen.

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Regina Ströbl, dunkelbrauner Pagenkopf, den Pony mit einer Haarklammer nach hinten gesteckt, sichert den »Tatort«; immer wieder linst sie dabei schräg über den Rand ihrer schwarzen Brille. Sie fotografiert die Anordnung der Särge, den Boden und was sich sonst in der Gruft befindet. Die Dokumentation ist das Erste, was die beiden Wissenschaftler:innen tun, wenn sie eine Gruft betreten und bevor sie die Särge bewegen. »Jedes noch so winzige Detail kann wichtig sein«, sagt Andreas Ströbl. Manchmal finden sie in der Erde Reste von Totenkronen, Kränzen oder Sargschmuck. Die geben Rückschlüsse auf die Toten: Wer liegt in den Särgen? Wie wurden diese Menschen bestattet? Woran glaubten sie? Es ist eine Spurensuche.

Zu Hause am Schreibtisch werden die Ströbls die archäologische Dokumentation abschließen, zusätzlich zu den Fotos noch Zeichnungen und detaillierte Beschreibungen anfertigen. All das fließt ein in die wissenschaftlichen Publikationen, die sie für Fachmagazine schreiben.

Jeder Sarg hält Überraschungen bereit. Was werden die Bestattungsarchäolog:innen hier finden?

Der nächste Schritt: das wissenschaftliche Aufräumen. Alle Särge werden interdisziplinär auf ihre Bauweise und den Inhalt untersucht. In Lüdershagen auch von Restaurator Richard Engel. Der Lüdershagener schließt gerade sein Masterstudium in Restaurierung und Konservierung ab und hat das hiesige Gruftprojekt initiiert. Gemeinsam mit ihm erstellen die Ströbls ein Restaurierungskonzept und richten die Särge wieder her.
Im Jahr 2011 haben die Ströbls die Forschungsstelle Gruft gegründet. Ziel dieser Arbeitsgemeinschaft ist es, neuzeitliche Gruftanlagen zu dokumentieren und zu untersuchen. Mittlerweile haben sich die freischaffenden Gruftforscher einen guten Ruf erarbeitet, sie werden von Kirchengemeinden oder Landesdenkmalämtern für Projekte angefragt. Immer wieder stoßen sie auch selbst auf Grüfte, etwa durch Gespräche, und initiieren ein Projekt. Die Untersuchung von Familiengrüften ist gerade erst dabei, sich als Forschungsfeld zu etablieren.

Die Würde des Menschen ist unantastbar – auch wenn nur noch Knochen und Hautfetzen übrig sind.

In Deutschland sind die meisten Grüfte verfallen. Die Ströbls wollen historische Särge erhalten und Räume wieder herrichten. Und sie wollen Verstorbenen ihre Würde zurückgeben, ihre Arbeit ist Wissenschaft und Menschlichkeit zugleich: »Mir ist die Wiederherstellung der Totenruhe wichtig«, sagt Regina Ströbl. »Paragraf 1 des Grundgesetzes gilt für mich über den Tod hinaus.« Die Würde des Menschen ist unantastbar – auch wenn nur noch Knochen und Hautfetzen übrig sind. »Wir gehen mit den Toten um, als wären es die Leichname unserer Großeltern.« Ihre wissenschaftliche Neugierde muss für die Ströbls deshalb auch immer zurückstehen hinter der Würde der Verstorbenen. Wenn es nicht notwendig ist, einen Sarg für eine Restaurierung zu öffnen, dann bleibt er zu. Das kommt sehr selten vor, die meisten Grüfte sind in einem schlechten Zustand.

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Andreas Ströbl steigt nun wieder in die Gruft, gemeinsam mit Restaurator Richard Engel. Die Bodenplatte eines Sarges ist morsch, Schimmel zersetzt das Holz. Die beiden Männer schieben behutsam eine Pressspanplatte unter den Sarg. Diese soll verhindern, dass der Sarg beim Transport auseinanderbricht. Ströbl und Engel schauen sich an, gehen in die Knie. Auf »drei« heben sie den Sarg schnaufend hoch. Andreas Ströbl geht rückwärts auf die schmale Türöffnung zur Gruft zu. Die Treppe dahinter ist steil, und so ein Eichensarg ganz schön schwer, rund 200 Kilogramm wiegt er. Deshalb werden Deckel und Bodenplatte auch einzeln transportiert. Mit Mühe manövrieren sie sich in den Altarraum und legen den Sarg auf Böcken ab. Regina Ströbl steht mit einem speziellen Staubsauger bereit, der Feinstaub und Pilzsporen filtert. Ein lautes Rauschen hallt durch die Kirche. Ströbl befreit die Särge vorsichtig von Staub, Dreck und Spinnweben, immer darauf bedacht, nichts Wichtiges wegzusaugen.

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Grüfte begründeten – so seltsam das klingen mag – auch die Liebesgeschichte zwischen Regina und Andreas Ströbl. Die gemeinsame Arbeit verbindet das Paar. Sie sprechen meistens im Wir, verbringen oft wochenlang jeden Tag miteinander. »Bei unserer Arbeit werden wir uns vielleicht mehr als viele andere immer wieder bewusst, dass unser Leben endlich ist«, sagt Andreas Ströbl. »Die Zeit, die wir miteinander verbringen, ist kostbar und nicht selbstverständlich.«

Oft fehlen die Schädel in den Särgen, mitgenommen als Souvenir.

Die Ströbls sind zum zweiten Mal in Lüdershagen. Insgesamt 14 Särge aus dem 18. Jahrhundert standen hier. Neun davon haben sie schon im November 2020 in andere Räume der Kirche gebracht. Die werden gerade restauriert. Mehr Platz gab es in der Kirche nicht, also kommen erst jetzt die letzten fünf an die Reihe. »Was wir in solchen Grüften finden, ist jedes Mal anders«, sagt Regina Ströbl. Wie die meisten Grüfte hatte auch diese über die Jahrhunderte viele Besucher. Plünderer etwa oder Jugendliche, die sich einer Mutprobe stellten. Oft fehlen die Schädel in den Särgen, mitgenommen als Souvenir.

Mitten im Altarraum ist ein Sarg aus der Gruft aufgebockt.

Was die Ströbls in der Gruft machen, ist auch den Dorfbewohnern wichtig. Richard Engels Vater zum Beispiel. »Es geht darum, unsere Geschichte aufzuarbeiten. Die bestatteten Leute haben dieses Dorf ja mal bevölkert und waren die Besitzer der Güter hier.« Engel Senior will zu dieser Aufarbeitung beitragen und hilft immer wieder beim Hinaustragen der Särge. Andere Dorfbewohner bringen alte Leintücher, um die sterblichen Überreste am Ende einzuwickeln.

Der aufgebockte Sarg mitten im Altarraum hat etwas Erhabenes. Wer darin ursprünglich lag, wissen die Ströbls noch nicht. Vermutlich ein Mitglied der Patronatsfamilie Ramelow, wie die Kirchenbücher nahelegen. Auch die Sargbeschläge geben oft Hinweise. Umso gespannter hocken sich die Ströbls und Richard Engel jetzt vor das Kopfende des Sarges und begutachten das dort angebrachte Epitaph, einen ornamentierten Blechbeschlag. »Erbarme Dich, erbarme Dich Gott, mein Erbarmer, über mich«, liest Andreas Ströbl vor. »Diese durchbrochenen Buchstaben haben wir noch nie gesehen.« Die Buchstaben sehen aus wie gestanzt, Ströbl ist fasziniert. Woher stammt das Zitat? Ein Rätselraten beginnt, wie so oft – Rätsel durchziehen ihre Arbeit. In der Gruftforschung ist selten etwas vom ersten Moment an eindeutig.

Die Geschichten der Toten

Die Inschrift sei sozusagen ein Zwiegespräch zwischen dem Verstorbenen und Gott, erklärt Ströbl. »Diese Särge sind so individuell wie die Leute darin. Das macht Freude, sowas zu sehen.« Dabei erleben die Gruftforscher auch Skurriles. »Auf dem Sarg einer verstorbenen Ehefrau stand mal, dass ihr Mann sie so liederlich behandelt habe.« Regina Ströbl lacht. »Da muss die Verletzung schon echt groß gewesen sein.« Hier biegen die Ströbls in die Theologie und in die Mentalitätsgeschichte ab. Welche Ängste hatten diese Menschen? Wie haben sie gedacht? »Uns wird dann immer deutlich, so anders als wir waren die gar nicht. Die wussten ja auch nicht, was nach dem Tod passiert«, sagt Andreas Ströbl. »Damals allerdings war völlig klar, es gibt ein Jenseits, einen Gott, eine unsterbliche Seele.«

Grüfte begründeten die Liebesgeschichte zwischen Regina und Andreas Ströbl. »Bei unserer Arbeit werden wir uns immer wieder bewusst, dass unser Leben endlich ist«, sagt Andreas Ströbl. »Die Zeit, die wir miteinander verbringen, ist kostbar.«

Ein Thema, das den Ströbls immer wieder begegnet: Auferstehung. In diesem Moment etwa in Form von grau-braun verfärbten Eierschalen, die Regina Ströbl aus dem Sarg fischt. Eier waren häufig eine Grabbeigabe. Sie sind ein Symbol für die Auferstehung Christi – der Grund auch, weshalb wir sie an Ostern suchen.

Jeder Fund wird sorgsam in einen Karton oder eine Plastiktüte gepackt und später genau untersucht. Es ist stets dieselbe Arbeitsweise, Sarg für Sarg. Die Leichname – oder wie hier die verbliebenen Knochen – werden anschließend in Leintücher gewickelt und wieder in die restaurierten Särge gelegt. In ihrer Rolle als Bewahrer ist das Ziel der Ströbls, möglichst viele Grüfte vor dem Verfall zu retten und sie so gut es geht in ihren Originalzustand zu bringen. Als Wissenschaftler wollen sie verstehen, was in den Köpfen der Men- schen vorging, wenn sie ihre Verstorbenen auf eine bestimmte Art beisetzten. »Die Bestattungskultur der Frühen Neuzeit ist viel schlechter erforscht als man denkt«, sagt Regina Ströbl. Mit jeder Gruft gibt es neue Entdeckungen.

»Das Schöne an unserem Beruf ist: Wir haben es mit Menschen zu tun«, sagt Andreas Ströbl. »Wir versetzen uns in diese Toten hinein, dadurch bekommen sie Gesichter, Geschichten«, ergänzt seine Frau. »In dem Moment werden sie wieder lebendig.« Die Geschichten der Toten von Lüdershagen, sie werden sich in den nächsten Wochen immer weiter herausschälen aus deren Überresten. Bald werden die Ströbls sie neu erzählen können.

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