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Zarte Fakten

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Nelly Ritz

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Tina Massumi

Bewegen und bewegt werden

In einem blauen Truck namens Cartomobile lädt die Geographin Morgane Dujmovic geflüchtete Menschen ein, ihre Erfahrungen zu teilen. In Workshops können sie ihre Emotionen kreativ zum Ausdruck bringen. Das ermöglicht Dujmovic neue Perspektiven – auch auf ihre eigene Geschichte.

»Bewegung« und »bewegt werden« – das sind Schlüsselwörter in meiner Arbeit. Ich bin Geographin am CNRS, dem Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung in Frankreich. Ich arbeite zu Grenzen, Flucht und Migration und teste partizipative Forschungsmethoden: Wie können Menschen Teil der Forschung sein, deren Stimmen sonst zum Schweigen gebracht werden? Ich möchte unser Wissen vereinen: das Wissen, das ich als Sozialgeographin zu Migration mitbringe. Und das Wissen, das von Menschen im Exil geschaffen wird. Die Bestandsdaten aus der Forschung und meine eigenen Beobachtungsdaten stelle ich dafür den Erfahrungen der Geflüchteten gegenüber, vergleiche und analysiere sie.

Diese Arbeit hat viel in mir bewegt – emotional, aber auch in meinen Sichtweisen. Da ist zum Beispiel die Geschichte von Fatima aus dem Iran: Sie kam über die Balkanroute nach Italien, wo ich sie an der Grenze zu Frankreich getroffen habe. In einem meiner Workshops malte sie ein Bild der bosnischen Berge. Die hatte sie auf ihrer Flucht passiert. Sie erzählte mir, wie wunderschön diese Berge für sie sind. Ich hatte zu den Push-Backs geforscht, die dort an der bosnisch-kroatischen Grenze stattfinden – und für mich war das eine völlig neue Perspektive. Das sind magische Momente in der Feldforschung, in denen man in eine andere Welt versetzt wird: Jemand erzählt dir etwas, das wirklich innovativ ist; Wissen, an das bisher noch niemand gedacht hat. Das hat mir gezeigt, dass die Arbeit zu Emotionen in der Migrationsforschung genauso wichtig ist wie etwa das Erheben von quantitativen Daten.

In meinem Cartomobile, das ich im Rahmen meines Postdocs entwickelt habe, lade ich Geflüchtete dazu ein, in Workshops ihren Emotionen kreativ Ausdruck zu verleihen: Sie zeichnen, sie erstellen Karten von ihrer Reise oder arbeiten mit Geräuschen oder ihrer Stimme. Das Cartomobile ist ein blauer Truck, mit dem ich zum Beispiel schon an Grenzen auf dem Balkan oder auf einem zivilen Rettungsschiff war. Ich nutze es, um meinen Forschungsfragen am CNRS nachzugehen. Manchmal kooperiere ich auch mit humanitären Organisationen, die meine Tools kennenlernen wollen.

Wenn ich mit dem Cartomobile forsche, dann geht es mir nicht darum, Biografien aus den Geflüchteten herauszukitzeln und zu analysieren. Ich will lieber Partizipation ermöglichen und die Geflüchteten einladen, das zu erzählen, was sie wissen und fühlen. Ich möchte erfahren, wie sie ihr Leben sehen. Die Teilnehmenden gestalten den Workshop, wie sie wollen. Nur so kann ich meiner Forschungsfrage tatsächlich nachgehen: Wie können Menschen aus dem Exil Teil der Forschung sein?

Manchmal nimmt mich diese Arbeit sehr mit. Auf dem Balkan habe ich viele Kinder gesehen, die mit ihren Eltern die Grenzen überqueren. Ich bin selbst Mutter einer fünfjährigen Tochter, was es noch schwerer macht, solche Momente zu erleben. Oft wird uns Migrationsforscher:innen vorgeworfen, wir wären nicht neutral oder seien aktivistisch. Ich glaube aber, keine Person kann neutral sein, die so unmenschliche Situationen untersucht. Doch in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung nehme ich mir die Zeit, Situationen zu überdenken und darüber zu schreiben. So gewinne ich analytische Distanz.

Was auch hilft: Ich reflektiere meine Perspektive, mit der ich auf ein Thema blicke. Als ich noch Doktorandin an der Université d’Aix-Marseille war, habe ich für ein Museumsprojekt in Marseille eine ganz persönliche Geschichte bearbeitet: die meines Großvaters, Ivan Dujmovic. Er migrierte 1958 illegal von Jugoslawien nach Frankreich. Andere Wissenschaftler:innen haben mich während des Projekts ermutigt, diese persönliche Komponente in meine Forschung einzubringen. Für mich war das wichtig. Ich glaube, ich musste die Geschichte meines Großvaters nachzeichnen, um die heutige Migration nach Frankreich besser zu verstehen – und wie ich dazu kam, mich mit diesen Themen zu beschäftigen.

Morgane Dujmovic ist Geographin am CNRS, dem Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung in Frankreich. Ihren Doktor in Sozialgeographie hat sie an der Université d’Aix-Marseille gemacht. Während ihres Postdocs an der EHESS (École des hautes études en sciences sociales) hat sie das Projekt des Cartomobile entwickelt. Sie ist außerdem Mitglied bei Pacte, einem sozialwissenschaftlichen Forschungslabor, das aus verschiedenen Wissenschaftsinstitutionen besteht.

Dieser Text ist Teil des Schwerpunkts Zarte Fakten im Juli 2026.

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