
Im Bauch des Biestes
Die Historikerin Safua Akeli erforscht die Kolonialgeschichte zwischen Deutschland und ihrer Heimat Samoa. Dabei stößt sie auf emotional belastende Geschichten – und herabwürdigende Sprache. Oder sie trifft auf Objekte wie die »‘ie tōga«, ein Stoff, der in Samoa zu feierlichen Anlässen getragen wird. Im Berliner Museum hängt er einfach nur dort – still und unberührbar.
Vor etwa drei Jahren ging ich durch die Ausstellungsräume des Humboldt Forums in Berlin, als Teil einer Delegation aus Neuseeland. Da blieb mein Blick an einem feinen samoanischen Baststoff hängen: einer »‘ie tōga«. Er war aus Pandan-Blättern geflochten und mit rot gefärbten Federn verziert. Im Deutschen werden diese Stoffe als »Matte« bezeichnet – was eigentlich irreführend ist, denn sie dienen nicht als Unterlage, sondern werden bei wichtigen Anlässen zur Schau getragen. Um die Hüfte geschlungen zeigen sie den Rang des Trägers oder der Trägerin.
Die Matten sind in der samoanischen Kultur, der ich angehöre, keine starren Museumsstücke. Viele von ihnen tragen eigene Namen, sie werden besungen und gelten als Teil familiärer Stammbäume. Sie werden von Generation zu Generation weitergegeben, und jedes Mal werden ihnen neue Geschichten zugeschrieben.
Nun hing diese »‘ie tōga« einfach nur dort. Still und unberührbar. Mitten in Berlin.
In diesem Moment dort war ich zu Tränen gerührt. Ich fühlte mich meiner samoanischen Herkunftsgemeinschaft nah – und gleichzeitig sehr fern. Es gibt nicht viele von uns in Europa. Ich war froh zu sehen, dass ein so bedeutendes Objekt unserer Kultur in Deutschland ausgestellt wird. Ich dachte auch über das Konzept des »vā« nach, das in vielen pazifischen Kulturen jenen Beziehungsraum beschreibt, der Menschen, Dinge, Orte und Zeiten miteinander verbindet. Demnach sind Objekte nie nur materielle Dinge. Sie sind Teil von Familiengeschichten und historischen Ereignissen. So auch diese Matte im Humboldt Forum: Der samoanische Würdenträger Mata’afa Iosefo überreichte sie 1905 dem deutschen Kaiser Wilhelm II., um ihre gemeinsame Verbindung zu würdigen. Und das, obwohl Samoa damals unter deutscher Kolonialherrschaft stand. Durch diesen Akt hat Mata’afa den deutschen Kaiser symbolisch in eine Art nationalen Stammbaum Samoas aufgenommen. Ob ihm das bewusst war? Ob den deutschen Forscher:innen das bewusst ist?
Ich bin in Samoa geboren und fühle mich Mata’afa tief verbunden. Er gehört zu meinen historischen Vorfahren. Als Historikerin beschäftigt mich die koloniale Geschichte zwischen Deutschland und Samoa schon lange. Inzwischen arbeite ich als Leiterin der Abteilung Ethnologie und Kuratorin der Ozeanien-Sammlung am Übersee-Museum in Bremen. Hier habe ich direkten Zugang zu den Archiven, die diese komplexe koloniale Geschichte dokumentieren. Manchmal sage ich scherzhaft, ich arbeite und lebe im Bauch des Biestes. Ich befinde mich also an einem bedeutenden Ort, an dem es aber auch unbehaglich, herausfordernd und emotional für mich sein kann.
Dass ich selbst aus Samoa komme, prägt, wie ich forsche: Ich bringe eigenes Wissen mit und eigene Emotionen. Ich stelle andere Fragen als Wissenschaftler:innen ohne diesen persönlichen Bezug. Trotzdem muss ich historische Quellen genauso kritisch prüfen und meine Perspektive reflektieren.
In den Akten, mit denen ich arbeite, verbergen sich Geschichten, die emotional aufwühlen können. Manchmal stoße ich auf Dokumente, deren Sprache aus heutiger Sicht herabwürdigend und verletzend ist. Das kann überwältigend und traurig sein. Aber ich versuche, mich nicht von diesen Emotionen leiten zu lassen. Wichtiger ist für mich, was wir daraus lernen und heutzutage besser machen können.
Als ich Kuratorin am neuseeländischen Nationalmuseum Te Papa war, bat ein älterer Mann aus Hawai‘i darum, eine Figur des Kriegsgottes »Kūka’ilimoku« zu sehen. Als ich sie vor ihn auch den Tisch legte, begann er zu weinen und er stimmte einen Sprechgesang an. In diesem Moment wurde mir noch einmal bewusst, wie stark sich menschliche Beziehungen in diese Objekte einschreiben. Ich finde, wir sollten solche Momente in Museen ermöglichen und respektieren.
In meiner Arbeit bemühe ich mich, sensibel zu sein. Im Übersee-Museum werden auch menschliche Überreste aus der pazifischen Region aufbewahrt. Wenn ich mit ihnen arbeite, denke ich immer daran, dass auch sie Teil eines Beziehungsgeflechts sind – dem »vā«. Zu dem gehören Mata’afa. Und ich. Und ja, auch der deutsche Kaiser.
Safua Akeli ist Leiterin der Abteilung Ethnologie am Übersee-Museum Bremen und kuratiert dort die Ozeanien-Sammlung. Sie studierte Geschichte in Australien und Neuseeland, war Abteilungsleiterin am Te Papa Museum in Wellington und Direktorin des Centre for Samoan Studies an der National University of Samoa.
Dieser Text ist Teil des Schwerpunkts Zarte Fakten im Juli 2026.
Quellennachweise
https://blog.deutsches-museum.de/2022/04/08/kanonenboote-und-feine-matten
https://de.vr-elibrary.de/doi/pdf/10.7788/9783412527839.205?download=true
https://sammlungenonline.humboldtforum.org/en/object-catalogue/159921-ie-toga
Amaama, S. A., Schorch, P., & Sung, A. (2025). Sāmoan archival-museum entanglements, (re)activations of the Vā. Museum History Journal, 18(2), 179–195. https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/19369816.2025.2607321
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