High ohne Drogen
Als LSD in der Therapie verboten wurde, entwickelte ein Psychiater das Holotrope Atmen. Kann man damit wirklich seine eigene Geburt erleben? Ein Selbstversuch
Während draußen Leute in voller Skimontur vorbeistapfen, bereite ich mich auf eine steile Abfahrt in mein Inneres vor. Auf dem hellbraunen Laminatboden einer österreichischen Holzhütte liegen dafür Matten bereit. Darauf sollen Menschen dank einer Atemtechnik durchs Weltall geschwebt sein, ihre Geburt wiedererlebt oder sich wie Käfer gefühlt haben. »Das Holotrope Atmen stößt Prozesse im Körper an, die wir sonst verschleppen, was uns ständig Energie kostet«, sagt meine Gastgeberin Anita Obersamer. Die Psychotherapeutin begleitet Menschen bei der Atem-Erfahrung. Manche erleben angeblich rauschartige Zustände, ähnlich wie durch LSD. Das Atmen soll eine therapeutische Wirkung haben.

Und heute bin ich an der Reihe.
Bis vor einem Jahr war ich noch in Psychotherapie. Dann waren mein Therapeut und ich uns einig, dass ich fertig sei. Ich bin mit meinem Leben seitdem ziemlich zufrieden – doch als ich vom Holotropen Atmen hörte, wurde ich neugierig: Wird es etwas in mir freilegen, das bisher noch im Verborgenen liegt? Werde ich dabei auch noch high, ganz ohne Substanzen? Und wie fühlt sich das an? So verschlug es mich zu Anita Obersamer ins Salzburger Land.
Für sie ist das Atmen »Friedensarbeit« – für mehr Frieden mit sich selbst, mit wichtigen Themen und dem eigenen Umfeld. Zum ersten Mal hat sie die Technik vor über 20 Jahren angewandt, seitdem knapp hundert Mal wiederholt. »Man darf alles zulassen, egal ob Bewegungen, Weinen oder Aggressionen«, sagt Anita, mit der ich mich gleich auf das Du einige. Anita lächelt viel, wobei ihre großen Grübchen hervortreten. Seminare gebe sie seit acht Jahren. Eingreifen würde sie nur, wenn jemand danach fragt, die Matte verlässt oder sich selbst verletzt.
Worauf habe ich mich da eingelassen?
Das Holotrope Atmen entstand in den Siebzigerjahren. Das Ehepaar Stanislav und Christina Grof prägte den Begriff. Als Leiter eines psychiatrischen Forschungszentrums in Maryland erforschte und behandelte Stanislav Grof jahrelang Patienten mit LSD. Bis 1970 – als der Controlled Substances Act die Behandlungsmethoden mit psychedelischen Substanzen einschränkte.
Auf der Suche nach einer neuen, legalen Methode entdeckten die Grofs, dass einige Kulturen bestimmte Atemmuster nutzten, um ähnliche Effekte auszulösen. Dazu gehören unter anderem sibirische Schamanen, die in historischen Berichten mit Trommeln, Gesang und Tanz tranceähnliche Zustände herbeiführten. 1975 entwickelten die Grofs in Kalifornien einen strukturierten Ablauf: Dieser beginnt mit einer Meditation, dann folgt die intensive Atemphase, zum Abschluss das intuitive Malen eines Bildes. Insgesamt dauert das drei bis sechs Stunden und wird von speziell ausgewählter Musik und einer Betreuungsperson begleitet.
In meinem Fall ist das Anita. Ich setze mich auf eine Matte, Anita auf ein Sitzkissen. Sie gibt mir letzte Instruktionen. »Die Atmung ist so etwas wie das Fahrzeug deiner Erfahrung. Versuch nicht nachzudenken, sondern es geschehen zu lassen. Alles, was auftaucht, darf da sein.« Irgendwann soll ich selbst das Gefühl bekommen, ich sei am Ende angelangt.
Ich lege mich hin. Mein Körper sinkt in die bequeme Matte. Die Baumwolle ist angenehm warm. Der Raum wird bis auf wenige gedimmte Wandlichter und eine mittig platzierte Kerze abgedunkelt. Ich schließe meine Augen. Sanfte Musik setzt ein. Anita weist mich an, mich langsam durch meinen Körper zu fühlen. Gedanklich wandere ich von den Füßen über Hüfte und Brust bis zum Scheitel. Die Meditation lockert mich, ich fühle mich entspannt und gleichzeitig motiviert für das, was gleich kommt.
»Beginne jetzt, langsam tiefer und kräftiger zu atmen«, sagt Anita. Laute Trommelmusik tönt aus den Musikboxen und es fühlt sich an, als würde sich mein Körper damit noch tiefer in die Matte drücken. Inzwischen bin ich neugierig geworden, vertraue der Situation und atme immer tiefer und schneller. Nach ungefähr drei Minuten beginnt ein starkes Kribbeln in meinen Wangen und meiner Stirn, das sich rasch in meinem gesamten Körper ausbreitet.
Ich atme noch tiefer, noch schneller. Dabei bemerke ich, dass meine Hände in einer Pfötchenposition verharren. Meine Muskulatur ist von den Fingerspitzen bis zu den Ellenbeugen angespannt. Als ich mir das ansehen will, kann ich meine Augen kaum öffnen: Das linke nur halb, das rechte gar nicht. Ich schwitze stark. Trotzdem fühle ich mich gut. Ich kehre zum normalen Atem zurück und beginne, überall hinzuspüren, was gerade in mir vorgeht. Die Recherche der letzten Wochen kommt mir in den Kopf.

Zwei Tage vor dem Experiment spreche ich mit der Neurowissenschaftlerin Martha Havenith. Ich frage sie, was das Atmen mit meinem Körper machen wird. Havenith ist Leiterin eines Forschungslabors am Ernst-Strüngmann-Institut in Frankfurt am Main und eine der ersten Forscher:innen, die sich mit Atemtechniken beschäftigt. Seit zehn Jahren praktiziert sie diese auch selbst, Holotropes Atmen hat sie zweimal ausprobiert. Nebenwirkungen seien dabei selten, sagt sie. Einmal habe sie bei einer teilnehmenden Person einen Krampfanfall erlebt, diese sei aber an Epilepsie erkrankt gewesen. Menschen mit Schizophrenie oder Psychosen rät sie vom Holotropen Atmen ab. »Eine Erweiterung der Erfahrung braucht es hier nicht«, sagte sie.
Und wie lässt sich mein Erlebnis bei Anita wissenschaftlich einordnen? »Beim schnellen, tiefen Atmen wird vermehrt CO₂ ausgeatmet. Sinkt der CO₂-Gehalt im Blut, verengen sich die Blutgefäße im Gehirn, die Durchblutung nimmt ab«, sagt Havenith. Das sei mit der Einnahme von psychedelischen Substanzen vergleichbar: »In beiden Fällen arbeitet das Gehirn chaotischer und die Kommunikation zwischen Neuronen ist schwieriger vorhersehbar. Das Gehirn muss mit weniger Blut seine Arbeit verrichten.« Soweit die Theorie.
In der Praxis wird mir durch das viele Schwitzen langsam zu warm. Ich zögere, meinen Hoodie auszuziehen, weil ich meine Erfahrung nicht unterbrechen will, versuche dann aber doch, mich aufzusetzen. Das klappt zwar, aber mit meinen Pfötchenhänden schaffe ich es nicht, den Hoodie loszuwerden. Anita hilft mir. Dann deute ich mit der linken Pfötchenhand auf mein Wasser. Anita öffnet meine Plastiktrinkflasche und reicht sie mir. Einen Teil des Wassers dringt nach dem Trinken wieder in Richtung Kinn und Hals. „Das ist kein Problem, manche müssen sogar spucken“, sagt Anita.
Ich lege mich auf die Matte und spüre in meinen glühenden Körper. Die dröhnende Musik erinnert mich an das Fluch der Karibik-Thema. In meinem Bauch spüre ich eine Art Energiekugel, die in alle Richtungen strahlt. Nach etwa 30 Minuten kann ich meine Augen wieder öffnen, meine Unterarme und Hände lockern sich. Das prickelnde Gefühl aber bleibt. Mein Kopf ist wie ausgeschaltet. Alles fühlt sich weich, warm und wohlig an. Mit meinen Handflächen beginne ich nun, mir ständig über meinen glühenden Schädel zu schmieren – keine Ahnung warum. Dabei öffne ich hin und wieder meine Augen und blicke zu Anita hinüber, die links auf ihrem Sitzkissen sitzend mein Grinsen erwidert.
Nach einiger Zeit fragt sie mich, wie ich mich fühle. »Eigentlich spüre ich gerade nur Selbstliebe«, antworte ich. Anita scheint sich zu freuen und umarmt mich. Nach einer Stunde habe ich das Gefühl, ich bin fertig. Meine Geburt habe ich nicht nochmal erlebt und ich blickte auch in keinen verborgenen Abgrund. Wie ein Rausch hat es sich aber auf jeden Fall angefühlt.
Und wie nah können Atemtechniken und der Ansatz der Grofs einem LSD-Rausch kommen? »Vergleicht man Fragebögen von Menschen, die psychedelische Substanzen nehmen, mit denen, die Atemtechniken durchführen, sind die Ergebnisse sehr ähnlich«, sagt die Neurowissenschaftlerin Martha Havenith. Ihre Studie dazu erschien 2025 im Journal Nature Communications Psychology. 43 Teilnehmende führten Atemtechniken durch, während eine 18-köpfige Placebogruppe passiv im Setting anwesend war. Im Anschluss füllten die Teilnehmenden standardisierte Fragebögen aus, die sonst bei der Einnahme von psychedelischen Substanzen zum Einsatz kommen. Die Ergebnisse zeigen, dass Atemtechniken mitunter intensivere veränderte Bewusstseinszustände hervorrufen als MDMA, jenen von Psilocybin ähneln, aber schwächer ausfallen als bei LSD. Die Stichprobe war jedoch klein. Die Erkenntnisse gelten als vorläufig und decken nur die subjektive Wahrnehmung ab.
Martha Havenith möchte künftig erforschen, warum die Reaktionen auf Atemtechniken sehr unterschiedlich ausfallen. »Zehn Leute verändern ihre Atmung auf ähnliche Weise, doch jede Erfahrung ist anders«, sagt sie. Havenith sieht in Atemtechniken eine mögliche Erweiterung der Psychotherapie. »Vielleicht ist es ähnlich wie mit der Meditation in den 1990er-Jahren. Die Praxis galt auch lange als esoterisch, bis man erste neuronale Ergebnisse gesehen hat«, sagt Havenith. Laut einer Metastudie aus dem Jahr 2012 kann Meditation einen ähnlichen Effekt haben wie eine Psychotherapie. Negative Gefühle nehmen ab, die emotionale Stabilität nimmt zu. »Atemtechniken können Probleme bearbeiten, für die eine Psychotherapie deutlich länger brauchen würde«, sagte Havenith. Belegen lässt sich das bislang vor allem über Erfahrungsberichte.
Anita reicht mir ein DIN-A3-Blatt und Wachsmalstifte. Ich soll noch etwas malen. Mich überkommt sofort das Gefühl, mit Rot anfangen zu wollen. Selten war ich so motiviert für eine Zeichnung. Es ist, als hätte ich Anita noch etwas Wichtiges zu zeigen. Ich male einen gewaltigen roten Strahl, der sich über das gesamte restliche Bild versprüht. Drum herum: ein blauer Himmel, eine grüne Wiese, ein Haus, eine Schaukel, ein Ball und ein Pferd (ja, ich weiß, es sieht aus wie ein Hund). »Mich erinnert das Bild an deinen Gesichtsausdruck während der Übung«, sagt Anita. Mein Kopf fühlt sich an, als hätte darin jemand gründlich aufgeräumt.

Mit Anfang 20 meditierte ich fast jeden Morgen. Das gab mir vor meiner Zeit bei der Psychotherapie die Motivation und Ausgeglichenheit, die ich für den Tag brauchte. Die Wirkung des Holotropen Atmens erinnert mich an ein abgeschwächtes, aber länger anhaltendes meditatives Gefühl. Als wären Meditation und Holotropes Atmen in etwa so verwandt wie Kaffee und Mate.
Mit leichtem Muskelkater in den Unterarmen und Händen bin ich am nächsten Tag schon wieder unterwegs. Ich fahre nach München, um das Fanradio meines Fußballvereins TSV 1860 München zu moderieren. Rückrundenauftakt, zehn Spieler verletzt, die Mannschaft kämpft um den Aufstieg – die Stimmung ist angespannt. Alle um mich herum malen sich auf der Tribüne sämtliche Szenarien für das Spiel aus. Vielleicht sind es die Nachwirkungen von gestern: Ich fühle mich entspannt, sitze da an meinem Platz und warte einfach ab, was passiert.
Dieser Text ist Teil des Schwerpunkts Guter Stoff im April 2026.
Quellennachweise
Courtwright, D. T. (2004). The Controlled Substances Act: How a “big tent” reform became a punitive drug law. Drug and Alcohol Dependence, 76(1), 9–15. https://doi.org/10.1016/j.drugalcdep.2004.04.012
GROF® Legacy Project. (n.d.). History of GROF® breathwork. https://groflegacyproject.org/resources/history-of-grof-breathwork/
Havenith, M. N., Leidenberger, M., Brasanac, J., Corvacho, M., Figueiredo, I. C., Schwarz, L., Uthaug, M., Rakusa, S., Bernardic, M., Vasquez-Mock, L., Pérez Rosal, S., Carhart-Harris, R., Gold, S. M., Jungaberle, H., & Jungaberle, A. (2025). Decreased CO₂ saturation during circular breathwork supports emergence of altered states of consciousness. Communications Psychology, 3(1), Article 59. https://doi.org/10.1038/s44271-025-00247-0
Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften. (2015, 8. Juli). Trance. https://www.cbs.mpg.de/248825/20150708-01
Sedlmeier, P., Eberth, J., Schwarz, M., Zimmermann, D., Haarig, F., Jaeger, S., & Kunze, S. (2012). The psychological effects of meditation: A meta-analysis. Psychological Bulletin, 138(6), 1139–1171. https://doi.org/10.1037/a0028168
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