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Guter Stoff

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Jan Krüßmann

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Ariel Victor Arthanto

 

Wie kam das Kokain in den Keller?

Ein Bioarchäologe findet Spuren von Kokain in menschlichen Überresten aus dem 17. Jahrhundert. Damit muss die europäische Geschichte der Droge neu geschrieben werden.

Es war ein Drogenfund der anderen Art. »Ich sah mir das Spektrum an und dachte: Das ist unmöglich!« Bioarchäologe Mirko Mattia von der Universität Mailand traute seinen Augen kaum – und doch hatte das Massenspektrometer eindeutig Kokain aufgespürt. An einem Ort, wo er es ganz sicher nicht vermutet hätte: in den Kellergewölben seiner Universität.

Das Hauptgebäude der Universität Mailand ist ein Renaissancebau aus roten Ziegeln mitten in der Stadt. Kolonnaden umschließen die Innenhöfe mit akkurat gestutztem Rasen, über den die Student:innen zur Vorlesung schlendern und wahrscheinlich nicht ahnen, dass sich nur wenige Meter unter ihren Füßen ein dunkles Geheimnis verbirgt.

Als Mirko Mattia vor zehn Jahren das erste Mal in die Kellergewölbe des Gebäudes hinabstieg, bot sich ihm ein schauriger Anblick. Neun der 14 unterirdischen Kammern sind über und über gefüllt mit menschlichen Knochen – fast 20 Millionen insgesamt, schätzt er. Sein erster Gedanke: »Wir haben eine Menge Arbeit vor uns!« Denn diese Knochen im Rahmen einer auf mehrere Jahre angelegten Grabungskampagne zu untersuchen, war fortan sein Job.

Die menschlichen Überreste stammen aus der Zeit, als dieses Gebäude noch nicht der Sitz der Universität Mailand war, sondern seinem ursprünglichen Zweck diente: Ca Granda, die große Fabrik, wie die Mailänder den Bau nennen, war früher ein Krankenhaus. 1456 wurde es von Fürst Francesco Sforza für die Versorgung der Ärmsten der Stadt gegründet – Menschen, deren Leben von Kälte, Hunger und Krankheit durchzogen war.

Nicht jeder überlebte den Aufenthalt dort. Ab 1637 wurden die verstorbenen Patient:innen kurzerhand in den Kellergewölben unter dem Gebäude bestattet. »In den Chroniken des Krankenhauses ist zu lesen, dass es furchtbar gestunken hat. 60 Jahre später entschied man deshalb, die Kammern zu versiegeln und die Toten fortan weiter entfernt zu beerdigen«, sagt Mirko Mattia.

Das Resultat: Wie in einer Zeitkapsel haben sich in den Kellergewölben die Überreste tausender menschlicher Körper aus dem 17. Jahrhundert erhalten – dank des feuchten Klimas nicht nur Knochen, sondern auch organisches Gewebe wie Haare, Haut und Hirnmasse.

Ein Archiv der Körper

Für Bioarchäologen wie Mattia ist das ein Schatz – und die einmalige Chance, mehr über das Leben der einfachen Menschen dieser Zeit herauszufinden, von denen die schriftliche Überlieferung kaum etwas berichtet. Ihre sterblichen Überreste verraten viel über ihre Gewohnheiten, ihre Ernährung, ihre Krankheiten – und darüber, welche Drogen sie zu sich nahmen.

Mattia und sein Team testeten die Überreste zunächst erfolgreich auf die Substanzen, die in den historischen Aufzeichnungen des Krankenhauses als Medikamente genannt werden: Quecksilber gegen Syphilis, Opiate aus Schlafmohn, die seit der Antike als Schmerz- und Rauschmittel eingesetzt werden.

Doch dann fanden sie auch Substanzen, die sich in den Aufzeichnungen nicht finden, die sich die Menschen anscheinend auf eigene Faust besorgten, vielleicht an den Ärzten und Krankenpflegern vorbeischmuggelten. Cannabis zum Beispiel. Und dann fanden sie die Substanz, mit der niemand gerechnet hatte: Kokain. »Am Anfang waren wir uns sicher, dass die Proben kontaminiert sind«, sagt Mattia. Denn nach bisherigem Kenntnisstand begann die europäische Geschichte der Substanz viel später.

Erst um das Jahr 1860 isolierte der deutsche Chemiker Albert Niemann die Substanz aus Blättern der aus Südamerika stammenden Kokapflanze. Ein österreichisches Schiff hatte sie von dort mitgebracht, fast 200 Jahre, nachdem die Grabkammern von Ca Granda versiegelt worden waren. Ab dem späten 19. Jahrhundert wurde Kokain als Lokalanästhetikum in der Augenheilkunde genutzt, war in rezeptfreien Medikamenten sowie in Coca-Cola enthalten. Trotz des Verbots in vielen Staaten im frühen 20. Jahrhundert trat das weiße Pulver als Rauschmittel seinen Siegeszug in Europa und den USA an. Heute ist Kokain – klammert man Cannabis aus – die am häufigsten konsumierte illegale Droge in Europa.

Hinweise, dass Kokablätter schon lange vor den Experimenten des Chemikers Albert Niemann gewerbsmäßig nach Europa exportiert worden waren, gab es bisher nicht. Wie also kam die Substanz in die Grabkammern? War vielleicht mit Kokain verschmutztes Abwasser in die Kellergewölbe eingedrungen? Oder hat gar eine:r der Forscher:innen selbst die Kontamination nach einer wilden Partynacht verursacht? Mirko Mattia lacht. »Wir waren froh, dass wir das schnell ausschließen konnten.«

Während die moderne Droge im Idealfall aus dem reinen Alkaloid Kokain besteht, enthalten die grünen, unscheinbar aussehenden Blätter der Kokapflanze neben etwas weniger als einem Prozent Kokain noch zahlreiche weitere Alkaloide. Kurz nach dem rätselhaften Fund entdeckten Mattia und sein Team eines davon in ihren Proben: Hygrin. »Damit war klar, dass wir es nicht mit einer modernen Kontamination zu tun haben. Menschen im Mailand des 17. Jahrhunderts haben Kokablätter gekaut«, sagt Mattia. Aber wie fanden sie den langen Weg dorthin? Eine mögliche Antwort finden wir am historischen Ursprung der Pflanze an den Osthängen der Anden.

Heilige Pflanze aus den Anden

In den indigenen Kulturen Südamerikas hat das Kauen von Blättern des immergrünen Kokastrauchs eine lange Tradition. Im Norden Chiles fanden Archäolog:innen in einem Gräberfeld Mumien, deren Körper Spuren von Kokain enthielten. Ihr Alter wurde auf rund 3.000 Jahre bestimmt. Als Grabbeigabe sind Kokablätter gar seit mehr als 4.000 Jahren bezeugt.

Als die Spanier im Jahr 1532 gewaltsam ins Hochland der Anden vorstießen, fanden sie dort das hochentwickelte Inkareich vor. Die Kokapflanze war den Inka heilig. Ihre Blätter verbrannten sie als Opfergabe, Schamanen nutzten sie etwa, um sich in ekstatische Zustände zu versetzen. Auch bei Menschenopfern spielte die Pflanze eine wichtige Rolle: Wie chemische Analysen an Mumien von lebendig begrabenen Kindern zeigten, wurden diese vor der Opferzeremonie mit einer hohen Dosis Koka betäubt. Das Kauen der Kokablätter im Alltag war ein Vorrecht des Adels und den Untertanen streng verboten.

Eine der ältesten erhaltenen Schriften, in denen Koka erwähnt wurde, stammt vom spanischen Chronisten Pedro de Cieza de León, der Südamerika ab 1535 bereiste. »Überall (…) ist mir aufgefallen, dass es den Eingeborenen großes Vergnügen bereitet, irgendwelche Zweige, Wurzeln oder ganze Pflanzen im Munde zu haben«, schrieb er im zweiten Teil seiner Crónica del Perú. Überall sei es Sitte, vom Morgen bis zum Schlafengehen Koka im Mund zu haben. Das Privileg des Inkaadels war mit der Eroberung ihres Reiches durch die Spanier folglich passé. Viele der zuvor von den Inka beherrschten Andenvölker versuchten nun wieder größere Freiheiten zu erringen.

Cieza de León berichtet, dass viele Spanier daraufhin mit dem Kokahandel reich wurden. Nach Europa allerdings, so glaubte man bislang, war Koka nicht exportiert worden. Die neuen Funde aus Mailand zeichnen jedoch ein anderes Bild. Die Stadt war 1525 an die spanische Krone gefallen und blieb bis 1701 in ihrem Besitz. Es sei daher gut möglich, dass damals Güter aus den spanischen Kolonien in Amerika ihren Weg nach Norditalien fanden, meint Mirko Mattia.

Die Droge der Armen

Doch warum haben die Menschen in Mailand Gefallen am Kauen dieser Pflanze gefunden? Mattia glaubt, dass es ähnliche Gründe waren, die Koka auch in Südamerika zu so großer Beliebtheit verhalfen. Cieza de León berichtet: »Als ich die Indios fragte, warum sie ständig den Mund voll von diesem Zeug haben (sie essen es nicht, sondern halten es nur zwischen den Zähnen), erhielt ich die Antwort, die Koka vertreibe den Hunger und verleihe ihnen Kraft.« Bis heute schwören in Peru viele Menschen mit indigenen Wurzeln auf die Kraft der grünen Blätter. Besonders im Hochland werden sie oft noch mit etwas Kalk vermengt, was die Freisetzung des Kokains erleichtert.

Belastbare Studien zur psychologischen Wirkung des Kauens von Koka gibt es bisher kaum. Mehrere physiologische Untersuchungen haben aber versucht zu ergründen, ob tatsächlich leistungssteigernde Effekte nachgewiesen werden können – besonders unter den Bedingungen des deutlich reduzierten Sauerstoffgehalts in der Luft, wie sie im peruanischen Hochland vorherrschen. Dabei ließ man zum Beispiel Probanden auf einem Fahrradergometer strampeln und überwachte ihre Vitalfunktionen. Einige erhielten dabei Koka zum Kauen, andere nicht. Nicht alle, aber doch die Mehrheit der Studien kam zu dem Ergebnis, dass das Kauen von Koka tatsächlich die Leistung steigern kann, etwa durch Veränderungen im Stoffwechsel oder Erhöhung der Herzfrequenz.

»Die Menschen, die im Ca Granda behandelt wurden, waren arm«, sagt Mirko Mattia. »Sie litten unter Hunger, Kälte und mussten schwere körperliche Arbeit leisten. Das Leben war hart. Cannabis zu rauchen und Koka zu kauen konnte helfen, all das besser zu ertragen. Zum Vergnügen sei Koka hingegen nicht konsumiert worden: »Beim Kauen werden nur sehr geringe Mengen an Kokain freigesetzt. Man darf sich den Effekt nicht wie einen Rausch beim Schnupfen von reinem Kokain vorstellen.«

Während Angehörige der Elite sich damals an teuren Genussmitteln erfreuten, die den Weg aus der Neuen Welt nach Europa fanden – Kakao oder Tabak etwa – ging es den Armen in den Massengräbern von Ca Granda also um etwas ganz anderes: Nicht Hedonismus war der Motor ihres Drogenkonsums, sondern die Last ihrer Existenz.

Dieser Text ist Teil des Schwerpunkts Guter Stoff im April 2026.

Quellennachweise

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Drogenagentur der Europäischen Union. (2025, 5. Juni). Europäischer Drogenbericht 2025: Wichtige Ergebnisse[Pressemitteilung]. https://www.euda.europa.eu/system/files/documents/2025-06/highlights_edr2025_de_finalweb.pdf

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Giordano, G., Mattia, M., Boracchi, M., Biehler-Gomez, L., Cummaudo, M., Porro, A., Caccianiga, M., Sardanelli, F., Slavazzi, F., Galimberti, P. M., Di Candia, D., & Cattaneo, C. (2023). Forensic toxicological analyses reveal the use of cannabis in Milano (Italy) in the 1600’s. Journal of Archaeological Science, 160, 105873. https://doi.org/10.1016/j.jas.2023.105873

Hemming, J. (1970). The conquest of the Incas. Macmillan.

Karch, S. B. (1998). A brief history of cocaine. CRC Press.

Peters, U. (2018). Die Inka: Aufstieg – Untergang – Erbe. Marixverlag.

Rivera, M. A., Aufderheide, A. C., Cartmell, L. W., Torres, C. M., & Langsjoen, O. (2005). Antiquity of coca-leaf chewing in the south central Andes: A 3,000 year archaeological record of coca-leaf chewing from northern Chile. Journal of Psychoactive Drugs, 37(4), 455–458. https://doi.org/10.1080/02791072.2005.10399820

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