Thema
Gute Reise

Text
Sabrina Graf

Gestaltung
Lenni Baier

Gabriele Habinger, wie reisen wir auf Augenhöhe?

Im Urlaub wollen wir die Fremde erkunden und Fotos für zu Hause mitbringen. Was uns nicht bewusst ist: Oft bewegen wir uns dabei auf kolonialen Pfaden. Die Ethnologin Gabriele Habinger erklärt, was das für unsere Reisen bedeutet – und warum wir uns nicht wundern sollten, wenn uns die Menschen vor Ort plötzlich zurück fotografieren.

Auf Bali lassen die vielen Hotels das Wasser knapp werden. Sherpas in Nepal sind in ihrem Job großen Gefahren ausgesetzt. Und einige Inseln in Thailand sind komplett von Reisenden überlaufen. Die Beispiele zeigen: Oft bezahlen Menschen im Globalen Süden den Preis dafür, dass Tourist:innen ihre »Bucket List« abhaken können. Auch Gabriele Habinger reist gerne – im Regal hinter ihr stehen Bücher mit Titeln wie Welt-Reisende oder Aufbruch und Abenteuer. Doch für die Ethnologin und Lektorin an der Universität Wien ist Reisen viel mehr als Urlaub und Erholung. Es ist Abenteuer, Horizonterweiterung und Forschungsgegenstand: Sie untersucht, wie der Tourismus bis heute koloniale Machtstrukturen fortschreibt – und wie er diese aufbrechen kann.

Science Notes: Frau Habinger, an welche Reise erinnern Sie sich besonders gerne?

Gabriele Habinger: Ich habe sehr viele Fernreisen unternommen und alle hatten etwas Besonderes. Nepal, Namibia, Neuseeland… In Neuseeland war ich bereits Ende der 1980er-Jahre drei Monate mit dem Rucksack unterwegs, damals noch ohne Handy. Das war ein wunderschönes Lebensgefühl. Diese Freiheit und Unabhängigkeit, die man beim Reisen genießt, losgelöst sein von zu Hause, das stärkt einen in der eigenen Persönlichkeit.

Die Erfahrung habe ich auch schon gemacht. Aber warum ist das eigentlich so?

Auf Reisen lernen wir sehr viel über uns selbst: Wir bewähren uns in schwierigen Situationen, wir müssen manchmal mutig sein und aus unserer Komfortzone hinausgehen. Insbesondere bei Rucksackreisen, wo alles selbst zu organisieren und zu entscheiden ist. Und wir reflektieren unsere eigene Lebensweise, unsere Selbstverständlichkeiten und Normen, wenn wir auf Reisen das Leben anderer Menschen kennenlernen. Etwa, wie ihr Alltag aussieht, wie Geschlechterbeziehungen dort funktionieren oder wie mit Kindern umgegangen wird.

Und wenn wir als Tourist:innen dann auf Einheimische treffen – finden diese Begegnungen auf Augenhöhe statt?

Es kann schwierig sein, diese Augenhöhe herzustellen. Es gibt zum Beispiel eine spezielle Form des Tourismus, den sogenannten »Ethnotourismus«. Da besuchen Reisende gezielt ethnische Gruppen auf der Suche nach etwas Authentischem. Sie machen Dorfbesuche und sehen sich Vorführungen oder spezielle Tänze an. Die Aufenthalte der Tourist:innen sind häufig sehr kurz, oft bleiben sie nur wenige Stunden. Ob hier tatsächlich ein Verständnis für die Menschen vor Ort hergestellt werden kann, ist fraglich. Die »bereisten« ethnischen Gesellschaften sind außerdem oft marginalisierte Minderheiten im eigenen Land.

Warum ist das ein Problem?

Die Marginalisierung sorgt dafür, dass die Menschen auf mehrfache Weise in einer schwächeren Position sind: Sie werden in ihrem Land benachteiligt, haben weniger Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung, ihre Kultur wird abgewertet. Sie werden gesellschaftlich von außen definiert, statt selbst zu bestimmen, wie sie gesehen werden wollen. Und dann kommen noch die ungleichen Machtverhältnisse der wohlhabenden Tourist:innen hinzu. Deshalb muss man kritisch hinterfragen, ob eine Verständigung über kulturelle Grenzen hinweg in diesem Kontext überhaupt funktionieren kann. Wollen die Besucher:innen wirklich etwas Neues über die Menschen erfahren? Oder wollen sie nur ihre eigenen Vorstellungen bestätigt sehen? Die einheimische Bevölkerung muss sich oft so zeigen, wie es den Erwartungen der Tourist:innen entspricht, um wirtschaftlich zu profitieren: wenn sich die Menschen etwa in »traditioneller« Kleidung fotografieren lassen.

Aber der Tourismus kann marginalisierte Gruppen doch auch empowern, oder?

Ja, da gibt es einige Beispiele, etwa die Living Museums in Namibia. Das sind künstlich geschaffene, traditionell hergerichtete Dörfer in entlegenen Regionen im nördlichen Namibia. Dort zeigen die San, eine marginalisierte ethnische Gruppe, den Besucher:innen selbstbestimmt ihre Traditionen. Das hat viele positive Effekte: Die Traditionen werden wiederbelebt und können die kulturelle Identität der San stärken. Und junge Menschen finden so eine Beschäftigung, was die Landflucht eindämmt. So profitieren sie wirtschaftlich direkt durch den Tourismus.

Der Tourismus gilt als Chance für die wirtschaftliche Entwicklung in Ländern des Globalen Südens: Er schafft Arbeitsplätze und Einkommen. Doch oft fließt ein Großteil der Gewinne zu westlichen Reiseanbietern und nicht zu den Menschen vor Ort. Wie kann das sein?

Man nennt das leakage effect, wenn das Geld wie durch ein Leck im Rohr den vor Ort arbeitenden Menschen entgeht. Das hat oft mit ökonomischen Abhängigkeitsstrukturen zu tun, die auf unsere koloniale Vergangenheit zurückgehen. Doch nicht nur der Globale Süden, auch Regionen in Deutschland, Österreich oder den USA sind wirtschaftlich stark vom Tourismus abhängig – er ist global von großer Bedeutung. Deshalb sollte man einzelne Tourist:innen nicht verteufeln, sondern den Tourismus insgesamt auf struktureller, politischer Ebene kritisch durchleuchten.

Wie kann das geschehen?

Die Politik muss lenkend eingreifen, um einen gerechteren Tourismus zu schaffen. Es ist ein politisches Problem, dass das Geld, das durch Tourist:innen ins Land kommt, häufig zu lokalen Eliten oder ins Ausland fließt, etwa zu europäischen Reiseunternehmen. Ein Beispiel: Westliche Reiseagenturen bieten etwa Expeditionen nach Nepal an. Da bringen sie vom Proviant bis zur Gaskartusche alles selbst mit. Außerdem versuchen sie, möglichst wenige Träger:innen im Land zu engagieren. Hier hat die nepalesische Politik eingegriffen und erwirkt, dass lokale Guides und Träger:innen engagiert werden müssen.

Inwiefern prägt der Kolonialismus unsere Reisen bis heute?

Die europäische Expansion hat seit ihrem Beginn im 15. Jahrhundert unter anderem die westliche Identität und die problematische Vorstellung der eigenen kulturellen Höherwertigkeit geformt. Das zeigt sich zum Beispiel darin, wie einige Tourist:innen auch heute noch auf Bewohner:innen des Globalen Südens blicken und diese nach eigenen Maßstäben bewerten. Da kommt oft ein Überlegenheitsgefühl zum Tragen sowie die Vorstellung eines Herr-Diener-Verhältnisses, das sich in touristischen Interaktionen zeigt. Zum Beispiel in Ressorts, in denen die Angestellten immer lächelnd zu Diensten sein sollen und dann teilweise unfreundlich von Tourist:innen behandelt werden. Außerdem spielt es eine Rolle, wer reist und wer »bereist« wird, wer betrachtet und wer betrachtet wird. Schließlich sind es die Besucher:innen, die das nötige Geld und die Zeit haben. Und natürlich überhaupt die Möglichkeit, frei zu reisen. Da gibt es ein Machtgefälle, denn die Menschen vor Ort haben diese Möglichkeiten häufig nicht.

 

Wie sind diese kolonialen Denkmuster und die ungleiche Reisefreiheit historisch entstanden?

Mobilität und Reisen sind grundsätzlich durch den Kolonialismus stark befördert worden. Im 18. und 19. Jahrhundert führten europäische Forschungsexpeditionen zu einem Mobilitätsschub. Die vermeintlichen Entdecker bekamen Ruhm, sie wurden idealisiert und heroisiert. Danach reisten immer mehr Männer, aber auch wenige Frauen, unter dem Schutz der Kolonialmächte immer sicherer und bequemer.

Wichtig ist, dass die Reisen fast nur in eine Richtung gingen, und zwar aus Europa in die kolonisierten Länder. Eine Ausnahme waren Menschen, die oft gewaltvoll nach Europa gebracht und in Völkerschauen präsentiert wurden. Diese einseitige Mobilität zeigt sich heute noch im passport index, der misst, wie viele Länder man mit einem bestimmten Pass unkompliziert bereisen kann. Pässe aus westlichen Industrienationen ermöglichen oft Reisen ohne Visum – sehr im Gegensatz zu Pässen aus Ländern des Globalen Südens.

Der Soziologe John Urry hat den Begriff des tourist gaze geprägt. Er beschreibt, wie Tourist:innen auf Orte, Menschen und Kulturen blicken – und wie dieser Blick geprägt ist von bestimmten Erwartungen. Ist der touristische Blick eine Fortsetzung kolonialer Strukturen?

Ja, auch das hat mit Macht zu tun. Das Konzept beschreibt, wie ein Ort durch gehäufte Besuche und das Betrachten durch Tourist:innen zu einer Sehenswürdigkeit wird. Davor ist es einfach der alltägliche Lebensraum der Bewohner:innen. Durch das Betrachten und Fotografieren wird er »touristifiziert« und plötzlich zur Attraktion, zu der Menschen mit bestimmten Erwartungen reisen, die durch Reiseführer oder Social Media entstehen.

Wie kann das einen Ort verändern?

Das sieht man bei Städten und Ortschaften, die zu Tourismus-Hotspots werden, etwa in Hallstatt in Österreich: Der kleine Ort am Hallstätter See hat nur etwas mehr als 700 Einwohner:innen – aber jährlich kommen weit über eine halbe Million Tourist:innen, vor allem aus China. Durch die großen Zahlen an Besucher:innen wird in solchen Orten das alltägliche Leben massiv beeinträchtigt. Den Meisten ist das gar nicht bewusst, für sie sind diese Orte quasi museale Einrichtungen, in denen alles besichtigt und betreten werden kann.

Kann man den touristischen Blick auch umkehren?

Ja, das geht, zum Beispiel durch Zurück-Fotografieren. Das ist eine Form der Selbstermächtigung: Wenn etwa Schwarze Frauen in Südafrika weiße Tourist:innen, die ihre Townships besuchen, zurück fotografieren. Dieser widerständige Blick der Bereisten ist eine Möglichkeit, das Machtgefälle aufzubrechen.

Wie haben die Tourist:innen darauf reagiert, dass sie fotografiert werden?

Die Tourismus-Forscherin Meghan Muldoon von der Universität Groningen hat das Phänomen als Fotoprojekt veröffentlicht. Wie die Tourist:innen reagiert haben, berichtet die Forscherin darin nicht explizit. Stattdessen schildern die Township-Bewohner:innen ihre Sichtweise. Sie fotografierten die Tourist:innen in Momenten gemeinsamer Nähe, zum Beispiel musizierend und tanzend, und betonten, dass diese Begegnungen freundlich und wertschätzend verliefen.

Wie können wir selbst versuchen, unsere Reisen zu dekolonialisieren?

Wir müssen uns bewusst machen, dass wir eine koloniale Vergangenheit haben: Sie basiert auf einem hierarchischen Verhältnis zwischen den Angehörigen der ehemaligen Kolonialmächte und den Menschen aus den ehemaligen Kolonien, die heute oft das Ziel von Fernreisen aus dem Globalen Norden sind. Wir sollten unsere stereotypen Vorstellungen und unsere Privilegien reflektieren.

Und wie sieht das konkret aus? Was sollten wir auf unseren Reisen beachten?

Wir sollten uns vorher intensiv mit dem Reiseziel beschäftigen und uns über die Rahmenbedingungen der Reise informieren. Ratsam wäre es, sich mit der Geschichte der Menschen vor Ort oder auch mit sozialen Problemen auseinanderzusetzen. Dann kann man ihnen auch anders begegnen. Ein respektvoller Umgang ist natürlich eine Grundvoraussetzung. Außerdem sollte man, wenn möglich, lokale Restaurants, Beherbergungen und Reiseanbieter auswählen, damit man wirklich die Menschen vor Ort unterstützt. Dazu: auf Märkten faire Preise bezahlen, vor dem Fotografieren um Erlaubnis fragen oder, wenn etwas für Fotos verlangt wird, das auch bezahlen.

Der Tourismus bringt eine Menge Probleme mit sich, das wird klar. Aber eben auch viele Chancen – was überwiegt denn letztendlich?

Das kann man nicht sagen. Der Tourismus ist ein Faktum: Er existiert einfach. Menschen reisen gerne. Das lässt sich nicht wegdebattieren. Wichtig ist, wie wir ihn gestalten – auf individueller, aber vor allem auf struktureller, politischer Ebene. Es müssen mehr Möglichkeiten für gerechtere, inklusivere Formen des Reisens geschaffen werden. Reisen macht aber auch einfach Spaß. Es bringt viel Positives mit sich: neue Erfahrungen und schöne Begegnungen. Daher bin ich eine Verfechterin des Reisens.

Dieser Text ist Teil des Schwerpunkts Gute Reise im Dezember 2025.

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