Thema
Gute Reise

Text
Bernd Eberhart

Gedichte
Monica Nadegger

Gestaltung
Lenni Baier

Erinnerungen an Schnee 

Die Tourismusforscherin Monica Nadegger untersucht unter anderem die schädlichen Effekte des Wintersports und ist selbst leidenschaftliche Skifahrerin. Wie sie diesen Widerspruch aushält? Sie schreibt Gedichte darüber – für ein wissenschaftliches Paper.

Skifahren ist ein Massenspektakel: Im gesamten Alpenraum gibt es mehr als 10.000 Lift- und Seilbahnanlagen, die gut 30.000 Kilometer Skipisten erschließen. Allein in Österreich schleppen die Lifte pro Wintersaison über 500 Millionen schneebegeisterte Menschen die Berge hinauf, die während ihrer Aufenthalte von einer Viertelmillion Beschäftigter umsorgt werden – und das alles spült einen Umsatz von 12,6 Milliarden Euro in die Kassen des Landes. Als Wirtschaftsfaktor ist der Skitourismus unverzichtbar.

Allerdings: So gewinnbringend – und so spaßig – dieser Wintersport auch ist: Für Flora, Fauna und Klima in den Bergen ist Skifahren ein Problem. Pisten und Seilbahnen sind massive bauliche Eingriffe in die Bergwelt. Tiere werden durch die Sportler:innen in ihrer Winterruhe gestört. Kunstschnee, der bis ins Frühjahr hinein liegen bleibt, kann die Vegetationsperiode von Pflanzen verkürzen. Und das Klima im Alpenraum erwärmt sich ohnehin bereits mehr als doppelt so schnell wie im globalen Durchschnitt.

Die Tourismuswissenschaftlerin Monica Nadegger beschäftigt sich in ihrer Arbeit auch kritisch mit dem Wintersport: In einem wissenschaftlichen Paper, das sie 2024 im Fachjournal Leisure Science veröffentlicht hat, analysiert sie die Spannungsfelder des Skifahrens als Freizeitaktivität. Doch Monica Nadegger ist auch selbst leidenschaftliche Skifahrerin. Sie sitzt also ganz schön in der Zwickmühle zwischen wissenschaftlichen Fakten und individueller Leidenschaft. Um diesem Widerspruch zu begegnen, hat sie einen ungewöhnlichen Weg gewählt: In ihrem Paper hat sie mehrere Gedichte eingeflochten, die ihre ganz persönliche Beziehung zum Skifahren reflektieren.

Hier stellt sie diese Gedichte in deutscher Übersetzung vor – und erzählt im Interview von ihrem Blick auf den Wintertourismus.


Skifoahn

Zurück in den Schlagzeilen,
sehe ich die gleichen Bilder und die gleichen Gedanken
immer und immer wieder.

Noch kein Schnee, nur Regen.
Surrende Schneekanonen entlang grüner Bergwiesen.
Teppiche aus Altschneefeldern,
ausgerollt für die Premiere einer neuen Saison.

Das Wetter rund um Weihnachten 2022 war außergewöhnlich warm in Österreich.
Ein neuer Temperatur-Rekord?
Schon wieder?

Seit 2010 war Weihnachten nur zwei Mal weiß,
und sonst immer grün.

Noch kein Schnee, nur Regen.
Und trotzdem.
Die ersten Lifte laufen, und weiße Bänder ziehen sich entlang schmelzender Berge.


Science Notes: Monica, darf ich noch Skifahren?

Monica Nadegger: Ja klar. Alle dürfen Skifahren, da gibt es ja kein gesetzliches Limit. Die Frage kommt eher aus einem persönlichen und gesellschaftlichen Diskurs. Wir denken jetzt stärker über das »Skifahren dürfen« nach als noch vor zehn oder 20 Jahren. Und wir diskutieren dadurch, welche guten, aber auch weniger guten Seiten das Skifahren hat.

Du bist Tourismusforscherin und hinterfragst den Tourismus durchaus kritisch – etwa wegen seiner Umwelt- und Klimaauswirkungen. Allerdings fährst du auch selber sehr gerne Ski.

Für mich gehört Wintersport, also Skifahren, Snowboarden, Skitouren gehen, schon seit ich denken kann zu einem »guten« Winter dazu. Aber natürlich habe ich durch meine Forschung in der Tourismus- und Organisationswissenschaft einen kritischeren Blick auf das Skifahren bekommen. Allein schon, dass ich einfach so Skifahren gehen kann, aus finanzieller, zeitlicher und auch körperlicher Sicht, bringt mich in eine sehr privilegierte Position. Aber genau dieses Spannungsfeld – Skifahren als Teil des Winters, aber auch die Kritik daran, macht das als Forschungsfeld für mich so spannend.

Die Gedichte hier hast du nicht etwa für dein Tagebuch oder einen Gedichtband geschrieben, sondern für ein wissenschaftliches Paper. Dabei vermischst du sozialwissenschaftliche Analysen rund um den Skitourismus mit einer ganz persönlichen Ebene. Warum hast du diese ungewöhnliche Form gewählt?

Das stimmt, diesen sogenannten autoethnografischen Ansatz kennt man gewöhnlich nicht aus der Wissenschaft, zumindest nicht in den Wirtschaftswissenschaften. In meinem Paper hinterfrage ich, wie Skifahren, Natur, aber auch Kapitalismus und Wirtschaft zusammenspielen, manchmal auch mit negativen Effekten. Konkret habe ich beim Schreiben meine eigene Position und mein eigenes Erleben mit Feldforschung, der Analyse von Fotos, Videos und Zeitungsartikeln und auch mit Fakten über klimatische Veränderungen oder Schneesicherheit kombiniert. Genau dieser Ansatz hat es mir ermöglicht, auch die emotionalen und sozialen Fragen rund um Skifahren und Wintertourismus aufzuzeigen.


Schnee/Körper

Halb-gefrorene Finger und Zehen,
Pulverschnee und blankes Eis,
lange Schwünge und kalte Winterluft in den Lungen.

Schnee, Menschen und Ski kollidieren, ihre Körper verschmelzen,
mit Bergwelten und Infrastrukturprojekte in alpinen Landschaften,
Mit Kabeln, Rohren, Schneekanonen, Wasserdepots und Liftstützen.
Die Metallkanten meiner Ski schneiden durch unzählige Lagen eng verzahnter Schneekristalle.

Die Eingriffe, die Instandhaltung, der Konsum,
verschlungen in einer schneeweißen Misere.
Die Fürsorge, die Leidenschaft, die Freiheit
verwebt in Schnee-Körpern,
aus Berg und Lift, Schnee und Ski, Zukunft und Zweifel.


Du schreibst »
Schnee, Menschen und Ski kollidieren, ihre Körper verschmelzen«. Insgesamt wirkt es auf mich fast so, als würdest du den Schnee als Person, vielleicht sogar einen Freund betrachten. Das passt zum Konzept des more than human, das du in deiner Arbeit verwendest. Was ist das?

Genau, dieses Konzept ist eine theoretische Brille, die es erlaubt, Machtverhältnisse umzukehren. More than human meint dabei, dass nicht nur Menschen aktive Teile unserer Gesellschaft und Wirtschaft sind, sondern eben auch nicht-menschliche Akteure wie Tiere, Landschaften oder auch Schnee. Schnee kann auch aktiv agieren – alle, die schon einmal auf Skiern unterwegs waren, wissen ja, dass da nicht immer alles in unserer Hand liegt. Wenn wir also unseren Blick von menschlichen Akteur:innen im Zentrum hin zu den vielfältigen Dingen in unserem täglichen Handeln richten, können wir hinterfragen: Stehe ich mit diesen Dingen in einer Beziehung, in der ich Macht und Dominanz ausübe? In unserem Alltag sehen wir die Natur als Ressource, sie ist für uns oft mit Werten wie Gewinn, Wertschöpfung und Kontrolle verknüpft. Wenn ich allerdings Natur als einen an sich wertvollen, aktiven und ebenbürtigen Akteur sehe, stellen sich neue ethische Fragen.

 

Schnee/Leben

Eng verbunden, in Erinnerungen,
im Lebensgefühl, den Freundschaften,
dem sozialen Gefüge in alpinen Tälern.

Bei jedem Schwung ein Gedanke an Schnee,
den Rhythmus der Saison, voll Vorfreude und Abschiedsnostalgie,
die Verantwortung für schneebedeckte Berge und deren Ruhe und Geheimnisse,
Denken, Leben und Sein, als Gefährte mit und im Schnee.


Welche Tipps hast du für mich, damit ich so nachhaltig wie möglich Skifahren kann?

Ich würde das in eine individuelle und eine strukturelle Ebene einteilen. Das Wichtigste, das man als Einzelperson in der Hand hat, ist die Wahl der Verkehrsmittel: Denn die Anreise ins Skigebiet verursacht meist den mit Abstand größten CO2-Abdruck im Wintersport. Alles, was mit öffentlichen Verkehrsmitteln machbar ist, ist schon mal ein großer Schritt. Es gibt viele gute Angebote mit Bahn und Skibussen. Ich achte außerdem darauf, das meiste Equipment möglichst lange zu nutzen, zu reparieren oder auch Secondhand zu kaufen. Dann kann man sich auch aus sozialer Perspektive die Frage stellen, in welche Skigebiete man reist: Immer in die großen? Oder besser in kleinere Skigebiete, die oft noch stärker in den ländlichen Räumen verankert sind? Und natürlich kann man bei der Unterkunft darauf achten, in möglichst nachhaltig und lokal geführten Hotels zu übernachten. So bleibt die Wertschöpfung in der Region und man unterstützt die lokale Wirtschaft. Auf struktureller Ebene kann man seine Stimme einsetzen: bei Wahlen, bei Petitionen, im öffentlichen Diskurs. Oder auch im Aktivismus, etwa bei Protect our Winters (POW), einer Nichtregierungsorganisation, in der sich Skifahrer:innen und Snowboarder:innen für einen nachhaltigen Wintersport engagieren – durch politisches Engagement, Bildung oder konkrete Tipps für nachhaltiges Skifahren.

Was meinst du also: Wie lange wirst du noch Skifahren?

Hoffentlich noch lange! Die ersten Schneeflocken sind in dieser Saison ja schon angekommen. Die Vorfreude ist groß.

Schnee/Träume

Zukünfte mit und ohne Schnee?
Berge mit Schnee als Spekulation, und keiner Konstanten.
Gletscherbrücken brechen ein,
Narben aus Schutt und Stein in einst weißen Weiten.
Skilifte, die trotzdem weiterhin laufen und Skifahrer durch die Erinnerung tragen.
Skilifte, die nicht mehr weiterlaufen, in denen nur noch Erinnerungen tragen.

Winter voll
Erinnerungen an Schnee, Skifoahn, und die dumpfen Geräusche,
die nur in tiefem Pulverschnee entstehen.
An knarzende Sessellifte und schneebedeckte Fichten am Pistenrand.

Zurückkehren zu weißen Teppichen entlang grüner Bergwiesen.
Zurückkehren zu Zukünften mit und ohne Schnee.
Zurückkehren, um gemeinsam nach vorne zu blicken.
Zurückkehren, zum Skifahren?


Dieser Text ist Teil des Schwerpunkts 
Gute Reise im Dezember 2025.

Quellennachweise

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