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Gute Reise

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Nelly Ritz

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Isaac Guzman

Ein letzter Rest Regenwald

Im mexikanischen Lacandon-Regenwald soll der Ökotourismus retten, was die Menschen zuvor fast gänzlich zerstört haben. Aber kann das funktionieren? Eine Reportage über die Gratwanderung zwischen dem Schutz der Natur – und ihrer Ausbeutung.

Das, was die Menschen als Wildnis begreifen, beuten sie seit jeher aus.

Im mexikanischen Lacandon-Regenwald lockte zunächst das Geschäft mit den Bäumen: Internationale Firmen lechzten nach Mahagoni- und Zedernhölzern. Arbeiter rollten die gefällten Stämme zu den Flüssen und ließen sie wochenlang treiben, bis das Holz die »Zivilisation« erreicht hatte und in die USA, nach England oder Deutschland exportiert werden konnte. Später stampften mexikanische Unternehmen Straßen und Sägewerke in die Landschaft. Bulldozer rückten an. Wald schwand.

Dann kamen Bauernfamilien aus ganz Mexiko. Sie waren auf der Suche nach Land, angetrieben durch die mexikanische Agrarreform im 20. Jahrhundert. Sie interessierten sich nicht für das Holz, sondern für den Boden. Also brannten sie die Waldflächen ab, um darauf Pflanzen anbauen und Kühe halten zu können. Zusammen mit den Holzfirmen reduzierten sie den Lacandon-Regenwald im Süden Mexikos auf rund ein Drittel seines ursprünglichen Gebiets.

Jetzt kommen die Menschen, um Tourismus aufzubauen. Seit einigen Jahrzehnten entstehen hier Ecolodges, Seilrutschen und Restaurants. Und ausgerechnet die sollen den Lacandon-Regenwald jetzt retten. Die Idee dahinter: Wenn Tourist:innen Geld in den Regenwald bringen, müssen die Menschen vor Ort weniger Wald für die Landwirtschaft roden.

Aber kann ein Wald wirklich nur überleben, indem wir ihn nutzen?

Auf ins südliche Grenzgebiet

Von Tuxtla Gutierrez, der Hauptstadt des mexikanischen Bundesstaates Chiapas, sind es etwa acht Stunden Fahrt bis zur Gemeinde Marqués de Comillas. Hier stehen einige der letzten ungeschützten Fragmente des Lacandon-Regenwalds. Und hier betreut die mexikanische Umweltschutzorganisation Natura y Ecosistemas Mexicanos (NEM) fünf Ökotourismusprojekte.

Den ersten Teil der Fahrt sitzt Tono am Steuer – so stellt sich der Mitarbeiter von NEM vor. Er setzt die Erwartungen hoch: Der Weg führe durch die »beste Stadt des Bundesstaates«. Dann deutet er nach oben: »der blaueste Himmel von ganz Chiapas«. Und das Ziel, die Selva Lacandona? »Der schönste Ort in ganz Mexiko.«

Die Selva Lacandona erstreckt sich über mehr als 500.000 Hektar – das ist etwa zwei Mal so groß wie das Saarland. Seit Jahrzehnten wird hier massiv abgeholzt. Am Fenster des Kleinbusses ziehen mehr Mais- und Ananasfelder vorbei als Regenwald. Und je näher die Gemeinde Marqués de Comillas rückt, desto mehr Ölpalmen reihen sich aneinander.

Der Ölpalmenanbau in der Region ist lukrativ, doch für die Plantagen wird oft Regenwald abgeholzt. Palmöl wird weltweit genutzt – in Brotaufstrichen, Cremes oder Biosprit.
Die Viehwirtschaft ist eine wichtige Einnahmequelle in Marqués de Comillas. Ein Großteil der genutzten Flächen in der Gegend sind heute Weideland.
Mais gilt in Mexiko als Grundnahrungsmittel. Fast alle Landwirt:innen in der Region bauen ihn daher an.

Marqués de Comillas liegt nahe der Grenze zu Guatemala. In den Siebziger- und Achtzigerjahren, während des Bürgerkriegs in Guatemala, verteilte der mexikanische Staat hier gezielt Regenwaldgebiet an indigene Bauernfamilien aus Zentralmexiko – um die Grenze zu sichern und Guerrillabewegungen fernzuhalten. In den vergangenen Jahrzehnten hat die Regierung vor allem den Nutzpflanzenanbau und die Landwirtschaft in der Gemeinde gefördert. Heute ist ein Großteil der Region Weidefläche.

Es sind die letzten Fragmente tropischen Regenwaldes, die NEM hier retten will. Mithilfe von Spenden – etwa vom Automobilhersteller Toyota oder der französischen Entwicklungsagentur AFD – hat die Organisation verschiedene Projekte gestartet: Aufforstung, Klimawandelanpassung, Tourismus. Seit rund zehn Jahren kommen nun immer wieder Besucher:innen in die Region, um den Regenwald zu erleben.

Wenn die Selva Lacandona stirbt, sterben die Tiere, die Pflanzen – und am Ende auch die Menschen.

Das südliche Grenzgebiet ist ein wichtiger Korridor für Tiere, die von der Selva Lacandona in die Regenwälder Guatemalas wandern. Ein einzelner Jaguar etwa braucht mindestens eine Fläche von 25 Quadratkilometern, um zu überleben. Doch nicht nur er streift durch diesen Regenwald: Im Waldgebiet um den Lacantún-Fluss herum haben Forschende rund ein Viertel aller Landsäugetier-Arten Mexikos registriert und 40 Prozent aller Tagfalter. Die Ökosysteme dieses Regenwalds regulieren Wasserkreisläufe, verteilen Nährstoffe, binden Kohlenstoffdioxid und erzeugen Sauerstoff.

Wenn die Selva Lacandona stirbt, sterben die Tiere, die Pflanzen – und am Ende auch die Menschen.

NEM sagt: Dieser Tourismus soll den tropischen Regenwald in Mexiko schützen. Aber die Frage liegt nahe: Ist das nur ein weiterer Weg, die Natur auszubeuten?

Die »Maestra« und der Regenwald

Wenn die Mitarbeitenden von NEM für ihre Projekte nach Marqués de Comillas nahe der guatemaltekischen Grenze reisen, dann kommen sie auf der Forschungsstation Chajul unter. Sie ist die Basis. Von hier schwärmen sie zu den einzelnen Projekten in den angrenzenden Regionen aus. Die Station liegt am Rande eines Schutzgebietes, das in den Siebzigerjahren ausgerufen wurde. Am Morgen grölen Brüllaffen durch das Dickicht der Bäume, Schwärme von Aras sammeln sich in den Ästen, um gefüttert zu werden.

Ein Brüllaffe ruht in den Bäumen des Lacandon-Regenwalds.

Am Eingang einer Hütte der Forschungsstation sitzt Julia Carabias Lillo und wartet. Gleich werden die Aras sich die ausgelegten Erdnüsse schnappen. Jeden Morgen sprenkeln sie mit ihrem bunten Gefieder den Himmel: der knallrote Kopf, der sonnengelbe Rücken und die indigoblauen Federspitzen. »Für mich ein unverzichtbarer Moment«, sagt Carabias Lillo. Die Mitgründerin von NEM lacht nicht oft, aber in diesem Moment lächelt sie.

Vor 30 Jahren reiste Carabias Lillo das erste Mal zur Forschungsstation in Mexikos Regenwald. Seitdem hat sie der Ort nicht mehr losgelassen. Die 71-Jährige ist eine der wenigen auf dem Gelände, der keine Schweißperlen im Nacken herunterlaufen oder Moskitostiche auf den Armen leuchten. Geboren wurde sie in Mexiko-Stadt als Kind von spanischen Eltern, doch scheinbar hat sie sich im Laufe der Jahre perfekt an die Umgebung hier angepasst. An die drückende Hitze, die Moskitos; und daran, hier den Ton anzugeben. Weil Carabias Lillo auch Professorin für Biologie an der renommierten Universidad Nacional Autónoma de México ist, nennen sie alle auf der Forschungsstation nur »la maestra«: die Lehrerin.

Von 1994 bis 2000 war Carabias Lillo Umweltministerin von Mexiko, im Kabinett der Mitte-Links-Partei PRI. In dieser Zeit hat sie die Schutzgebiete des Landes auf mehr als sechs Prozent der Landesfläche verdoppelt. Auf die Frage, ob damals auch Projekte gescheitert sind, antwortet sie: »Gescheitert? Nein, nichts.«

Zurück zur Feldarbeit

Nach ihrer Zeit in der Regierung wollte Carabias Lillo wieder vor Ort arbeiten, mit den Menschen. Der erste Schritt: Als Teil von NEM half sie den Leuten in Marqués de Comillas, ihre Waldflächen in ein staatliches Programm einzutragen: PSAPago por Servicios Ambientales, Zahlung für Umweltdienstleistungen. Waldbesitzer:innen bekommen Geld dafür, dass sie ihre Flächen bewahren, statt sie zu roden.

Das Programm hat gewirkt: Science Notes hat Zahlen vom World Resources Institute und Global Forest Watch ausgewertet. Sie zeigen unter anderem, wie viel Hektar tropischen Regenwaldes in Mexiko in den Jahren 2001 bis 2024 durch Landwirtschaft verloren gegangen sind. In den Dörfern, in denen NEM arbeitet, ging die Rodung in den Jahren um 2010 zurück – als PSA immer mehr Menschen erreichte. Eine Studie aus dem Jahr 2023, die im Fachmagazin Scientific Reports erschienen ist, bestätigt: Auf Flächen, die zehn Jahre Teil des Programms waren, ist die Waldbedeckung 16,5 Prozent höher als auf vergleichbaren Stücken ohne Förderung.

»Aber das Programm hängt von der Regierung ab«, sagt Carabias Lillo. »Es ist wenig Geld pro Hektar, und es bringt Unsicherheit mit sich.« Deshalb suchte sie nach etwas, das stabiler ist, unabhängiger. Die Idee: Ökotourismus.

Rund 45 Millionen internationalen Tourist:innen reisten 2024 nach Mexiko – Platz 6 weltweit. Die Rechnung klingt einfach: Wenn einige von ihnen ihr Geld in nachhaltigen Tourismus stecken, haben Einheimische eine Alternative zur Landwirtschaft. Weniger Rodung, mehr Wald.

Julia Carabias erklärt, wo die letzten Reste des Lacandon-Regenwaldes liegen. Die Gemeinde Marqués de Comillas liegt am Rande des Biosphärenreservat Montes Azules, das 331.000 Hektar tropischen Regenwald schützt.

Aber Tourismus zerstört auch. Im Südosten des Landes wurde gerade der Tren Maya gebaut, eine eigene Bahnstrecke für Tourist:innen. Millionen von Bäumen mussten weichen. Dazu ist Tourismus – besonders durch Luftverkehr sowie Strom-, Gas- und Wasserverbrauch – klimaschädlich: Im Jahr 2024 war er für 8,8 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich. Kann das also funktionieren – Tourismus, der den Regenwald bewahrt?

Aus Landwirtschaft wird Tourismus

Die Internationale Gesellschaft für Ökotourismus (TIES) definiert Ökotourismus als »verantwortungsbewusstes Reisen in Naturgebiete, das die Umwelt schützt, das Wohlergehen der lokalen Bevölkerung fördert und Interpretation und Bildung umfasst.« Viele Forschende sprechen heute lieber von »nachhaltigem Tourismus«, gemessen an den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen. Der Begriff »Ökotourismus« ist ihnen zu schwammig, kann leicht missbraucht werden. Julia Carabias Lillo scheint sich daran nicht zu stören.

Um ihre Idee vom Ökotourismus umzusetzen, analysierten Carabias Lillo und ihre Kolleg:innen: Welche Dörfer haben Potenzial für Tourismus? Welche Gegenden müssen besonders erhalten und aufgeforstet werden? »Wir haben untersucht, wo sich die Hauptkorridore für Tiere befinden sollten, die Waldfragmente miteinander verbinden.« Dann fragten sie die Bewohner:innen nach deren Ideen. Mitmachen konnten die, die Wald in der Gegend besaßen – und bereit waren, ihn zu schützen.

Die Chajul-Forschungsstation ist die Basis, von der aus die Mitarbeitenden von NEM zu den Projekten ausschwärmen.

Entstanden sind fünf Projekte, die heute rund 4.000 Hektar Wald bewahren: ein Campingplatz, ein Hotel, ein Schmetterlings-Projekt, ein Outdoor-Zentrum und ein Restaurant. Alle in verschiedenen Dörfern, nicht weit entfernt von der Forschungsstation Chajul. »Wir wollten diversifizieren«, erklärt Carabias Lillo. »Viele Ökotourismus-Projekte scheitern, weil alle dasselbe machen.«

NEM sagt, die Strategie, den Regenwald mit Tourismus zu schützen, funktioniert. Sie evaluieren das mit Wildtierkameras, verfolgen die Routen von Wildschweinen, Jaguaren, Tapiren. »Daran sehen wir, dass die Tiere durch die Gebiete migrieren, in denen wir arbeiten«, sagt Julia Carabias Lillo. »Das zeigt uns, dass Tourismus keinen negativen Einfluss auf die Fauna hat.« Außerdem wertet die NGO Satellitenbilder aus. Demzufolge schwindet in Dörfern ohne Tourismusangebote mehr Wald als in jenen, in denen NEM arbeitet.

Aber funktioniert der Wechsel von der Landwirtschaft zum Tourismus auch für die Menschen?

Jeden Tag fahren die NEM-Mitarbeitenden von der Forschungsstation Chajul mit dem Boot ins Dorf Chajul – und von dort aus weiter zu den Projekten, die sie in der Gegend betreuen.

Eine Krise nach der anderen

Uriel Alexander Morales Martínez steht am Abgrund. Die Sohle seines Gummistiefels biegt sich da, wo er an der Kante steht. Es kümmert ihn nicht. Er hat nur Augen für den Elsteradler, der zehn Meter vor ihm auf einem Ast sitzt. »So nah habe ich ihn noch nie gesehen«, sagt er, und blickt durch seine Kamera. »Vor allem nicht in Ruhe.« Auf den Felsen, auf dem er steht, führt er regelmäßig Tourist:innen hoch.

Morales Martínez, Anfang 30, braungebrannt, lockige Haare, ist Landwirt, Guide und Leiter des Campingplatzes Tamandua. Den Aufbau des Zeltplatzes hat NEM unterstützt. Er liegt etwa 30 Minuten Fahrtzeit von der Forschungsstation Chajul entfernt. »Anfangs lief es gut«, sagt Morales Martínez. In den ersten zweieinhalb Jahren hatten sie 650 Übernachtungen. Dann kam Corona. Später fielen Drogenkartelle in die Region ein, brachten Gewalt und Unsicherheit. Seitdem bleiben die Tourist:innen aus. »Dieses Jahr kamen bisher kaum Gäste.«

Nachhaltiger Tourismus heißt auch: Er muss die Menschen ernähren. Das kann funktionieren, zeigt eine Studie aus Costa Rica von 2015. Forschende sprachen dort mit Inhaber:innen von Ecolodges, Hotelangestellten und Arbeiter:innen aus anderen Branchen. Das Ergebnis: Wer im Ökotourismus arbeitete, verdiente im Schnitt fast doppelt so viel wie Menschen in klassischen Jobs. Viele Einheimische sahen den Ökotourismus als Chance, ihre Lebensqualität zu verbessern und den Regenwald zu bewahren.

In der Ecolodge Canto de Selva, die mithilfe von NEM entstanden ist, herrscht gähnende Leere. Die Besucher:innen bleiben aus.
In der Ecolodge Canto de Selva, die mithilfe von NEM entstanden ist, herrscht gähnende Leere. Die Besucher:innen bleiben aus.
In der Ecolodge Canto de Selva, die mithilfe von NEM entstanden ist, herrscht gähnende Leere. Die Besucher:innen bleiben aus.
Der Campingplatz Tamandua hat 2025 kaum Gäste empfangen. Lediglich den Gemeinschaftssaal konnten die Betreiber:innen ein paar Mal für Veranstaltungen vermieten.

Auch die Projekte in Marqués de Comillas generierten anfangs Einkommen. Der Gewinn wuchs. Aber seit der Pandemie und dem Drogenkrieg schreiben alle Zentren rote Zahlen.

Erik Aschenbrand, Professor für Internationalen Naturschutz an der Hochschule Eberswalde, sieht darin das Problem: »Tourismus ist keine verlässliche Einnahmequelle, er ist krisenabhängig. Wenn er dann mal boomt und die Menschen davon leben könnten, führt das oft zu Umweltproblemen. Dann strömen viele Menschen auf einmal her, oft auch nur saisonal, für die dann die Infrastruktur da sein muss.«

Genau so ein Boom könnte dem Tamandua-Camp bevorstehen, glaubt Carabias Lillo. Denn das Nest des Elsteradlers, der in den umliegenden Wäldern lebt, ist das einzige, das je in Mexiko registriert wurde. In den vergangenen Monaten hat das Camp deshalb Anfragen von Fotograf:innen aus aller Welt bekommen. Sie wollen unbedingt einen Schnappschuss vom Elsteradler machen – und sind bereit, dafür viel Geld zu zahlen. Julia Carabias Lillo beobachtet das skeptisch: »Sie erwarten, dass der Elsteradler immer anzutreffen ist und dass wir Aussichtstürme dort oben hinbauen, damit sie auf einer Ebene mit der Baumkrone sind.« Morales Martínez habe sie schon gefragt, ob so etwas möglich sei.

Vor ein paar Jahren wurde sein Nest erstmals in Mexiko gesichtet: der Elsteradler.

Seit mehreren Jahren beobachtet der Landwirt Morales Martínez für NEM, wie sich die Tierwelt im Wald rund um das Camp entwickelt, zuletzt überwachte er vor allem das Adlerpaar. Zum Nest der Vögel führt ein schmaler Pfad tief durch den Regenwald. Anfangs markieren pinke Bänder an den Bäumen den Weg, doch bald verschluckt einen der Wald immer mehr. Es riecht modrig und nach Tieren. Brüllaffen hängen in den Baumkronen. Zikaden sirren.

Aussichtstürme würden diese Idylle wohl zerstören. »Und vor allem wären solche Türme gegen das Gesetz«, erklärt Carabias Lillo. Das Allgemeine Gesetz über das Ökologische Gleichgewicht und den Umweltschutz schreibt vor, dass jedes größere Projekt, das die Umwelt oder Ökosysteme schädigen könnte, eine Umweltverträglichkeitsprüfung machen muss. Auch die Projekte, die NEM initiiert und finanziell unterstützt hat, haben diesen Prozess durchlaufen. Deshalb wirft die Organisation ein Auge darauf, dass alle Auflagen eingehalten werden. Türme zur Vogelbeobachtung darf das Tamandua-Camp daher nicht bauen – auch wenn sich Uriel Alexander Morales Martínez mehr Besucher:innen wünschen würde.

Beim Abstieg von den Felsen nutzt der Guide seine Machete wie einen Wanderstock. Nur einmal schlägt er eine Liane zur Seite, die im Weg hängt. Er erzählt, dass das Adlernest im Oktober 2024 wegen Wind und Regen vom Baum gefallen ist. »Aber dem Adlerpaar hat es hier so gut gefallen, dass sie es am selben Ast wieder aufgebaut haben.« Für ihn ist das ein Zeichen, dass Tourismus den Regenwald bewahren kann.

Es ist eine ständige Gratwanderung: Mehr Tourist:innen brächten mehr Geld – Geld, das die Menschen brauchen, um den Wald zu erhalten. Doch zu viele Besucher:innen können die Umwelt belasten. Ob diese Gratwanderung gelingt, hängt vor allem an der Haltung derer, die den Ökotourismus gestalten.

Ökotourismus als Show?

Mit Boot und Auto sind es von der Chajul-Forschungsstation rund 30 Minuten bis zum Gemeindeteil El Pirú. Etwas außerhalb dieses Dorfs führt ein steiler Pfad zu einer Hängebrücke. Dahinter hängen Seilrutschen zwischen massiven Baumstämmen.

Juan Carlos Rios Bautista steht auf einer Plattform im Klettergarten, gut 30 Meter über dem Boden. »Jetzt hier einklinken und vorsichtig ein paar Schritte nach vorne kommen«, leitet er die Besucher:innen an. Er spricht behutsam – als wollte er die wenigen Tourist:innen nicht verschrecken. Er und seine beiden Brüder – ebenfalls Guides – arbeiten seit 2013 im Outdoor-Zentrum Selvaje, zu dem der Klettergarten gehört. »Trotzdem bin ich noch jedes Mal aufgeregt, bevor ich mit der Seilrutsche fahre«, sagt Rios Bautista.

Der älteste der drei Brüder Rios Bautista wartet auf einer der Plattformen im Klettergarten in El Pirú auf die Besucher:innen.

Das Zentrum ist eines der Projekte, die NEM initiiert hat und betreut. Auch hier warten die Mitarbeiter:innen gerade ab, pflegen die Anlagen, hoffen auf mehr Besucher:innen. Dass sie im Moment ohne Gewinn arbeiten, geht nur deshalb, weil sie nicht allein vom Tourismus leben. Wie auch alle anderen Projektbeteiligten bauen sie weiter Mais, Bohnen oder Paprika an – im kleineren Stil und im Idealfall auch nur auf Flächen, die sowieso schon gerodet wurden.

Pedro Joaquín Gutiérrez Yurrita – einer der schärfsten Kritiker von Ökotourismus – betont, wie wichtig es ist, dass die Menschen, denen solche Projekte vorgeschlagen werden, ihre eigentlichen Berufe beibehalten und mit dem Tourismus kombinieren: »Sie müssen ihre Identität, ihre Kultur, ihre Tradition bewahren können. Aber sie können sich diversifizieren: Ein Bäcker beispielsweise kann seine traditionelle Arbeit fortsetzen und sein von Hand gemachtes Brot bei Reisenden bewerben. Hauptsache, sie bauen nichts künstlich auf, von dem sie glauben, dass es das ist, was die Tourist:innen suchen – nur weil viele Agenturen das als ökologischen Tourismus verkaufen.« Von Seilrutschen hält Gutiérrez Yurrita nicht sonderlich viel. Der Biologe und Rechtswissenschaftler lehrt als Professor am Instituto Politécnico Nacional in Mexiko-Stadt und arbeitet seit mehr als 25 Jahren zu Naturschutz, Tourismus und Landschaftsökologie. Er hat schon einige Orte besucht, die verschiedene Arten von Ökotourismus betreiben – auch in Chiapas.

»Dort gibt es, wie in ganz Mexiko, sehr gut ausgestattete Einrichtungen für Wellness- und spirituellen Tourismus – etwa mit Spa oder einem Yoga-Guru«, erzählt er. »Meine Frage ist: Ist es das, was ich in Chiapas suche? Meine Güte, das kann ich auch hier in Mexiko-Stadt haben! Die Leute fliegen viele Kilometer mit dem Flugzeug, verschmutzen die Umwelt mit Benzin und kommen dafür in die natürliche Schönheit von Chiapas? Nein, das ist kein Ökotourismus.« Er ist der Meinung, an vielen Orten Mexikos werde Ökotourismus zu einer Show: »Die Initiatoren und Reiseagenturen schaffen Inszenierungen, ein Theater.« Seinen Beobachtungen zufolge wird dies in der Regel vom Staat oder von externen Investoren unterstützt.

2021 hat Mexiko Richtlinien für ökotouristische Angebote formuliert, die sich zertifizieren lassen wollen: Solche Projekte sollen energieeffizient und regional bauen, Plastik vermeiden und die gesamte Gemeinde einbeziehen. Doch die Zertifizierung ist freiwillig und kostet Geld. Dass es keine verpflichtenden Standards gibt, erhöht die Gefahr von Greenwashing: Googelt man ökotouristische Angebote in Mexiko, stößt man auf Ecolodges, Rafting-Touren oder Heißluftballonflüge. Ein Tourismus also, in dem nicht das nachhaltige Reisen im Vordergrund steht, sondern das Erlebnis der Natur als etwas Wildes, Unberührtes.

All das hat auch mit einem falschen Bild von Wildnis zu tun: eine Wildnis, die weit weg von den Menschen ist, die niemandem gehört. Eine Wildnis, die leicht ausgebeutet werden kann.

In dieser Wahrnehmung von Natur sieht der US-amerikanische Umwelthistoriker William Cronon ein grundsätzliches Problem, das für Entfremdung sorgt. 1995 veröffentlichte er einen Essay mit dem Titel The Trouble with Wilderness; or, Getting Back to the Wrong Nature. Darin argumentiert er, dass Wildnis eine menschliche Erfindung ist, ein Konstrukt, das im 19. Jahrhundert romantisiert wurde – in einer Zeit, in der auch die ersten Nationalparks entstanden. Seiner Meinung nach schafft unsere Vorstellung von Wildnis als vom Menschen unberührte Natur eine Trennung zwischen Mensch und Natur. Für den Tourismus heißt das: Menschen reisen, staunen, machen Fotos – und reisen wieder ab. Es ist das, was passiert, wenn viele im Alltag kaum noch Vögel oder Pflanzen bestimmen können, aber gleichzeitig zu entfernten Nationalparks pilgern, auf einsame Bergspitzen klettern und einen uralten Baum umarmen. All das hat auch mit einem falschen Bild von Wildnis zu tun: eine Wildnis, die weit weg von den Menschen ist, die niemandem gehört. Eine Wildnis, die leicht ausgebeutet werden kann.

Der Biologe und Rechtswissenschaftler Gutiérrez Yurrita findet: Damit Tourismus wirklich nachhaltig ist, muss er verantwortungsbewusst sein. Die lokalen Gegebenheiten müssen erhalten bleiben. Die Tourist:innen passen sich an und lernen von den Einheimischen. Die Einheimischen sollten ihre eigenen Entscheidungen treffen und von den Gewinnen profitieren, bevor die Werbeagenturen ihren Anteil erhalten. »Bisher ist meist das Gegenteil der Fall«, sagt Gutiérrez Yurrita.

Dazu sollten Naturschutzgebiete nur mit Guides besucht werden und die Besucherzahl sollte strikt begrenzt sein. »Ich wollte vor vielen Jahren einmal einen geschützten Naturpark in Spanien besuchen, um einen damals seltenen Baum – Abies pinsapo – zu sehen. Inzwischen sind die Regeln lockerer, aber damals durften täglich nur acht Menschen in diesen Park und man musste vorab Termine anfragen«, erzählt er. »Mir wurde einer für drei Monate später angeboten. Und das ist gut so.« Jede andere Art von Tourismus schadet seiner Meinung nach den Gemeinden, den Tieren, der Natur.

Was kann Ökotourismus bewegen?

Ökotourismus ist kein Allheilmittel: Die Projekte von Natura y Ecosistemas Mexicanos bringen derzeit nicht die Einnahmen, die sich die Beteiligten erhofft hatten. Auch dort, wo NEM arbeitet, geht die Abholzung weiter – weniger stark, aber sie existiert. Das zeigen die von Science Notes ausgewerteten Daten. Längst nicht alle Einheimischen sind vom Tourismus überzeugt: Einige Menschen setzen weiter auf Landwirtschaft, Plantagen oder Viehhaltung. Um den Regenwald zu retten, braucht es also mehr als Ökotourismus: ein Gesamtpaket aus Schutzzonen, Aufforstung, finanziellen Anreizen, Überwachungsmechanismen und nachhaltiger Landwirtschaft.

Doch die ausgewerteten Daten zeigen einen Gemeindeteil, der heute kaum noch Wald für die Landwirtschaft rodet: El Pirú, der Ort mit den Seilrutschen. Es ist das einzige Dorf, in dem alle Bewohner:innen am NEM-Projekt teilgenommen haben.

Der Grund, warum die Menschen dort ihren Wald nicht mehr roden: Sie sind stolz auf das, was sie aufgebaut und gelernt haben. Vor Kurzem hat der Kletterguide Juan Carlos Rios Bautista auf den Videos der Wildtierkameras in El Pirú einen Jaguar mit seinen zwei Jungen entdeckt. Er wirkt gerührt, als er davon erzählt, zeigt das Video allen, die es sehen wollen. »Früher wussten wir nichts über diesen Wald«, sagt er. »Jetzt lernen wir stetig dazu.«

Juan Carlos Rios Bautista hat jahrelang als Landwirt gearbeitet, bevor er Kletterguide wurde.

Die Ökotourismus-Projekte bringen zwar nicht genug Geld. Aber sie schaffen etwas anderes: eine Verbindung zur Natur – weniger für die Reisenden als für die Beteiligten selbst. Erik Aschenbrand von der Hochschule Eberswalde sagt: »Heutzutage fehlt es uns nicht an Interesse an der Natur, sondern vor allem an Skills, an Kompetenzen, die wir durch den Umgang mit der Natur entwickeln.« Ein Beispiel dafür sei Angeln: »Da entwickeln wir eine Bezugnahme und bauen Wissen und dadurch eine Beziehung zur Natur auf. Ich glaube, wenn wir die Natur schützen wollen, braucht es diese Beziehung.«

Hinter dem Klettergarten in El Pirú blubbern mehrere heiße Quellen, ihr Schwefelgeruch weht durch den Wald. Als ein Vogel zwitschert, kramt der älteste der drei Kletterguides ein Vogelbestimmungsbuch aus seinem Rucksack: der Rotschwanz-Glanzvogel. Er hat ihn an seinem Gesang erkannt.

Eine Studie aus dem Fachmagazin Earth zeigte kürzlich, dass die Verbindung der Menschen zur Natur seit dem Jahr 1800 um 60 Prozent zurückgegangen ist. Das ergab ein Simulationsmodell anhand von Daten zur Urbanisierung, zur geographischen Nähe der Menschen zur Natur und zur transgenerationalen Weitergabe von Naturverbundenheit.

Wenn wir lernen, mit der Natur und in ihr zu leben, bauen wir auch deshalb eine Beziehung zu ihr auf, weil wir anerkennen: Die Wildnis ist nicht so fern und unberührt, wie wir dachten. Es ist nicht »Mensch vs. Wildnis«. Sondern der Mensch als Teil der Natur, der Verantwortung für ihren Schutz übernimmt.

Fragt man die Brüder Rios Bautista, ob sie in diesen Zeiten, in denen kaum Tourist:innen kommen, die Flächen nicht doch lieber für die Landwirtschaft nutzen wollen, dann wird es still. Sie zögern.

»Ich sehe es so«, sagt der Älteste von ihnen nach einer Weile. »Das Einzige, was in diesem Leben sicher ist, ist, dass wir sterben. Wenn ich sterbe, dann will ich etwas hinterlassen, das bleibt.

Und was wäre das, wenn nicht dieser Wald?«

 

Transparenzhinweis: Der Text ist im Rahmen einer Reise mit der Organisation Natura y Ecosistemas Mexicanos und des Stipendiums IJP (Internationale Journalistenprogramme) entstanden. Unterkunft und Verpflegung wurde von NEM gestellt. Die Autorin berichtet frei und unter Einhaltung ihrer berufsethischen Normen.

Dieser Text ist Teil des Schwerpunkts Gute Reise im Dezember 2025.

Quellennachweise

  • Aschenbrand, E., Michler, T. (2022). Exploring Connections Between Tourism and Forest Conservation.In: Berr, K., Jenal, C. (eds) Wald in der Vielfalt möglicher Perspektiven. RaumFragen: Stadt – Region – Landschaft. Springer VS, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-33705-6_12
  • Carabias, J., R. Cadena, E. Castro y S. Arriaga (coords.), 2025. Rutas hacia la sustentabilidad. Conservación y bienestar en la Selva Lacandona. México, Natura y Ecosistemas Mexicanos.
  • Charoud, H., Villamayor-Tomás, S., Izquierdo-Tort, S., Chávez, W., Pérez-Teso, M. A. & Camacho, P. (2023). Sustained participation in a Payments for Ecosystem Services program reduces deforestation in a Mexican agricultural frontier. Ecological Economics, 212, Article 10724165. https://doi.org/10.1016/j.ecolecon.2023.10724165
  • Cronon, W. (1995). The Trouble with Wilderness; or, Getting Back to the Wrong Nature. In W. Cronon (Hrsg.), Uncommon Ground: Rethinking the Human Place in Nature(S. 69–90). W. W. Norton & Co. https://www.williamcronon.net/writing/Cronon_Trouble_with_Wilderness_1995.pdf
  • de la Maza, J., Carabias, J., Ruiz, L., Mastretta, A. y Valdez, V. (2015). Ecoturismo para la conservación: Bases para el desarrollo ecoturístico en el municipio Marqués de Comillas, Selva Lacandona, Chiapas. Ciudad de México, México: Natura y Ecosistemas Mexicanos, A.C.
  • Hunt, C. A., Durham, W. H., Driscoll, L. & Honey, M. (2015). Can ecotourism deliver real economic, social, and environmental benefits? A study of the Osa Peninsula, Costa Rica. Journal of Sustainable Tourism, 23 (3), 339–357. https://doi.org/10.1080/09669582.2014.965176
  • Medina, E. & Gutiérrez-Yurrita, P. J. (2016). El ecoturismo en México. Análisis crítico y tendencias para su desarrollo. Consejo de Ciencia y Tecnología del Estado de Guanajuato. https://gc.scalahed.com/recursos/files/r161r/w25416w/ec303.pdf
  • Nations, J. D. (2023). Lacandón Maya in the Twenty-First Century: Indigenous Knowledge and Conservation in Mexico’s Tropical Rainforest. University Press of Florida.
  • Richardson, M. (2025). Modelling Nature Connectedness Within Environmental Systems: Human-Nature Relationships from 1800 to 2020 and Beyond.Earth, 6(3), 82. https://doi.org/10.3390/earth6030082
  • Secretaría de Gobernación. (1988). Ley General del Equilibrio Ecológico y la Protección al Ambiente (Última reforma: 24. Januar 2024). Diario Oficial de la Federación. https://www.ordenjuridico.gob.mx/Documentos/Federal/html/wo83191.htm
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  • Sun, Y. Y., Faturay, F., Lenzen, M., Malik, A., Geschke, A., Nižetić, S., Poljanšek, K., Dwyer, L. & Cazcarro, I. (2024). Drivers of global tourism carbon emissions. Nature Communications, 15, 10384. https://doi.org/10.1038/s41467-024-54582-7

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