Reisen heißt, sich bewegen – und manchmal reicht es schon, die Grenzen im eigenen Kopf zu überqueren. Drei Expeditionen durch das Reich der Träume und Erinnerungen.

Text
Stefanie Uhrig & Bernd Eberhart & Ulrike Prinz

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Joseph Klingenberg
Sebastian Obermeyer
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In der Fantasie
Text von Stefanie Uhrig

In der Fantasie sieht Nora ihr Leben in einer besseren Version: Sie hat viele Freunde, ist mutig und talentiert. Aber was bleibt übrig, wenn sie in die Realität zurückkehrt? Am Ende des Tages ist sie ihren eigentlichen Zielen keinen Schritt nähergekommen.

Torben hat sein Studium aufgegeben, er verbringt nun den ganzen Tag in einer Traumwelt. Wie ein Held aus Herr der Ringe erlebt er dort Abenteuer mit In Leslies Kopf entstehen keine Wunschwelten. In ihren Gedanken erlebt sie, wie ihre Kinder in einem Autounfall sterben. Und viele andere grässliche Szenen, die sie nicht abstellen kann.
Eli Somer hat keine lebhaften Tagträume. Dennoch ist er für all diese Menschen bedeutsam: Der Psychologe hat ihr Leiden 2002 zum ersten Mal benannt, als Maladaptive Daydreaming (MD), das »extensive Fantasieren, das menschliche Interaktionen ersetzt und/oder die akademische, zwischenmenschliche oder berufliche Funktionstüchtigkeit beeinträchtigt.«
Gefahren, fantastischen Wesen und ausgeklügelten Handlungssträngen.

»Dann hör eben auf mit dem Tagträumen«

Wichtig ist dabei: Die Tagträume müssen negative Konsequenzen haben. Ansonsten ist gegen das Abtauchen in Fantasiewelten nichts einzuwenden. Oft tritt MD aber gemeinsam mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Sozialphobien auf und ist schwer davon zu trennen. In der Medizin gibt es eine Diskussion darüber, ob MD eine eigenständige Krankheit oder einfach eine Begleiterscheinung von anderen psychischen Störungen ist. Viele Ärzt:innen raten Patient:innen mit MD nur: »Dann hör eben auf mit dem Tagträumen«. Doch das ist nicht leicht. Die Träume haben ein starkes Suchtpotenzial und sie sind, anders als Drogen, immer verfügbar – man kann sich jederzeit in Gedanken flüchten.
Antidepressiva scheinen manchen Betroffenen zu helfen. Somer untersucht zudem, ob Achtsamkeits-Trainings das zwanghafte Tagträumen eindämmen könnten. Doch noch ist die Studienlage zu dünn für eine klare Therapieempfehlung.

Viele Betroffene möchten ihre Fantasien auch gar nicht ganz aufgeben. Sie wüssten nicht, wer sie ohne sie sind.


Dieser Duft, angeweht von irgendwo
Text von Bernd Eberhard

Dieser Duft, angeweht von irgendwo, knallt in mein Gehirn und lässt eine ganze Lichterkette an Erinnerungen erstrahlen – sie alle tragen einen Namen: Sonja! Dieser Duft nimmt mich mit auf eine Reise in meine Vergangenheit, zu schäbigen Sofas im Schummerlicht, zu Nirvana-Songs aus dumpfen Boxen und dem klebrigen Geschmack von Baileys ohne Eis auf unseren Zungen.

Diese unmittelbaren Erinnerungen, die Gerüche in uns auslösen können, verlangen eine Erklärung. Oft wird die Hirnanatomie genannt: Von den Riechzellen in der Nase führen die Riechnerven in den Riechkolben. Dieser liegt hinter der Stirn, gleich oberhalb der Nase, und sei über die Riechbahn direkt verbunden mit Hirnregionen, die der Emotionsverarbeitung und der Erinnerung dienen. Diese Express-Verbindung, so die Theorien, erkläre den Effekt.

»Alles erinnert uns doch an alles – Stimmen, Geräusche, Melodien …«

Der Duft-Forscher Luca Turin findet, diese Erklärung sei »neuroscience nonsense« – als Neurowissenschaft getarnter Unsinn. Der Biophysiologe entwickelte eine vielbeachtete Theorie zur Geruchsrezeption, arbeitete für die Parfümindustrie und forscht nun als Professor an der University of Buckingham. Das mit der Vernetzung im Gehirn, sagt Turin, »das ist wie mit der Londoner U-Bahn: Wenn ich in Euston einsteige, bin ich verbunden mit King’s Cross, klar. Aber eben auch mit allen anderen Stationen im Netz.«

An einen anatomischen Direktzugang für Gerüche zu Gefühlen und Erinnerungen glaubt Turin nicht: »Alles erinnert uns doch an alles – Stimmen, Geräusche, Melodien …« Was Gerüche so besonders mache, sagt Turin, sei, dass sie so spezifisch sind. Über 1.000 verschiedene Duftrezeptoren sind bekannt, ein Geruch setzt sich aus unzähligen Details zusammen. »Ein Duft muss den Nagel ganz genau auf den Kopf treffen, um eine Erinnerung auszulösen.« Und das, sagt Turin, sei eher selten.

Und wäre die Erinnerung etwa an einen bestimmten Pop-Song geknüpft, hätte man den in der Zwischenzeit wahrscheinlich schon etliche Male im Radio gehört. Der Erinnerungseffekt hätte sich längst abgenutzt. »Aber, wer weiß«, überlegt Turin, »hätte das Mädchen damals vielleicht eine Kette getragen, die eine ganz besondere Melodie spielt …« Sonja! Diese Melodie, angeweht von irgendwo…


Wenn Yanomami träumen
Text von Ulrike Prinz

Wenn Yanomami träumen, bleibt ihr Körper in der Hängematte liegen, während sich das »Bild« (utupë) vom Körper löst. Nachts entfaltet sich das Bild und tritt in Kontakt mit Geistwesen, die den Kosmos der Yanomami, der größten indigenen Volksgruppe Südamerikas bevölkern. Sie leben im Regenwald im Süden Venezuelas und im Norden Brasiliens. Doch ihr Traumbild kann an ferne und unbekannte Orte wandern, sogar bis in die Städte Manaus oder São Paulo.
Die Schamanen der Yanomami, die spirituellen Führer, können sogar noch mehr: Mit der Schnupfdroge Paricá reisen sie in andere Welten und treten in Kontakt mit Geistern des Waldes und Totengeistern. Während sich die normalen Träumenden auf der »terrestrischen« Ebene bewegen, die wir als unsere Realität bezeichnen, durchstreifen die Schamanen die verschiedenen Himmelsebenen ihres Kosmos oder steigen hinab in die Unterwelt. Dort sammeln sie Kenntnisse über das Leben und über den Ursprung von Krankheiten. Wiederholen sich die Träume der Schamanen, werden sie zu Mythen und bedeutsam für die gesamte Gesellschaft.

Die materielle Welt der Körper verlassen zu können, schafft einen Perspektivwechsel.

Die Träume der Yanomami formen ihre Kultur: Im Traum nämlich erleben die Amazonas-Indigenen andere Welten, die ihnen wiederum aus Mythen bekannt sind. Was in diesen Welten passiert, ist für sie real oder wird noch eintreten.

Die nächtlichen Erfahrungen und Begegnungen nähren so die Ideen der Yanomami über die Beschaffenheit der Welt. Dabei sind Tag und Nacht – Wachzustand und Traum – keine Gegensätze, »in Wirklichkeit sind sie miteinander verbunden wie in einer Endlosschleife. Deshalb gibt es auch keine klare Unterscheidung zwischen Körper und Seele«, sagt die Ethnologin Hanna Limulja, die über die Träume der Yanomami geforscht und ihre Sprache gelernt hat.

Die materielle Welt der Körper verlassen zu können, schafft einen Perspektivwechsel. Und es ist eine Kunst, die gelernt sein will. Genau das gelinge den Weißen nicht, ihre Beziehung zur Welt verharre im Materiellen, in ihrer Warenwelt, sagt der Yanomami-Schamane Davi Kopenawa: »Sie schlafen viel, aber träumen immer nur von sich selbst.«

Text
Stefanie Uhrig & Bernd Eberhart & Ulrike Prinz

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Joseph Klingenberg
Sebastian Obermeyer
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