Thema
Tiefe Wasser

Text
Michaela Vieser

Gestaltung
Lenni Baier

Für immer da unten

Der Tiefseeboden ist ein Archiv: Was herunterfällt, bleibt liegen. Michaela Vieser liest für uns in den Spuren lang vergangener Zeit.

Vor 18.000 Jahren bewegten sich die mächtigen Gletscher Nordeuropas Richtung Meer. Dabei rissen sie Felsen aus dem Land und trugen sie mit sich fort. Wenn das Eis das Meer erreichte, brachen Teile der Gletscherzunge ab und trieben davon. Auf ihrem Weg nach Süden fielen Findlinge, auf Englisch dropstones, noch immer an den Unterflächen der Eisberge verhaftet, senkrecht hinab. In der endlosen Öde des Meeresbodens blieben sie liegen.

Heute sind sie Heimat für Lebewesen, die Halt suchen: Muscheln, Anemonen, Moostierchen. Auf den von den Mahlkräften der Gletscher abgerundeten Felsstücken und um sie herum entstanden neue Lebensräume.

Findlinge sind aber nicht die einzigen Spuren, die jahrtausendealte Eisberge hier unten hinterlassen haben. Manche Gletscherfragmente hatten die Größe ganzer Städte. Entlang der schottischen Küste sind ihre Kratzspuren noch immer im Sediment zu sehen: lange Furchen, wo die Unterseite des Eises den Meeresboden aufschürfte. Manchmal malten sie kreisförmige Linien: Hier hob die Flut die Eisberge an, drehte sie, trieb sie weiter. Aus ihnen können wir heute den damaligen Meeresspiegel, den Unterschied der Gezeiten und die Verlangsamung der Zeit an diesem fernen, kargen Ort ablesen.

Wie die Eisberge bewegen sich Menschen, Tiere, Seetangteppiche und Müllstrudel mit den Wellen der sieben Weltmeere. Was hier versinkt, hinterlässt Spuren, die Jahrhunderte, Jahrtausende in dieser Tiefe, auf dem Grund des Meeres überdauern.

Der typische Inhalt eines Schleppnetzes, das im Nordatlantik durchs Meer zieht: eine Dose Stella Artois-Bier, Glasflaschen unbekannten Alters, Plastikverpackungen, ein zerbrochenes Stück Auflaufform. Dazwischen: runde schwarze Steine, faustgroß. Klinker, oder Schlacke. Im Zeitalter der Dampfschifffahrt, also im 19. und frühen 20. Jahrhundert, wurden die Verbrennungsrückstände aus dem Maschinenraum einfach über Bord geworfen. Der schwere und kompakte Klinker sank direkt auf den Meeresboden. Wie die Kieselsteine in Hänsel und Gretel markieren sie heute die Passagen der alten Schifffahrtsrouten und häufen sich an Stellen, an denen einst reger Verkehr herrschte. Entlang des Suezkanals besteht fast die Hälfte aller anorganischen Materialien, die in Netzen gefunden werden, aus Rückständen von verbrannter Kohle. Klinkerpfade, die stillen Spuren vergangener Seefahrrouten.

In den Ozeanen befinden sich Millionen Tonnen Müll. Nicht alles davon sinkt zu Grunde. Verlorene Fischereigeräte können zu Geisternetzen werden, in denen sich Tiere verfangen, die niemand je herauswickeln wird. Andere dieser Utensilien werden Teil des Great Pacific Garbage Patch, der seit Jahrzehnten alles in einem Müllteppich von gigantischem Ausmaß bindet. Schwimmt eine Plastiktüte dagegen allein im Meer herum, ist sie früher oder später dazu bestimmt, zu versinken.

Etwa 70 Prozent aller Kunststoffe landen auf dem Meeresgrund. Das anorganische Material zerfällt wie alles andere auch zu Meeresschnee – den tausenden von Partikeln einst lebender, heute aber immer öfter von Menschen fabrizierter Materie, die durch die Wassersäule schweben. So gelangen die Kunststoffe in den Nahrungskreislauf. Größere Fetzen sinken vollständig: Ähnlich wie Steppen-Büschel, die vom Wind über die Prärie geweht werden, trägt die Strömung sie über die weiten Tiefseeebenen. Die Reise der Plastiktüte endet oft in den Tiefseeschluchten der Unterwasserlandschaften. Wissenschaftler:innen berichten von Sichtungen im Mariannengraben, dem mit etwa 11.000 Metern tiefsten Punkt der Ozeane.

Dann ist da noch der Tod.

Wenn das Leben auf dem offenen Meer endet, erreichen die Überreste selten den Meeresgrund. Nur die Kadaver großer Säugetiere sinken so tief hinab. Dort unten werden sie zu einem Walsturz, einer Oase des Überflusses. Über Jahrzehnte hinweg laben sich daran Tintenfische, knochenfressende Würmer und Bakterien, deren Stoffwechsel auf Schwefelverbindungen angewiesen sind. Sie verzehren alles bis hin zu den Fetten in den Knochen. Jede Phase der Zersetzung eines Walsturzes bietet die Chance für eine weitere Ansiedlung von Tieren und die Entstehung neuer Lebensräume. Es heißt, dass derzeit rund 700.000 Walstürze auf dem Meeresgrund liegen und die Routen markieren, auf denen Säugetiere damals wie heute herumziehen. Sie selbst haben sich einmal dem Meer angepasst. Nun nähren sie die Bewohner der dunkelsten Stellen des Ozeans.

Doch nicht alle Objekte verlieren sich in der Tiefe. Manche wurden absichtlich dort platziert: Tiefseekabel etwa. Im Jahr 2025 würden alle diese Kabel aneinandergereiht den Durchmesser der Sonne erfassen. Daten werden damit zwar nicht mit Lichtgeschwindigkeit versendet, erreichen aber ihre Empfänger:innen und ermöglichen die digitale Revolution. Unterwasser-Erdrutsche, seismische Aktivitäten, Anker-Unfälle und Sabotage können diese Infrastrukturen beschädigen. Sind die Schäden irreparabel, bleiben die Kabel ungenutzt in der Tiefsee zurück. Mit der Zeit verwandeln sich ihre harten Oberflächen in neue Lebensräume für Meeresbewohner.

Eines Tages in der Zukunft könnte eine andere Zivilisation in die Tiefe hinabtauchen und die Reste dieser digitalen Lebensadern entdecken. Welche Schlüsse über uns werden sie aus diesem erdgeschichtlichen Archiv ziehen?

Dieser Text ist Teil des Schwerpunkts Tiefe Wasser im Januar 2026.

Quellennachweise

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