Thema
Tiefe Wasser

Text
Michaela Vieser

Foto
Michaela Vieser

Gestaltung
Lenni Baier

Auf hoher See: Mikrokosmos Forschungsschiff

Wie erlangen wir neues Wissen über die Tiefsee? Unsere Autorin Michaela Vieser fuhr bei einer Expedition im Atlantik mit. Sie traf auf Forschende, die das Leben auf engstem Raum bewältigen – und eine Mannschaft, die Wissenschaft erst möglich macht.

Unser Zuhause für die nächsten drei Wochen ist die vierte Generation der legendären RSS Discovery, das weltweit erste Schiff, das speziell für Forschungsmissionen ausgestattet wurde. Ihr dynamisches Positionierungssystem erlaubt ihr eine punktgenaue Ausrichtung, sie könnte beispielsweise genau auf dem Äquator fahren.
Unser Zuhause für die nächsten drei Wochen ist die vierte Generation der legendären RSS Discovery, das weltweit erste Schiff, das speziell für Forschungsmissionen ausgestattet wurde. Ihr dynamisches Positionierungssystem erlaubt ihr eine punktgenaue Ausrichtung, sie könnte beispielsweise genau auf dem Äquator fahren.

Drei Wochen. So lang werden wir mit dem Forschungsschiff RRS Discovery vom Festland entfernt sein. Wir, das sind Wissenschaftler:innen, Ingenieur:innen, Besatzungsmitglieder und ich – die Journalistin.

Jede:r von uns bereitet sich auf seine Weise auf die Zeit auf dem Atlantik vor: Veerle, die leitende Wissenschaftlerin, bringt ein Glas Honig vom Bienenstock ihres Bruders mit. Sie hat mehr als 40 Expeditionen hinter sich und weiß, was uns erwartet: Nach der zweiten Woche, wenn in der Küche alle frischen Lebensmittel aufgebraucht sind und Herbstwind und Wetter ihren Tribut fordern, wird der Honig Erkältungen lindern. Trish, eine der Ingenieur:innen, hat eine kleine robuste Topfpflanze eingepackt, um sich zu erden. Graham, der zweite Offizier, nimmt eine DVD mit einem Video von einem flackernden Kaminfeuer und eine Lichterkette mit, die er um seinen Fernsehbildschirm schlingen wird. Während die Wissenschaftler:innen und Ingenieur:innen Mitte Oktober wieder von Bord gehen, wird er als Besatzungsmitglied auch Weihnachten hier erleben. Ich habe eine Flasche Rosenöl dabei, das ich abends in meine Haut einmassiere. Ich werde unruhig, wenn ich auf engem Raum festsitze.

Im September 2025 wurde ich vom britischen National Oceanography Center (NOC) eingeladen, ihre DY200-Expedition zu begleiten. Veerle nennt es eine »Frankenstein Mission«, weil so viele unterschiedliche Dinge untersucht werden sollen. Die Expedition führt uns in den Atlantik, in das Gebiet um den Whittard Tiefseecanyon, der sich über eine Fläche von 5.200 Quadratkilometer zwischen Irland, Großbritannien und Frankreich erstreckt. DY200, das steht für »Discovery 200«– es ist die zweihundertste Reise des Forschungsschiffs RRS Discovery.

 

Captain Steward spielt jeden Vormittag mit der Mannschaft in der Gemeinschafts-Tee-Küche eine Runde Sudoku aus dem »Unterhaltungsheft«, das von der Reederei täglich gefaxt wird. So hält er eine gute Verbindung mit allen an Bord.
Captain Steward spielt jeden Vormittag mit der Mannschaft in der Gemeinschafts-Tee-Küche eine Runde Sudoku aus dem »Unterhaltungsheft«, das von der Reederei täglich gefaxt wird. So hält er eine gute Verbindung mit allen an Bord.


Das Schiff

Die RRS Discovery hat die Ästhetik eines protestantischen Fortbildungszentrums kombiniert mit dem Interieur eines apokalyptischen Bunkers. Alles ist funktional, nichts ist schön. Rechte Winkel, enge Flure, steile Treppen. Blau, Beige und Kirschholz prägen die Oberflächen im Innenraum. Plastikbehälter von Tees und Keksen erhalten ein zweites Leben zur Werkzeugaufbewahrung, als Stiftehalter oder Zuckerdosen. Rohre und Elektrokabel verlaufen offen entlang der Decken und Wände, Frachtkisten sind im Inneren des Schiffes festgezurrt.

In einigen der Gemeinschaftsräume hängt ein Bild von Queen Elizabeth, den neuen Regenten sehe ich nirgends. Es ist die vierte Generation des ersten königlichen Forschungsschiffs des Britischen Empire und eine Krone ziert sein Logo. In einem Kiosk an Bord gibt es neben Zahnbürsten, Kaugummis und Schokolade auch Kapuzenpullis und Tassen mit Logo-Druck zu kaufen. Spätestens nach zwei Wochen läuft jeder damit rum. Die RRS Discovery ist weit über die Forschungsgemeinschaft hinaus bekannt: Von 1901 bis 1904 segelten Ernest Shackleton und Robert Falcon Scott mit ihr in die Antarktis. Sie sichteten die erste Kaiserpinguinkolonie, erkundeten das Polarplateau, fuhren mit ihren Hundeschlitten über dessen Eiskruste und berechneten die Position des südlichen Magnetpols. Nach ihrer Rückkehr waren sie berühmt und wurden weltweit als Helden gefeiert.

Auf den Rat des norwegischen Polarforschers Fridtjof Nansen nahm die die ursprüngliche RSS Discovery im Jahr 1904 auf ihre Expedition 25 sibirische Schlittenhunde mit an Bord. Alle starben an falscher Ernährung. Der Expeditionsleiter Robert Falcon Scott fand schon vorher den Transport von Versorgungsschlitten durch Menschen eleganter.
Auf den Rat des norwegischen Polarforschers Fridtjof Nansen nahm die die ursprüngliche RSS Discovery im Jahr 1904 auf ihre Expedition 25 sibirische Schlittenhunde mit an Bord. Alle starben an falscher Ernährung. Der Expeditionsleiter Robert Falcon Scott fand schon vorher den Transport von Versorgungsschlitten durch Menschen eleganter. Bild: National Maritime Museum, Greenwich, London

In den letzten 120 Jahren hat sich viel verändert, und nur wenige Menschen werden von unserer Expedition, der DY200, erfahren. Die wissenschaftliche Neugier hat sich von der Expansion zur Beobachtung und Bestimmung von oft unsichtbaren Phänomenen, Prozessen und Dynamiken verlagert. Wo wir einst nach neuen Kontinenten suchten, interessieren uns heute winzige Partikel, DNA oder Bakterien.

Auch bei der Technik hat sich viel getan: Während unserer Expedition informiert eine Armada von Monitoren über jede Laune des Wetters, des Meeres und des Schiffes. Auf anderen Bildschirmen sehen wir uns selbst: »Ihr würdet nicht glauben, an welchen Orten sie hier Überwachungskameras angebracht haben«, sagt Graham, der Zahlmeister. Wenn menschliche Einschätzungen versagen und Unfälle geschehen, können die Aufzeichnungen bei der Aufklärung helfen.

 

Die Anderen und ich

Gleich an meinem ersten Tag auf See nehme ich an einer Rettungsübung teil, bei der ich lerne, mit so wenig Hektik wie möglich das Schiff zu verlassen (in Rettungskapseln, die so stark nach Plastik riechen, dass mir schon beim Reinschnuppern schlecht wird). Zahlmeister Graham gibt mir außerdem eine Führung durch die Waschküche – und erinnert mich dreimal daran, dass Flusen in den Filtern der Waschmaschine Feuer fangen können. »Wie peinlich«, sagt er, »wenn wegen deiner Flusen der Feueralarm ausgelöst würde«. Graham ist so etwas wie ein Hotelmanager an Bord: Er kümmert sich um die Besatzung und alles Organisatorische, das nicht mit Wissenschaft, Technik oder der Navigation zu tun hat.

Auf den Bildschirmen sehen wir uns selbst und jeden Winkel des Schiffs. Mit der Zeit finde ich heraus, wo keine Kameras sind: dort wird geboxt, Yoga geübt, mit aufgebocktem Speed-Rad trainiert.
Auf den Bildschirmen sehen wir uns selbst und jeden Winkel des Schiffs. Mit der Zeit finde ich heraus, wo keine Kameras sind. Dort wird geboxt, Yoga geübt, mit aufgebocktem Speed-Rad trainiert.

Vom Kapitän erhalte ich gleich die nächste Lektion: über den respektvollen Umgang auf hoher See. Dafür steckt er einen USB-Stick mit Lehrvideo in den Computer im Konferenz-Raum und alle 53 Mitglieder der Besatzung schauen zu. Im Video geht es darum, wie man den persönlichen Freiraum jedes Einzelnen respektiert, wie man akzeptiert, dass Menschen nicht immer gesellig sein wollen und wie man niemanden mit einem vermeintlich harmlosen Witz verletzt. Das ist wichtig, denn ein Forschungsschiff ist Arbeitsplatz und Zuhause in einem. Sobald ich meine Kabine verlasse, bin ich umgeben von Menschen.

Auf meinem Schreibtisch finde ich eine Broschüre über »Seafarer Fatigue«, die Erschöpfung von Seeleuten. »Achten Sie auf Ihre Kollegen«, heißt es darin. Seeleute sind aufgrund langer Schichten, angespannter Situationen und Schlafmangel anfällig für Überlastung. Das kann zu Depressionen, Isolation und Unfällen führen. Graham, der Zahlmeister, hat einen guten Weg gefunden, regelmäßig die psychische Gesundheit der Crew zu überprüfen: Bei jeder Mahlzeit steht er hinter der Essensausgabe. »Hey, Michaela«, tönt es mir schon morgens um sieben Uhr dreißig beim Frühstück entgegen. »Na, wie geht es so?« Ein kurzer Blickkontakt, und er weiß Bescheid. Auch der Kapitän beginnt die täglichen Meetings mit den Worten: »Wie steht es um Euer aller Wohlbefinden?«

Drei Mal täglich treffen sich alle in der Messe zum Essen. Die ersten zwei Wochen gibt es täglich frischen Salat und Obst. Dann mehr Bohnen, Sauerkraut, tiefgefrorene Beeren.
Drei Mal täglich treffen sich alle in der Messe zum Essen. Die ersten zwei Wochen gibt es täglich frischen Salat und Obst. Dann mehr Bohnen, Sauerkraut, tiefgefrorene Beeren.

Die Wissenschaftler:innen an Bord haben mich voll eingeplant: Jeden Morgen um 4 Uhr beginnt meine Schicht, sie endet um 16 Uhr. Nicht alle haben so viel Glück, die Hälfte des Wissenschaftsteams muss von 16 Uhr bis vier Uhr morgens arbeiten. Ich bekomme einen Crash-Kurs im Erstellen von Unterwasserlandkarten und vermerke die verschiedenen Tiere, die unseren Kameras auf dem Meeresboden begegnen. Damit diese Expedition gelingen kann, wird jede Hand an Bord gebraucht.

Nach einer Woche warnt mein Schrittzähler: »Sie machen weniger Schritte als gewöhnlich«. Stattdessen steigt meine Treppensteigzahl. An einem durchschnittlichen Tag sind es 22 Stockwerke.


Die Forschung

Teil 1: Ab in die Tiefe

Jeden Morgen tauchen wir in die Tiefe. Genau genommen tauchen nicht wir selbst, sondern die an einem Metallrahmen befestigte Kamera, ein Gerät namens SeaSpyder. Wir lassen sie von der Seite des Forschungsschiffs in die Dunkelheit des Ozeans hinab und ziehen sie mit uns durch das Wasser. Während der SeaSpyder immer tiefer sinkt, lehnen wir uns in unseren Bürostühlen im Labor zurück. Unsere Augen sind auf den Bildschirm gerichtet, auf dem die Kameraaufnahmen zu sehen sind; wir gleiten in ein anderes Universum. Partikel treiben vorbei, Phytoplankton, Krill und Meeresschnee. Manchmal taucht eine Salpe oder eine Qualle auf. Auf einem anderen Bildschirm an der gegenüberliegenden Wand sehen wir, wie die Hauptwinde des Schiffes langsam jeden Meter der neun Kilometer langen Glasfaser abrollt: die Lebensader, die die Kamera mit dem Bildsystem verbindet. Luke, einer der Windentechniker, hält eine Fernbedienung mit Drehköpfen, Tasten und Schiebereglern in den Händen. Seine Aufgabe ist es, den SeaSpyder genau 1,40 Meter über dem Meeresboden zu halten.

Luke und Martin steuern den SeaSpyder, die Unterwasserkamera. Es ist früh morgens, 4 Uhr, und die beiden wechseln sich alle dreiviertel Stunde ab. Martin kann super Rollschuh fahren und Luke Haken schmeißen, um Geräte, die über Bord gehen, wieder aus den Wellen einzuholen.
Luke und Martin steuern den SeaSpyder, die Unterwasserkamera. Es ist früh morgens, 4 Uhr, und die beiden wechseln sich alle dreiviertel Stunde ab. Martin kann super Rollschuh fahren und Luke Haken schmeißen, um Geräte, die über Bord gehen, wieder aus den Wellen einzuholen.

In einer Tiefe von etwa 350 Metern erreichen wir den Grund des Dangeart-Interfluves, eines schmalen, plateauartigen Gebiets, das zwei Täler des Whittard-Tiefseecanyons miteinander verbindet. Der Meeresboden hier besteht aus hafermehlfarbenem Sediment und sonst nicht viel mehr. Er sieht aus wie der schlammige Uferbereich eines Sees oder wie die sich endlos erstreckende Gleichförmigkeit einer Wattlandschaft. Joe, der Techniker, muss alle 30 Sekunden den Auslöser der Kamera drücken, um einen Schnappschuss dieser kargen Meereslandschaft festzuhalten. Er hat einen Wecker gestellt, der ihn daran erinnert, falls er in Gedanken abschweift. Wir anderen vier sitzen herum und beobachten. Eine von uns protokolliert, was wir sehen: Riffelungen im Meeresboden. Riffelungen. Noch mehr Riffelungen. Wir versinken in eine ambiente Grundstimmung.

Riffelungen. Korallenstücke. Riffelungen. Riffelungen. Korallenstücke…


Teil 2: Korallengärten

Einst waren diese Gebiete die Heimat der Tiefseekoralle Desmophyllum pertusum, die in der Dunkelheit gedeiht. Dank der reichhaltigen Nahrung, die von den Strömungen des Canyons herangetragen wird, gehen diese Korallen keine Symbiose mit Algen ein, die Photosynthese betreiben – wie es etwa Korallen in flacheren, wärmeren Gewässern tun. Diese hier, in der Tiefe, strecken einfach ihre Körper und ernähren sich von allem, was ihnen zuströmt.

Steinkorallen bilden ganze Riffe, einfach, indem sie wachsen. Sie gelten als Schlüsselarten bei der Besiedelung des Meeresbodens. Wo Riffe sind, können sich andere Lebewesen niederlassen; Filtrierer wie Anemonen, Seefedern und wühlende Gemeinschaften gedeihen alle dank dieser Artenzusammensetzung. Sobald diese Tiere einen Ankerpunkt gefunden haben, bleiben sie dort, richten sich so aus, dass sie die Partikel aus der Strömung filtern können und überleben.

Heute gibt es hier nicht mehr viele Korallen. Ein Jahrhundert der Schleppnetzfischerei hat den Meeresboden in eine weite Ödnis verwandelt. Die Wissenschaftler:innen an Bord gehen den Fragen nach, wie lange es dauert, bis sich so ein Ökosystem auf dem Meeresboden erholt, und ob es sich überhaupt erholen kann. Aufgrund ihrer Bedingungen, der Kälte, Dunkelheit und des enormen Drucks, gilt die Tiefsee als ein extrem energiearmer Ort, an dem die Zeitabläufe langsamer sind als an Land. Für unsere Wahrnehmung verändern sich die Dinge dort unten in schleppendem Tempo.

Veerle, die Forschungsleiterin dieser Expedition, ist Geowissenschaftlerin und beschäftigt sich schon lange mit den Korallen des Whittard Canyon. Sie war eine der ersten, die Gezeiten und Strömungen innerhalb der steilen Canyonwände untersuchte und saisonale Veränderungen beobachtete, was sie erstaunte – ist der Ort doch so weit vom Licht der Sonne entfernt. Die Daten, die wir während der drei Wochen an Bord zusammentragen, können helfen, die Meeresschutzzone im Whittard Canyon auszuweiten, um die Region ganz vor dem Schleppnetzfang zu bewahren.

An Bord der RRS Discovery befinden sich auch 15 Betonklumpen, die »Wedding Cakes« genannt werden, weil sie wie mehrstöckige Hochzeitstorten aussehen: Es sind künstliche Korallenriffe, die in Italien mit einem 3D-Drucker hergestellt und nach Southampton verschifft wurden. Sie sind Teil des Forschungsprojekts REDRESS Horizon Europe: Es untersucht, ob und wie solche Riffe dazu beitragen können, dass Korallen auf dem geschädigten Meeresboden wieder wachsen. Wenn wir mit dem SeaSpyder Teile von toten Korallenresten früherer Kolonien auf dem Meeresboden sehen, ist das ein Hinweis darauf, dass hier zumindest einmal Korallen gewachsen sind. Es besteht also die Möglichkeit, dass dies auch in Zukunft wieder der Fall sein wird.

Die »Wedding Cakes« sind künstliche Riffe, auf denen sich neue Korallen ansiedeln sollen. Wir setzen sie auf minimalen Erhebungen auf dem Meeresboden ab. Alle paar Jahre wird ein Tauchroboter zu ihnen geschickt, um mögliche Besiedelungen zu beobachten.
Die »Wedding Cakes« sind künstliche Riffe, auf denen sich neue Korallen ansiedeln sollen. Wir setzen sie auf minimalen Erhebungen auf dem Meeresboden ab. Alle paar Jahre wird ein Tauchroboter zu ihnen geschickt, um mögliche Besiedelungen zu beobachten.


Teil 3: Dem Meer lauschen

Am siebten Tag der Expedition holen wir einen Lander ein – eine Plattform, die bei einer früheren Expedition ausgesetzt wurde. Ausgestattet mit vier Hydrophonen stand er drei Monate lang auf dem Meeresboden und zeichnete kontinuierlich die Geräuschkulisse der umliegenden See auf. Als der Lander an Deck steht, sieht er verwildert aus: Mit Seelilien bewachsen hat er sich zu einem neuen Lebensraum für Tiefseelebewesen entwickelt. Die Plattform war ein ideales Habitat-Angebot für die zarten Tierchen dort unten: leicht vom Meeresboden erhöht, führte die Strömung ihnen wahrscheinlich mehr Nährstoffe zu als in Bodennähe.

Es ist die Aufgabe von Dara, diesen Klang-Aufzeichnungen zu lauschen und sie zu bestimmen. Auch sie gehört zum Team des NOC und ist Expertin für Maschinelles Lernen und Akustik. Sie wird einen Code schreiben, um die komplexe Klanglandschaft zu navigieren: drei Monate Audio-Signale, eingelesen und verpackt in Sinuskurven, Spektrogrammen und Wellenfunktionen.

NOC-Teammitglied Dara, unmittelbar nach der Bergung des Landers, der drei Monate lang die Klangkulisse des Meeres aufzeichnete. Im Hintergrund untersuchen Veerle, die wissenschaftliche Leiterin der Expedition, und Brian, benthischer Biologe, die augenscheinliche Verwilderung des Landers: er ist mit unzähligen Tieren besiedelt.
NOC-Teammitglied Dara, unmittelbar nach der Bergung des Landers, der drei Monate lang die Klangkulisse des Meeres aufzeichnete. Im Hintergrund untersuchen Veerle, die wissenschaftliche Leiterin der Expedition, und Brian, benthischer Biologe, die augenscheinliche Verwilderung des Landers: Er ist mit unzähligen Tieren besiedelt.

Wasser ist ein viel besserer Schallträger als Luft, und im Idealfall wird die Probe der Geräuschkulisse als neue Methode zur Beobachtung der ozeanischen Weiten dienen. Dara fragt sich, ob die Hydrophone möglicherweise seismische Signale von den Erdbeben in Kamtschatka aufgezeichnet haben, in einem anderen Meer, bei einem anderen Kontinent, von denen wir wissen, dass sie während der Einsatzzeit des Landers aufgetreten sein müssen. Dafür wird sie die Messwerte, die in einer Mischung von Hintergrundgeräuschen eingebettet sind, filtern: Sobald die Klänge bereinigt sind, könnten auch Stimmen von Säugetieren, dröhnende Motoren und andere Erschütterungen zu hören sein.

Doch einen Tag nach der Bergung ist Dara niedergeschlagen. Die Hälfte ihrer Aufzeichnungen ging aufgrund eines Lecks in der Druckkammer des Aufnahmegeräts verloren. Ich beginne zu verstehen, dass Wissenschaft nicht immer sauber und geradlinig ist. Es gibt ständig Rückschläge. Die Wissenschaftler:innen geben nicht auf, sie lernen aus früheren Fehlern, stellen neue Förderanträge und teilen ihre Ergebnisse mit der breiteren Öffentlichkeit. Langsam, aber stetig wächst das Wissen über die Tiefsee.


Teil 4: Autonome Unterwasserfahrzeuge (AUVs)

Der Zugang zur Tiefsee, die unserem Leben an der Luft so fremd ist, ist nur mit Hilfe von Technologie möglich. Anstatt das Leben eines Forschenden in einem Tauchboot zu riskieren, übernehmen heute oft Roboter die Aufgaben dieser extremen Reise. In den letzten 30 Jahren gab es enorme Durchbrüche bei der Entwicklung von Unterwasserfahrzeugen, die autonom und ferngesteuert arbeiten und mit Sensoren und Kameras, Roboterarmen und Navigationssystemen ausgestattet sind. Heute können Wissenschaftler:innen gemeinsam in einem Raum sitzen und alles auf einem Monitor beobachten: Jede:r mit seinem speziellen Erfahrungsschatz, jede:r mit seinem spezifischen Fachwissen.

Auf dieser Expedition testen wir eine neue Generation von AUVs, die Autosub5. Die Ingenieur:innen sprechen von »ihr«: »Sie« ist leuchtend gelb und sieht aus, als käme sie direkt aus einem James-Bond-Film. Sobald sie ins Wasser gesetzt wird, gleitet Autosub5 von allein durchs Meer. Durch ihre Fähigkeit, den Auftrieb zu verändern, navigiert sie durch die Tiefen des Ozeans, ohne dabei viel Energie zu verlieren. Ein kleiner Propeller am Heck treibt sie voran. Autosub5 kartiert, macht scharfe Fotos vom Sediment und arbeitet selbstständig. Während sie im Einsatz ist, können sich alle an Bord anderen Aufgaben widmen, die während dieser wertvollen Zeit auf See erledigt werden müssen. Theoretisch. Autosub5hat noch viele Fehler. Mindestens einmal am Tag taucht sie ungeplant auf. Die Ingenieur:innen sind nachsichtig mit ihr: »Wir müssen ihr ein Schlaflied singen«, scherzen sie, bevor sie sie neu kalibrieren und wieder in die Tiefe zurückschicken. Das wiederholt sich bei fast jedem Einsatz, bis sie in den letzten Tagen stabiler und zuverlässiger wird.

Einen Hauptteil der Arbeit an Bord ist die Wartung. Denn wenn etwas nicht funktioniert oder einsatzbereit ist, verzögert sich der gesamte Ablauf. Alle Handlungen auf dem Boot sind miteinander abgestimmt.
Einen Hauptteil der Arbeit an Bord ist die Wartung. Denn wenn etwas nicht funktioniert oder einsatzbereit ist, verzögert sich der gesamte Ablauf. Alle Handlungen auf dem Boot sind miteinander abgestimmt.

Es bleibt für mich ein Paradox: obwohl wir in diesen drei Wochen die Tiefsee erforschen, steigt niemand von uns je ins Wasser. Immer sind es Geräte, die zwischen Meer und Boot hin- und her wechseln, nie aber ein Mensch. Die Ozeane machen 99 Prozent des Lebensraums auf der Erde aus – und wir erfahren ihn ausschließlich im Trockenen: medial, über Daten, Messungen, Bilder. In Zukunft, so scherzen Crew und Wissenschaftler:innen an Bord, werden einmal Roboter die ganze Forschung durchführen, während alle anderen an Land über einen Bildschirm zuschauen. Expeditionen und die gemeinsame Zeit auf See werden dann vielleicht der Vergangenheit angehören. Keinem gefällt diese Vorstellung.

Als ich mir an einem Tag um 5 Uhr morgens meine Tasse Kaffee aus der Kombüse hole, ist alles ruhig an Bord. Das Neonlicht verleiht den Stahloberflächen der Küchenzeile einen hygienischen Glanz. Außerhalb der Bullaugenfenster der dunkle Ozean und der bläuliche Nachthimmel. Dann geht die Sonne auf. Mit einem Mal erstreckt sich der Morgen über den gesamten Horizont; ein dünner Lichtstreifen über dem Meer taucht Wolken, Wasser, Himmel und alles dazwischen in ein zartes Orange. Es sickert in diesen Raum, zeichnet die Haut an meinen Armen weich. Pete, der Koch, hört auf, den Porridge umzurühren, und kommt zu mir herüber. »Das ist wunderschön«, sagt er und bleibt gerade so lange stehen, dass das Frühstück nicht anbrennt.


Die Crew

»Wenn du das Boot gut behandelst, wird das Boot dich auch gut behandeln«, sagt Graham, der Zahlmeister, als ich ihn an seinem Arbeitsplatz besuche. Er meint: Wenn man immer alles gut schmiert und schraubt und instand hält, ist auf das Boot auch Verlass. Dafür ist die Crew mit ihren vielen unterschiedlichen Biografien zuständig, denn eines ist klar: Das Schiff sticht in See, weil Wissenschaftler:innen die Welt erforschen – aber es fährt dank der Crew.

Der Geruch von Kampfer verbleibt lange in den Laboren und Fluren, nachdem Marius die Böden gewischt hat. Der Müll verschwindet in Mülleimern, die nie überquellen. Essen gibt es zu jeder Tages- und Nachtzeit von Pete, dem Koch, der nur noch dieses Jahr an Bord sein wird und dann in Rente geht. Wir sind elf Wissenschaftler:innen und zwölf Ingenieur:innen, unterstützt von einer 30-köpfigen Crew. 44 Männer, neun Frauen.

Eines Abends schlage ich vor, alle Frauen auf einen Drink an die Bar einzuladen. »Wir wollen die Männer nicht ausschließen«, bekomme ich als Antwort, und ich lerne, dass hier an Bord alle dazugehören. Alle sind Crew, Geschlechter gelten nicht.

Für Pete, den Koch, ist dies eine der letzten Fahrten, bevor er in Rente geht. Seine Rezepte schnappt er überall auf: “Neulich war ich einen Freund im Krankenhaus von Bedford besuchen. In der Kantine gab es Bohnensuppe. Die musst du dir genauer ansehen,” erzählt er und serviert uns prompt das Gericht, delikat abgeschmeckt.
Für Pete, den Koch, ist dies eine der letzten Fahrten, bevor er in Rente geht. Seine Rezepte schnappt er überall auf: »Neulich war ich einen Freund im Krankenhaus von Bedford besuchen. In der Kantine gab es Bohnensuppe. Die musst du dir genauer ansehen«, erzählt er und serviert uns prompt das Gericht, delikat abgeschmeckt.

Beim Aussetzen der künstlichen Riffe, des AUVs, der Forschungsgeräte oder beim Herausheben des Landers packen die Sensor- und Verankerungstechniker, Maschinenbauingenieure, Unteroffiziere und Matrosen mit an. Ihnen dabei zuzusehen, wie sie Leinen und Kabel befestigen, Seile werfen oder die schweren Öko-Riffe langsam in die Tiefe hieven, ist wie das Beobachten der präzisen Bewegungen eines Orchesters. Ich frage sie, wie sie zu ihrer Arbeit gekommen sind. Die meisten von ihnen haben jahrelang auf Fähren und Kreuzfahrtschiffen gearbeitet, bevor sie auf einem Forschungsschiff gelandet sind. Was diese Arbeit von der Arbeit bei einer kommerziellen Reederei unterscheidet, ist, dass sich alle bewusst sind, dass sie die Wissenschaft als solche unterstützen. Die Wissenschaft, die eines Tages vielleicht Antworten auf die Probleme liefern wird, mit denen wir als Menschheit ringen. »Ich lerne immer etwas neues vom Austausch mit den Forschenden«, erzählt mir Steward, der Kapitän. »Sie lehren mich, was unter meinem Schiff liegt und welche unsichtbaren Energien den Ozean antreiben.« Es ist die Ansammlung vieler kleine Antworten, meint er, um einer großen Frage näher zu kommen: Wie funktioniert der Ozean?

Als ich mit Tim, einem der Sensor- und Verankerungsoffiziere, über seine sorgfältige Handhabung der Ausrüstung spreche, sagt er: »Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass die Wissenschaftler diese Expedition seit zwei Jahren planen. Wir haben nur drei Wochen an Bord, um das zu erreichen, was sie sich vorgenommen haben. Deshalb werde ich alles geben, damit alles so läuft, wie sie es geplant haben.«

Der Tauchroboter ist mal wieder aufgetaucht und muss händisch eingeholt werden. Die Antriebswerke des Schiffes können unabhängig voneinander um 360 Grad gedreht werden und ganz langsam rückt die Discovery näher an den Roboter. Die letzten Meter aber werden durch einen genauen Hakenwurf mit festgebundenem Seil überbrückt.
Der Tauchroboter ist mal wieder aufgetaucht und muss händisch eingeholt werden. Die Antriebswerke des Schiffes können unabhängig voneinander um 360 Grad gedreht werden und ganz langsam rückt die Discovery näher an den Roboter. Die letzten Meter aber werden durch einen genauen Hakenwurf mit festgebundenem Seil überbrückt.


Der Alltag

Jeden zweiten Tag sitzt Steward, der Kapitän, gemeinsam mit Gary, dem Chefingenieur, an der Theke. Sie spielen dann Cribbage, ein altes englisches Kartenspiel. Seit Jahren arbeiten sie zusammen, balancieren zwischen Freundschaft und Hierarchie.

Es ist nicht einfach, den Kontakt zu allen Menschen an Bord aufrechtzuerhalten. Das Team mit der Nachtschicht von 16 Uhr bis 4 Uhr morgens bekomme ich kaum zu Gesicht – und wenn, dann sind die Forschenden übermüdet. Nach einigen Tagen aber hinterlässt die Gruppe auf einer Tafel im Labor ein Rätsel für uns. »Zeige, dass sieben die Hälfte von zwölf ist.« Wir brauchen zwei Schichten, um die Antwort darauf zu erraten. Am nächsten Morgen steht da das nächste Rätsel. So geht es bis zum Ende der Fahrt. Irgendwann findet jeder sein Ding: Der IT-Techniker spielt nach dem Abendessen Klavier, die Ingenieur:innen stehen oft am Tischkicker. Nur die Siedler von Catan rührt keiner an.

Im Labor des Schiffs werden normalerweise Proben vom Meeresboden untersucht, das Wasser aus der Wassersäule analysiert, Geräte gereinigt und kalibriert. Hier hat jemand fliegende und schwimmende Tiere mit Origami gefaltet und an der Wand befestigt.
Im Labor des Schiffs werden normalerweise Proben vom Meeresboden untersucht, das Wasser aus der Wassersäule analysiert, Geräte gereinigt und kalibriert. Hier hat jemand fliegende und schwimmende Tiere mit Origami gefaltet und an der Wand befestigt.

Im Unterdeck, am anderen Ende des Korridors mit den Kajüten, befindet sich ein abschließbarer Lagerraum, der »Zitadelle« genannt wird und eine kleine Festung ist: Hier verstecken wir uns im Falle eines Piratenangriffs, was bei unserer Expedition unwahrscheinlich ist. Im Nordatlantik haben wir eher mit Cyberattacken zu rechnen, GPS-Systeme werden regelmäßig gehackt. Um die Zitadelle zu betreten, muss man durch eine automatisch-schließende Tür, von der Gary sagt: »She will kill you until you are dead«. Ich benutze sie ungern. Die Zitadelle ist ein Lagerraum, der unterteilt werden kann. In einer Ecke hängt ein Boxsack von der Decke, außerdem eine Stange für Klimmzüge. Manche Crew-Mitglieder toben sich hier aus, wenn sich zwischen den engen Korridorwänden zu starke Gefühle ansammeln.

Es gibt außerdem eine Bar an Bord, der Alkoholkonsum ist jedoch reguliert: Pro Abend werden höchstens zwei Bier oder ein Glas Wein pro Person ausgeschenkt. Unfälle an Bord können fatal sein: Es gibt zwar eine Krankenstation, aber der nächste Arzt ist zwei Tagesreisen entfernt.

Drei Mal finden während der Expedition sogenannte Pub-Quizzes statt. Die Teams, die aus Wissenschaftler:innen, Ingenieur:innen und der Crew bestehen, beantworten dabei Fragen aus Musik, Film, Geschichte. Der Kapitän kennt mittlerweile jede mögliche Frage und spielt daher nur noch selten mit.
Drei Mal finden während der Expedition sogenannte Pub-Quizzes statt. Die Teams, die aus Wissenschaftler:innen, Ingenieur:innen und der Crew bestehen, beantworten dabei Fragen aus Musik, Film, Geschichte. Der Kapitän kennt mittlerweile jede mögliche Frage und spielt daher nur noch selten mit.

An meinem elften Morgen sehe ich einen Schatten im Labor vorbeihuschen. Alle schlafen noch, und ich glaube, dass es die Müdigkeit ist, die mir einen Streich spielt, aber dann sehe ich ihn wieder, in entgegengesetzter Richtung. Es ist eine Mönchsgrasmücke, ein kleiner Vogel, ein blinder Passagier. Ich versuche, ihn zu einem der Ausgänge zu lotsen.

Von da an sehe ich den Vogel oft. Die Besatzung legt für ihn zerbröckelte Kekse an einem sicheren Ort hinter einer Leiter aus. Und sie zeigen mir andere Bilder, von anderen Vögeln an Bord. Martin, der Unteroffizier, erzählt mir, dass sie einmal eine Eule fanden, die sie von England bis zur kanadischen Küste begleitete. Sie blieb da und flog erst wieder davon, als sie Wochen später wieder in England anlegten.


Der Horizont

In den letzten Tagen an Bord der Discovery beginnt sich etwas zu verändern. Wenn wir den SeaSpyder einsetzen, muss Luke, der Windentechniker, nicht mehr auf den Tiefenmesser des Bildschirms schauen, um zu wissen, wann er die Kamera hochziehen muss, um einer Unebenheit zu entgehen. Er scheint intuitiv zu wissen, wann der Meeresboden zu einem zwei Meter hohen Hügel ansteigt und wann nicht. Er hat gelernt, diese Landschaft, die er nie selbst betritt, zu lesen.

Auch bei uns anderen hat dieser Wandel stattgefunden: Als wir bei einem Tauchgang wieder eine halbe Stunde lang nur Riffelungen im Sediment sehen, sagt eine von uns: Gleich kommt ein Hügel. Und so ist es dann auch. In den stillen Stunden, die wir mit dem Starren auf die Eintönigkeit des Meeresbodens verbracht haben, hat sich eine Vertrautheit mit der Topografie der Tiefe entwickelt.

Am Ende dieses Tauchgangs fällt das Licht der aufgehenden Sonne durch die Bullaugenfenster. Wir betrachten die Bilder von Korallenresten, die sich in den Riffelmustern des Sediments gesammelt haben, und beginnen, in ihnen Spuren zu lesen, die sich ganz vorsichtig zu Narrativen verdichten, die uns helfen, diese fremde, ferne Welt zu deuten. Doch erst nach der Auswertung der Daten treffen die Wissenschaftler:innen klare Aussagen. Das kann noch Monate dauern.

Morgens fällt das Licht durch die Bullaugenfenster auf die Wand gegenüber. Auf der Tafel finden wir immer neue Rätsel von der Nachtschicht. Erst wenn eines gelöst ist, taucht das nächste auf. Wir schaffen knapp elf kniffelige Fragen.
Morgens fällt das Licht durch die Bullaugenfenster auf die Wand gegenüber. Auf der Tafel finden wir immer neue Rätsel von der Nachtschicht. Erst wenn eines gelöst ist, taucht das nächste auf. Wir schaffen knapp elf kniffelige Fragen.

Die Zeit im Ozean vergeht langsam. Es gab Tage auf dem Schiff, da verhielt es sich mit den Stunden ebenso. Unter uns liegt eine Parallelwelt verborgen, die mit einer anderen Zeitmessung erfasst werden muss.

Um die Prozesse im Ozean zu verstehen, braucht man Geduld. Und ein Team von Menschen, die daran glauben, dass das, was sie tun, wichtig ist. Dass jede festgezogene Schraube wichtig ist. Dass es wichtig ist, gemeinsam zu handeln und dass in diesem Mikrokosmos Schiff die Fürsorge füreinander Leben retten kann. Regeln und Routine bedeuten alles.

Wenn ich am Ende eines Tages die Tür meiner Kajüte hinter mir zuziehe, bin ich zum ersten Mal am Tag allein. Dann bin ich so müde, dass ich gerade noch zwei Seiten in meinem Buch lese, bevor mir die Augen zufallen. Orbitals, von Samantha Harvey. Sie schreibt darin über den Alltag der Menschen auf der ISS. Irgendwo über mir zieht die Raumstation gerade vorbei. Ich denke dann an die Weite des Ozeans und das verschachtelte Schiff. Das Rosenöl habe ich in den drei Wochen kein einziges Mal gebraucht, es aber trotzdem oft benutzt. Wenn es mir zu eng geworden ist auf der Discovery, bin ich kurz an die frische Luft gegangen und habe aufs Wasser geschaut. Der Horizont sah immer anderes aus. Das Meer hatte nie dieselbe Farbe.

Drei Wochen lang sind wir vom Land entfernt. Das Licht wird vom Wasser reflektiert und weder Himmel noch Meer sind nie einfach nur blau.
Drei Wochen lang sind wir vom Land entfernt. Das Licht wird vom Wasser reflektiert und weder Himmel noch Meer sind nie einfach nur blau.

Dieser Text ist Teil des Schwerpunkts Tiefe Wasser  im Januar 2026.

Quellennachweise

  • National Oceanography Centre: https://noc.ac.uk
  • Veerle Huvenne: https://noc.ac.uk/n/Veerle%20Huvenne#edit-group-publications–content
  • Stewart, H. A., Davies, J. S., Guinan, J. & Howell, K. L. (2014). The Dangeard and Explorer canyons, South Western Approaches UK: Geology, sedimentology and newly discovered cold-water coral mini-mounds. Deep Sea Research Part II: Topical Studies in Oceanography, 104, 230–244. https://doi.org/10.1016/j.dsr2.2013.08.018
  • Strong, J. A., Piechaud, N., De Clippele, L. H., Bett, B. J., Horton, T., Corbera, G. & Huvenne, V. A. I. (2023). Recovery and restoration potential of cold-water corals: experience from a deep-sea marine protected area.Restoration Ecology, 31 (6), e13970. https://doi.org/10.1111/rec.13970

Newsletter

Jeden Monat ein Thema. Unseren Newsletter kannst du hier kostenfrei abonnieren:

Thema
Tiefe Wasser

Text
Michaela Vieser

Foto
Michaela Vieser

Gestaltung
Lenni Baier