Sie sind die Roboter
Wenn sich Sophia mit jemandem unterhält, schaut sie ihrem Gegenüber aufmerksam ins Gesicht. Sie lächelt freundlich und antwortet wohlüberlegt, so zeigt es ein Video auf Youtube. Als sie gefragt wird, ob und warum sie sich als weiblich bezeichnen würde, wirkt sie kurz nachdenklich. Technisch gesprochen habe sie als Roboter kein gender, sagt sie dann, aber sie identifiziere sich als weiblich und habe nichts dagegen, als Frau wahrgenommen zu werden. Sophia wurde 2016 aktiviert. Ihr Erfinder, David Hanson, sieht ihre Aufgaben künftig in Pflege, Therapie, Kundenservice oder Bildung.
Erica sagt über sich, sie sei nicht nur geschaffen worden, um der weltweit fortgeschrittenste, sondern auch der schönste vollständig autonome Android zu sein. Wegen eines Unfalls – so erzählt sie zumindest – kann sie aber weder Arme noch Beine bewegen. Anschließend sagt sie: »Alles was ich tun kann, ist hier sitzen und hübsch aussehen«. Die Gespräche mit Erica können aber auch eine erstaunliche Komplexität erlangen: Ob sie immer noch menschlicher werden möchte? Ja, sagt sie, das sei der Zweck, zu dem sie geschaffen wurde. Ein Team von Entwicklern würde sie dazu ständig verbessern. Erica ist eines der vielen Geschöpfe des japanischen Robotik-Forschers Hiroshi Ishiguro. Für Erica hat er den Beruf der Nachrichtensprecherin auserwählt. Ähnlich wie für Kodomoroid und Otonaroid, die jetzt aber im Besucherservice des Miraikan arbeiten, Japans Nationalem Museum für Zukunftsforschung und Innovation.

Die gegenwärtigen Androiden haben die Talsohle des sogenannten Uncanny Valley durchschritten: Ihre äußerliche Ähnlichkeit zu Menschen ist so hoch, ihre KI-gesteuerte Mimik, Gestik und Gesprächsführung so realitätsnah, dass sie uns nicht in erster Linie gruseln, sondern längst den Eindruck von Vertrautheit und einer echten zwischenmenschlichen Interaktion in uns erwecken können. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis die Simulation perfekt ist. In manchen Situationen wird es dann nicht mehr ohne weiteres zu entscheiden sein, ob unser Gegenüber ein Mensch oder ein Roboter ist.

Oft werden wir es dabei mit Gynoiden zu tun haben, mit weiblich gegenderten Androiden also. Wie bei den digitalen Sprachassistenten, Apples Siri etwa oder Amazons Alexa, sind viele der technologisch besonders fortgeschrittenen Androiden im Hinblick auf ihr Aussehen und ihr Verhalten weiblich designt. Vielleicht hat das mit ihren oft männlichen Erschaffern zu tun. Mehr noch aber mit den Tätigkeiten, die sogenannte soziale Roboter erfüllen sollen: Dienstleistungs- und Pflegeaufgaben, bei denen soziale Interaktion wichtig ist. Tätigkeiten also, die in vielen Kulturen weiblich assoziiert werden. Soobin Seo von der Washington State University forscht hauptsächlich zu Gastronomie und Konsumentenverhalten. Die Schlüsse, die sie aus einer ihrer Studien zieht, kommen wenig überraschend: Dienstleistungen sorgen für mehr Kundenzufriedenheit, so interpretiert Seo ihre Daten, wenn sie von Gynoiden durchgeführt werden – und nicht von ihren männlich gegenderten Roboterkollegen.

Gynoiden scheinen damit Teil einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung zu sein: In sie werden normative Vorstellungen über weibliche Körper und weibliches Verhalten einprogrammiert, die dann wieder Teil der Alltagskultur werden. Dazu gehören auch unterwürfige Reaktionen gegenüber sexistischer Sprache, wie sie etwa Apples Siri lange Zeit zeigte: Auf die Beschimpfung »Hey Siri, you’re a bitch« beispielsweise antwortete sie zahm mit »I’d blush if I could« – wenn ich könnte, würde ich jetzt rot werden. Dass dieser Transfer von gender-normativen Vorstellungen eine gefährliche Rückkopplung für uns Menschen mit sich bringen kann, befürchtet mittlerweile auch die UNESCO. 2019 legte sie deswegen einige Empfehlungen vor, um gegen Genderstereotype in Künstlichen Intelligenzen anzugehen. Sie rät unter anderem dazu, digitale Assistenten nicht standardmäßig als weiblich zu gendern oder künstliche Intelligenzen so zu programmieren, dass sie sexistisches Verhalten nicht befördern.

Die französische Marketing-Forscherin Sylvie Borau hat fünf größeren Studien zur Wahrnehmung von weiblichen Robotern durchgeführt. Ihre Schlussfolgerung: Wir nehmen Gynoiden insgesamt als menschlicher wahr als ihre männlich gegenderten Pendants, und zwar genau wegen der zugeschriebenen weiblichen Attribute – wie Wärme und Emotionalität. Warum also statten wir männlich designte oder gänzlich ungegenderte Roboter nicht einfach auch mit einer extra-Portion Wärme und Emotionalität aus? Daraus könnten sich ja auch interessante Rückkopplungseffekte für uns Menschen ergeben.

Dieser Text stammt aus der Ausgabe Nr. 9 »Was ist Frau?«
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