Eine wie alle
Wenn Filme real wären, würden wir längst auf dem Nimbus2000 fliegen, die Arbeit hätten wir gegen eine Weltreise getauscht und nach Streit gäbe es meist ein Happy End. Frauen kämen in dieser Realität allerdings zu kurz, vor allem wenn sie auf deutschen Filmen beruht: Zwar wäre fast die Hälfte der Menschen weiblich. Aber: Frauen älter als 35 Jahre kämen nur wenig, Über-60-Jährige fast gar nicht mehr vor. Keine einzige wäre übergewichtig. Frauen wären (öfter als Männer) weiß, nicht behindert und heterosexuell. Sie gingen selten Hobbys oder ihrer Arbeit nach, denn eigentlich interessierten sie sich nur für ihre Beziehungen zu Männern.
Klingt einseitig? Ist es auch, so das Ergebnis einer im März 2022 erschienenen Studie. Elizabeth Prommer, Leiterin des Instituts für Medienwissenschaften der Universität Rostock, und ihre Kolleginnen untersuchten alle zwischen 2017 und 2020 erschienenen deutschen Kinofilme, insgesamt waren es 390. »Männer sehen wir in jeder Altersgruppe, in verschiedenen Berufen, Körperformen, Konstellationen. Wir Frauen werden nur innerhalb eines engen Korridors erzählt: Wir sind jung, schlank und kümmern uns um Partnerschaft und Beziehung«, sagt Prommer.

Es gibt einen Test, der prüft, wie Frauen in Filmen dargestellt werden. Der Comic Dykes to Watch Out for, auf Deutsch: Lesben, vor denen man sich in Acht nehmen muss, von Alison Bechdel hat ihn bekannt gemacht. Den Test zu bestehen, ist eigentlich einfach: Mindestens zwei Frauen müssen namentlich im Film vorkommen und miteinander sprechen – über etwas anderes als Männer. Ursprünglich stammen diese Kriterien von Bechdels Freundin Liz Wallace, daher nennt sich der Test Bechdel-Wallace-Test. In der Rostocker Studie haben Elizabeth Prommer und ihr Team den Test in die Erhebung einbezogen und herausgefunden: Hat eine Frau Regie geführt, bestehen 91 Prozent der Filme den Test. War ein Mann Regisseur, liegt die Quote bei 49 Prozent.
Man könnte also schlussfolgern: Will man diversere Geschichten auf der Leinwand sehen, müssen diversere Teams hinter der Kamera stehen. Laut Prommers Analyse wurden drei Viertel der untersuchten Filme von Männern inszeniert. Gleichzeitig, so eine Studie der Filmförderungsanstalt aus dem Jahr 2017, liegt der Frauenanteil unter Studierenden an deutschen Filmhochschulen bei durchschnittlich 40 Prozent. Es gibt also genug Frauen, die in der Filmbranche arbeiten könnten. Man muss sie nur fördern – und vor allem: einstellen.
Dieser Text stammt aus der Ausgabe Nr. 9 »Was ist Frau?«
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