Thema
Was ist Frau?

Text
Lissi Pörnbacher

Illustration
Hélène Baum-Owoyele

 

 

Science Note: Wonder Woman

In Amazonia regierten die Frauen und alles war gut. Zumindest bis die Männer kamen, das Land eroberten und die Frauen versklavten. Die Amazonen flohen auf die Paradiesinsel, wo sie in Frieden lebten. Bis das Flugzeug von Captain Steve Trevor, einem Offizier der US-Armee, dort abstürzte. Die Amazonenprinzessin Diana rettete ihn und flog ihn in ihrem unsichtbaren Flugzeug nach Amerika. Dort arbeitete sie unter dem Decknamen Diana Prince für die US-Armee und kämpfte für die Rechte der Frauen – als Wonder Woman. Mit ihrem magischen Lasso zwang sie alle, die sie darin fing, die Wahrheit zu sagen. Und sie trug Armbänder, mit denen sie Schüsse abwehren konnte. Aber – anders als viele andere Superheldinnen – hatte sie eine Schwachstelle: Sie verlor ihre Kräfte, wenn ein Mann ihre Armbänder aneinanderkettete oder sie fesselte.

Wonder Womans Geschichte ist stark mit der ihres Erfinders verknüpft. William Moulton Marston tat zwar alles dafür, Teile seines Lebens geheim zu halten. Doch was er schrieb, war stark inspiriert von wahren Begebenheiten. Marston war Psychologe, Erfinder des Lügendetektors, Bondage-Fan. Er fand, dass Frauen an die Macht gehörten, und er glaubte an die freie Liebe. Er lebte zusammen mit seiner Frau Sadie Holloway und seiner Geliebten Olive Byrne. Ein Skandal, der nicht ans Licht kommen durfte: Ihre Liebschaft und sexuelle Vorlieben lebten sie im Geheimen aus.

Dass diese Geheimnisse des Wonder Woman-Erfinders doch ans Licht kamen, liegt auch an der Historikerin Jill Lepore. Wie eine Detektivin durchforschte sie die Leben der Menschen rund um Marston und verwob ihre Geschichten mit der Geschichte des Feminismus in den USA, die in den 1910er-Jahren so hoffnungsvoll begann. In ihrem 2022 auf Deutsch erschienenen Buch Die geheime Geschichte von Wonder Woman zeigt Lepore, wie zäh der Kampf um die Rechte der Frau gelaufen ist.

Jedes starke Argument beginnt mit einer Frage, schreibt Jill Lepore in einem Lehrblatt an ihre Studentinnen in Harvard. Und so stellt sie auch in ihrem Buch eine große Frage: Angenommen, Wonder Woman wäre 1941 eingefroren worden, also im Jahr ihres erstmaligen Erscheinens. Und sie würde heute, 80 Jahre später, wieder erwachen. Welche Veränderungen würde sie sehen?

Anfang des 20. Jahrhunderts fingen Frauen an, ihr Wahlrecht einzufordern. Sie kämpften für Gleichberechtigung. Für das Recht, über ihren eigenen Körper zu bestimmen. Für Wege, wie sie Ehe, Kinder und Arbeit unter einen Hut bekommen können. Nach dem Zweiten Weltkrieg allerdings ging es einen gewaltigen Schritt zurück: Frauen verloren ihre Jobs, sie mussten Platz machen für die Männer, die aus dem Krieg zurückkamen. Und so ging es fortan immer weiter mit den Frauenrechten: zwei Schritte vor, einen zurück.

Wonder Woman erging es in den Comic-Geschichten nicht anders. Nach William Marstons Tod 1947 wurde ihre Geschichte mehrmals umgeschrieben. Sie wurde zur Babysitterin, zum Model, zum Filmstar. Sie wurde nie zur Präsidentin, wo Marston sie gern gesehen hätte.

Dieser Text stammt aus der Ausgabe Nr. 9 »Was ist Frau?«

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Hélène Baum-Owoyele