»Du wirfst wie ein Mädchen«
Mit zehn Jahren musste sich Steffi Nerius mit den Jungs im Werfen messen, die Mädchen konnten nicht mithalten. Warum eigentlich? Ein Gespräch mit einer Sportsoziologin, einem Sporthistoriker – und der Weltmeisterin im Speerwurf.
Science Notes: 80 Prozent der Frauen können nicht werfen. Dieser Satz stammt von Ihnen, Steffi Nerius. Das erstaunt mich.
Steffi Nerius: Das habe ich früher gesagt. Heute sage ich: Auch 80 Prozent der Männer können nicht werfen.
Na immerhin.
Wenn ich jemanden werfen sehe – jemand, der dem Hund einen Stock wirft, zum Beispiel – dann denke ich, oh Gott, der kann nicht werfen. Das ist in mir drin: Ich bewerte andere Menschen beim Werfen. Aber ich habe schon als Dreijährige auf Rügen Steine möglichst weit ins Meer geworfen. Und ich bin Speerwurfweltmeisterin, ich habe einen gewissen Anspruch.
Steffi Nerius, 50, empfängt im Sportinternat des TSV Bayer 04 Leverkusen zum Gespräch. Hier organisiert sie als Internatsleiterin die duale Ausbildung der Sporttalente. Heute ist die Hauswirtschafterin krank, also bereitet Nerius auch das Mittagessen vor.
Das Werfen und das Werfenlernen liegen ihr am Herzen, zum Gespräch darüber hat sie sofort zugesagt. Jetzt sitzt sie in der Sonne und spricht so, wie man das aus ihrer aktiven Zeit kennt: offen, direkt und meistens mit einem Lächeln.
Ihr Markenzeichen war ein Stirnband mit einem Spruch in der jeweiligen Landessprache. Bei der Leichtathletikweltmeisterschaft 2009 in Berlin stand da zum Beispiel »Berlin macht Rabatz«. Nach ihrem Goldwurf wendete sie das Band. Nun war zu lesen: »Danke für eure Treue.« Es war ihr letzter Wettkampf.
Zurück zu den Frauen, die nicht werfen können. Warum sagen Sie das?
Das sind Beobachtungen aus meiner Schulzeit in den 80er Jahren. In der DDR haben wir uns mit imitierten Handgranaten im Weitwurf gemessen. Ich habe mich mit den Jungs gebattelt, von den Mädchen konnte keine mithalten. Mit zehn Jahren habe ich schon 50 Meter weit geworfen – da können Sie heute lange suchen bis Sie Zehnjährige finden, die das schaffen. Egal ob Mädchen oder Jungs.

1966 hat der deutsch-US-amerikanische Psychiater Erwin W. Straus einen »bemerkenswerten Unterschied in der Art des Werfens bei den beiden Geschlechtern« beschrieben: Ein fünfjähriges Mädchen wirft einen Ball, indem es lediglich den Arm hebt. Als Resultat fliegt der Ball »ohne Kraft, Geschwindigkeit und exakte Zielgebung los«. Der gleichaltrige Junge hingegen reißt den Arm zurück, dreht und wendet sich, unterstützt den Wurf mit der Kraft des ganzen Körpers, »der Ball verlässt die Hand mit beachtlicher Beschleunigung; er bewegt sich in einer langen flachen Kurve auf sein Ziel zu«. Straus folgerte aus diesen Beobachtungen, dass Mädchen aufgrund ihres Geschlechts schlechter werfen als Jungs.
Steffi Nerius, was ist denn so schwierig am Werfen?
Entweder hat man das Grundverständnis vom Werfen oder nicht: Den Arm nach hinten zu nehmen, aus dem Gesichtsfeld raus, in einem langen Beschleunigungsweg über den Kopf nach vorne zu schleudern. Der ganze Körper muss Spannung aufbauen, die Beine stemmen, der Rumpf dreht. Es sieht vielleicht nicht so aus, aber Werfen ist eine komplexe Bewegung des ganzen Körpers. Das kann man lernen, aber man muss es halt üben.
1980 kritisierte die US-amerikanische Philosophin Iris Marion Young die Beobachtungen von Erwin W. Straus: Frauen seien körperlich nicht weniger leistungsfähig, sondern sie werden von der patriarchalischen Gesellschaft eingeschränkt. Schon Mädchen wird beigebracht, sich klein zu machen, wenig Raum einzunehmen, die Arme beim Werfen nicht zu öffnen, sondern nah am Körper zu halten. Schon Mädchen lernen, dass ihr Körper zerbrechlich ist und von Männern als Sexualobjekt angesehen wird. Young vermutet, dass das daraus folgende mangelnde Vertrauen der Frauen in ihre körperlichen Fähigkeiten dazu führt, dass sie sich nicht zutrauen, in kognitiven oder Führungsaufgaben erfolgreich zu sein. Ihr Essay Throwing like a Girl wurde zu einem feministischen Klassiker.
2009, Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin, der erste Durchgang: Sie werfen den Speer auf 67,30 Meter und werden damit Weltmeisterin im eigenen Land. Und das in Ihrem letzten Wettkampf vor dem Rücktritt. Woran können Sie sich noch erinnern?
An dieses Gefühl beim Abwurf des Speers, das hat man nicht oft. Der Speer war noch in der Luft und ich spürte: Boah, das is‘n geiler Wurf! Ich war vor allen anderen dran und hab mir vorgenommen, meine Konkurrentinnen direkt beim ersten Versuch mit einem perfekten Wurf zu schocken. Was man sich immer vornimmt, aber meistens klappt es nicht. Da hat alles gepasst.
Wie haben Sie sich auf diesen Wurf vorbereitet?
Beim Speerwerfen könnte man sich auf tausende technische Dinge konzentrieren. Aber ich hatte drei Dinge, die mir wichtig waren: Explosiv sein in den Beinen, im Oberkörper relaxed und beim Abwurf groß. Die drei Dinge habe ich mir auf eine Karte geschrieben, mit einem roten Punkt drauf. Und den gleichen roten Punkt habe ich mir auf die Tasche geklebt – er hat mich immer an die wichtigsten drei Dinge erinnert.
Auch die Wissenschaft bestätigt: Frauen werfen nicht schlechter als Männer. 2012 untersuchten die norwegischen Sportwissenschaftler Roland Van Den Tillaar und Jan Cabri je elf weibliche und männliche Elitehandballspielerinnen. Sie kamen zu dem Schluss, dass beide Geschlechter mit derselben Technik werfen. Männer werfen schneller und weiter als Frauen, weil sie kräftiger und größer sind. In der Bewegung der Muskeln und Gelenke gibt es aber keine signifikanten Unterschiede.
Männer werfen weiter als Frauen. Was machen Frauen besser als Männer?
Männer können mit Kraft auf den Speer draufprügeln, dadurch geht die Technik aber etwas verloren. Frauen werfen mit mehr Gefühl. Es gab eine Zeit in Deutschland, als die Frauen technisch besser waren. Vielleicht haben die Männer – ohne es zuzugeben – von uns Frauen was abgeguckt.
Während Ihrer Karriere gab es bei den Männern ein prominentes Duell: der Norweger Andreas Thorkildsen gegen den Finnen Tero Pitkämäki. Weibliche Speerwerferinnen hingegen waren weniger sichtbar. Hat Sie das gestört?
Teilweise schon. Als Speerwerferin kannst du froh sein, wenn du im Fernsehen zwischendurch einen Wurf eingespielt kriegst. Der Zweikampf der Männer, der ist cool, und dann werfen die auch noch einmal übers Stadion, das ist noch cooler. Als Werferin ist es schwieriger, sich zu vermarkten.
Gab es bei den Speerwerferinnen keine Duelle oder wurden sie nicht dramatisiert?
Es hätte sie schon gegeben. An den Olympischen Spielen 2008 in Peking haben die Tschechin Barbora Špotáková und die Russin Marija Abakumowa, die später disqualifiziert wurde, beim ersten Versuch schon über 70 Meter geworfen. Später hat man versucht, zwischen mir und Christina Obergföll einen Zweikampf aufzuziehen. Aber das wird dann schnell zum Zickenkrieg und das war unter unserem Niveau. Also haben wir uns zurückgehalten. Obwohl wir natürlich beide weiter werfen wollten als die andere.
Die Vorbehalte, die wir gegenüber Leistungssportlerinnen haben, stammen aus den letzten Jahrhunderten. »Die Gebärfähigkeit könnte leiden, wenn sich Frauen körperlich verausgaben«, so erklärt Ansgar Molzberger, Sporthistoriker an der Deutschen Sporthochschule Köln, die Einstellung zahlreicher, vorwiegend männlicher, Mediziner im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Frauen hatten nicht zu schwitzen, sie hatten weiblich auszusehen. »Auch Pierre de Coubertin, der Gründer der modernen, seit 1896 ausgerichteten Olympischen Spiele, war zwar kein Gegner des Frauensports. Aber er war ein Gegner des Frauenleistungssports.« Die Folgen sehen wir bis heute: Frauen sind erst seit kurzem zu allen olympischen Disziplinen zugelassen, Frauen spielen in knapperen Höschen und sie werden häufiger an ihrem Äußeren als an ihren Leistungen gemessen.
Fehlen Mädchen Werferinnen als Vorbilder?
Petra Felke war mein Kindheitsidol, die Olympiasiegerin 1988 in Seoul. Wie sie ganz oben auf dem Podest stand, wie die DDR-Hymne gespielt wurde, das wollte ich auch erleben. Mir ist aber schon klar, dass Wurfdisziplinen medial schwieriger zu präsentieren sind. Ein Hundertmetersprint ist einfach: Alle laufen los, es dauert zehn, zwölf Sekunden, und wer zuerst über der Linie ist, hat gewonnen. Ein Wurfwettbewerb dauert anderthalb Stunden.
Welche Rolle spielt das Aussehen der Athletinnen?
Das ist jetzt ein Klischee, aber ja, das Aussehen spielt eine große Rolle. Mich hat es schon geärgert: Ich gewinne Medaillen und es interessiert die Medien kaum. Wenn aber eine blonde langhaarige Sprinterin Zehnte wird, ist das sensationell. Ich will das gar nicht auf das Hübsch-Sein reduzieren, aber wir Werferinnen haben halt keine sogenannten Idealmaße. Wir sind muskulös, wir müssen ein Gerät weit wegwerfen.
»Unsere binäre Kultur gibt vor, wie wir uns bewegen sollen«, sagt Ilse Hartmann-Tews, Sportsoziologin an der Deutschen Sporthochschule Köln: »Mädchen zurückhaltend, Jungs kraftvoll.« Dafür tragen Mädchen in der Kita Leggins und Jungs Sportschuhe. Auch die Betreuerinnen verhalten sich gegenüber den Geschlechtern unterschiedlich: Jungs wird eher ein Ball zugeworfen, so dass sie sich durch den Raum bewegen müssen, vielleicht aus den Augen der Betreuung. Bei Mädchen hingegen wird der Ball seltener geworfen, sondern er bleibt in der Nähe der Bezugsperson. Da ist er wieder, der Raum, der Mädchen nicht gegeben wird und den sich Frauen später auch nicht nehmen. »Kein Wunder treten Frauen bei Lohnverhandlungen weniger selbstbewusst auf«, sagt Hartmann-Tews.
Steffi Nerius, sagen Sie auch manchmal den Satz: »Du wirfst wie ein Mädchen«?
Ja, leider. Ich sag das manchmal zu Jungs, wenn sie wirklich schlecht geworfen haben. Aber das will ich mir auf jeden Fall abgewöhnen. Denn mittlerweile sehe ich keinen Unterschied mehr zwischen Frauen und Männern.
Steffi Nerius, 1. Juli 1972, Bergen auf Rügen. Eltern Sportlehrerinnen. Ab 1986 in der Kinder- und Jugendsportschule Rostock. Erfolge als Speerwerferin: 2004 Olympische Spiele Athen Silber (65,82m), 2006 Europameisterschaft Göteborg Gold (65,82m), 2009 Weltmeisterschaft Berlin Gold (67,30m), 2009 Sportlerin des Jahres. Bestweite 68,34m (2008). Danach Diplom-Sportlehrerin mit A-Lizenz des DLV beim TSV Bayer 04 Leverkusen im Behindertensport. Heute Internatsleiterin Sportinternat Leverkusen.
Dieser Text stammt aus der Ausgabe Nr. 9 »Was ist Frau?«
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