1822 schießt ein Reichsgraf einen Storch vom Scheunendach. Dabei entdeckt er etwas, das die Wissenschaft auf eine neue Spur bringen wird.

Text:
Carola Dorner

Illustration:
Joseph Klingenberg
Sebastian Obermeyer
Website

 

Da steht er nun in seiner Vitrine im Zoologischen Institut und starrt aus Glasaugen auf die immer gleiche Wand. Dabei hat er so viel gesehen. Viel lieber wäre er jetzt unter der Sonne Afrikas und nicht im Matschwinter in Rostock. Aber Afrika, das ist inzwischen 200 Jahre her. Seine letzte große Reise. Seitdem trägt er ein Souvenir im Hals: Der Pfeil traf ihn von unten. Ein geschickter Bogenschütze muss es gewesen sein. Aber nicht geschickt genug. Da steckte er nun, der 80 Zentimeter lange Pfeil mit der Metallspitze, mitten in seinem Hals, aber nicht in der Speiseröhre, nicht in der Ader. Lästig war er, aber nicht tödlich. Der Pfeil wurde Teil seines Körpers. Manchmal scheuerte er am rechten Flügel, aber die Stelle verhornte. Als der Februar kam, machten sich alle auf die Reise. Die Wunde war verheilt, er konnte fliegen und fressen, er wollte mit den anderen nach Europa und ein Nest bauen. Die Reise dauerte, Tausende von Kilometern, aber nach Wochen hatte er es geschafft. Auf einem Rittergut machte er es sich gemütlich.

Er hätte besser auf der Hut sein müssen. Ständig starrten die Menschen ihn an – nie die anderen Störche – immer nur ihn. Sie starrten auf den Pfeil. Hätten sie haben können, den Pfeil. Was machen die Menschen, wenn sie einen Pfeil aus einem Storch holen wollen? Sie schießen, schon wieder – diesmal mit Blei.

Sensation! Ein Storch mit Pfeil! Ein Pfeilstorch! So etwas hatten die Menschen noch nie gesehen. Der Pfeil kam nicht aus Brandenburg, nicht aus Mecklenburg, er kam überhaupt nicht aus Europa. Der Pfeil wurde untersucht und verglichen, seine leicht ovale, eiserne Spitze, das dunkle, fein gemaserte Holz. Experten einigten sich auf Ostafrika. Nur, wie kam der Storch an einen afrikanischen Pfeil? Monatelang waren die Vögel weg gewesen. Wie jedes Jahr. Immer schon hatten sich die Menschen gefragt, wohin sie verschwinden. Ob sie sich verwandelten? In Sumpftiere oder in Mäuse? Ob sie starr werden wie die Fledermäuse? Sollte es wahr sein, was der Pfeil erzählte? Die Vögel flogen im Winter bis nach Afrika? So war’s – und der Pfeilstorch war der Beweis.

Der ewige Beweis. Eine Weile wurde er herumgereicht. Dann verstaubte er im Keller, wurde wieder gefunden, tingelte durch Ausstellungen und kam an die Universität. Immerhin, er war eine wissenschaftliche Sensation. Da steht er nun. Es gibt Menschen, die nur seinetwegen nach Rostock reisen. Dabei wäre er selbst so gerne unterwegs. Einmal noch Afrika. Er hätte dort bleiben sollen; samt Pfeil.

7. April 2022