
Auf einmal auch Patient
Als Onkologe erforschte Wolfram Gössling den Krebs mit professioneller Distanz. Dann bekam er selbst eine Krebsdiagnose, mitten in einer Vorlesung, die er gerade hielt. Seine Forschung hat das verändert – und seine Arbeit als behandelnder Arzt.
Ich erhielt meine Krebsdiagnose 2013 während einer Vorlesung an der Harvard Medical School in Boston. Dort sprach ich vor dreißig Studierenden gerade darüber, wie man Patient:innen schlechte Nachrichten überbringt, als mein Klinik-Pager meldete: »Bitte ruf deinen Hautarzt an. Es ist dringend.« Eine Woche zuvor hatte der eine Gewebeprobe von einem Knötchen auf meiner rechten Wange entnommen. Ich hatte der Biopsie nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt, sogar beinahe den Termin verpasst.
Ich verließ den Hörsaal und stand im Flur des Massachusetts General Hospital, dem Lehrkrankenhaus der Medizinischen Fakultät. Ich war allein, fröstelnd, angsterfüllt und rief meinen Arzt an – mit dem ich auch befreundet bin. Er klärte mich darüber auf, dass ich ein sogenanntes Angiosarkom habe. Dann begann er, zu weinen. Gerade hatte ich die Vorlesung unterbrochen, in der ich erklärte, dass man Patient:innen Diagnosen in einer ruhigen, geschützten Umgebung überbringen sollte. Nun stand ich mit meiner eigenen Krebsdiagnose in einem zugigen Krankenhausflur.
Ein Angiosarkom ist eine besonders aggressive und seltene Krebsform. Sarkome sind Krebserkrankungen, die aus dem Binde- oder Stützgewebe kommen, also Muskeln, Knochen, Knorpel oder Fett. Die Überlebenschance liegt bei vier Prozent. Ich kannte die Krebsart nicht von meiner eigenen Arbeit – als Onkologe behandle ich vor allem chronische Lebererkrankungen und Leberkrebs. In meinem Forschungslabor untersuchen wir unter anderem, welche Faktoren dazu führen, dass sich die Leber nach einer Schädigung erholt oder warum sich in einer chronisch entzündeten und vernarbten Leber Krebs bildet.
Der Weg zwischen meinem Labor und dem Krebszentrum ist kurz, ein paar hundert Meter. Als Arzt war ich es gewohnt, an diesen Orten die Kontrolle zu haben, ein Ziel und eine Aufgabe. Als Patient verschiebt sich das. Ich verlor die Kontrolle und war passiv. Mir war aber sofort klar, dass ich nicht als Wissenschaftler an die Erkrankung herangehen konnte. Sondern dass ich wirklich Patient sein und den anderen die Möglichkeit geben musste, mich zu behandeln. Dabei war ich privilegiert: Es waren meine Freunde und Kolleg:innen, die mich behandelt haben. Ich hatte ihre Handynummern und konnte sie zu jeder Tages- oder Nachtzeit anrufen.
Wegen meines beruflichen Hintergrunds hatte ich wahrscheinlich weniger Angst. Ich wusste genau, was auf mich zukommen würde: welche Komplikationen auftreten können, was es bedeutet, eine Chemotherapie durchzumachen. Als Patient merkte ich, wie schwer es ist, medizinische Informationen aufzunehmen, wenn man existenziell betroffen und in einem emotionalen Ausnahmezustand ist. Man überhört Details, interpretiert vorschnell oder greift einzelne Aussagen aus dem Zusammenhang. Das passierte auch mir, obwohl ich die Fachsprache und Methoden kannte.
Der Krebs hat meine Arbeit als Arzt und Forscher nachhaltig verändert. Als behandelnder Arzt versuche ich, mir mehr Zeit für Gespräche zu nehmen und sicherzugehen, dass Patient:innen wirklich verstanden haben, was ich erklärt habe. Außerdem weiß ich aus eigener Erfahrung, wie belastend es ist, auf Untersuchungsergebnisse zu warten. Vielleicht habe ich daher etwas weniger Geduld mit mir und meiner Forschungsgruppe am Dana-Farber Cancer Institute.
In der Wissenschaft wird oft so getan, als ließe sich Forschung vollständig von Emotionen trennen. Ja, Daten sind absolut und frei von Emotionen. Aber wenn wir Daten interpretieren, sollten wir uns disziplinieren und sichergehen, dass wir die richtigen Schlussfolgerungen ziehen. Man muss aufpassen, dass man sich nicht davon leiten lässt, recht haben zu wollen. Sondern, dass man wirklich herausfinden will, was wahr ist. Da sollte man objektiv sein. Aber welchen Themengebieten wir uns widmen, welche Hypothese wir aufstellen und was wir mit unserer Forschungsgruppe entscheiden, das hat mit persönlichen Erfahrungen und subjektiven Interessen zu tun. Das ist auch wichtig, um langfristige Projekte durchzustehen.
Trotzdem spielt auch etwas so subjektives wie Hoffnung eine Rolle. Sie ist nicht an Überlebenswahrscheinlichkeiten und Statistik gebunden. Ich wollte wirklich überleben, entgegen aller Wahrscheinlichkeit.
Wolfram Gössling ist Onkologe und Krebsforscher. Er machte seinen Doktor an der Universität Witten/Herdecke in Deutschland und schloss seine ärztliche Ausbildung in den USA ab. Heute ist er Professor für Innere Medizin an der Yale School of Medicine und Vorsitzender der medizinischen Fakultät der Hochschule. Zudem leitet er die Abteilung für Innere Medizin am Yale New Haven Hospital.
Dieser Text ist Teil des Schwerpunkts Zarte Fakten im Juli 2026.
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