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Italien

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Maxim Landau

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Gustaver der Liebe

Partner:in gesucht: ca. 10 Meter groß, auch Fernbeziehung möglich

Abies nebrodensis ist die wohl einsamste Tanne der Welt. Nun helfen Wissenschaftler:innen bei der Paarung – im Kampf gegen das Aussterben.

Hoch in den Bergen Siziliens starren Kameras auf Wanderwege. Sie überblicken Teile des Madonie-Nationalparks, eine Ge-gend, die für verwinkelte Dörfer bekannt ist, die wie Kronen auf den Gipfeln sitzen. Die Kameras bewachen einen Schatz: Abies nebrodensis, die seltenste Tanne der Welt.

Früher war der Baum in den Höhenlagen im Norden der Insel verbreitet und wegen seines robusten Holzes begehrt. Noch heute trägt es prächtige Kirchendächer. Doch die Tanne konnte nicht schnell genug nachwachsen. Bis zum Jahr 1957 hielt man sie für ausgestorben. Dann entdeckten Forschende überlebende Exemplare. Einzelne nur, durch die Ausdünnung genetisch verkümmert, der Fortbestand ungewiss.

Weltweit ist mehr als ein Drittel der Nadelhölzer vom Aussterben bedroht. Die Europäische Union stellt viele Millionen Euro für ihren Erhalt bereit, unter anderem für das Projekt Life4Fir, das Abies nebrodensis retten soll. »Es ist eine wirklich schwierige Aufgabe«, sagt Roberto Danti, Forscher am CNR Istituto per la Protezione Sostenibile delle Piante und Koordinator von Life4Fir. Nur 30 erwachsene Exemplare gibt es noch in freier Wildbahn. Sie stehen an steilen Hängen auf über 1.400 Metern, wachsen in unfruchtbaren Böden, gepeitscht vom Wind. »Die Bäume überlebten, weil ihre Ausbeutung hier oben in den vergangenen Jahrhunderten nicht leicht war«, sagt Danti.

Einsam wie Leuchttürme stehen sie in einem Meer aus Geröll – zu weit voneinander entfernt, um sich gegenseitig zu befruchten. Je weniger Austausch es zwischen Artgenossen gibt, desto mehr schrumpft der Genpool, Erbschäden häufen sich, überlebensfähige Nachkommen sind selten. Die Forschenden schreiten daher als Match-Maker ein. »Wir kreuzen die Individuen miteinander, die sich genetisch am meisten unterscheiden«, sagt Danti. Dazu stülpen sie Papiertüten über die weiblichen Zapfen, geben die Pollen des auserwählten Partners hinzu und ernten vier Monate später die Samen – insgesamt 100.000 Stück. Nur jeder fünfte keimt. »Erst nach vier bis fünf Jahren transferieren wir sie in den Nationalpark. Dann messen die Bäumchen gerade mal sieben bis zwölf Zentimeter«, sagt Danti. Ein Häppchen für Rehe und Wildschweine. Die Bäume leben daher im Sicherheitstrakt: »Kameras und Zäune schützen sie vor Pflanzenfressern, aber auch vor Wanderern und Touristen.«

Um das Überleben der Spezies in ferner Zukunft zu sichern, lagern Pollen und Samen-Embryos bei minus 196 Grad Celsius in einer Kryobank. Außerdem stellten die Forschenden Klone der 30 erwachsenen Tannen her, indem sie Äste von diesen auf jüngere, aus den Samen herangezogene Exemplare aufpropften.

Diese Klone stehen sich nun in einer Plantage ganz nah. Endlich. Künftig sollen sie sich kreuz und quer vermehren und von allein Samen produzieren. Laut Danti sei es gelungen, die genetische Vielfalt der Spezies zu erhöhen. Ob die Zäune und Kameras auch vor Holzfällern schützen sollen? »Nein«, sagt Danti und lacht. Heute würde niemand mehr auf die Idee kommen, den Baum zu fällen. »Die Menschen hier lieben diesen Baum. Er ist ein wahres Symbol ihrer Heimat.«

Erschienen am 4. September 2025

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