Lockdown extrem: An keinem Ort der Erde ist man so isoliert wie in der Antarktis. Die Medizinstudentin Beth Healey lebte 13 Monate in diesem lebensfeindlichen Gebiet und erforschte, wie sich Isolation auf den Menschen auswirkt.

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Jenni Roth ist freie Journalistin und arbeitet unter anderem für ZEIT, SZ Magazin, brand eins oder Deutschlandradio.

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European Space Agency (ESA)

Als die Tür des Flugzeugs aufgeht, beginnt ihre Tränenflüssigkeit zu kristallisieren. Beim Versuch zu atmen, ziehen sich ihre Lungen zusammen und die Härchen in der Nase gefrieren, was egal ist, weil es hier keine Gerüche gibt. »Weißer Mars« heißt dieser Ort auch, und da passt es, dass ein paar Gestalten auf sie zukommen, die Raumanzüge tragen oder zumindest so aussehen.

Schon immer reizte Beth Healey das Abenteuer, das Unbekannte, neue Orte zu finden und zu betreten. An Grenzen zu kommen und sie zu überschreiten. Schon als Kind im kleinen Herefordshire in England war sie am liebsten mit ihrem Vater auf Abenteuertouren unterwegs. Später lebte sie mehrere Monate in Grönland, dessen Landkarte zumindest noch ein paar weiße Flecken aufweist.

Aber das hier ist etwas anderes. Mehr als ein Jahr lang soll die 29-jährige Medizinstudentin auf der Forschungsstation Concordia die Effekte extremer Bedingungen auf Körper und Psyche untersuchen, als Vorbereitung für zukünftige Marsmissionen. Sie wird abgeschnitten sein vom Rest der Welt, auf einem der weißen Hochplateaus der Antarktis, in der dünnen Luft 3.233 Meter über dem Meeresspiegel. Auf der Antarktis liegt die größte Eisplatte der Erde, größer als ganz Europa. 61 Prozent der Süßwasservorräte der Erde sind in diesem Eis gespeichert.

März 2015, ein Tag vor Beginn ihrer Expedition. Nach der Abschiedsparty in der Ice Bar in London sitzt Beth Healey auf ihrem Bett, streichelt ihre Katze, spürt das weiche Fell zwischen den Fingern. Es ist der letzte Abend in der Welt, wie wir sie kennen. Ein Jahr lang wird sie keine Katze sehen und auch sonst kein Tier. Keine Pflanze, keinen Fluss, keinen See.

Landung am Ende der Welt

Einen Tag und viele Tausend Kilometer später sitzt sie in einem kleinen Flieger, direkt bei den Piloten im Cockpit – der letzte Teil ihrer Anreise. Sie blickt nach unten auf das Meer, das sich langsam zu einer einzigen, riesigen Eisfläche verwandelt. Als der Pilot zum Landeanflug ansetzt, ruft Healey laut: »Was machst du? Warum landen wir?« Kurz denkt sie an eine Notlandung. Dann wird ihr klar, dass es hier keine Landebahn gibt, keine Straßen, keine Landschaft. Healey ist angekommen am Ende der Welt: An einem Ort, der weiter entfernt ist von London als die Internationale Raumstation ISS – sowohl von der Kilometerzahl als auch von der Reisezeit.

Healey war gerade mal fünf Jahre alt, als ihr Vater sie mitnahm auf Kajaktouren und Bergwanderungen. Später verbrachte sie ihre Wochenenden mit Mountainbiking, Paragliding oder mit Skitouren, auf der Suche nach unberührtem, frischem Pulverschnee. Schon früh war ihr klar, dass sie Forscherin werden wollte. Doch als sie mit 15 Jahren eine ihrer besten Freundinnen bei einem Autounfall verlor, wusste sie, dass sie auch helfen wollte. Als Studienfach wählte sie letztlich Medizin. Gegen Ende ihres Studiums entdeckte sie die Ausschreibung der Europäischen Weltraumorganisation ESA: Gesucht wurde eine Forschungsärztin, verantwortlich für die Koordination und Umsetzung von sieben Forschungsprojekten in der Antarktis. Darauf, das wurde ihr bewusst, hatte sie die ganze Zeit gewartet.

Jetzt aber steht sie mitten im Eis und sieht diese dick eingepackten Gestalten auf sie zuwackeln. Sie will fragen, ob das hier wirklich der Sommer sei. Doch sie lässt es bleiben, aus Angst, ihre Zunge könnte einfrieren. Und fragt stattdessen sich, ob das wirklich die richtige Entscheidung war.

Nicht nur Wetter und Jahreszeiten, auch der Alltag auf der Polarstation entpuppt sich als gewöhnungsbedürftig. Alles in der Concordia hat eine Weltreise hinter sich, man ist sparsam. Ihre Haarspülung kann Healey nicht verwenden, weil das Wasser auf der Concordia recycelt wird. Sie beobachtet, wie die Hierarchien verschwinden, wenn Geld keine Rolle spielt. Und fühlt sich anfangs fast verloren, so ganz ohne Zeitfresser: Sie muss keine Rechnungen bezahlen, nicht einkaufen, sie hat Muße zum Lesen. Andere denken sich Geschenke für die Crew-Mitglieder aus: »Man wird kreativ in der Isolation«, sagt Healey. Sie bekommt einen Pinguin aus Alufolie, und einen Lampenschirm aus Dosenresten.

»Man wird kreativ«

Drei Frauen und zehn Männer sind auf der Station, aus Frankreich, Italien, der Schweiz. Und Beth Healey, die Britin, die sich daran gewöhnen muss, »dass es nichts heißen muss, wenn die Italiener sich mal anbrüllen«. Es ist jedenfalls alles andere als einsam in der Isolation: »Man sitzt aufeinander, man kann nicht davonlaufen, Persönlichkeitsmerkmale werden extremer«, sagt Healey. Sie merkt, dass sie bei Konflikten, die sich oft schon an Kleinigkeiten entzünden, eher still wird und die Konfrontation meidet. Dass sie allmählich unsicherer wird im Umgang mit anderen, weil es immer dieselben Menschen sind, die man um sich hat, und kein neuer Input da ist, keine neuen Menschen, an denen sie sich gewissermaßen testen kann. Und weil sie sich ständig beobachtet fühlt. Oder schräge Blicke erntet, als sie von einem Teammitglied eine Portion blauer M&M’s geschenkt bekommt – sie hatte ihm von ihrer Vorliebe für die blauen Schokolinsen erzählt. »Manchmal waren zum Beispiel die Männer extra unterkühlt, um keine Gerüchte aufkommen zu lassen.« Aber Liebesbeziehungen entstehen keine auf der Concordia. Denn Emotionen bedeuten auf so engem Raum auch zwangsläufig ein Risiko.

Alltag in der Isolation

Healey lernt nicht nur viel über sich selbst, sondern im Auftrag der ESA auch über die anderen: Sie soll herausfinden, wie Isolation die Gruppendynamik beeinflusst. Dafür tragen alle im Team eine Armbanduhr, die nicht nur Aktivitätslevels, Herzfrequenzen und Schlafmuster aufzeichnet, sondern auch, wer sich wo wann wie lange mit wem aufhält. So erzählen die Aufzeichnungen etwas über Gewohnheiten und wie sie sich verändern: ob man eher für sich ist oder mit den anderen, ob man sich aufrafft, in den Fitnessraum zu gehen oder stattdessen Schokolade isst. Um die Laune der Crew zu messen, dokumentiert Healey den Alltag in Videotagebüchern. Denn wie sich jemand fühlt, kann, übertragen auf eine Raumstation, über Leben oder Tod entscheiden. Anhand von Hirnscans kurz vor und kurz nach der Reise untersucht sie außerdem, ob sich in einem Jahr der Isolation auch die Gehirnstrukturen verändern – die Ergebnisse werden noch ausgewertet.

Im Sommer ist viel los auf der Concordia, Forschungsteams aus aller Welt sind da. Bei minus 30 Grad Celsius gibt es Rugby-Matches, Frankreich gegen Italien. Nur Fußballspielen funktioniert nicht, die Kälte raubt dem Ball die Sprungkraft. Als vier Monate später der letzte Flieger mit den Sommergästen abhebt und bald nur noch ein kleiner Punkt am Horizont ist, wird es still. Beth Healey geht in ihr Zimmer, starrt auf den Kalender über ihrem Bett. Jeder Monat sieht riesengroß aus, überwältigend. 240 Tage lang gibt es keine Fluchtmöglichkeit, weil bei minus 80 Grad Celsius kein Helikopter oder Flugzeug herkommen oder abfliegen kann, auch nicht im Notfall – schon bei minus 50 Grad Celsius würde das Kerosin einfrieren. Und doch bringt der Winter auch Erleichterung. »Ich wollte, dass der Winter schnell anfängt, um ihn hinter mir zu haben.«

105 Tage Dauernachtschicht

Jetzt ist es soweit: Der letzte Sonnenaufgang, der letzte Sonnenuntergang, für vier Monate. »105 Tage Dunkelheit sind brutal«, sagt Healey. Die ersten 96 Stunden schläft sie gar nicht. Sie tigert durch die Station. Vor dem Fenster nur Dunkelheit. Keine Straßenlampen, keine Autos. »Man fühlt sich von der Welt abgetrennt. In der Einsamkeit merkt man erst, wie sehr einen die Sonne mit der Welt verbindet.« Nur wenn die Nordlichter am Himmel aufleuchten, kommen die Lebensgeister zurück: »Ich bin nicht religiös, aber diese Lichter, die aus dem Nichts kommen, sind magisch. Und die Milchstraße ist unfassbar klar zu erkennen, fast greifbar. Man fühlt sich mit dem ganzen Universum verbunden. Als Teil von etwas Größerem.«

Trotzdem, das Leben auf der Station gleicht einer Dauernachtschicht. Der Lichtentzug ist auch Teil der Forschungen: Die ESA will wissen, wie er den Schlafrhythmus beeinflusst, wie spezielle Lichtverhältnisse ein normales Schlafverhalten während der sonnenarmen Wintermonate oder bei Nachtarbeitern oder Astronauten fördern könnten. Beth Healey merkt, wie sie selbst immer lethargischer wird. Das Essen fällt ihr schwer. »Es fühlt sich immer an, als müsste man nachts um drei Pasta essen.« Die Crew verehrt ihren italienischen Koch – der aber auch nichts daran ändern kann, dass es hier am Ende der Welt kein frisches Obst oder Gemüse gibt. Das Team wird zunehmend blass, Healey hat, wie die anderen auch, Mühe, ihr Gewicht zu halten. Allein die Lage über 3.000 Metern frisst Energie, viel mehr noch die Bewegung draußen, dick eingepackt bei minus 80 Grad Celsius. »Ich hatte das Gefühl, mein Körper fällt auseinander.«

»In der Einsamkeit merkt man erst, wie sehr einen die Sonne mit der Welt verbindet.«

Damit das Heimweh nicht zu stark wird, versucht sie, nicht jeden Tag mit Freunden oder der Familie zu skypen. Als Single hat sie immerhin keine Beziehung, um die sie kämpfen muss. Dafür vermisst sie spontane Treffen in Cafés oder den Supermarkt nach Feierabend. Wenn sie hier rausgeht, dann meistens, um Schneeproben zu sammeln. Die Proben will sie nach Bakterien durchsuchen, die in dieser Todeszone überlebt haben und darum auch auf anderen Planeten existieren könnten. Jeder Fund könnte viel über die Geschichte unserer Erde erzählen, über Eiszeiten und Klimawandel. Viele Geheimnisse der Erde sind im Eis eingeschlossen. Doch sie findet keine Bakterien.

So kurz sie auch sind, die Ausflüge haben es in sich. Die Tinte im Stift friert ein, die geklebten Stellen der Plastiktüten für die Schneeproben lösen sich. Und viel zu schnell geht ihr in dieser Höhe, in der Kälte, die Puste aus – auch nach neun Monaten noch. Eines der Ergebnisse ihrer ESA-Forschungen ist, dass sich der Mensch auch nach langer Zeit kaum an die konstant niedrige Sauerstoffversorgung anpasst.

Immerhin aber passe sich der Mensch an das Zusammensein auf engem Raum mit wenigen Artgenossen an, sagt Healey. Und tatsächlich: Der Abschied von der Concordia nach über einem Jahr fällt ihr schwer. Rückblickend vergleicht sie ihre Zeit auf dem »Weißen Mars« mit einer Art Retreat. »Die Zeit dort macht auf jeden Fall die Sicht auf die Dinge klarer. Auf das, was man will.« Und Beth Healey weiß genau, was sie will: eines Tages ins Weltall fliegen. Die Concordia, die Isolation, die Kälte, die ganze Radikalität der Antarktis, sie waren nur eine Vorbereitung.

 

In der Coronakrise gibt Beth Healey auf ihrem Instagram-Account Tipps, wie man die Isolation übersteht. Der Text ist zuerst erschienen in der vierten Ausgabe zum Thema »Kommt zusammen«.

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Inhalt

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