Allseits bekannt und beliebt: der Placebo-Effekt. Doch kaum jemand kennt seinen bösen Bruder: Nocebo ist Latein und bedeutet „Ich werde schaden“.

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Christian Schnohr ist freiberuflicher Journalist und Autor von Reportagen, Portraits und Features, unter anderem für ZEIT, NZZ und Spiegel.

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Marius Wenker ist freier Illustrator.
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Es ist eiskalt im OP-Saal. Über mir gleißendes Licht. Rechts sortiert eine Schwester die Instrumente. Das Letzte, das ich mitbekomme, ist die tiefe Stimme des Anästhesisten: »Es ist gleich vorbei. Wir werden Sie jetzt einschläfern.« Welch beruhigende Worte vor einer Narkose. Zwar erwache ich lebendig, doch spüre ich sämtliche Nebenwirkungen, die mir der Chirurg vorab aufgezählt hatte: von Übelkeit über Muskelzittern bis hin zu Halsschmerzen.

Hypochonder nennt mich meine Freundin. Ich dagegen sehe mich als Opfer des Nocebo-Effekts. Er greift, wenn der reine Gedanke an mögliche Nebenwirkungen diese auch hervorruft. So zeigte etwa im Jahr 2008 eine Studie der DSHS Köln, wie die Psyche aufs Gemüt und aufs Gemächt schlagen kann. Die männlichen Probanden wurden mit Betablockern gegen Bluthochdruck behandelt. Jeder Dritte litt an erektiler Dysfunktion. Allerdings nur unter denen, die um diese potenzielle Folge wussten – im Vergleich zu 13 Prozent aus der ahnungslosen Vergleichsgruppe.

»Ich werde schaden.«

Nocebo ist Latein und bedeutet: »Ich werde schaden«. In der Forschung gilt dieses Phänomen als böser Bruder des Placebo-Effekts. In beiden Fällen bestimmt die Erwartungshaltung das Ergebnis. Ähnlich wie sein freundliches Pendant variiert der Nocebo-Effekt sogar mit dem kommunizierten Preis eines Medikaments, wie Neurowissenschaftlerinnen und -wissenschaftler der Uniklinik Hamburg-Eppendorf 2017 zeigten: Steckte eine angeblich anti-allergische, tatsächlich wirkstofffreie Hautcreme in einer edel gestalteten Verpackung, klagten an der Studie Teilnehmende nach der Anwendung über starke Schmerzempfindlichkeit – deutlich stärker, als das Mittel im Discounter-Look. International machte in den Medien gar die Geschichte eines vereitelten Nocebo-Suizids die Runde: Um ein Haar wäre ein US-Amerikaner an Liebeskummer und einer Überdosis Schein-Antidepressiva gestorben, heißt es dort.

Eine Überdosis Gefühl

Es gibt durchaus Erklärungsansätze für das Nocebo-Phänomen: So senken die negativen Erwartungen den Endorphin-Spiegel im Blut. Der Patient fühlt sich schlechter und ist schmerzempfindlicher. Zudem zeigte sich in Hirnscans, dass die bloße Vorstellung von Nebenwirkungen bestimmte Areale im präfrontalen Cortex stimuliert. Dieser Bereich im Stirnhirn spielt beispielsweise eine Rolle bei der Bewertung unserer Umwelt. Wissenschaftler vergleichen den Nocebo-Effekt gerne mit Voodoo. Jedes Jahr sterben Menschen durch die Macht der schwarzen Magie. Es ist die reine Angst, die das Herz-Kreislauf-System zusammenbrechen lässt. Gleicht also die Ärztin im weißen Kittel einem bösen Hexer, nur weil sie ihrer Aufklärungspflicht nachkommt? Ganz von der Hand zu weisen ist das nicht. Ich jedenfalls schalte dabei in Zukunft immer auf Durchzug. Wer nichts weiß, wird auch nicht krank.

Dieser Text ist zuerst erschienen in der zweiten Ausgabe zum Thema »Gefahr«.

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Christian Schnohr ist freiberuflicher Journalist und Autor von Reportagen, Portraits und Features, unter anderem für ZEIT, NZZ und Spiegel.

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Marius Wenker ist freier Illustrator.
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Turbopublikationen

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S4

Hier werden die gefährlichsten Viren der Welt erforscht – ein Ortsbesuch in einem Hochsicherheitslabor.

Dazugehören

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Harmonie auf Zeit

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