Eine Erzählung

Text
Elise Schmit

Illu
Janik Söllner

Im Meer sei es vor allem dunkel. Das war der Satz, mit dem Dé die Studentenführung durch das Institut begann. Daran dächten nicht viele, wenn sie sich das Leben im Meer vorstellten, Zivilisationen unter Wasser, so im Film: Bunt wabern Anemonen, schillern Fischschwärme und, ach, die Korallen. (Sei nicht so streng, Dé, sagte Waldfüsser.)

Dé war davon überzeugt gewesen, sie habe das selbst genau verstanden. Ins Wasser gleiten und langsam hinab, hinab, nicht zu weit, sechzig Meter vielleicht, danach soll Schluss sein, als Mensch ist man schwach. Man hätte auch nicht viel davon, tiefer zu tauchen, sagte Dé zu den Studenten, unter Wasser werde es schnell trüb, farblos, dann etwas wie Nacht. Auf dem Grund, wo man meistens nicht hinkomme, seien die Ozeane sandig und bleich, wenn man denn unbedingt hinsehen und ein paar Lebewesen mit einem Scheinwerfer erschrecken müsse. Die Herausforderung: sich das Leben im Meer ungefähr so zu denken, wie es sei, ohne für das Meer gemacht zu sein. Einsam durch einen Ozean zu schwimmen, habe nichts zu tun mit Spaziergängen durch menschenleere Ebenen, aus denen in der Ferne Berge ragten oder Baumwipfel. Den Fischschwarm sehe man nicht von Weitem, auch nicht das Festland. Sie sollten sich das Meer eher vorstellen wie das Weltall, sagte Dé, nach allen Seiten nichts, was einen halte, kaum Orientierungspunkte, vielleicht noch weniger als dort, wo man sich immerhin nach Sternen richten könne.
Daran dachte sie, als sie am Geländer vor den Orcabecken stand, wie sie diese Sätze Jahr für Jahr in die stillen Gesichter der jungen Leute hineinsagte, ohne zu wissen, ob sie irgendetwas auslösten, eine Einsicht im besten Fall oder später einmal eine Erinnerung. (Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagte Waldfüsser.) Auch diesen Satz hatte sie ernst gemeint: Man könne sich die Einsamkeit eines Meerestiers nicht vorstellen, weil man als Mensch verrückt werden müsse vor Angst, ohne Sicht und natürlich vorhandene Atemluft, ohne Orientierungsmarken, ohne zuverlässiges Körpergefühl. Etwas hatte gefehlt, wenn sie das sagte, das merkte sie jetzt.

Was sie hier mache, fragte der Mann, wenn sie die Tiere sehen wolle, müsse sie eine Eintrittskarte kaufen.
Der Gehweg gehöre nicht dem Zoo, sagte Dé.
Sie sagte das, ohne nachzudenken. Sie hatte dieses Gespräch in den letzten Tagen mehrmals geführt, mit diesem und anderen Zoomitarbeitern. Die Tiere gehörten aber dem Zoo, sagte der Mann, sie müsse bezahlen oder gehen. Sie müsse weder noch, sagte Dé.
Sie habe Fotos gemacht, sagte der Mann, man habe das ganz genau gesehen, wer Fotos mache, müsse bezahlen; ob sie etwa von der Presse sei.
Nein, sagte Dé, er wisse, dass sie nicht von der Presse sei.
Der letzte Teil ihres Satzes ging im Lärm unter. Ein Mann mit einem vor Aufregung schreienden Kind auf den Schultern drängelte sich zwischen Dé und dem Zoomitarbeiter zum Geländer vor. Arme mit Handys schnellten nach oben. Vicky war vermutlich aus dem Wasser gesprungen, das tat sie schon den ganzen Vormittag, als übe sie für die Show, Sprünge rücklings und bäuchlings, glattes Eintauchen, anschließend ein paar schnelle Runden durch das Becken, scharf an Fati vorbei, aber so, dass sie sie streifte oder mit der Schwanzflosse erwischte. Mindestens sechsmal hatte sie heute schon gebissen, Dé hatte die Zeiten notiert, wenn sie sich sicher war; trotz Waldfüssers Objektiv waren die Vorgänge im Becken nicht genau zu erkennen. Ohne Genehmigung keine Fotos, sagte der Zoomitarbeiter und sah über Dés Kopf hinweg, wo man vor lauter emporgereckten Bildschirmen das Becken fast nicht mehr sehen konnte. Er wisse übrigens genau, wer sie sei. Désirée Cruz, sagte Dé, das wisse er ja dann auch. Sie tue nichts Verbotenes.
Was verboten sei, entscheide immer noch der Chef, sagte der Zoomitarbeiter. Er rufe jetzt die Polizei, das sei kein Witz, sie müsse gehen. Ja, sagte Dé und trat wieder näher ans Geländer. Noch hofften einige Spaziergänger auf einen nächsten Sprung, andere waren weitergegangen in Richtung Eintrittsschleuse. Vicky hatte sich beruhigt. Durchs Objektiv konnte Dé die Orcas sehen: Lizzy und Vicky auf der einen Seite, Fati auf der anderen.
Er verrichte nur seine Arbeit, sagte der Zoomitarbeiter.
Sie auch, sagte Dé, ohne vom Apparat aufzublicken, obwohl das nicht ganz die Wahrheit war. Niemand bezahlte sie dafür, hier zu stehen. Sie trug keine Uniform.
Der Mann fluchte. Sie sah ihn noch hinter der Bambushecke verschwinden.

Dé war vor wenigen Wochen bei einer der Shows gewesen. Nach der ersten Testreihe am Morgen war sie kurz nach der Öffnung mit Waldfüsser in den Zoo zurückgekehrt, hatte am Eingang einen Faltplan und „Zoodollars“ erhalten, und war dann fast pflichtbewusst dem mit Pfeilen markierten Pfad gefolgt. Sie waren hier Gäste. Sie hatten sich schriftlich damit einverstanden erklärt, nichts an die Öffentlichkeit zu tragen, was nichts mit dem Experiment zu tun hatte. Eine Vorsichtsmaßnahme, hieß es. Leider gebe es immer wieder Probleme mit »Idealisten«. Im Übrigen seien die Tiere selbstverständlich »in Ordnung«.
Man danke für die Gastfreundschaft, hatte Waldfüsser gesagt und Dé mit einem Blick angesehen, der sagte: Heute nicht.
Die Anlage machte einen gepflegten Eindruck, das musste Dé zugeben. Die Hecken waren sauber geschnitten, die Pfade gekehrt; über die noch klebrigen Reste in den Pappbechern und Eistüten am Wegrand machten sich Wespen her. Überall standen bunte Tafeln mit Informationen in vier Sprachen. Dé und Waldfüsser hatten sich am Gorillagehege hinter zwei aufgeregte Familien gestellt und der Fütterung zugesehen. Das Männchen saß mit dem Rücken zu ihnen und zerpflückte einen Kohlkopf. Es wolle, dass der Affe sich umdrehe, hatte eines der Kinder gesagt, Papa, mach doch, dass der Affe sich umdreht. Der wolle vielleicht gerade in Ruhe essen, hatte der Vater gesagt. Das Kind hatte angefangen zu quengeln, war lauter geworden, hatte an den Eltern gezerrt. Dé hatte Waldfüsser am Arm gefasst, aber er hatte es schon gesehen. Der Gorilla hatte sich mit einem Ruck umgedreht und starrte die Besucher an. Man meine, mit Abscheu, hatte Waldfüsser gesagt. Es würde ihn nicht wundern, wenn gleich eine Zwiebel geflogen käme oder, wenn sie Pech hätten, ein Stein. Die Kreatur sei dann doch nicht so blöd, nicht zu merken, wie man ihre Lebensbedingungen persifliere.

Die Kreatur, hatte Dé geantwortet.
Waldfüsser hatte mit den Schultern gezuckt. Sie dürfe das nicht persönlich nehmen. Was sie hier sähen, sei nicht schön, aber die Tiere erfüllten einen Zweck.
Dé hatte nicht zu antworten brauchen.
Er wolle ihr gar nicht widersprechen, hatte Waldfüsser hinzugefügt, es sei alles furchtbar. Seine Zoodollars hatte er mit einer ausladenden Geste in die nächste Mülltonne geworfen.
Sie waren schweigend an den Volieren vorbeigegangen und an gähnenden Raubkatzen, hatten eine Weile den Roten Pandas zugesehen. Waldfüsser hatte über die klatschenden Fischotter gelacht und Dé hatte den Kopf geschüttelt.
In der Arena hatten sie sich ganz an den Rand gesetzt und zugesehen, wie sich die Sitzreihen füllten. In den vorderen Reihen lagen Plastikponchos aus. Hinter einer Videoleinwand sah man drei kleinere Becken, dahinter eine dichte Begrünung, dahinter das Meer. Während sich der Bass von Popsongs aus den Neunzigern über das Geschnatter der Touristen legte, liefen die Trainer in Neoprenanzügen auf das Podium vor der Leinwand. Vicky, Lizzy und Fati schnellten durch die offenen Gatter ins Becken, Wasser schwappte auf die vorderen Sitzreihen, alles kreischte und jubelte. Wortlos sahen Dé und Waldfüsser eine halbe Stunde lang zu, wie die Orcas Sprünge vollführten, Wasser auf die Zuschauer schaufelten, den Kopf schüttelten und nickten, mit den Mäulern aneinanderlehnten wie zum Küssen. Eines der Tiere glitt auf das Podium, drehte eine Pirouette und rutschte zurück ins Becken. Einige Zuschauer sprangen immer wieder auf, bei jedem Kunststück brach Beifall aus.
Oh Gott, sagte Dé, als zum Schluss ein kleiner Junge für ein Foto auf Fatis Rücken gesetzt wurde. Eine der Trainerinnen hielt ihn fest. Fati sei das Tier mit den wenigsten Zähnen, hatte Waldfüsser gemeint.
Ich bitte dich, hatte Dé gesagt.
Ein Witz, Dé, hatte Waldfüsser geantwortet. Natürlich sei es bescheuert.

Wegen Fati waren sie ins Flugzeug gestiegen und für eine Woche in den Zoo ans Mittelmeer gekommen. Das Delfinarium in der Nähe des Instituts, das vor einem guten Jahr den halb verhungerten Orca aufgenommen hatte, war zu eng geworden und die Absonderung des Tiers von allen Artgenossen ohnehin nicht länger vertretbar. Fati hatten sie das Tier genannt, weil der Kapitän des Fischkutters, der den Orca im Wattenmeer entdeckt hatte, ins Telefon gerufen hatte: wie eine Fata Morgana! Er glaubt’s nicht, wie eine Fata Morgana! Von den Expertenmeinungen, die eingeholt wurden, sprachen sich die meisten für einen Auswilderungsversuch aus, knüpften ihre Einschätzung aber an die Bedingung, dass Fatis Herde zeitig und mit Bestimmtheit gefunden werde. Das Tier sei schließlich schon einmal in die Situation geraten, dass es sich nicht mehr aus eigenen Kräften habe ernähren können. Mit dem Befund hatten sie gerechnet. Vorsorglich hatte Dé die Rufe des Orcas mit der Datenbank des Instituts abgeglichen und Aufnahmen von Fati an Kollegen verschickt. Dass sie in so kurzer Zeit auf eine Familienzugehörigkeit stoßen würden, hatte sie selbst nicht erwartet. Die Ähnlichkeit zu den Rufen einer Herde vor der norwegischen Küste war erstaunlich. Glückspilzin, hatte Waldfüsser geflachst und sie zum Essen eingeladen. Dé hatte ihn gebremst. Sie wolle sich sicher sein, hatte sie gesagt und war mit ihm ins Delfinarium gefahren, um Fati die Rufe vorzuspielen. Doch Fati hatte nicht reagiert. Vielleicht war es schon zu spät, hatte Waldfüsser vermutet, vielleicht konnte sich so ein Tier seinem eigentlichen sozialen Umfeld entwöhnen, wenn es nur noch mit Menschen zu tun habe.
Als die E-Mail mit dem Gerichtsbeschluss eintraf, hatten sie im Büro eine Flasche Whisky aufgemacht. Schluss mit der Tierquälerei, hatte es geheißen, so lange der Wal seinem natürlichen Habitat nicht zugeführt werden könne, müsse er in eine Einrichtung verbracht werden, die über angemessene Kapazitäten verfüge. Von einer Badewanne in die nächste, hatte Waldfüsser gesagt, aber was solle man tun.
Eine Menge, hatte Dé gedacht und gesagt, dass der Vergleich mit der Badewanne eigentlich falsch sei. Man solle sich eine sehr enge Abstellkammer vorstellen oder einen Schrank.
Sie solle nicht so streng sein, hatte Waldfüsser gesagt und das Glas erhoben, und was trinken, dann gehe es zwar nicht besser, aber man halte es leichter aus. Auf Fati!

Es hatte Dé keine Ruhe gelassen. So schnell hätte der Orca seine ursprünglichen Lebensbedingungen nicht vergessen dürfen. Sie hatte angefangen, Medienberichte über Fati zu sammeln, bei denen ihr schlecht wurde, von einer Attraktion war die Rede, einer spektakulären Transportaktion, einer neuen Heimat für einen neuen Star. Man konnte T-Shirts und Kaffeebecher kaufen, auf denen Fati abgebildet war. Vielleicht war es noch nicht zu spät, hatte sie gedacht, vielleicht konnte man den Orca wieder an den Dialekt seiner Verwandten heranführen. Vielleicht würde Fati im Zoo so bekannt, dass man die Auswilderung mit Spendengeldern stemmen konnte, statt sich auf anderen Wegen abzumühen.
Waldfüsser sah die Dringlichkeit ein, auch weil aus dem Zoo Klagen laut wurden, Fati vertrage sich nicht mit den anderen Tieren, sei schwer zu bändigen und ungelehrig. Dé hatte zur Geduld geraten, Fati kenne die anderen Tiere noch nicht. Die Interaktion mit ihr habe sich von Anfang an unproblematisch gestaltet, das hätten alle berichtet, die mit ihr zu tun gehabt hatten. Sie habe sich nie gewehrt, nie nach den Pflegern geschnappt, sich geduldig füttern lassen. Fatis Quietschen habe zu jedem Besuch im Delfinarium dazugehört, sie persönlich habe den Orca als ein Tier kennen gelernt, das jede Gelegenheit zur Interaktion wahrnehme.
Aber war das so? Dé hatte ein Forschungsprojekt zur Kommunikation von Orcas angestrengt, das von der üblichen Kategorisierung nach Rufen abkommen sollte. Waldfüsser war zunächst skeptisch gewesen. Sie wolle von Theorien zu menschlichen Sprachen ausgehen, hatte er gesagt. Aber ein Orca sei kein Mensch.
Dé hatte auf ähnliche Ansätze bei der Untersuchung von Vogelrufen verwiesen. Und dass man sich womöglich Erkenntnissen verstelle, wenn man immer denke, Tiere dürften mit Menschen nichts gemeinsam haben.
Waldfüsser hatte seufzend eingewilligt. Nur mit dem Papierkram möge sie ihn bitte weitgehend verschonen.
Dé war bald überzeugt gewesen, dass sie Recht hatte. Die Rufe der Orcas ließen sich in eine feste Anzahl von Elementen unterteilen, die in unterschiedlichen Rufen vorkamen und nicht beliebig kombiniert wurden. Das sei etwas wie eine Grammatik, hatte sie zu Waldfüsser gesagt, vielleicht sei das sogar regelrecht Sprache, vielleicht könne man das irgendwann entschlüsseln, und was das hieße, das müsse er doch sehen, dass man dann vielleicht irgendwann mit Orcas kommunizieren könne, wirklich und tatsächlich mit Orcas kommunizieren könne.
Vielleicht irgendwann, hatte Waldfüsser gesagt. Von Regelhaftigkeit auf Sinn zu schließen, finde er gewagt. Auch solle sie sich unterstehen, so etwas in ihren Forschungsbericht zu schreiben. Aber der Befund deute immerhin auf Lernbarkeit. Das könne man überprüfen.
Er hatte Dé zugezwinkert. Noch am selben Abend hatte sie eine Anfrage an den Zoo verschickt.

Als Dé von der Strandpromenade zurückkehrte, stand in der Lücke zwischen den Palmen, zwischen denen sie jetzt seit zwei Wochen die Vorkommnisse im Becken beobachtete, ein Gitter aus Metall. Die dünnen Stäbe waren lästig beim Heranzoomen, ständig gerieten die Tiere aus dem Fokus. Dé notierte den achten Angriff von Vicky. Mittlerweile beteiligte sich auch Lizzy an den Attacken. Fati wehrte sich nicht. Wohin sollte sie auch ausweichen. Dé sah auf ihr Telefon: halb drei und zwei verpasste Anrufe. Sie notierte die Zeit in ihr Notizbuch. Mehr als ein Angriff pro Stunde, und das jeden Tag, keine Fluchtmöglichkeiten, das war genug, um wahnsinnig zu werden.
Ein Farbfleck schob sich vor die Orcas. Der Zoomitarbeiter vom Morgen war mit zwei Kollegen am Gitter erschienen. Unter den enttäuschten Zurufen der Spaziergänger rollten sie ein Werbebanner des Zoos aus und befestigten es an den Streben. Der Mann nickte Dé zu, nicht unfreundlich, aber so, dass sie verstand: Die Aktion galt ihr. Wenn sie zu den Orcas wollte, musste sie tatsächlich eine Eintrittskarte kaufen. Nun gut. Dé packte die Kamera in die Tasche.

Dass sie nicht mit ihm heimgereist war, hatte Waldfüsser nicht weiter kommentiert. Ein paar Tage seien kein Problem, hatte er beim Abschied gesagt, aber er müsse sie als Urlaub verbuchen.
Aus den paar Tagen waren Wochen geworden. Dé hatte mittlerweile mehrere Notizbücher vollgekritzelt. Wenn aus dem ursprünglichen Experiment nichts werden konnte, fand sie vielleicht doch noch Argumente dafür, Fati aus dieser Umgebung zu befreien, hatte sie gedacht. Sie hatte sich geschämt, dass ausgerechnet die Trainer sie darauf gestoßen hatten, warum Fati nie auf die Tonbandaufnahmen reagierte. Über die natürlichen Lebensbedingungen der Tiere wussten diese Leute so gut wie nichts, aber sie kannten Fati besser als Waldfüsser und sie, ließen sie mit ein paar Bewegungen kerzengerade aus dem Wasser springen und mit den Flossen winken, auf Kommando das Maul auf- und zusperren.
Sie wolle sich nicht einmischen, hatte eine junge Frau namens Jennifer gesagt, aber sie seien sich hier eigentlich einig, dass das Tier nicht richtig höre. Fati sei »superfit«, wenn sie die Bewegungsabläufe vor der Scheibe des Beckens einüben solle, schwimme aber einfach weiter, wenn man nach ihr rufe oder pfeife. Das passe nicht zusammen.
Es war Dé schwergefallen, die Testreihe mit den anderen Walen fortzusetzen. Ein tauber Orca bedeutete: eine Auswilderung würde Fati nicht lange überleben. Sie konnte sich nicht mit anderen Tieren zur Jagd abstimmen und sie nicht durch Rufe wiederfinden. Wenn sie im Meer verlorenging, war sie verloren.

Wie blind ging Dé durch den Zoo und setzte sich in die Arena. Sie saß wieder am Rand, sah den Kunststücken zu und der begeisterten Unruhe auf den Sitzreihen. Fati setzte mit Vicky und Lizzy zu Synchronsprüngen an, als wäre nichts zwischen ihnen vorgefallen. Nach der Show blieb Dé sitzen. Die Kamera ließ sie in der Tasche, obwohl sie jetzt freie Sicht auf die hinteren Becken hatte. Sie notierte auch nichts. Als nur noch sie auf den Rängen saß, tauchte am Gatter einer der Trainer auf. Sie kannte ihn, er hieß Jason, wollte zwei Jahre mit den Orcas arbeiten und anschließend in San Diego Biologie studieren. Jason zögerte; er sah wohl, dass sie weinte. Dé wandte sich ab, nahm das Handy: zwei weitere entgangene Anrufe. Sie tippte auf den Namen und wartete auf das Brummen am anderen Ende.
Hallo Bernd, sagte sie.
Schön, dass sie endlich ans Telefon gehe, sagte Waldfüsser. Es tue ihr leid, sagte Dé und biss sich auf die Lippen. Jetzt hörte er sie auch noch weinen.
Das wisse er, sagte Waldfüsser. Und er könne sie gut verstehen. Aber es sei jetzt Zeit.
Es sei nicht deswegen, sagte Dé. Zusammenreißen, zusammenreißen, dachte sie, aber viel half das nicht.
Sie hätten einfach alles falsch gemacht, sagte sie.
Das wisse er auch, sagte Waldfüsser. Aber man hätte es nicht richtiger machen können.
Dé sah der schlappen Rückenflosse des Bullen dabei zu, wie sie sich von einer Seite seines Beckens zur anderen bewegte und wieder zurück. Im Becken der Weibchen war es ruhig. Dahinter hingen ein paar Wolken über dem Meer. Dé legte den Kopf in die Hand mit dem Telefon. Das war es also.
Mensch, Dé, sagte Waldfüsser. Das Tier kenne sie nicht. Jedenfalls nicht so, dass es Trost finde in ihrer Anwesenheit.
Ja, sagte Dé.
Der Trainer ging unten am Becken vorbei. Unsicher hob er die Hand zum Gruß. Dé winkte zurück. Sie hörte Waldfüssers Atem durch das Telefon. Morgen würden wieder Zuschauer die Plätze besetzen. Sie würden durch die Plexiglaswände die weißen Bäuche der Orcas sehen und sich lachend unter ihre Ponchos ducken, wenn das Wasser über sie schwappte. Bald würde Jason sie bitten, die Arena zu verlassen. Noch ein paar Minuten, dachte Dé, dann war es Zeit zu gehen.

Diese Geschichte ist erfunden, fußt aber auf einer wahren Begebenheit. Eine ausführliche Schilderung des Falls bietet Johannes Böhme in seinem Bericht: »Und was will der Wal?«, S. 18-32, in: ZEIT Magazin 52, 10.12.2020. Dés Forschung zum Kommunikationsverhalten der Orcas basiert hauptsächlich auf den Ergebnissen der Studie von Ari Daniel Shapiro, Peter L. Tyack und Stephanie Seneff: »Comparing call-based versus subunit-based methods for categorizing Norwegian killer whale, Orcinus orca, vocalizations.« S. 377-386, in: Animal Behaviour, Vol. 81/2 (Feb. 2011).

Text
Elise Schmit

Illu
Janik Söllner

Aus dem Inhalt

Die Wildnis gibt es nicht

Ein Essay von Svenja Beller und ein Interview mit dem Künstler Julian Charrière.

Der Ruf der Libelle

Ein Expeditionsbericht von Dirk Gassmann.

Mikro-Wildnis

Aus dem Dschungel ins Labor – wie kultiviert man die potenziellen Superantibiotika?

Am achten Tag

George Church schafft neue Lebewesen im Labor. Kann er damit sogar das Klima retten? Ein Interview.

Wildnis ist …

Der Verhaltensökologe Heribert Hofer über Wildnis in der Serengeti und an der Currywurstbude in Berlin.

Ausgebüxt und ausgewildert

Wie holen wir den Biber zurück?

Die neue
Entstehung der Arten

Für Darwin war klar: Es verstreichen Äonen, bis die Evolution ihr Werk vollbracht hat. Doch heute beobachtet der Biologe Menno Schilthuizen eine wahre Turbo-Evolution – besonders in Großstädten. Ein virtueller Stadtspaziergang.

Wildnis ist …

Die Biogeochemikerin Ellen Damm über arktische Wildnis und Monate in kompletter Dunkelheit.

Leben
nach dem Tod

Tote Tiere sind ein Fest für die Artenvielfalt. Doch fast alle großen Kadaver werden aus unseren Wäldern entfernt – ein Fehler, findet ein Kadaverökologe. Auf Leichenschau im Bayerischen Wald.

»Das nennt ihr Zivilisation?
Wir nennen es Wildnis!«

Ihr seid uns ein Rätsel! Iva, Tom und Kay verlieren sich in der Wildnis menschlicher Interaktion. Unsere Autorin gibt Einblick in ein Treffen der Selbsthilfegruppe künstlicher Intelligenzen.

Die
Hässlichen

Alle wollen Tiger und Pandas retten. Aber wer kümmert sich um die Unscheinbaren, die Hässlichen unter den Tieren?

Löwenzahn

Ein Poetry-Slam von Lars Ruppel.

Totgeglaubte Völker

Es gibt noch wilde Honigbienen. Wie findet man sie nur?

Jungle
Memory

Ein Meer aus Blättern, Bäumen und Ästen – der Künstler Andreas Greiner lässt virtuelle Wälder entstehen. Ein Gespräch über unser Verhältnis zur Natur.

Wildnis ist …

Der Biologe Werner Kunz über Tiere mit Migrationshintergrund und die Wildnis im Braunkohletagebau.

Death by
1080

1080 – Natriumfluoracetat – tötet langsam und qualvoll. Ökolog:innen wie Katherine Moseby sehen es als einzige Chance für die Tierwelt Australiens. Tierschützer:innen sprechen von Mord.

Wettlauf gegen
die Wildnis

Zwei Menschen verlaufen sich, halluzinieren und gehen über ihre Grenzen hinaus. Sie wollen Rennen gewinnen, für die es kein Preisgeld gibt. Danach sind sie nicht mehr dieselben.

Raus zum
Rhododendron

Annäherungen an ein unversöhnliches Verhältnis. Playlist: Wildnis

Etwas wie Nacht

Eine Erzählung von Elise Schmit.

Autobahn
in die Wildnis

Eine Schnellstraße in den Bergen Georgiens würde Fortschritt bringen. Und die Natur nehmen. Wie lässt sich dieser Konflikt entscheiden?

Wildnis ist…

Die Literatur- und Kulturwissenschaflterin Kylie Crane über Wildnis-Survival-Camps und den Mythos von unberührter Natur.

10.321, 10.322, 10.323…

Käfer zählen für die Waldrettung.

Der Dschungel
hinterm Haus

Eine Kindheitserinnerung.

The Hidden Forest

Drohnen fliegen über den Wald.

Die europäische Wildnis

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