Grüne Wohnmaschine

Wälder, die im Hochhaus wachsen, Fassaden mit eingebauten Nistplätzen für Spatzen und Wohnraum für alle – Architektur und Forschung stellen sich der Frage: Wie wollen wir in Zukunft zusammenleben? 

 

Text Natascha Roshani

Illustration Peter Hoffmann

Es braucht keine Forschung, um zu merken, dass die Gesellschaft in vielen Ländern der Welt altert, während gleichzeitig die Geburtenrate sinkt. Weniger Menschen, allerdings viel mehr Alte – so wird also unsere Zukunft aussehen. Es scheint folglich ein Leichtes, dem seit Jahren steigenden Platzbedarf des Einzelnen gerecht zu werden. Von wegen. Die meisten Menschen leben bei uns in der Stadt – und die Städte werden immer attraktiver. Seit Jahren hat eine regelrechte Landflucht eingesetzt. Im Urbanen dagegen wird der Wohnraum immer knapper und die Preise für Eigentum und Mieten steigen ständig.

Vor allem junge Menschen zieht es in die Stadt mit den zahlreichen Ausbildungs- und Studienplätzen und besseren Berufschancen. Die Metropolen werden laut Prognose des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung bis zum Jahr 2035 rasant wachsen: Hamburg und Frankfurt am Main um zehn Prozent, München sogar um 14 Prozent. Weltweit wohnen im Jahr 2050 zwei Drittel der Menschen in Städten. Aber wie können sie auf eine sozial verträgliche und menschenwürdige Art und Weise in den Ballungszentren koexistieren? Wie schaffen es Städte trotz Wachstum, lebenswert zu bleiben? Und überhaupt: Wie wollen wir eigentlich zusammenleben?

Besuch einer in Beton gegossenen Vision des vorherigen Jahrhunderts

Anfang des 20. Jahrhunderts gab es schon mal einen großen Architekten, der sich mit diesen Fragen beschäftigte. Der 1887 in der Schweiz geborene Le Corbusier, einer der einflussreichsten Architekten seiner Zeit, hat zahlreiche Gebäude entworfen, die seiner Utopie des modernen Bauens entsprachen – eines davon, die Wohnmaschine, steht seit der Internationalen Bauausstellung 1957 in Berlin-Charlottenburg. Es ist Ausdruck der Idee: Funktionalität statt ornamentaler Ästhetik, um vielen Menschen modernes Wohnen in klaren, zweckmäßigen Räumen zu ermöglichen.

Um der Architektur ein menschliches Maß und gleichzeitig eine objektive Ordnung zu geben, entwickelte Le Corbusier das Proportionssystem Modulor. »Spannend daran war die Idee, Räume, Möbel und Objekte nicht mehr repräsentativ zu gestalten, sondern um die Maße des Menschen herumzubauen, den Menschen sozusagen in den Mittelpunkt zu stellen«, sagt der Architekturkritiker Niklas Maak. Allerdings setzte Le Corbusier das Maß des Menschen recht niedrig an, gerade einmal 2,26 Meter Deckenhöhe wollte er den Bewohnern vieler seiner Wohneinheiten gönnen. Das aber widersprachdamals den Berliner Vorschriften des sozialen Wohnungsbaus. Trotz seines großen Namens konnte sich Le Corbusier nicht durchsetzen, die Wohnungen wurden mit einer Deckenhöhe von 2,50 Meter gebaut und der Architekt distanzierte sich von seinem Projekt. Natürlich könnte man die Auseinandersetzung der Sturheit eines Mannes zuschreiben, der um seine Reputation als Architekt der klassischen Moderne fürchtete. Doch vielleicht kann die Reduktion der Raumhöhe auch eine von vielen Lösungen sein, um der Platznot in Städten zu begegnen und so mehr Menschen in einem Gebäude unterzubringen.

Schaut man sich heute, 62 Jahre nach der Einweihung des Corbusierhauses, auf dem Gelände im Berliner Westend um, fällt sofort die Nähe zur Natur ins Auge. Klar, da steht ein Betonmonstrum – unterbrochen von farbigen Fassadenelementen –, das schon ein wenig in die Jahre gekommen ist, sich gleichzeitig aber auf eine unwirkliche Weise in seine Umgebung einpasst. Und das liegt nicht nur an der dichten, waldartigen Bepflanzung ringsherum. Permanent fliegen Schwalben an diesem Frühlingstag zu ihren Brutnestern, die an den vielen Balkonen des 53 Meter hohen Komplexes hängen. Sogar Falkenküken leben seit kurzem im Turm des Aufzugs. Auf der Website der Haustechnik kann man das Schlüpfen verfolgen.

530 Wohnungen verteilen sich auf 17 Geschosse, rund 1.400 Menschen leben hier. Im Gegensatz zu den 140 Meter langen Fluren, die im Krankenhaus kaum trostloser aussehen und im Corbusierhaus »Straßen« genannt werden, sind die Wohnungen hell und offen und besitzen einen großartigen Ausblick auf den Grunewald. Ein- bis Fünf-Zimmer-Einheiten, die sich teilweise über zwei Etagen erstrecken. Trotz der vielen Mieter ist von Anonymität nichts zu merken. Gleich neben dem Fahrstuhl bittet der Förderverein die Hausgemeinschaft zum »frischen Rhabarberkuchen und zur nachbarlichen Begegnung«. Kostenloses Kaffeetrinken in der »8. Straße«.

Zu dem denkmalgeschützten Gebäude gehören auch ein Ladengeschäft und das sogenannte Waschhaus, das als Kino genutzt wird. Ursprünglich war ein Dachgarten auf dem Hochhaus geplant, mit Spielplatz und Turnhalle. Obwohl Le Corbusier immer wieder menschenunwürdige Architektur vorgeworfen wurde, scheint er in den Sechzigerjahren, so beweist es die Wohneinheit »Typ Berlin«, durchaus an die Bewohnerinnen und Bewohner gedacht zu haben – an ihren Wunsch nach Austausch, Kommunikation und Nähe zur Natur. Zeigt die klassische Moderne, dass Stadtplanerinnen und Architekten den urbanen Raum trotz notwendiger Verdichtung vielleicht gar nicht notgedrungen an den Menschen vorbeiplanen müssen?

Eine Vision vom Zusammenleben zwischen Mensch und Tier

Drei Buchstaben stehen für ein Konzept, das sich der Herausforderung in den wachsenden Städten nicht nur über Nachverdichtung – also Gebäude aufstocken und Brachen schließen – nähert. Dem neuen Forschungszweig AAD oder Animal-Aided Design geht es um das qualitative Zusammenleben im urbanen Raum – und zwar nicht nur um das Zwischenmenschliche, sondern vorrangig um das zwischen Mensch und Tier. »Das Ziel von Animal-Aided Design ist es, Lebensräume für Tiere zu schaffen und dadurch die Gestaltung von Freiräumen für den Menschen zu verbessern«, erklärt Wolfgang W. Weisser von der TU München. Gemeinsam mit Thomas E. Hauck von der Universität Kassel hat er untersucht, wie städtische Anforderungen mit Bedürfnissen von Tieren zusammengeführt werden können.

Dabei will Animal-Aided Design mehr sein als Naturschutz. Es will das Vorkommen von Tieren integrativ in die Gestaltung von Freiräumen einbeziehen – und nicht dem Zufall überlassen. Die Zeit dafür scheint überfällig zu sein. Erst im Mai hat der Weltbiodiversitätsrat IPBES erschreckende Zahlen veröffentlicht: Etwa eine Million Tier- und Pflanzenarten sind wegen der zunehmenden Ausbreitung des Menschen vom Aussterben bedroht. Das gilt sogar für den Spatz, der in Deutschland mittlerweile auf der Vorwarnliste für bedrohte Arten steht. Wo soll er auch nisten, wenn alles zugebaut und verputzt wird? Was beim Corbusierhaus scheinbar zufällig passierte, wollen Weisser und Hauck bereits bei der Entwurfsplanung durchdenken: »Welche Tiere sollen in dem Bauprojekt vorkommen? Wie kann ich auf die Bedürfnisse der Tiere eingehen? Und vor allem: Wie kann ich als Planer stabile Populationen ermöglichen?« Einen Ansatz, den Gestalter nicht als Einschränkung empfinden sollen, so der Biologe Weisser, sondern eher als Inspiration und kreativen Baustein ihrer Arbeit. Für die detaillierte Auseinandersetzung mit den jeweiligen Tierarten gibt AAD sogenannte Artenporträts an die Hand.

In allen Metropolen sind es dieselben zentralen städtebaulichen Themen. Über Nachverdichtung und Sanierungen will man Wohnraum generieren. Doch umso mehr Menschen in der Stadt leben, umso wichtiger sind Freiräume wie Parks und Grünflächen. Niemand will an einem Ort wohnen, wo kein Vogel mehr zwitschert und der nur noch aus bebauten und versiegelten Flächen besteht, die Wärme speichern und ein immer heißeres Stadtklima erzeugen. Eine attraktive grüne Infrastruktur muss also her – sie verbessert das Wohlbefinden von Menschen und hilft städtebaulich, auf die Herausforderungen des weltweiten Klimawandels zu reagieren. Wie das selbst in dicht bebauten Metropolen gelingen kann, zeigt der High-Line-Park in New York: Eine ehemalige Güterzugtrasse wurde über Jahre in eine mehr als zwei Kilometer lange Parkanlage umgestaltet. Doch wird dabei auch der demografische Wandel und die sich daraus ergebende Platznot in Städten berücksichtigt? Niklas Maak verweist auf aktuelle Beispiele wie das Quartier Brazza, das gerade in Bordeaux verwirklicht wird: »Hier wird ein ganzes Viertel mit Häusern auf hohen Stelzen gebaut, der öffentliche Raum darunter wird begrünt. Es entsteht ein Park für alle Leute, die Häuser schweben sozusagen darüber. Auch das ist eine Lösung für die Frage, wem der Grund, der ja eine nicht vermehrbare, aber lebenswichtige Ressource wie Wasser oder Luft ist, eigentlich gehört oder gehören sollte.«

Vielleicht gehört er ja Mensch und Tier gemeinsam. Schon eine energetische Fassadensanierung, die Nisträume miteinbezieht, schafft neue Lebensräume für Tiere, ebenso wie Hecken, Wiesen oder begrünte Dächer. Wovon dann wiederum der Stadtmensch profitiert: Bäume spenden Schatten, filtern den Feinstaub aus der Luft und verbessern das Mikroklima. Wie einfach könnte also der Forschungszweig Animal-Aided Design Realität werden, wenn Planer, Eigentümerinnen und Kommunen Praxisexperimente zulassen und mit wenig aufwendigen Mitteln unseren städtischen Alltag spürbar aufwerten.

Pflanzen als Stoff für städtebauliche Utopien

Vielleicht brauchen Visionen Kunstnamen: »Hortitecture«, zusammengesetzt aus dem lateinischen hortus (Garten) und dem englischen architecture (Architektur), ist einer davon. Die Erfinderin heißt Almut Grüntuch-Ernst und erklärt mit Begeisterung, was hinter dem ungewöhnlichen Begriff steht: »Mit Hortitecture begeben wir uns auf die Suche nach Synergien zwischen Architektur und lebendigem Pflanzenmaterial, um daraus alternative Strategien für nachhaltiges Bauen abzuleiten.«

Die Berliner Architektin und Partnerin des Architekturbüros Grüntuch-Ernst leitet das Institute for Design and Architectural Strategies (IDAS) an der Technischen Universität in Braunschweig. Dort forscht sie mit Studierenden an der Schnittstelle von Architektur, Biologie und Technologie – mit dem Ziel, das gewonnene Wissen auf Gebäudeentwürfe zu übertragen. »Die Frage ist doch, ob unsere Gebäude uns nicht nur vor dem Außenklima schützen können, sondern in der Lage sind, etwas Positives für das Klima zu leisten. Zum Beispiel durch aktive Biomasse am Gebäude, die das Stadtklima mikroklimatisch verbessert.« Auch neue Typen von Gebäuden mit Indoor-Farming sieht die Architektin in naher Zukunft.

Grüntuch-Ernst ist nicht die einzige, die der Wunsch umtreibt, unsere Städte in Zukunft naturnaher und nachhaltiger zu planen und das Potential von Pflanzen mit Fragen der Ökosystemleistung und der städtischen Lebensmittelproduktion zu verknüpfen. Auch Ferdinand Ludwig, Wegbereiter des Forschungsgebiets Baubotanik und Professor für Green Technologies in Landscape Architecture an der TU München, beschäftigt sich mit zukunftsfähigen Stadtentwicklungskonzepten, die den Menschen ein Maximum an Lebensqualität bieten und gleichzeitig die negativen Auswirkungen auf die Umwelt auf ein Mindestmaß beschränken. Geeignet dafür sind große ökologische Freiflächen mit Pflanzen und Bäumen, die versiegelte Flächen beschatten und so die Entstehung von Hitzeinseln vermeiden. Außerdem wird die Luftqualität verbessert, Regenwasser verdunstet direkt und wird in die Atmosphäre zurückgeführt. Nachhaltige Wärmedämmung und natürlicher Sonnenschutz durch Pflanzen und begrünte Flächen gehören ebenfalls zu den Vorteilen. Doch obwohl diese positiven Wirkungen allgemein anerkannt sind, sieht Ludwig das Dilemma darin, dass diese Konzepte mit ihrem Flächenbedarf in Konkurrenz zur dichten Bebauung der Stadt stehen. Niklas Maak glaubt dagegen, die Forderungen von Hortitecture seien durchsetzbar: »Gerade intensiv begrünte Dächer, große grüne Balkons, Nischen in der Fassade kosten keinen Baugrund, die Frage bauen oder Natur belassen stellt sich nicht. In Paris hat schon das Architektenduo Renée Gailhoustet und Jean Renaudie in den frühen Siebzigerjahren gezeigt, wie man sozialen Wohnungsbau so gestalten kann, dass jede Wohnung einen Dachgarten hat.«

Auch Konstruktionen mit lebenden Pflanzen, woran Ludwig seit Jahren forscht, könnten eine weitere Alternative sein. In Nordindien nutzen Angehörige des indigenen Volksstamms der Khasi die Wachstumsprozesse von Bäumen – schon seit Jahrhunderten. Dafür verflechten und verknoten sie die Luftwurzeln von Gummibäumen derart geschickt, dass sie zu fachwerkartigen Strukturen verwachsen und so Brücken entstehen, die bis zu zwanzig Meter breite Schluchten und Flüsse überspannen. Ein Prozess, der Jahrzehnte dauert, aber auch Jahrhunderte überdauert. Bis zu 250 Jahre alt sind einige der lebenden Brücken. Auch Ludwig ist es bereits gelungen, mehrstöckige Konstruktionen aus vegetativem Material zu bauen. Dafür braucht es vor allem Zeit – und eine aufwendige Wartung.

In Mailand baute der italienische Architekt Stefano Boeri vor fünf Jahren den Hochhauskomplex »Bosco Verticale«, den er radikal mit fast dreitausend Büschen und Bäumen begrünte. Der urbane Raum sollte möglichst effektiv genutzt werden und gleichzeitig die Biodiversität der Großstadt verbessern. Was Boeri gelang und mit Preisen belohnt wurde – und mit zahlreichen neuen Projekten bepflanzter Wohnhäuser, vor allem in China. Auch in Vietnam, Malaysia und Singapur setzt sich Hortitecture immer stärker durch, um die Luftverschmutzung mithilfe von Bepflanzungen zu minimieren. Für Almut Grüntuch-Ernst ist das nicht verwunderlich: »Pflanzen sind perfekt dafür ausgerüstet, Umweltadaptionen aufzunehmen – und gleichzeitig tun sie etwas fürs menschliche Wohlbefinden in unserer digitalisierten und damit fortschreitend entmaterialisierten Welt. Ein Gleichgewicht zwischen verdichtet gebauten Strukturen und dynamischen Naturelementen zu suchen, ist ein großes Thema der Baugeschichte – schon bei Le Corbusier. Vielleicht waren wir schon mal weiter in der Entwicklung.«

Text Natascha Roshani

Illustration Peter Hoffmann